bookmark_borderWie die University of Michigan eine der besten Unis der Welt wurde – und was die jüdischen Studierenden damit zu tun haben

Neulich waren wir ja im großartigen Camp Michigania. Unser Mit-Camper und Klezmer-Klarinettist Bert Straton hat mir danach eine Email geschrieben und dabei eine Bemerkung über die Religionszugehörigkeit der Teilnehmenden gemacht: „Lotsa Jews (can’t help myself)“. Ich habe kürzlich ja angekündigt, darüber mal ein Worte zu verlieren.

Also. Here we go. Die ersten Teil der Geschichte hab ich aus einer älteren Ausgabe des New Yorker – aufgeschrieben vom unvergleichlichen Malcolm Gladwell persönlich.

Die Story geht im Wesentlichen so: 1905 – grob gesagt in der Zeit, als mein Großvater geboren wurde – haben die noblen Ivy League-Unis an der Ostküste neue Regeln dafür aufgestellt, wie sie ihre Studierenden auswählen. Herkunft war nicht mehr wichtig. Es gab eine Art Aufnahmeprüfung. Wer „gut in der Schule“ war und Eltern mit genügend Kohle hatte, der konnte auf einmal in Harvard studieren. Klingt erstmal prima, oder? Die schlauen (okay: und reichen) Kinder hatten plötzlich bessere Chancen auf einen Platz an einer tollen Uni.

Jedenfalls, so schreibt Malcolm Gladwell, führte das neue System schon 17 Jahre später „zu einer Krise“. Genauer: „der jüdischen Krise“. Im Jahr 1922 waren mehr als 20 Prozent der Erstsemester Juden. 1925 waren es sogar mehr als 28 Prozent. Die Bestimmer in Harvard sahen die Existenz ihrer Hochschule dadurch bedroht. Denn die reichen Ehemaligen – angelsächsisch, weiß, protestantisch – hatten zunehmend weniger Lust, jährlich große Summen an die Uni zu spenden. Gladwell schreibt: „Es erwies sich jedoch als schwierig, die Juden außen vor zu lassen, denn als Gruppe waren sie in der Schule einfach besser als alle anderen.“

Die Uni-Leitung hatte schnell ein paar Ideen. Eine Quote einrichten – nicht mehr als 15 Prozent Juden pro Semester. Oder: Die Anzahl der Stipendien für jüdische Studierende beschränken. Oder: Gezielt Leute aus Vierteln anwerben, in denen weniger Juden wohnten. Die Sache mit der Quote war, so kann man lesen, politisch nicht durchsetzbar, die beiden anderen Tricks zeigten nicht die gewünschte Wirkung.

Aber dann kam Harvard – und dann auch Princeton und Yale – auf eine Idee, die besser funktionierte. Man würde weiter die „akademisch Besten“ an die eigene Uni lassen. Natürlich!

ABER: Man würden künftig neu definieren, wer die „akademisch Besten“ sind. Und genau damit war die Zeit guter Schulnoten und prächtig absolvierter Aufnahmeprüfungen vorbei. Es kam plötzlich auf den „Charakter“ und die „Persönlichkeit“ der Bewerber an. Man verlangte jetzt Empfehlungsschreiben von Leuten, die den jungen Recken „gut kannten“. Bewerber mussten ein Foto von sich mitschicken. Und einen selbstgeschriebenen Aufsatz über die eigenen Führungsqualitäten. Außerdem gab es jetzt Fragen zu: „Rasse und Hautfarbe“, „Religionszugehörigkeit“, „Mädchenname der Mutter“, „Geburtsort des Vaters“, „Wie hat sich ihr Familienname oder der ihres Vaters seit Ihrer Geburt verändert?“ Außerdem führten Angestellte der Uni jetzt persönliche Interviews mit den Bewerbern, um „unerwünschte“ Kandidaten früh aus dem Verfahren auszusondern.

Anders gesagt: „Akademische Leistung“ wurde explizit wieder eine Frage der Herkunft. Nach dem alten Motto: „Stallgeruch schlägt Begabung“ (was mich an meinem alten Journalisten-Merkspruch erinnert: „Netzwerk schlägt Recherche“).

Die Sache funktionierte. Gladwell schreibt: Bis zum Jahr 1933 lag die Zahl der jüdischen Erstsemester wieder unter 15 Prozent. „Wenn Ihnen dieses neue Auswahlverfahren irgendwie bekannt vorkommt, dann liegt dass daran, dass die Ivy League es bis heute verwendet.“

Und hier kommt die hiesige University of Michigan ins Spiel.

Die Hochschule war damals schon ehrgeizige. Auch sie hat ihre Zugangsbestimmungen damals reformiert. Aber in Michigan achtete man mehr auf akademisch Eignung – Religionszugehörigkeit war dabei egal. Den Rest regelte der Markt: Viele der klugen, reichen Köpfe aus jüdischen Ostküsten-Familien gingen halt nicht mehr nach Harvard – sondern nach Ann Arbor. Der University of Michigan hat das ausgesprochen gut getan: Sie wurde über die Jahre eine der drei besten staatliche Hochschule der USA, das „Harvard des Westens“. John F. Kennedy hat die Sache in einen Gag verwandelt. Der Harvard-Absolvent erzählte gerne, er habe seinen Abschluss am „Michigan des Ostens“ gemacht.

Aus dieser Zeit stammt eine spannende Firma namens Campus Coach. Ein Student aus Michigan konnte wegen eines Zugstreiks (!) in den Ferien nicht zurück nach New York fahren. Also mietete er einen Bus an und verkaufte Tickets an seine Kommilitonen. Damals studierten so viele junge New Yorker in Ann Arbor, dass der Bus locker voll wurde. Der junge Mann hatte eine Geschäftsidee entdeckt, eine Art Flixbus aus den späten 1920ern. Die Firma läuft noch heute. Cool, oder?

