bookmark_border„Meine Leidenschaft für Stil und mein Erfolg sind untrennbar miteinander verwoben“

Ich habe heute in einem interessanten Buch herumgelesen. Eigentlich wollte ich ein Quiz daraus machen. Nach dem Motto: „Wer hat’s geschrieben?“ Aber, naja, mit dem Bild hab ich die Sache ja irgendwie schon ausgeplaudert. Trotzdem, nur so zum Spaß: Hättet Ihr den Autor erkannt?

„Ich habe mich auf meine Leidenschaft konzentriert, und das hat mir viel Geld beschert.“

„Wenn Sie im Leben große Dinge schaffen wollen, brauchen Sie monumentale Begeisterung und Leidenschaft.“

„Ohne Leidenschaft hat das Leben keinen Glanz. Die Leidenschaft gibt Ihnen die innere Kraft, die Sie brauchen, um niemals aufzugeben.“

„Leidenschaft ist wichtiger als Intelligenz und Talent.“

„Meine Leidenschaft für Stil und mein Erfolg sind untrennbar miteinander verwoben.“

Ich weiß nicht, wie’s Euch geht – aber für mich waren da schon ein paar gute Lacher dabei. All diese Zitate stammen aus dem Buch „Nicht kleckern, klotzen! Der Wegweiser zum Erfolg aus der Feder eines Milliardärs“ von Donald Trump höchstselbst. Im Englischen trägt das Buch übrigens den ungleich kraftvolleren Titel „Think Big and Kick Ass“ – groß denken und allen in den Hintern treten.

Mich hat all dieses Gerede von Leidenschaft jedenfalls hellhörig gemacht. Vor zehn Jahren habe ich für Psychologie Heute eine große Geschichte über Leidenschaft geschrieben. Genauer: Über die Forschung des kanadischen Psychologen Robert Vallerand, den ich auf einer Forschungskonferenz in Philadelphia getroffen hatte.

Vallerand erforscht jedenfalls seit Jahrzehnten Menschen, die mit Leidenschaft ihrer Tätigkeit nachgehen. Sportler, Künstler, Musiker, Tänzer – also Leute, die wie bekloppt ackern müssen, um machen zu können, was sie eben so machen.

Wenn eine Krankheit oder eine Verletzung sie aus ihrer Routine wirft, dann kann man bei diesen Leuten zweierlei beobachten. Manche kurieren die Sache aus und warten, bis sie wieder fit sind. Dann geht das Training weiter. Andere jedoch fangen zu früh wieder an. Die Verletzung bleibt, sie wird chronisch. Vallerand kann durch seine Fragebögen zeigen, dass diese beiden Verhaltensmuster mit unterschiedlichen Formen der Passion einhergehen. Vallerand unterscheidet in „harmonische Leidenschaft“ und „obsessive Leidenschaft“. Beide führen zum Erfolg. Die besessene Variante macht die Leute aber tendenziell kaputt.

Warum entwickelt man die eine oder andere Form von Leidenschaft? Vallerand sagt: Ganz am Anfang, wenn man Feuer fängt, liegt das entweder daran, dass die Tätigkeit selbst einen gefangen nimmt. Oder daran, dass andere Leute klatschen, dass man Preise bekommt, Pokale und Urkunden. Die besessene Leidenschaft findet Vallerand fast immer bei Leuten, die den Applaus brauchen und die Bewunderung von außen.

Die USA haben die schlimmsten Covid-19-Zahlen der Welt. Denn viele Staaten haben den Laden viel zu früh wieder aufgemacht – getrieben von einem extrem ungeduldigen Präsidenten.

Da hat jemand dafür gesorgt, dass das Land sozusagen zu früh wieder mit dem Training angefangen hat.

Man soll sich ja mit Ferndiagnosen zurückhalten. Aber für mich sieht das alles schwer nach „obsessiver Leidenschaft“ aus. Und zwar nicht nach „Leidenschaft für Stil“ – sondern für die Bewunderung von außen. Koste es, was es wolle.

„Leidenschaft ist wichtiger als Talent und Intelligenz.“ Da möchte man ausnahmsweise mal nicht widersprechen.

bookmark_borderWie teuer ist eine Covid-19-Behandlung in den USA?

Hab in den vergangenen Tagen wieder regelmäßig die NBC-News mit Lester Holt geguckt. Hab ja neulich schon mal über ihn geschrieben. In vielen Staaten der USA gehen die Covid-19-Fälle stark nach oben. Weiß man schon. Klar auch: Das hat Auswirkungen auf die Auswahl der Nachrichten. Es gibt jetzt jeden Tag wieder längere Beiträge zur Pandemie.

