bookmark_borderLangweilige Lebensbilder

In den sozialen Medien teilen Menschen dieser Tage Schwarzweißbilder ihres Alltags. Spannend. Meine Bilder sind dagegen langweilig – genau so wie weite Teile meines Lebens. Auf Facebook heißt es: Keine Erklärung zu den Bildern. Das geht natürlich nicht. Ich bin ein Mann des Wortes. Oben also: Jochen arbeitet an einem neuen Projekt und verzweifelt daran.

Buddha sagt: Alles ist eins. Geschirr benutzen, Geschirr abwaschen, Geschirr wegräumen, Geschirr benutzen usw.

Buddha sagt … ach, hatten wir schon. Also: Oben der Topf, unten die Schüssel. Alles ist eins.

Aber sauber muss alles sein!

Apropos. Heute hatte ich doch glatte DREI Diskussionen darüber, wer eigentlich die bekanntesten Deutschen sind. Mit meinem Sohn zusammen getippt: Beethoven, Goethe, Hitler (sorry).

Dann zwei Mal bei Leuten aus Michigan nachgefragt. Sie sagen ALLE erstmal Hitler. Unglaublich, eigentlich. Dann kommen nach einigem Nachdenken: Beethoven und Goethe, der für Amerikaner aber schwer auszusprechen ist.

Außerdem hörte ich: Bach, Gutenberg, Wernher von Braun – und Friedrich der Große. Und Angela Merkel. Und Hermann Hesse. Und auf Nachfragen kriegt man auch noch ein Nicken für Thomas Mann. Aber nur, weil man es in Ann Arbor mit verdammten Intellektuellen zu tun hat. Schon Bismarck kennt keine Sau. Auch Schiller nicht. Freud kennen alle. Aber: Österreicher.

Also jetzt. Für Beethoven: das Klavier.

Und weil mit Bach ein zweiter Komponist genannt wurde, schmeiß ich auch noch die Gitarre mir rein.

Außerdem. Die USA sind ein gespaltenes Land. Der gelehrte Richard Florida hat kürzlich gesagt: Wir Amerikaner müssen akzeptieren, dass wir nicht mehr miteinander reden können. Dass wir über uns viele Dinge niemals werden einigen können. Wir können uns nur darüber einigen, wie man Schlaglöcher repariert. „There’s no republican or democratic way to pave the roads.“ Heißt: Auf lokaler Ebene kann man praktisch nicht unterscheiden, zu welcher Partei ein Bürgermeister eigentlich gehört. Die Erfahrung hab ich in Deutschland auch gemacht. Erst auf Staatsebene laufen die Meinungen so richtig auseinander. Deshalb sollte man mehr Macht von der Zentralregierung abziehen und an die Kommunen, Kreise, Bundesländer geben. Keine Ahnung, ob das so komplett bis zum Ende durchgedacht ist. Aber interessant ist es doch.

Einstweilen leben die Leute halt zusammen wie Hund … 

… und Katze.

Am Morgen trinkt man seinen Kaffee … 

… spät am Abend putzt man sich die Zähne.

Und so wird aus Abend und Morgen ein neuer Tag. Alles ist eins. Sagt Buddha.

bookmark_borderDer Roboter macht die Hütte sauber – und trinkt uns das Bier nicht weg

In den letzten drei Wochen hab ich mich überwiegend mit Robotern beschäftigt. Das sind noch Nachwehen aus der Zeit in Kalifornien. Anfang März – ein paar Tage, bevor dort der Lockdown kam – war ich an der UC Berkeley auf der Techcrunch-Session über Roboter und Künstliche Intelligenz. Hier sieht man mich rechts im Bild. Ich scheine zuzuhören (einige Leute auf dem Foto machen irgendwie gerade andere Sachen).

Dort wurden abgefahrene Geräte vorgestellt. Etwa ein Greifarm, der bald Steine auf dem Mond aufsammeln soll. Und Käse, wenn er welchen findet.