Die Zulassungsbedingungen vor mehr als 90 Jahren haben bis heute ihre Spuren hinterlassen. Derzeit sind nur ein bis zwei Prozent der Bevölkerung in Michigan jüdischen Glaubens. Dagegen stellt die jüdische Community rund 15 Prozent aller Studierenden an der University of Michigan: Rund 6700 – unter rund 45.000 Studierenden insgesamt. Die Story erzählen sie Dir noch heute überall: Während alle was gegen die Juden hatten, hat Michigan seine Tore offen gehalten. Das ist ne gute Geschichte. Und ich trage sie gerne weiter.

bookmark_border„Reden alle nur immer von sich selbst?“ – und andere Sachen am Kiosk

So. Es wird mal wieder Zeit für Eigenwerbung.
In der Novemberausgabe von Psychologie Heute steht eine rund sechs Seiten lange Geschichte von mir, der die Redaktion den schönen Titel „Ich! Ich! Ich!“ gegeben hat. Sie befindet sich jenseits der eine Paywall. Man muss sie digital kaufen – oder sich das Heft am Kiosk holen. Beides kann ich empfehlen, man wird nicht dümmer davon.

Anstoß zur Geschichte war übrigens eine Bemerkung der Chefredakteurin: „Nach meiner Erfahrung ist ja das Problem, dass alle gerne von sich reden wollen – und keiner will zuhören.“ Bei solchen Sätzen krieg ich sofort große Ohren. Hat sie recht? Und wenn ja: Was fängt man damit an? Genau davon handelt die Geschichte.

Die kurze Fassung lautet: Ja, da ist was dran. Es gab in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder Studien dazu. Wir reden tatsächlich sehr viel über uns selbst. Mach ich hier ja auch.

Mein Lieblingssatz

„Gute Gespräche funktionieren wie Pingpong. Und das im doppelten Sinn. Bekanntermaßen handelt es sich beim Tischtennis um die schnellste Rückschlagsportart der Welt. Und auch in Gesprächen kommt es auf die Reaktionsschnelligkeit an … Ausgeglichene Redezeit, häufige Wechsel, kurze Pausen – all diese Merkmale guter Gespräche sind in einer Ego-Unterhaltung schlechterdings nicht zu haben.“

JM: „ich! Ich! Ich!“, Psychologie heute 11/20, S. 46

Bei der Recherche bin einigen alten Bekannten begegnet. Zum Beispiel Jim Burnstein, der an der University of Michigan lehrt, wie man Drehbücher schreibt. Mit ihm habe ich über Dialoge in US-Serien und US-Filmen gesprochen. Wir kannten einander von zwei, drei Zufallsbegegnungen in und um Ann Arbor. Jim hält den Film „Die Reifeprüfung“ für einen Meilenstein westlichen Drehbuchschreibens. Der Film ist bis obenhin voll mit Gesprächen, in denen es zu keiner Verbindung zwischen den Personen kommt. Leeres Gerede. Sounds of Silence. Jim sagt: Ausgerechnet im ersten Moment des Films, der eine wirkliche Begegnung zeigt, werden wir als Zuschauer ausgeschlossen. Ben und Elaine sitzen dabei im Autokino – und kurbeln im entscheidenden Moment das Seitenfenster hoch. Wir bleiben draußen. Die Szene ist mir vorher nie aufgefallen. Ansonsten hat mich auch der Film „The Meyerowitz Stories“ fertig gemacht, wo vor allem Dustin Hoffman und Ben Stiller grausam grandiose Dialoge sprechen, die ausschließlich aus gleichzeitig stattfindenden, ohrenlosen Selbstgesprächen bestehen. Das Gegenstück dazu ist natürlich die Mumblecore-Serie „Easy“, die in ihren besten Momenten genau das Gegenteil zeigt: dass Begegnung – wahre Begegnung – im Gespräch tatsächlich möglich ist.

Dem großartigen Mor Naaman verdanke ich ein Paper über die Kommunikation auf Twitter. Mor sagt: Viele Nutzer reden dort fast nur von sich. Andere reden über andere Sachen. Mor nennt die einen „Meformer“ und die anderen „Informer“. Grob gesagt, lautet seine Analyse: Die Meformer sind häufiger. Die Informer haben aber mehr Follower. Kann man sich auch mal merken.

Am Kiosk liegt noch mehr

Zum Beispiel die neue Ausgabe von „P.M. History“.

Dafür habe ich ein längeres Porträt über Ferdinand Porsche beigesteuert. Interessanter Mann. Krass, was er alles erfunden hat. Sein erstes Elektroauto fuhr schon im Jahr 1900. Bald darauf hat er ein Hybridauto konstruiert. Er hat an Flugzeugen mitgeschraubt, an Luftschiffen, sogar Pläne für eine Art Elektro-Hubschrauber lagen in seiner Schublade – und zwar schon vor dem Ersten Weltkrieg. Im zweiten Krieg spielte er eine eher düstere Rolle. Sein Sohn hat später behauptet: „Höchstens ein halbes Dutzend Männer in ganz Deutschland konnten es wagen, sich Hitler gegenüber frei und offen zu äußern, und mein Vater war einer von ihnen.“ Manche haben Porsche als eine der „großen Verbrechergestalten“ der Nazizeit bezeichnet. Andere sehen in ihm nur den „besessenen Tüftler“, der sich für Politik nie interessiert habe. Fraglich, ob das ein Widerspruch sein muss. Fest steht: Wolfsburg, der Käfer – ohne Porsche hätte es beides nicht gegeben. Porsche hat Deutschland zum Autoland gemacht.

Nicht verschweigen will ich auch die aktuelle Ausgabe von „P.M. Fragen & Antworten“.

Darin beantworte ich ein halbes Dutzend Fragen aus der Psychologie. Zum Beispiel jene, ob ältere Geschwister wirklich mehr Verantwortung übernehmen als ihre jüngeren Schwestern und Brüder. Ich will die Antwort hier nicht spoilern. Aber … naja …, was wir darüber üblicherweise zu wissen glauben, stimmt vermutlich nicht.

bookmark_border„Küchenkriege“ – verbale Heimsuchungen

Kennt Ihr das auch? Manchmal taucht im Kopf ein Wort auf und weigert sich, wieder zu gehen. Wie ein zugelaufener Pudel. Verbale Heimsuchungen! Also seufzt man und spielt eine Weile damit. Zum Beispiel gestern. Plötzlich denkt es da in mir: „Küchenkriege“.