Manchmal kommen die interessantesten Infos da so ganz beiläufig daher. Etwa hier: Das Medikament Remdesivir kostet die Patienten ne Menge Geld. Privatpatienten zahlen für eine 5-Tages-Behandlung 3120 Dollar.

Ich hab nachgeguckt. Die US-Behörden empfehlen in ihren Richtlinien für Remdesivir tatsächlich eine fünftägige Behandlung. In einigen Fällen kann man die Behandlung auf zehn Tage ausweiten.

Eine Rechnung von 6240 Euro für ein Medikament? Da zuckt der Europäer in mir kurz zusammen. Die Summe ist jedoch ein Klacks verglichen mit der Rechnung, die ein Covid-19-Patient in Seattle kürzlich bekommen hat. Das Ding war 181 Seiten lang – und belief sich auf mehr als 1,1 Millionen Dollar. Einen Teil der Kosten kriegt der gute Mann von der Krankenversicherung zurück. Ein Skandal ist es trotzdem, wie auch der Guardian treffend festgestellt hat. Im dortigen Kommentar geht es auch um den Fall der New Yorkerin Janet Mendez, die nach ihrer Covid-Genesung auf einer 75.000-Dollar-Rechnung sitzen bleibt, die sie offenbar von keinem erstattet bekommt. Ihre ursprüngliche Rechnung hatte bei über 400.000 Dollar gelegen. „In keiner zivilisierten oder vernünftigen Gesellschaft sollte jemand das durchmachen, was Mendez erlebt hat“, kommentiert der Guardian.

Ansonsten ist man hier ein bisschen geschockt darüber, dass die EU zwar die Grenzen öffnet – nicht aber für US-Bürger.

Beschämt vermerkt NBC, dass man jetzt nicht zu den „guten Ländern“ gehört (Algerien, Australien, Kanada, Ruanda) – sondern zu den nicht so guten (Russland, Brasilien).

CNN erklärt die Sache ganz einfach mit einer Grafik.

Donald Trump scheint das auch nicht so super zu finden. So zeigt ihn NBC.

Auf Twitter gibt er derweil China die Schuld an allem.

Was war noch? Ach so. Mein Handy ist ins Wasser gefallen. Ich war mir schon sicher: Das wird nix mehr (ist schließlich ein etwas älteres Modell). Aber dann hab ich das Ding ein paar Tage lang in Reis gelegt. Jetzt geht’s wieder. Jonny sagt: Der Trick ist uralt. Kann ja sein. Aber wenn er funktioniert, wundert man sich trotzdem.

bookmark_borderDer Trick mit den gefälschten Anzeigen

Heute geht’s darum, wie man mit gefälschten Anzeigen Geld verdienen kann.

Das Bild oben zeigt die Titelseite des „Ann Arbor Observer„. Das ist das hiesige Stadtmagazin. Und weil ich ja selber meinen ersten Job bei einem Stadtmagazin hatte – dem „Diabolo“ in Oldenburg – guck ich mir solche Druckerzeugnisse immer mit großem Interesse an.

Und man muss zugeben: Neben den üblichen Lokal-Geschichten und dem Veranstaltungskalender hab ich da ein paar Dinge gefunden, die ich klasse fand. Zum Beispiel steht in jedem Heft die „Crime Map“ des Vor-Vormonats: Wo haben welche Verbrechen stattgefunden? Mord, Raub, Einbruch, Autodiebstahl, Sexualdelikte – alles ist da. Der Juni-Ausgabe kann ich entnehmen: Dank Corona ist die Zahl der Gesetzesübertretungen im Vergleich zum Vorjahr erheblich zurückgegangen.

In ähnlichem Stil gehalten ist die Immobilienseite. Man kann sehen, wo gerade Häuser und Wohnungen feilgeboten werden – und zu welchem Preis. Praktisch!

Jetzt komme ich zur cleversten Idee von allen. Das Heft lebt, wie jedes Stadtmagazin, vor allem von den lokalen Anzeigen. Der Observer hat ne Menge davon. Restaurants, Immobilienmakler, Ladenbesitzer – wer was auf sich hält, hat hier ne Anzeige drin. Print hat aber seit je ein Problem: Woher weiß man, ob überhaupt jemand die Anzeige liest? Die Leute vom Observer machen nun dies: In jedem Heft ist eine Anzeige gefälscht. Wer findet sie? Auflösung: im nächsten Heft. Ist das nicht klasse? So verlockt man die Leute dazu, sich jede Anzeige ganz genau anzugucken: Ist das echt? Ist das gefälscht? Im Juniheft schreiben sie, dass beim letzten Mal immerhin 55 Leute die richtige Lösung gefunden haben.