Es gab auch eine Premiere. Ein paar Jungs haben einen Roboter präsentiert, der Klos putzen kann. Man geht vorher mit ner Spezialkamera durch seinen Bürokomplex. Der Roboter wird auf die dort aufgenommenen Daten trainiert – und findet sich dann super zurecht und weiß, wo er putzen soll und wo nicht. Nachts, wenn alle anderen schlafen. Also. Zumindest theoretisch.

Irgendwie scheint mein Gequatsche über Roboter Nicki inspiriert zu haben. Bald bin in wieder in Deutschland. Wer soll dann das Haus sauber machen? Genau: ein Roomba (ich habe für eine Geschichte gerade mit einem Typen geredet, der diesen Staubsauger-Roboter sozusagen erfunden hat).

Jetzt macht das Ding die Hütte sauber – und trinkt im Gegensatz zu mir keinem das Bier weg. Coco hat ein kritisches Auge auf den neuen Mitbewohner geworfen.

Und auch Theo, der Kater, war nur halb begeistert von diesem Ding.

Mal sehen, wie sich das Ding auf Dauer schlägt.

Schwer zu sagen, ob Roboter wirklich „die Zukunft sind“, wie man so sagt. Aber in einigen Lebensbereichen sind sie das ganz bestimmt. Wenn vorher die Welt nicht untergeht. Meine Meinung.

bookmark_borderDer Schwimmer im See und ein neues Gemüse

Der Sommer ist sehr heiß in Michigan. Wir haben jeden Tag über 30 Grad und das wird sich so bald auch nicht ändern.

Ich habe übrigens – für all die SprachfeinschmeckerInnen da draußen – eine knackige Formulierung zu derlei Temperaturen gelernt: „Hotter than the devil’s butthole.“ Muss man auch erstmal drauf kommen.

Kurz vor sieben dann den Rechner zugeklappt. Genug geschrieben für heute! Handtuch eigerollt und runter an den See. Knapp unterhalb des Dammes war der Weg mit Polizeiband abgesperrt. Hat sich aber keiner drum gekümmert. Also auch ich nicht. So funktionieren soziale Normen: Sie gelten nur, wenn die meisten sich dran halten.

Oben war ich dann tatsächlich der einzige Mensch im See. Das Wasser war viel zu warm für meinen Geschmack. Um bis zur Sprungschicht runter zu kommen, musste ich die Beine komplett durchhängen lassen.

Zu Hause dann Abendbrot gemacht. Wir kriegen ja jetzt immer diese Gemüsekiste. Da hatten sie diesmal was dabei, das ich nicht kannte: „Garlic Scapes„. Ich weiß nicht mal, wie man bei uns dazu sagt. Kurz in Olivenöl gebraten, Salz, Pfeffer, Zitronensaft. Dazu Nudeln mit Pesto, einer gewürfelten Tomate, gehackten Walnüssen und Parmesan. Es war unglaublich gut. Ich möchte diese Speise hiermit empfehlen.

Danach seufzend den Rechner nochmal aufgemacht. Was war los in der Welt? Was war los in Michigan? Und da trifft mich doch fast der Schlag!

Da muss ich lesen, dass am Morgen ein Typ genau dort ins Wasser gehüpft ist, wo ich gerade schwimmen war. Er ist aber – im Gegensatz zu mir – nicht mehr rausgekommen. Die haben offenbar den halben Tag lang mit Booten nach ihm gesucht.

Also DESHALB war außer mir niemand schwimmen!

Ich bin dann nochmal mit dem Hund ans Wasser gegangen. Hab mich mies gefühlt. Tja.

Der Badesteg war inzwischen gut besucht.

Und auch im Wasser planschten ein paar Leute rum.

Der See bleibt der See. Egal, was gerade noch dort passiert ist.