Könnte man googeln. Mais non! Man bemüht Gedächtnis und Vorstellung. Und schon fügt sich alles: Ahhh, die deutsch-dänischen Küchenkriege von 1857! Von vielen vergessen. Anfangs ging’s dabei ja nur um den Abwasch. Der erste Zwischenfall fand als „Scharbeutzer Spülstein-Scharmützel“ Eingang in regional-historische Abhandlungen, besonders in Jan-Jan Johannsens Standardwerk „Smørreblod“ von 1907 (gut informiert, aber auch SEHR nationalistisch).

Selbst beim Brei – wer hatte auf beiden Seiten das Sagen? Natürlich die Griestreiber! Auch die Mehlspeisen-Spezialisten witterten neue Märkte und schrien: „Zu den Waffeln!“ Fünische Fagottbläser zogen ins Tonstudio, um eine Schlachtplatte aufzunehmen. Dann ging’s um die Wurst. In Hamburg verbot man Røde Pølser – angeblich wegen der Zusatzstoffe (war natürlich reine Schikane). Endgültig vorbei war der Spaß, als die Reihe an den Hering kam: Die preußische Seite forderte den nordischen Nachbarn auf, die schlanken Fische ab jetzt ausnahmslos einzulegen – in eine saure Brühe aus Essig und Öl, mit Zwiebeln, Senfkörnern und Lorbeerblättern drin („Bismarckhering“; Bismarck gilt bei den Dänen sowieso als der schlimmste Typ aller Zeiten, is wirklich so). Ansonsten habe man der Gegenseite „nichts weiter zu sagen“ (mitgeteilt durch die berühmte „Rollmops-Depesche“ vom 13. Juli 1857). Ab da gab’s kein Halten mehr. Der Däne schlug los – und mit was für üblen Werkzeugen! Man sah Beile aus Vejle, Schilde aus Roskilde, Kanonen aus Ballerup! Das Blut der Gefallenen mischte sich mit der weißen Gischt der stürmischen Ostsee, stolze Recken, zerhackt zu Rødgrød med Fløde.

Mit dem Ruf „Nie wieder Æbleskiver“ griff man zu den Waffeln

Endlich – nach drei hartgekochten Monaten – einigte man sich auf ein Unentschieden. Offiziell. Denn natürlich hatten die Deutschen (naja: die Preußen und ihre Verbündeten) mal wieder den Kürzeren gezogen. Und bei Penny in Barmbek standen jetzt reihenweise Carlsberg-Kanister, Tuborg-Dosen und Faxe-Flaschen im Regal. Keine Frage: Mit dem „Hotdog-Frieden von Helsingør“ vom 30. Oktober 1857 (siehe Johannsen, S. 789) begann die dänische Küche ihren Siegeszug um die ganze Welt. Er dauert an bis heute.

So. Musste mal raus.

Meine Empfehlung: Sollten Eure Kinder in der Schule nie was über die Sache gelernt haben, dann wird’s mal Zeit für einen gepfefferten Brief an den Geschichtslehrer. Mit Zwiebelringen obendrauf!

bookmark_borderLangweilige Lebensbilder

In den sozialen Medien teilen Menschen dieser Tage Schwarzweißbilder ihres Alltags. Spannend. Meine Bilder sind dagegen langweilig – genau so wie weite Teile meines Lebens. Auf Facebook heißt es: Keine Erklärung zu den Bildern. Das geht natürlich nicht. Ich bin ein Mann des Wortes. Oben also: Jochen arbeitet an einem neuen Projekt und verzweifelt daran.

Buddha sagt: Alles ist eins. Geschirr benutzen, Geschirr abwaschen, Geschirr wegräumen, Geschirr benutzen usw.

Buddha sagt … ach, hatten wir schon. Also: Oben der Topf, unten die Schüssel. Alles ist eins.

Aber sauber muss alles sein!

Apropos. Heute hatte ich doch glatte DREI Diskussionen darüber, wer eigentlich die bekanntesten Deutschen sind. Mit meinem Sohn zusammen getippt: Beethoven, Goethe, Hitler (sorry).

Dann zwei Mal bei Leuten aus Michigan nachgefragt. Sie sagen ALLE erstmal Hitler. Unglaublich, eigentlich. Dann kommen nach einigem Nachdenken: Beethoven und Goethe, der für Amerikaner aber schwer auszusprechen ist.

Außerdem hörte ich: Bach, Gutenberg, Wernher von Braun – und Friedrich der Große. Und Angela Merkel. Und Hermann Hesse. Und auf Nachfragen kriegt man auch noch ein Nicken für Thomas Mann. Aber nur, weil man es in Ann Arbor mit verdammten Intellektuellen zu tun hat. Schon Bismarck kennt keine Sau. Auch Schiller nicht. Freud kennen alle. Aber: Österreicher.

Also jetzt. Für Beethoven: das Klavier.

Und weil mit Bach ein zweiter Komponist genannt wurde, schmeiß ich auch noch die Gitarre mir rein.

Außerdem. Die USA sind ein gespaltenes Land. Der gelehrte Richard Florida hat kürzlich gesagt: Wir Amerikaner müssen akzeptieren, dass wir nicht mehr miteinander reden können. Dass wir über uns viele Dinge niemals werden einigen können. Wir können uns nur darüber einigen, wie man Schlaglöcher repariert. „There’s no republican or democratic way to pave the roads.“ Heißt: Auf lokaler Ebene kann man praktisch nicht unterscheiden, zu welcher Partei ein Bürgermeister eigentlich gehört. Die Erfahrung hab ich in Deutschland auch gemacht. Erst auf Staatsebene laufen die Meinungen so richtig auseinander. Deshalb sollte man mehr Macht von der Zentralregierung abziehen und an die Kommunen, Kreise, Bundesländer geben. Keine Ahnung, ob das so komplett bis zum Ende durchgedacht ist. Aber interessant ist es doch.