So kann man mit „Fake Ads“ Geld verdienen.

Hm.

Vielleicht sollte man das mit den ganz normalen Zeitungsmeldungen auch mal so machen.

Jedenfalls: Print lebt noch immer.

bookmark_borderAnn Arbor hatte mal einen Schwaben als Bürgermeister

In Kerrytown im Zentrum von Ann Arbor steht eine Art altmodischer Shopping Mall. Das Logo sieht ein bisschen aus wie die Prilblume aus den 70ern. Einige der Shops im Inneren haben inzwischen wieder geöffnet.

Unten gibt’s Lebensmittel, da war gut was los heute. Ein Stockwerk höher verkaufen sie eher so Gedöns. Lastenfahrräder, teuren Essig, teures Öl, Handarbeitszeug, Spielwaren – in vier der Geschäfte sehe ich nur das Verkaufspersonal. Traurig.

Lediglich im Tee- und Würzladen tummelt sich Kundschaft. Kein Vergleich zu dem, was sonst hier an Samstagen unterwegs ist.

Überall stehen Container mit Desinfektionsmittel.

Der handgeschriebene Zettel am Friseursalon erzählt davon, wie viel Improvisation die Coronakrise den örtlichen Kleinunternehmern abverlangt: Der Termin, wann’s endlich weitergeht, wird einfach durchgestrichen und durch den nächsten Termin ersetzt. Immer wieder. Ein hartes Leben ist das. Aber: Jetzt am Montag, da klappert endlich wieder die Schere!

Jenseits der Straße steht ein Schild, auf dem die eigentliche Story des heutigen Tages geschrieben steht. Diese Ecke gehörte vor knapp 150 Jahren zwei Brüdern namens Luick, die hier ihr Holzlager hatten. Der eine der beiden war sogar mal Bürgermeister.

Nämlich der bärtige Bursche mit weißem Hemd und verschränkten Armen. Gottlob Luick. In Deutschland werden Gräber ja irgendwann aufgelöst – nach einer Liegezeit von etwa 25, 30 Jahren. In den USA macht man das eher nicht. Alte Gräber bleiben und man findet sie ziemlich gut online. So auch das Grab des alten Gottlob. Dort habe ich den Namen seines Vater gelesen und eine Google-Suche später auch dessen Grab gefunden.

Deshalb weiß ich: Die Familie stammt aus Aich bei Esslingen. Das bedeutet: Ann Arbors Bürgermeister war mal ein Schwabe.

Ansonsten waren in der Innenstadt heute sehr viele Straßen gesperrt. Etwa hier:

Oder hier:

Ich hab noch ein halbes Dutzend mehr davon, aber ich glaube, man versteht das Prinzip auch jetzt schon. Durch die Sperrung kriegen die örtlichen Restaurantbesitzer die Chance, Stühle nach draußen zu stellen. Ich war gestern ja im Garten. Gleichzeitig war aber in der Innenstadt ne Menge Volk unterwegs.

Außerdem hat Ann Arbor jetzt auch einen Fahrradweg in Grün. Toll, oder? „Fast wie in Europa“, sagt Nicki. Und da will ich ihr nicht widersprechen.

bookmark_borderDas ist so deutsch

Hab ein Lagerfeuer angezündet, mich davor gesetzt und versucht, sehr ernst dreinzublicken. Hat alles funktioniert, würde ich sagen. 😉

In meiner Mittagspause mit dem gebrauchten Paddelboot von Freunden auf dem Fluss gewesen. Einen Reiher fotografiert. Unscharf. Aber: Es ist ein Reiher! Genauer: ein Mangrovenreiher, wenn ich mich nicht irre. Wer denkt sich so was aus?

Am Abend dann, wie gesagt: das Feuer. Wir hatten Freunde im Garten, keine Umarmung, kein Händeschütteln. Aber sonst: alles wie früher. War toll. Wir haben – das ist so amerikanisch – Marshmallows über dem Feuer geröstet.

Ich hab nix davon gegessen. Die anderen sagen: Es war sehr süß.

Immer wenn ich in den USA bin, erinnern mich Kleinigkeiten daran, dass ich aus Deutschland komme. Mein Akzent. Man wird halt sofort darauf angesprochen. Und dann die Pünktlichkeit. Beschämend, irgendwie, es ist so ein Klischee. Aber in der Regel bin ich um drei Uhr am Platz, wenn um drei Uhr abgemacht war. Das ist nicht bei allen der Fall. Es gibt sogar den Ausdruck „Michigan time“, um auszudrücken, dass man sich um zehn Minuten verspätet.