Auf dem Weg zurück hat mich dann ein Typ in ein Gespräch verwickelt. „Schönen Hund hast du da. Deutscher Schäferhund. Wir hatten auch mal einen. Direkt aus Deutschland. Meine Mutter hat ein Heidengeld dafür bezahlt. Das war der schönste Hund überhaupt. Ganz schwarz. Nur die Pfoten waren hell. Ein tolles Tier. Aber er war nur kurz bei uns. Dann ist er auf die Straße gerannt und dann ist ein Auto gekommen und – zack! – dann war er tot.“

Er sagt, er findet es anderswo schöner als hier. Denn genau von dort kommt er nämlich. Von anderswo. „Home is home, man.“

Außerdem sind seine Knie im Eimer. Er kann nicht mehr arbeiten. Er mochte seinen Beruf eh nicht. „It was just a job.“

Und jetzt?

Er zuckt mit den Schultern. „Erstmal ne Runde angeln. Mal sehen, was anbeißt.“

Ich schätze ihn auf höchstens 45.

Und jetzt denke ich mal wieder, dass fast alles, das ganze Leben und so, vor allem damit zu tun hat, dass man bisher einfach unverschämtes Glück hatte. Einmal kein Glück – das reicht schon, damit alles anders wird.

Was ich mit all dem eigentlich sagen will: Ich glaub, man soll nicht so tun, als hätte man all das Gute irgendwie selbst gemacht oder gar verdient.

bookmark_borderCoco und der Angelhaken in der Pfote

Coco ist gerade zurück aus der Tierklinik, wo man ihr unter Betäubung einen dreifachen Angelhaken aus der Pfote geholt hat. Sie ist ziemlich fertig.

Beim Spaziergang am See hatte sich zunächst eine angenehmere Art der Aufregung angekündigt: Menschen, die arbeiten!

Naja. Eher: „Männer, die arbeiten.“ Darüber sollte bei der Stadtverwaltung mal jemand nachdenken.

Das gilt auch für mindestens einen der Angler (oder der Anglerinnen) am See, der (oder die) offenbar seinen (oder ihren) Wobbler auf dem grasigen Damm hat liegen lassen. Warum ist das passiert? Tja. Ich kann nur spekulieren. In der Dunkelheit nicht wiedergefunden? War Alkohol im Spiel? Eine generelle Tendenz zur Unzuverlässigkeit? Drogen?

Fest steht, dass Coco sich das Ding in die Hinterpfote getreten hat. Die Tierärztin hat zwei der Spitzen (inklusive Widerhaken) mit einer Zange abgeknipst (siehe die rote Markierung unten), um sie dann sauber aus der Pfote zu holen und die Wunde zu desinfizieren. Wir haben das Beweisstück sogar mit nach Hause bekommen.

Ich hoffe, der Hund wird bald wieder.

Und ansonsten: Kinder, räumt eure Sachen auf.

bookmark_borderCoco, die Natur und das Bildungssystem

Coco, the dog

Coco ist Nickis Schäferhündin und sie hat sich beschwert. 

Wir haben am Samstag eine Wanderung durch ein nahes Naturschutzgebiet unternommen, das Palo Alto Baylands Nature Preserve

Das ist eine große, von Gräben, Kanälen und Teichen durchzogene Feuchtfläche unten an der San Francisco Bay, eine verblüffend heile Gegenwelt zur nahen Hightech-Industrie – die Firmenzentrale von Google liegt gleich in der Nachbarschaft. 

Da! Unter dem Pfeil bauen sie gerade das neue Googleplex

Coco träumt manchmal davon, dort im Park von der Leine zu gehen und ihren Erzfeinden, den Kanadagänsen, ein nachmittägliches Workout zu verpassen.

„Gänse, wir kriegen Euch“, denkt Coco

Leider haben die Ranger an allen Zugängen lustige Schilder aufgestellt. Sie besagen: Cocos Jagden wären teure Freuden. Jetzt ist die Gute beleidigt und eine erklärte Gegnerin des westlichen Bildungssystems: Könnten ihre Menschen nicht lesen, wäre ihr Leben erheblich besser. Tja. So was nennt man in Amerika „unintended consequences“ – der Fluch einer jeden Neuerung. 