Einstweilen leben die Leute halt zusammen wie Hund … 

… und Katze.

Am Morgen trinkt man seinen Kaffee … 

… spät am Abend putzt man sich die Zähne.

Und so wird aus Abend und Morgen ein neuer Tag. Alles ist eins. Sagt Buddha.

bookmark_borderKeine Ahnung von fast allem

Manchmal steh ich schon vor sechs Uhr auf, um mir den Sonnenaufgang über dem See anzugucken. Die Sonne geht im Osten auf. Das krieg ich gerade noch hin.

Aber ansonsten – da kann man machen, was man will – hat man ja keine Ahnung von fast allem. Stimmt nicht? Gut. Dann heute mal ein bisschen Ernüchterungsunterricht. Es wird eine Art Quiz. Vielleicht macht’s sogar Spaß. Bitte nicht googeln!

Wie viele dieser Fragen könnt Ihr beantworten?

  1. Welche Stadt hat Kaiser Julian beim Feldzug gegen die Sassaniden vergeblich belagert?
  2. Welcher Mönch gründete 695 auf einer Rheininsel im heutigen Düsseldorf ein Benediktinerkloster?
  3. Wann wurde zum ersten Mal die Stadt Salzwedel urkundlich erwähnt?
  4. Wer führte das Heer der Hussiten in der Schlacht bei Aussig im Jahr 1426?
  5. In welcher Schlacht errang Napoleon seinen letzten Sieg?
  6. In welchem Jahr wurde der Prager Pfingstaufstand niedergeschlagen?
  7. Wie nannte man den Kartoffelkäfer im Jahr 1950 in der DDR? (meine persönliche Lieblingsfrage)
  8. Wie hieß der Vorgänger von Klaus Wowereit als Regierender Bürgermeister von Berlin?
  9. Wie hieß die im Jahr 1947 im Saarland eingeführte Währung?
  10. Wann wurde in Japan der Verkauf der Antibabypille erlaubt?
  11. Wann flog die erste Frau ins Weltall?
  12. Wer schrieb die Operette „Hans Max Giesbrecht von der Humpenburg oder Die neue Ritterzeit“?
  13. Wie viele Passagiere überlebten den Untergang der „Drummond Castle“ im Jahr 1896?
  14. Wer war Johan Fredrik Eckersberg?
  15. Wie alt war Johan Fredrik Eckersberg, als der Apachen-Häuptling Geronimo geboren wurde?
  16. Wer hat Schuld am Bloomsday?

Bevor Ihr doch anfangt zu googeln: Alle Antworten gibt es auf der Wikipedia-Seite für den 16. Juni. Man könnte das eigentlich jeden Tag machen und Preise verteilen.

bookmark_border„Was machen Sie eigentlich beruflich?“

Kürzlich hat mich jemand sorgenvoll gefragt, was ich eigentlich beruflich mache. Die Frage ist berechtigt. Seit dem Beginn der Corona-Krise spende ich 15 bis 20 Prozent meiner Arbeitszeit, um diesen Blog zu schreiben („eigentlich“ sagt man „das Blog“, aber ich kann das nicht). Der ganze Rest nimmt also deutlich mehr Zeit ein – ist aber weniger sichtbar. Heute also drei aktuelle Antworten. Vielleicht inspiriert es ja jemanden, die entsprechenden Druckerzeugnisse zu erwerben, das würde mich freuen.

Da ist erstens die Psychologie Heute. Das Blatt ist immer noch eine Instanz. Mit dem Juli-Heft erscheint dort am kommenden Mittwoch „Siri, was stimmt nicht mit mir?“, eine Geschichte, auf die ich einigermaßen stolz bin. Ich musste mehrere Forschungs-Konferenzen besuchen (etwa die CSCW in Austin/Texas), um sie kapieren und schreiben zu können. Dies ist das Heft dazu:

Es geht im Kern um die Arbeit von Munmun De Choudhury, eine Informatikerin von der Georgia Tech. Munmun guckt sich an, was wir z.B. auf Twitter oder Facebook von uns geben. Ihr Computer kann aus diesen Daten dann ablesen, wie es unserer Psyche geht und ob wir womöglich Hilfe brauchen. Sie sieht unsere Krisen, bevor wir sie sehen. Manchmal: Monate vor uns. Ein Hammer, oder?

Munmun und ihre Kollegen, die an ähnlichen Projekten sitzen, analysieren zum Beispiel subtile Sprachmuster, aber auch die Bewegungsdaten unseres iPhones oder die Grautöne der Bilder, die wir posten. All das verrät etwas über uns. Der Text beginnt mit einem ähnlichen Gedanken, wie ich ihn hier gestern geäußert habe:

Man braucht keinen Zeitungsverleger mehr, um seine Ideen zu veröffentlichen. Auf Facebook, Twitter, Instagram, da geht das ganz leicht und deshalb machen es auch viele. (…) Wir gehen über die Straßen der digitalen Welt wie über frisch gegossenen Beton. Er härtet aus; un­sere Fußspuren bleiben sichtbar für lange Zeit. Und vielleicht noch deutlicher als einst bei Adenauer kann jeder erkennen, wie wir ticken, obwohl man uns gar nicht kennt.

„Siri, was stimmt mit mir nicht?“, Psychologie Heute, 7/2020

Leider – oder zum Glück? schwer zu sagen – liegt „Siri, was stimmt nicht mit mir?“ hinter einer Bezahlschranke. Man braucht ein Abo, um den Text lesen zu können. Oder man kauft sich das Heft am Kiosk oder den Artikel selbst für 1,99 Euro im Netz.