Neulich hat im Musikgeschäft ein Verkäufer gesagt, dass seine Frau für eine deutsche Firma arbeitet. „Wie findet sie’s so?“, hab ich fragt. „Naja“, meinte er. „Im Prinzip okay. Aber die Leute da sind schon ziemlich direkt.“

Dann haben wir uns gegenseitig den alten Witz erzählt. Die Amerikaner kritisieren nach der Hamburger-Methode: Erst etwas Brot, dann „Beef“ (also den Ärger), dann wieder etwas Brot. Bei den Japanern kriegst du nur das Brot. Bei den Deutschen nur „Beef“.

Was ist sagen will: Man denkt nix Böses und macht einfach. Und irgendwer sagt einem dann: Das ist so deutsch.

Wir denken, dass wir total wir selbst sind. In Wahrheit sind wir Teil unserer Kultur. Und haben uns nur ein bisschen was davon wirklich selbst ausgesucht.

bookmark_border„Das Zeug war gestern noch aufm Acker“

Heute geht’s nach Kerrytown, einen Stadtteil im Zentrum von Ann Arbor. Der berühmteste Laden dort ist Zingerman’s Deli, da gibt’s leckeres Essen, worauf die Leute in Ann Arbor zuverlässig und mit großem Lokalstolz hinzuweisen pflegen. Gleich ums Eck liegt eine kleine Wiese neben einem Parkplatz. Dort sitzt Fran in ihrem Hightech-Büro. Genauer: auf einem Campingstuhl. Sie trägt Maske und hält eine Liste in behandschuhten Fingern.

Fran sorgt dafür, dass ich hier die Gemüsekiste abholen kann. Die Kiste kommt von der Tantré Farm aus Chelsea, einem Städtchen in der Nähe. Fran macht einen Haken auf ihrer Liste. Neben ihr stapeln sich die gefalteten Kartons der Vorwoche.

Auf dem Tisch knittert das faltige Logo der Farm vor sich hin. „War voll lecker beim letzten Mal“, rufe ich über den Rasen (ich hab vor Tagen schon von meiner Begeisterung erzählt). „Glaub ich gern. Aber wart mal ab. In den nächsten Woche wird’s noch krasser“, klingt es hinter Frans Maske hervor. Sie übernimmt heute die Schicht von zehn bis zwölf.

„Es ist alles so frisch“, sage ich. „Kann man so sagen“, meint Fran. „Das Zeug war gestern noch aufm Acker.“ Ich schnapp mir eine Box und dann geht’s schon wieder nach Hause. Am Abend gibt’s Spinat.

Weniger Show kann man gar nicht machen. Kein Zelt. Keine Schilder. Keine Angeberei. Sogar die Verpackung: Die haben einfach irgendwelche Gurkenkisten genommen. Wie passt das zu meinem Bild von Amerika? Gar nicht. Trotzdem ist es wahr. So ist der Mittlere Westen.

Vor einigen Tagen hat die Farm eine Email geschickt. Da steht drin, was alles in der Kiste sein wird und was man damit anstellen kann.

  • Spargel („kann man dünsten, braten, grillen“)
  • Pak Choi („zwei Gemüse in einem: man kocht die Blätter wie Spinat und knabbert die knusprigen Stängel wie Sellerie“)
  • Lauch („voller milder Zwiebelaromen“)
  • Erbsensprossen („so yummy and tender!“)
  • Radieschen („exzellenter Lieferant von Vitamin A, C und B-Vitaminen“)
  • Spinat („lecker in Quiche, Lasagne und Suppen“)
  • Rüben mit Kraut („süßer, fruchtiger Geschmack“)

Ansonsten hab ich gerade gelesen, dass am Montag die Spielplätze wieder aufmachen.

Überall in Amerika Proteste. Gestern Abend auch in Ann Arbor: eine Fahrrad-Demo. Friedlich und im zweiten Gang.

Außerdem hatten wir gestern in den Nacht einen Besucher: Ein Opossum hat im Gras nach Futter geschnüffelt. Wer will es adoptieren?

bookmark_border„Was machen Sie eigentlich beruflich?“

Kürzlich hat mich jemand sorgenvoll gefragt, was ich eigentlich beruflich mache. Die Frage ist berechtigt. Seit dem Beginn der Corona-Krise spende ich 15 bis 20 Prozent meiner Arbeitszeit, um diesen Blog zu schreiben („eigentlich“ sagt man „das Blog“, aber ich kann das nicht). Der ganze Rest nimmt also deutlich mehr Zeit ein – ist aber weniger sichtbar. Heute also drei aktuelle Antworten. Vielleicht inspiriert es ja jemanden, die entsprechenden Druckerzeugnisse zu erwerben, das würde mich freuen.