Mal sehen. Den Pfad verlassen: 250$; Hund von der Leine: nochmal 250$; Tiere stören: 500$; den Hund auf Tiere loslassen: nochmal zweihunderfuffzich. Macht: nen runden Tausender. Mein Urteil: zu teuer! Cocos Urteil: doof!

Trotzdem war das ein ganz erstaunlicher Ausflug. Über uns fliegen die Flugzeuge von drei nahen Flughäfen: Von San Francisco im Norden, San Jose im Süden – und dann sind da noch die vielen Sportflugzeuge, die an den Wochenenden rund um den kleinen Flugplatz von Palo Alto ihre Trainingsflüge absolvieren (Uff! Sieben Mal eine Form von „Flug“ oder „fliegen“ in einem Absatz; war nicht leicht. Ging aber trotzdem!).

Von der Sorte haben wir heute locker ein Dutzend über uns rüberfliegen sehen. Naja. Die meisten waren noch ein bisschen kleiner

Auch die ersten Schwalben haben sich eingefunden. Und zwar viele davon. Die Jahreszeiten sind hier in der Bay Area ohnehin eine merkwürdige Angelegenheit. Im November haben sich manche Bäume herbstlich bunt gefärbt (ganz so, wie man das als Europäer erwartet). Gleichzeitig kam aber auch der Regen nach langer Dürre. Die braunen, verbrannten Hügel haben sich innerhalb weniger Tage in ein sattes Frühlingsgrün gefärbt. Gefühlt hatten wir also Herbst und Frühling zugleich. Auch die entsprechenden Düfte haben sich vermischt. Psychologen nennen so etwas eine kognitive Dissonanz: Die Welt passt nicht recht zusammen. Was macht der Kopf? Er rückt sie so lange zurecht, bis wieder alles seine Ordnung hat! In meinem Fall hat der Kopf sein inneres Programm auf „Frühling“ gestellt. Der Zustand hält noch immer an. 

Seht Ihr die kleinen schwarzen Punkte? Nein. Es ist kein Schmutz. Das sind die Schwalben!

Das Naturschutzgebiet ist jedenfalls ein ganz seltsames Gelände. Es liegt halb im Tidegebiet der Bay (mit tüchtig unterschiedlichen Wasserständen zwischen Ebbe und Flut). Im Wasser schwimmen Enten und Rallen; Reiher stehen am Ufer. Manchmal sieht man Pelikane. Heute fliegt ein Truthahngeier durch die Luft. Zwei Kalifornische Ziesel huschen über die Wege. Ein Weißschwanzaar (White-tailed Kite) flattert über das Marschland. Ein ausgesprochen eleganter Vogel ist das. Ganz am Ende sehen wir noch einen Kalifornischen Eselhasen (Lepus californicus), dessen halber Körper aus Ohren zu bestehen scheint – und einen Kolibri, der links des Weges in den Büsche chillt.

Seht Ihr den Kolibri?

Vor ein paar Wochen haben wir hier – nach einem unfreiwilligen Irrweg durch die Binsen – Bill getroffen, einen Naturfreund und ehemaligen Vietnamkrieg-Gegner, den die lokale Presse als „the fox guy“ bezeichnet. Bill hat an der entlegenen Seite der Feuchtgebiete Kamerafallen aufgestellt, um das Schicksal eines Graufuchspaares zu dokumentieren, das die Binsen zu seinem Jagd- und Lebensraum gewählt hat. Hier hat die Kamera zum Beispiel die Begegnung eines der Füchse mit einer Katze dokumentiert. Coole Sache, schlauer Fuchs. Und wie man hören kann: Die Autobahn zwischen San Jose und San Francisco ist gleich um die Ecke. Verrückte Welt. 

Coco hat die Sache genossen. Aber ihre Klagen über unser Bildungssystem … die werd‘ ich mir jetzt noch über Wochen anhören müssen. Irgendwas is immer.

„Mir stinkt’s!“, sagt Coco