Die zweite Sache, von der ich etwas erzählen will, ist meine Arbeit für ein Heft namens „P.M. Fragen&Antworten“. Die Hefte sind immer interessant. Darüber hinaus hat das dortige Team in Zeiten der Pandemie eine neue Homepage aufgebaut, die ziemlich schick aussieht. Ich empfehle den Besuch. Man wird nicht dümmer dabei, versprochen. Dort arbeiten übrigens die härtesten Faktenchecker, denen ich bisher begegnet bin. Ich muss praktisch jeden Satz mit einer eigenen Studie belegen. Viel Arbeit. Ich hoffe, man sieht es den Texten nicht an. Wenn es sich einfach liest, hat es die meiste Mühe gemacht. Hier zum Beispiel ein kurzes Stück darüber, warum sich Vorurteile so lange halten.

Drittens hat mir mein Sohn gestern ein Foto geschickt – aus der April-Ausgabe von „P.M. History“. Dort ist meine Geschichte erschienen, in der es um das große Kawumm von Halifax geht – die größte menschengemachte Explosion vor der Atombombe. Nie davon gehört? Dann wird’s Zeit. Eine saftige Story über eine ganz unglaubliche Katastrophe, in der mehr Dinge schiefgegangen sind, als man sich so mal eben ausdenken kann. Wirklich. Wenn die Folgen nicht so schlimm gewesen wären, hätte man eine Slapstick-Komödie aus dem Stoff machen können.

Okay, hier, ein kleiner Ausschnitt: Zwei Schiffe dampfen durch die enge Hafeneinfahrt von Halifax. Das eine will hinaus, das andere hinein. Beide haben es eilig. Eines davon ist bis unter die Decke vollgestopft mit Sprengstoff und brennbaren Chemikalien. Das weiß aber keiner. Es ist nämlich gerade Krieg.

Drei Mal schicken die Kapitäne Signaltöne hin und her – jede Botschaft lautet im Wesentlichen: „Bitte ausweichen, ich halte meinen Kurs.“ Erst kurz vor dem Zusammenstoß verlieren die Kapitäne etwa zeitgleich die Nerven. Sie ändern ihre Fahrtrichtung. Tragischerweise entscheiden sich beide für dieselbe Seite.

„Die Apokalypse von Halifax“, P.M.-History, April 2020

Tja. Also: Das hier sind Dinge, die ich so beruflich mache. Ich liebe meinen Job. Er füttert meine Neugier, diesen hungrigen Drachen. Ich bin frei dabei und selbstbestimmt. Und all das ist Teil der Bezahlung. Hoffentlich kann ich das noch lange so machen. Das wäre klasse.

bookmark_borderAls Ann Arbor die größten 45 Minuten der Sportgeschichte erlebte

Vor einigen Tagen hat die Stadt ein historisches Jubiläum gefeiert. Naja. Hat sie nicht. Aber sie hätte können. Vor rund 85 Jahren hat sich hier auf dem Ferry Field (oben im Bild) nämlich der „größte Tag in der Geschichte der Leichtathletik“ zugetragen. Ich habe aus diesem Anlass eine kleine Pilgerfahrt dorthin unternommen.

Damals hat bei einem Uni-Wettkampf ein 21-jähriger Student aus Ohio innerhalb von 45 Minuten fünf Leichtathletik-Weltrekorde gebrochen und einen sechsten eingestellt. Nämlich über 100 yards, 220 yards Hürden, 200 Meter Hürden, 220 yards, 200 Meter und im Weitsprung (8,13 m – es war der erste offizielle Sprung eines Menschen über acht Meter. Der Rekord hat über mehr als 20 Jahre gehalten).

Angeblich hatte der Typ sich am Abend vorher sogar bei einer Balgerei leicht am Rücken verletzt. Sein Trainer soll über den Laufstil des jungen Athleten gesagt haben: „Von den Hüften an aufwärts bewegte er den Körper praktisch nicht – er hätte eine volle Kaffeetasse auf dem Kopf balancieren können und nichts davon verschüttet.“

Niemand interviewte den jungen Helden. Die Zeitungen sprachen nur von einem „Ohio State Negro“, der den Laden kräftig aufgemischt habe. Der Name des Mannes war Jesse Owens. Ein Jahr später holte er bei den Olympischen Spielen in Berlin vier Goldmedaillen und wurde zum größten Star der Spiele.

Heute erinnert eine Gedenktafel am Ferry Field an den großen Tag von Ann Arbor, den 25. Mai 1935. Sie unterschlägt zwei Weltrekorde: den über 200 Meter flach und den über 200 Meter Hürden. Die wurden Owens zusätzlich zugesprochen. 220 Yards sind nämlich ein bisschen länger als die 200 Meter – und Owens‘ Zeit war in beiden Läufen auch für die kürzere Strecke bis dahin unerreicht. Tja. Einer der wenigen Fälle, in denen die Amerikaner mal untertreiben (aber man muss sagen, dass die Leute hier im Mittleren Westen im Allgemeinen eh keine großen Aufschneider sind).

Wenn man in Ann Arbor eine Umfrage macht – ich wette, dass weniger als 20 Prozent der Leute jemals von der Jesse-Owens-Story gehört haben. Es ist nur Sport und es ist lange her. Aller Ruhm vergeht. Darf man nie vergessen. Trotzdem: ’ne Hammer-Geschichte, wie ich finde.

bookmark_borderVerschönerungstag

Heute war hier Feiertag: Memorial Day.
Ich so: „Worum geht’s da eigentlich?“
Antwort: „Wir denken an die Gefallenen in unseren Kriegen.“
Ich so: „An die Vietnamesen?“
Kam nicht gut an, der Scherz. In Zukunft: keine Witze mehr über so was.

Das Klischee über die Deutschen und ihre Feiertage lautet übrigens: „Ihr feiert andauernd irgendwas ‚because someone took a shit hundreds of years ago‘.“

Fest steht, dass der Memorial Day eine große Sache ist. Hat nach dem Bürgerkrieg angefangen und hieß damals „Decoration Day“, weil man da seine lokalen Gefallen-Gräber und Gedenksteine rausgeputzt hat. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde daraus dann der „Memorial Day“ – und ein gesetzlicher Feiertag.