Da ist erstens die Psychologie Heute. Das Blatt ist immer noch eine Instanz. Mit dem Juli-Heft erscheint dort am kommenden Mittwoch „Siri, was stimmt nicht mit mir?“, eine Geschichte, auf die ich einigermaßen stolz bin. Ich musste mehrere Forschungs-Konferenzen besuchen (etwa die CSCW in Austin/Texas), um sie kapieren und schreiben zu können. Dies ist das Heft dazu:

Es geht im Kern um die Arbeit von Munmun De Choudhury, eine Informatikerin von der Georgia Tech. Munmun guckt sich an, was wir z.B. auf Twitter oder Facebook von uns geben. Ihr Computer kann aus diesen Daten dann ablesen, wie es unserer Psyche geht und ob wir womöglich Hilfe brauchen. Sie sieht unsere Krisen, bevor wir sie sehen. Manchmal: Monate vor uns. Ein Hammer, oder?

Munmun und ihre Kollegen, die an ähnlichen Projekten sitzen, analysieren zum Beispiel subtile Sprachmuster, aber auch die Bewegungsdaten unseres iPhones oder die Grautöne der Bilder, die wir posten. All das verrät etwas über uns. Der Text beginnt mit einem ähnlichen Gedanken, wie ich ihn hier gestern geäußert habe:

Man braucht keinen Zeitungsverleger mehr, um seine Ideen zu veröffentlichen. Auf Facebook, Twitter, Instagram, da geht das ganz leicht und deshalb machen es auch viele. (…) Wir gehen über die Straßen der digitalen Welt wie über frisch gegossenen Beton. Er härtet aus; un­sere Fußspuren bleiben sichtbar für lange Zeit. Und vielleicht noch deutlicher als einst bei Adenauer kann jeder erkennen, wie wir ticken, obwohl man uns gar nicht kennt.

„Siri, was stimmt mit mir nicht?“, Psychologie Heute, 7/2020

Leider – oder zum Glück? schwer zu sagen – liegt „Siri, was stimmt nicht mit mir?“ hinter einer Bezahlschranke. Man braucht ein Abo, um den Text lesen zu können. Oder man kauft sich das Heft am Kiosk oder den Artikel selbst für 1,99 Euro im Netz.

Die zweite Sache, von der ich etwas erzählen will, ist meine Arbeit für ein Heft namens „P.M. Fragen&Antworten“. Die Hefte sind immer interessant. Darüber hinaus hat das dortige Team in Zeiten der Pandemie eine neue Homepage aufgebaut, die ziemlich schick aussieht. Ich empfehle den Besuch. Man wird nicht dümmer dabei, versprochen. Dort arbeiten übrigens die härtesten Faktenchecker, denen ich bisher begegnet bin. Ich muss praktisch jeden Satz mit einer eigenen Studie belegen. Viel Arbeit. Ich hoffe, man sieht es den Texten nicht an. Wenn es sich einfach liest, hat es die meiste Mühe gemacht. Hier zum Beispiel ein kurzes Stück darüber, warum sich Vorurteile so lange halten.

Drittens hat mir mein Sohn gestern ein Foto geschickt – aus der April-Ausgabe von „P.M. History“. Dort ist meine Geschichte erschienen, in der es um das große Kawumm von Halifax geht – die größte menschengemachte Explosion vor der Atombombe. Nie davon gehört? Dann wird’s Zeit. Eine saftige Story über eine ganz unglaubliche Katastrophe, in der mehr Dinge schiefgegangen sind, als man sich so mal eben ausdenken kann. Wirklich. Wenn die Folgen nicht so schlimm gewesen wären, hätte man eine Slapstick-Komödie aus dem Stoff machen können.

Okay, hier, ein kleiner Ausschnitt: Zwei Schiffe dampfen durch die enge Hafeneinfahrt von Halifax. Das eine will hinaus, das andere hinein. Beide haben es eilig. Eines davon ist bis unter die Decke vollgestopft mit Sprengstoff und brennbaren Chemikalien. Das weiß aber keiner. Es ist nämlich gerade Krieg.

Drei Mal schicken die Kapitäne Signaltöne hin und her – jede Botschaft lautet im Wesentlichen: „Bitte ausweichen, ich halte meinen Kurs.“ Erst kurz vor dem Zusammenstoß verlieren die Kapitäne etwa zeitgleich die Nerven. Sie ändern ihre Fahrtrichtung. Tragischerweise entscheiden sich beide für dieselbe Seite.