Da es der Familie meiner Liebsten an toten Helden mangelt, haben wir einfach ein neues Kräuterbeet angelegt. Verschönerungstag im Privaten, sozusagen.

Trotzdem fallen mir mal wieder die kulturellen Unterschiede auf. Memorial Day ist immer am letzten Montag im Mai. Was bedeutet er den Kindern? Ich hab nachgefragt. Antwort: „Dass wir da keine Schule haben!“ Ehrlich gesprochen. Unser Volkstrauertag hingegen fällt bekanntlich immer auf einen Sonntag. Also nix mit keine Schule. Entsprechend: weniger Bedeutung. Wir denken da auch nicht an „unsere“ Gefallenen, sondern an die Opfer von Kriegen überhaupt. Sehr humanistisch gedacht, gefällt mir. Die Amerikaner machen das eher so, wie man das bei uns, äh, früher gemacht hat.

Vor rund zwei Wochen hat es hier in Ann Arbor ja noch geschneit. Vergangene Nacht haben wir den Deckenventilator angeschmissen: zu heiß. Heute dann 30 Grad. Aus diesem „Wetter“ soll mal einer schlau werden. Aber keine Klagen: Wir haben draußen unter den Bäumen Abendbrot gegessen und alles war sehr gut.

Heute gegen Mittag hat Nickis Sohn Kai eine Diskussion über den „bias“ in den Medien angezettelt. Seine Meinung: Alle Medien sind parteiisch. Es macht keinen Spaß. Wem soll man da noch glauben? Er denkt jetzt darüber nach, eine vollkommen unparteiische Zeitung an seiner Schule zu starten. „Nur Fakten, nix anderes.“ Das fand ich einerseits beeindruckend und andererseits auch verständlich. Die Medien hier berichten wirklich sehr parteiisch (auch CNN, leider). Nicht zu vergleichen mit dem, was man bei uns so vorgesetzt bekommt.

Ein Beispiel. Dieser Tage ist eine Analyse erschienen, die sich mit den Werbeausgaben von Donald Trump und Joe Biden befasst hat.

Man kann da schön ablesen, dass Joe Biden sehr viel Geld dafür ausgegeben hat, Spitzenkandidat der Demokraten zu werden. Seither hat er sich mit Werbeausgaben eher zurückgehalten. Donald Trump hat in den vergangenen zwei Wochen dagegen mächtig aufgedreht. Unterm Strich hat Biden seit Anfang März trotzdem mehr Geld ausgegeben. Nix Weltbewegendes, aber ganz interessant, oder?

Wirklich schräg wird, was Fox News vorhin daraus gebastelt hat. Fox ist ein Sender, der sehr auf der Seite von Donald Trump steht und es mit der Wahrheit nicht immer sehr genau nimmt. Fox macht aus der obigen Analyse: „Trump gibt im Anzeigenkrieg VIEL mehr Geld aus als Biden„. Wie sie das hinkriegen? Sie zählen nur die zweite Hälfte der Studie. Und schon ist die Story nicht mehr gelogen.

Da schüttelt der Jochen den Kopf und ärgert sich.

Andererseits haben wir neulich die Stadtgrenzen verlassen. 15 Minuten weit auf dem platten Land klebt noch immer dieser Aufkleber. Bush/Cheney 2004. Puh. 16 Jahre her. Wer waren damals die Gegenkandidaten? Wer weiß es noch so frei aus dem Ärmel? Ehrlich gesagt: Ich musste nachsehen. Es waren John Kerry und John Edwards. Die Wahlen von früher sind irgendwie noch länger her als die Zeitungsmeldungen von früher.

bookmark_borderEs fehlt etwas

Das sind die Kühltürme von Philippsburg. Dort bin ich neun Jahre lang zur Schule gegangen. Das Atomkraftwerk lag gleich ums Eck. Vor ein paar Tagen wurden die Türme gesprengt. Im Fernsehen ist ein Beitrag dazu gelaufen, in dem die Leute von „Wehmut“ sprechen – als hätte man ihnen den Kirchturm weggenommen: Es fehlt etwas, wenn man aus dem Fenster schaut. In den Klassenräumen des Gymnasiums (das – Ironie – vor ein paar Wochen übrigens abgebrannt ist) hat meine Deutschlehrerin mich damals ein Gedicht von Andreas Gryphius auswendig lernen lassen, das ich immer noch mag: „Wo heute Städte stehn, wird eine Wiese sein, auf der ein Schäferskind wird spielen mit den Herden.“ So ist es jetzt gekommen. Gleich doppelt. Passt alles.

Musste heute an Sebastian Junger denken. Das ist ein amerikanischer Reporter, der mit seinem Buch „The Perfect Storm“ berühmt geworden ist (das später mit George Clooney verfilmt wurde). Anfang der 2000er hab ich Junger mal getroffen, als er in Hamburg war, um sein nächstes Buch zu vermarkten. Interessanter Typ. Er wirkte ein bisschen wie die wetterzerfurchten Fischer, Soldaten und Frontkämpfer, von denen seine Geschichten erzählen: durchtrainiert, mager, hart, melancholisch und seltsam deplatziert in der aufgeräumten Welt des Westens. Vor vier Jahren hab ich dann wieder ein Buch von ihm in die Hände gekriegt. Es hieß „Tribe“ und handelte davon, dass … naja … die Leute sich irgendwie nach Krieg und Krisen sehnen. Und nach dem Zusammenleben in der Stammesgemeinschaft. Frieden und Kleinfamilie, so Junger, sind ein Irrweg und machen nicht glücklich.

In der Coronakrisen hab ich tatsächlich kleine Gesten von Zusammenhalt erlebt. Kollegen von Nicki, die ungefragt Hefe vorbeibringen, Bier, Sauerteigstarter, Hundefutter und dergleichen. Hier in der Straße hat Nicki einen Email- und Telefonverteiler erstellt, damit die Leute sich besser kurzschließen können. Aber das sind Geschichten am Rand, nicht unser Alltag.

Jungers Buch hat eher gemischte Kritiken bekommen. Aber weil ich selbst ein alter Kollektivist bin, hat es mich damals angesprochen. Die Coronakrise ist keine Zeit für die Stammesgemeinschaft. Die Leute leben halt allein oder in der Kleinfamilie. Der Rest der Menschheit ist zur Gefahr geworden, die einem den Tod bringt (oder zumindest eine Krankheit, die sehr unangenehm sein kann). Und obwohl viele sich irgendwie eingerichtet haben, würde ich doch mal behaupten: Es fehlt uns was. Vielleicht der Stamm oder so etwas in der Art? Keine Ahnung.

Auf unserem Spaziergang mit Coco haben wir im Wald eine etwa 80 cm lange Schlange gesehen. Vermutlich handelt es sich um eine Eastern Garter Snake, die im Deutschen den fast schon demütigenden Namen „Gewöhnliche Strumpfbandnatter“ trägt. Harmloses Tier. Kein Gift. Sozusagen die Ringelnatter der neuen Welt. Boring. ABER: eine Schlange. Also viel besser als nichts.

Hier kommen jetzt immer mehr Vögel zu den Futterhäuschen. Nachdem die Nachbarin von 44 verschiedenen Arten berichtet hat, ist uns klar geworden, dass wir mit Petersons schlankem Büchlein „Birds. The concise field guide to 188 common birds of North America“ an unsere Grenzen stoßen. Mal wieder ist das Netz schlauer: Die Seite Ebird.org zeigt sämtliche Arten, die von leidenschaftlichen „Birdern“ in der jeweiligen Gegend gesichtet wurden, die man eingibt. Die Beschreibungen der einzelnen Arten sind reine Poesie. Kein Zweifel: Hier hat die Liebe manchem Vogelfreund die Feder geführt. Ein Beispiel? „Männchen mit elegantem, schwarzem Latz, hellem, rötlichem Nacken und fantastisch gemusterten Flügeln mit glänzendem Beige und Braun.“ Diese Jubelbeschreibung bekommt auf ebird.org kein anderer als der Hausspatz, sozusagen das Graubrot unter den Singvögeln. Bin gespannt, wie viele Vogelarten wir hier noch sehen, jetzt, wo das Netz uns die Augen dafür geöffnet hat.

bookmark_border„Zum Knochenkotzen“ – noch sieben weitere Erinnerungen an Dieter Blau

Eigentlich wollte ich heute was über Twitterdaten aus Michigan schreiben und was sie über den Seelenzustand der Bürger verraten (nichts Gutes), aber dann ist mir aufgefallen, dass ich nach deutscher Zeit gerade 51 Jahre alt geworden bin. Jeder Geburtstag nach dem neununddreißigsten macht die Leute melancholisch und deshalb habe ich beschlossen, mich noch ein viertes Mal auf einen Trip in die Vergangenheit zu begeben. Vor genau einem Monat ist Dieter Blau gestorben, der meine Kindheit, die meines Bruders und vieler anderer Jungs in unserer Gegend geprägt hat. Und dies sind ein paar Erinnerungen, die mich in den vergangenen Wochen heimgesucht haben.

1. „Zum Knochenkotzen“

Anfang der 1980er Jahre sind wir mit Dieter Blau für zwei Wochen nach Krelingen gefahren. Das ist ein kleiner Ort in der Nähe von Walsrode. Den Zeltplatz hab ich schon neulich beschrieben. Wenn man ein Stück weiter am Feldweg durch die Hecke ging, kam man auf das Gelände des „Geistlichen Rüstzentrums Krelingen“. 

Die Krelinger sind Pietisten – es gab also eine enge innere Verbindung zu dem, was bei uns im CVJM so geglaubt und gelehrt wurde. Der Chef des Ladens war ein Mann namens Heinrich Kemner. Er ging schon stark auf die 80 zu, was mir damals sehr alt vor kam. Kemner war eine ausgesprochen charismatische Erscheinung. Ich weiß noch, wie wir regelmäßig in seine Bibelstunden und am Sonntag in seinen Gottesdienst gegangen sind. Damals gab es bei uns im Dorf den Spruch: Eine Predigt darf über alles gehen, nur nicht über 20 Minuten. Kemner hat eine komplette Stunde lang gepredigt und ich habe die ganze Zeit zugehört, ohne wegzudösen. Beides war mir neu. 

Dabei hat Kemner einmal die Redewendung „zum Knochenkotzen“ gebraucht. Es ging, wenn ich das richtig erinnere, um die Liebe zu einem Mädchen. Er hat es gefühlt, er hat gebrannt – und doch entsagt. Denn er hat geglaubt, dass Gott das so will. All das hat Dieter sehr gut gefallen und er hat die Formulierung danach häufig gebraucht und sogar den Tonfall Kemners imitiert. Verzicht ist „zum Knochenkotzen“. Und dazu gab es – Stichwort: Pietismus – bei uns damals reichlich Gelegenheit.

2. Der Klang der Raviolidose

Dieter hatte in Krelingen ein Luftgewehr und jede Menge Munition dabei. Am ersten Abend gab‘s Ravioli. Die Dose war groß genug, um zwei VW-Busse voller Halbwüchsiger damit zu sättigen. Nach dem Abendessen haben wir ein Loch in den Boden der leeren Konserve gemacht, eine Schnur hindurchgezogen und die Dose an dieser Schnur über den Ast einer großen Eiche geworfen, die jenseits einer Weide in der Nähe unseres Zeltplatzes stand. 

Danach haben wir – wann immer uns danach war – auf diese Dose geschossen. Ein Treffer ergab ein hörbares „Klong“. Kein Treffer, kein „Klong“. Es gab natürlich Regeln. Man musste sich das Gewehr und die „Diabolo“-Kugeln bei einem der Erwachsenen abholen und zumindest zu zweit sein. Laxe Regularien waren das, schon für damalige Verhältnissen. Das war uns allen klar und wenn ich mich richtig entsinne, hat es unseren Respekt vor Dieter eher erhöht. Er hat uns was zugetraut.