„Die Apokalypse von Halifax“, P.M.-History, April 2020

Tja. Also: Das hier sind Dinge, die ich so beruflich mache. Ich liebe meinen Job. Er füttert meine Neugier, diesen hungrigen Drachen. Ich bin frei dabei und selbstbestimmt. Und all das ist Teil der Bezahlung. Hoffentlich kann ich das noch lange so machen. Das wäre klasse.

bookmark_borderWas man so macht an langen Tagen

Wer meiner Kohorte angehört und im deutschen Sprachraum aufgewachsen ist, erinnert sich vermutlich an Puck, die Stubenfliege, eine Figur aus „Biene Maja„. Ja. Genau so sieht man aus, wenn man sich in die Welt der Virtuellen Realität begibt. Genau das habe ich dieser Tage getan. Wie einen das reinzieht! Ein kluger Mensch hat mal gesagt: „VR“ ist das einzige Medium, bei dem man das Medium vergisst. Was man hier erlebt, wird zum wirklichen Erlebnis. Deshalb muss man sehr aufpassen, was man sich da zumutet. Genau davon hab ich einen Geschmack auf meine Zunge bekommen. Faszinierend ist das – und ein bisschen unheimlich. Eines Tages wird in einem hochwertigen Magazin eine hoffentlich erhellende Geschichte dazu erscheinen.

Seit ich hier fast täglich irgendwas aufschreibe, kommt mir mein Beruf merkwürdig vor. Bei manchen meiner Geschichten vergeht ein halbes Jahr oder sogar mehr, bis sie endlich irgendwo am Kiosk liegen. Hier im Blog dagegen dauert das keine Sekunde. Man drückt auf den Knopf. Zack! Schon ist es draußen. Unglaublich.

Im Grunde bin ich einer dieser Mönche, der über Jahrzehnte in eiserner Disziplin darauf gedrillt wurde, klassische Texte säuberlichst abzuschreiben und dabei einige Großbuchstaben zu verzieren. Und dann kommt auf einmal einer und erfindet den Buchdruck. Wenn man das kapiert hat, weiß man, dass man mit der alten Kunst vielleicht noch ein paar Jahr überleben kann. Aber eigentlich weiß man auch, dass die Tage gezählt sind.

Was noch? Ich habe heute seit August mal wieder Pickleball gespielt. Diesmal mit William, der sofort begeistert davon war.

Das hier sind die beiden Schläger mit dem Ball. Ich kann diese Sportart sehr empfehlen. Sie ist sehr niedrigschwellig. Man kann sie sofort spielen und Freude daran haben. Ein bisschen Tennis, ein bisschen Tischtennis, ein bisschen Badminton.

Eigentlich spiele ich in Hamburg ja Tischtennis. Über Winter trainiere ich – wenn ich in Ann Arbor bin – mit der hiesigen Uni-Mannschaft. Zwei Drittel der Spieler dort sind Chinesen. Und ich würde sagen: Die haben einen anderen Stil, als man ihn in Deutschland anzutreffen pflegt. Nicht so sehr von den Schlägen, aber im Kopf. Ohne Quatsch. Die können ein paar Dinge besser und ein paar Dinge schlechter. Und auch da finde ich enorme Unterschiede zwischen den Generationen (es gibt einen Chinesen in den mittleren Jahren, der mit seinen jüngeren Landsleuten mental gar nichts mehr zu tun hat). Interessant. Aber ein anderes Thema.

Ich habe heute jedenfalls bewusst das Mannschaftstrikot des ATV Altona angezogen, um die Locals zu beeindrucken. Wer in Hamburg lebt und einen Verein sucht: Die ATV-Tischtennisabteilung ist aus soziologischer Sicht wahnsinnig interessant. Ein Sinnbild für die Geschichte der Stadt Altona: offen, tolerant, Leute kommen, Leute gehen, dennoch gibt es ein stabiles Rückgrat. Ich vermisse diese Leute.

Ansonsten spiele ich noch Musik: eine Gitarre, deren Hals in Kalifornien gebrochen ist und danach von einer Horde formidabler Nerds aus Palo Alto für n Appel und n Ei wieder geflickt wurde. Ein paar Töne haben an Klarheit verloren – aber das macht nichts. Das Instrument war im Eimer, jetzt ist es wieder heil. Im Hintergrund: das ortsansässige E-Piano. Auch toll. Es ist eine Freude, ein Dilettant zu sein und im Grunde der beste Zustand überhaupt, eine kindliche Freude an allem, was gelingt. „Privilegiert“, hat eine Ex-Kollegin neulich gesagt. Ja. Das stimmt.

Das ist es schon für heute. Keine Pointe. Ich freue mich nur daran, dass die Sonne scheint und man wieder Sachen machen kann. Ohne Sachen ist das alles nur der halbe Spaß.

bookmark_borderDas Klima macht weiter

Sehr heiß heute. 31 Grad. Das Wetter macht einfach weiter. Das Klima auch. Trotz Corona und Massenprotest. Auf der Eisenbahnbrücke über dem Huron River hängen die jungen Leute ab. Ab und an springt wer ins Wasser. Ach, die Jugend!