3. Randale 127 Meter über Hamburg

Irgendwann sind wir, wo wir schon mal so weit oben im Norden waren, natürlich auch nach Hamburg gefahren. Dort und in der Gegend wohne ich seit mehr als 20 Jahren (auch wenn ich seit einiger Zeit auch viel in Michigan bin). Damals kam mir die Stadt sehr groß vor. Was hätte man dort nicht alles machen können! Dieter jedoch hatte seinen eigenen Plan. Wir fuhren – leidlich gewaschen, wie wir waren – per Aufzug in das Restaurant, das es damals noch oben im Fernsehturm gab. 127 Meter über der Stadt. 

Das Ding drehte sich permanent: Eine Runde dauerte eine Stunde. Danach musste man wieder Platz machen für die nächsten Gäste. Dieter hatte herausgefunden, dass es dort oben eine Art „All you can eat“-Tortenbar gab. Und ich würde mal sagen, dass das aus Sicht der Betreiber an diesem Tag ein großer Fehler war. Dieter hatte schon am Tag zuvor verkündet, dass wir dort oben ein Tortenwettessen veranstalten würden. Etwa 15 Minuten, bevor unsere Schicht zu Ende war, meinte der Kellner, dass es jetzt mal langsam gut sei mit dem Kuchen und dass wir genug gehabt hätten.

Dieter hat dann, wie er es später formuliert hat, ein wenig „randaliert“. Fünf Minuten später gab es dann plötzlich doch neuen Kuchen. Aber mir war zu diesem Zeitpunkt bereits schlecht und den meisten anderen wohl auch, denn bei den Backwaren handelte es sich um industriell gefertigte Tiefkühlware mit hohem Sahneanteil. Ich glaube mich zu erinnern, dass Friedemann als einziger fünf (oder sechs?) große Stücke davon geschafft hat. Aber gut. Für einen Laden, der sich ansonsten auf magenkranke Rentner spezialisiert hatte, waren wir ganz sicher einer Art Grenzerfahrung. 

4. „Ich will sterben“

Am Donnerstag hatten wir immer unsere Jungscharstunde. Die meisten von uns befanden sich in dieser merkwürdigen Übergangszeit, in der die Latenzphase sich ihrem Ende zuneigt. Der Testosteronpegel beginnt zu steigen. Das ist das Alter, in dem die Jungs zwar noch nicht komplett den Mädchen hinterherrennen, aber schon viel zu viel Energie haben. Dieter wusste das alles: In der ersten halben Stunde hat er nie Programm gemacht, sondern uns raufen lassen. Er nannte unser Treffen den „Nahkampfdonnerstag“. Er hat auch ein paar Regeln aufgestellt. Schlagen und Treten war verboten, im Wesentlichen war alles okay, was auch beim Ringen erlaubt war. Verloren hatte man aber nicht, wenn man auf beiden Schultern lag. Man musste für alle hörbar „ich will sterben“ rufen. Dann musste der andere aufhören. Bei den Romanschriftstellern (Stichwort: „Heldenreise“) läuft das genau so wie in der Ostergeschichte: Der Held muss sterben und neu geboren werden, um seinen Leuten davon zu berichten. Nur so wird ein Schuh aus der Sache. Tatsächlich ist das Kind in uns bald danach gestorben. Und wir wurden Jugendliche und irgendwann: erwachsen.

5. „Oxyd“

An diese Geschichte hat mich neulich mein Bruder Martin erinnert. Damals in den 1980er Jahren hatten die meisten Autos noch Rostprobleme. Wenn jemand ein altes Auto besaß, hat Dieter gesagt: „Da kommt er angefahren mit seinem Oxid.“ Schließlich handelt es sich beim Rost um oxidiertes Eisen. Dieter hat das Wort allerdings gesprochen, als würde man es mit Y schreiben statt mit einem I: Oxyd. Vielleicht, um einer Verwechslung mit dem römischen Dichter Ovid vorzubeugen? In dessen „Ars amatoria“ geht es nämlich alles andere als jugendfrei zu.

6. „Agschd“

Auch hieran hat mich Martin erinnert: Aus irgendwelchen Gründen hatte Dieter etwas dagegen, zu einem Messer „Messer“ zu sagen. Vielleicht wollte er uns auch nur zu lateralem Denken anregen, ich weiß es nicht. Jedenfalls hat er zu einem Messer immer „Axt“ (im Dialekt: „Agschd“) gesagt – und jeden korrigiert, der es gewagt hat, das Wort „Messer“ im Munde zu führen. Eine wirkliche Axt war bei ihm einfach ein „Beil“. Tja. Das ist es schon. Kein Gag. Keine Pointe. Reine Chronistenpflicht.

7. Kommunikation schlägt Sicherheit

Dieter fuhr lange Zeit einen weißen VW-Bus Baujahr 1975. Der hatte zwei Rückbänke, auf der jeweils drei Leute sitzen konnten. Die Bänke waren natürlich in Fahrtrichtung ausgerichtet. Dieter fand das aber irgendwann zu unkommunikativ. Also hat er die vordere Bank umgedreht. Drei Leute fuhren sozusagen rückwärts, man konnte einander, wenn man hinten saß, ansehen und miteinander reden. Soziologen würden Beifall klatschen, sofern sie sich mit sozialer Netzwerktheorie auskennen. Ich habe das neulich mal von Hand ausgerechnet (und dann erfahren, dass das schon jemand vor mir gemacht hat): Wenn drei Leute miteinander reden, gibt es genau fünf Kombinationsmöglichkeiten. Bei sechs Leuten sind es schon 203 – ein Ozean aus Vielfalt! Uns allen war klar, dass die umgedrehte Bank deutlich schlechter gesichert war. Aber nicht nur Dieter, sondern auch wir waren bereit, diesen Preis zu bezahlen. Kommunikation schlägt Sicherheit. Außerdem waren wir im Auftrag des Herrn unterwegs und waren sehr davon überzeugt, dass uns schon nichts passieren würde. Ich glaube, das waren im Wesentlichen schöne Zeiten, und ich bin dankbar, all das erlebt zu haben.