Heute gab es wie schon gestern einen Protestzug durch Ann Arbor. Der Sheriff hat sogar eine Ansprache gehalten über den Lautsprecher, der zu seinem schicken Polizeiauto gehört.

Es gab auch Gegenproteste: Einige Leute waren nicht damit einverstanden, die Polizei mitlaufen zu lassen. Aber keine Krawalle.

Auf CNN sehe ich eher die brennenden Autos. Komisch. Macht bei mir mehr Adrenalin als die friedliche Demo, bei der ich selber dabei bin. Am Ende ist alles auch Entertainment. Und mein Gefühlsapparat ist ein Teil davon. Beschämend. Aber wahr.

Genau deshalb ist Trump Präsident. Weil er das mit dem Entertainment besser drauf hat als die anderen. Ich muss da auch immer wieder hingucken. Mal sehen, was er heute wieder angestellt hat.

Interessant auch, dass der Trick noch immer funktioniert. Walter Benjamin hat das ja schon in den 1930ern geschrieben: Die Nazis klauen die ästhetischen Mittel aus der Unterhaltung und machen damit Politik. Dass man’s weiß, macht einen nicht immun. Auch bitter.

Habe ich schon erwähnt, dass es heute heiß ist? Man kann da schlechter denken. Irre, dass die Verwaltung und Politik bei all den Krisenthemen überhaupt noch an anderen Projekten arbeiten. Gestern hat man in Ann Arbor zum Beispiel den Plan verabschiedet, die Stadt bis 2030 klimaneutral zu gestalten. Der Autoverkehr soll halbiert werden. Indem man zum Beispiel in allen Vierteln kleine Geschäfte ansiedelt, so dass jeder zum Bäcker und Kaufmannsladen zu Fuß oder mit dem Fahrrad kommt. Kapier ich. Klingt gut. Auch ein bisschen retro. Mehr Busse soll’s auch geben. Und viel mehr Park&Ride-Parkplätze. Mehr Solarenergie. Klingt gar nicht nach USA, oder? Ann Arbor ist ein bisschen wie Freiburg oder Tübingen. Sehr gebildet. Und behaglich.

Es gibt immer mehrere Gründe, warum man ist, wo man ist.

bookmark_borderAuch in Ann Arbor gibt’s Proteste

Gestern hab ich noch ein bisschen über die Stadt gelästert und dass man sich eher um die innerstädtischen Fahrradwege kümmert als um die Polizeigewalt im Land. Mais non! Heute steigt tatsächlich eine Demo. Schon die zweite, sogar. Ich nehme also alles zurück: Auch in Ann Arbor gibt’s Proteste. Wir kriegen’s erst eine Stunde vorher mit. Für morgen ist eine weitere Demo angekündigt, bei der der örtliche Polizeichef mitmarschieren will – so wie der Sheriff in Flint/Michigan das bereits am Wochenende getan hat. Das scheinen mir eher bürgerliche Proteste zu sein. Kann mir nicht vorstellen, dass hier irgendwas brennt. Aber man weiß es ja nie so richtig.

Jedenfalls finden sich gegen 13 Uhr auf dem Campus ne Menge Leute ein. Wie viele? Ich schätze: So um die 500. Aber schwer zu sagen. Michigan Radio behauptet, dass es mehr als 1000 waren. Nun. Während wir dort waren: ganz sicher nicht.

Ich sehe überwiegend junge Leute in den 20ern. Fast alle tragen Masken. Man hält Abstand. Gefühlte 90 Prozent der Demonstranten sind Weiße. Die Demo ist ein Spiegel der Stadt selbst. Sonst gehen auch viele Ältere auf derlei Kundgebungen. Es erinnert sie an ihre Jugend und entspricht ihrer Haltung. Heute bleiben die meisten wegen Corona zu Hause. Wer da ist, ruft nach Gerechtigkeit. Und zwar tüchtig laut. „What do we want?“ – „Justice!“ – „When do we want it?“ – „Now!“

Aber niemand muss mir glauben. Bitte sehr:

Es gibt auch eine Rednerliste, aber ich kann die Namen nicht verstehen. Ich verstehe ohnehin so gut wie gar nichts. Denn ich stehe – zugegeben – ziemlich weit hinten. Einerseits. Andererseits haben die Veranstalter es aber auch verabsäumt, eine vernünftige PA-Anlage mitzubringen. Es kommt immer wieder zu „Das Leben des Brian“-Zitaten (das Original: hier bei 1:16). Vorne sagt jemand was. Hinten schreit wer: „LAUTER!“

Und dann die Schilder. Fast alle sind auf die Schnelle entstanden. Ein Stück Karton aus dem Keller geholt und hurtig was mit dem Edding draufgeschrieben. „Black Lives Matter“ scheint mir das Hauptmotiv zu sein. Doch es gibt auch radikalere Aussagen. Bei den meisten handelt es sich um internationale Klassiker. Einige Leute bringen darin ihre generelle Abneigung gegen die Ordnungshut zum Ausdruck. Etwa mit der Behauptung, dass es sich bei „allen Polizisten“ um „Bastarde“ handle („ACAB“).

Andere verbreiten die These „Bullen töten jetzt und lügen später“. Wieder andere behaupten, dass es auf Amerikas Straßen „ohne Gerechtigkeit keinen Frieden“ geben werde.

Eine Rednerin sagt, dass sie keine Gewalt will an diesem Tag. Protest: ja. Randale: nö.

Man lässt auch einen Mann in Uniform sprechen. Ich verstehe kein Wort. Wer ist das? Gehört er zur Polizei? Ein Rätsel. Er spricht zu leise. Ganz am Ende ruft er ein „don’t go crazy“ ins Mikro. Dann Applaus und ab. Später kriege ich im Netz mit, dass es sich um einen farbigen Veteranen der amerikanischen Streitmacht gehandelt hat. Hm.

Ah, hier. Jetzt hab ich ein Bild mit einem der SEHR gebastelten Schilder gefunden.

Ein anderer Redner sagt: „Lasst uns endlich aufhören, Armut zu kriminalisieren.“ Guter Punkt. Als Schwarzer in Amerika bist du vermutlich arm. So rein statistisch betrachtet. Und du landest fünfmal wahrscheinlicher im Knast als ein Weißer. „Niemand sperrt so viele Leute ein wie ‚the land of the free'“, sagt der Mann. Auch korrekt. In Stanford hab ich vor einigen Monaten zum ersten Mal von der „school-to-prison pipeline“ gehört. So wie es bei uns eine gesellschaftlich vorgezeichnete, glatt-„normale“ Standard-Karriere über die Stationen Kindergarten, Grundschule, weiterführende Schule, Ausbildung/Studium, Beruf gibt, existiert in den USA noch eine zweite Rutschbahn des Lebens. Und zwar für schwarze Jungs. Sie führt aus der Schule unmittelbar in den Knast. Bei manchen Schulen (etwa in Chicago, wenn ich mich recht entsinne) liegt die Polizeistation direkt im selben Gebäude im Erdgeschoss. Die Jungs werden aus dem laufenden Unterricht heraus verhaftet und gleich eingebuchtet. Manche kommen da nie wieder raus. Oder wenn, dann immer nur kurz. Alles kein Witz. In L.A. gibt es angeblich Stationen der Schulpolizei, die einen eigenen Panzer besitzen. Man kann sich das alles nicht vorstellen. Und man muss es ändern. Aber, so hab ich gehört: Es gibt finanzstarke Kräfte, die alles gerne so belassen wollen, wie es ist. Denn das Gefängnissystem ist big business. Leute werden damit sehr, sehr reich. Es ist natürlich alles noch komplizierter und rede nur so vor mich hin. Eine Schande ist es trotzdem.

Sorry.

Hab mich davontragen lassen.

Der örtliche Senator darf auch noch ein paar Takte sagen. Ich glaube, er macht das gut, aber ich verstehe mal wieder viel weniger als die Hälfte des Gesagten.

Ein Wort noch zur Polizei: Ganz am Rand sehe ich zwei (weiße) Beamte stehen. Ein Mann, eine Frau. Als sich die Protestgemeinde anschickt, durch die Innenstadt zu ziehen, machen wir uns vom Acker. Beim Weggehen sehe ich 200 Meter hinter den Zuschauern zwei weitere (diesmal schwarze) Polizisten. Ein Mann, eine Frau. Interessant.

Wir gehen zwei Blocks zum Wagen. Insgesamt drei Polizeiautos parken am Straßenrand. Alles sehr zurückhaltend. Man hat aber auch, wenn ich das richtig sehe, eher wenig zu befürchten. Trotz der markigen Sprüche auf den Kartons.

Jetzt noch ein Nachtrag am Abend. CNN geguckt. Es ist alles zum Kotzen. Zum ersten Mal beschleicht mich der Gedanke, einer transformierenden Zeit beizuwohnen. Vorher hab ich eher gedacht: In ein paar Tagen sind alle wieder „back to normal“.

Aber.

Ich hab mich in meinem Leben schon oft getäuscht.