bookmark_border67 Hundehaufen und ein wenig Tischtennis

In den vergangenen Tagen ist es wärmer geworden, was den Schnee schmelzen ließ. Dies ist Jahr für Jahr das Signal für eine etwas lästige Vorübung für die Ostertage. Denn Coco, die Hündin, pflegt bei ihrem täglichen Morgengang übers Grundstück das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden, die Resultate verbirgt für ein paar Wochen der Schnee. Nach dem Tauwetter schnappt sich der Mensch also eine Schaufel, um den Rasen zu säubern. Heute waren’s am Ende 67 Hundehaufen.

Was ich damit sagen will: Viele Dinge sehen am Anfang weiß und geschlossen aus, wie eine lineare Geschichte, bei der ein Element sich ohne Naht und Saum an das andere reiht. Aber wenn man dann eine Weile wartet, verschwindet die geschlossene Erzählung. Dann nimmt man die Schaufel um räumt den Unrat beiseite. Haufen für Haufen.

Man kann natürlich auch warten, bis Zeit und Kleinstorganismen den Job gemeinsam erledigen. Man muss dann halt etwas länger drauf achten, nirgendwo reinzutreten.

Das geht auch.

Manchmal lese und sehe ich Dinge in den Nachrichten und denke mir still: Mal sehen, was zutage tritt, wenn der Schnee schmilzt. Und wer dann alles wegräumt.

Ansonsten war ich beim Tischtennis. In Amerika gelten dabei genau dieselben Regeln wie bei uns. Aber die sozialen Regeln drumherum sind ein wenig anders. In Hamburg, wenn ein Neuer auftaucht, spricht ihn jemand an und fragt ihn, ob er nicht ein paar Bälle spielen will. So läuft es in Deutschland.

In Amerika läuft es anders, zumindest wenn, wie gestern, mehr Menschen als Plätze in der Halle sind. Dann stellt man seinen Schläger an die Seite einer Platte. Die beiden Spieler müssen dann sofort ein Match beginnen. Wer verliert, räumt den Platz für den Neuen. Und dann spielt man da an der Platte, bis wer anders den Schläger an die Seite stellt und man selbst um seinen Verbleib in einen Wettbewerb treten muss.

Das klingt erstmal herzloser als bei uns, hat aber einen interessanten Effekt, den ich am Anfang nicht durchschaut habe. Die Regeln erziehen einen dazu, möglichst ein Paar von Spielern zu fordern, bei denen man denkt: Gegen beide könnte ich vielleicht gewinnen. Wenn man nämlich zu starke Spieler fordert, bleibt die Zeit an der Platte ein kurzes Vergnügen.

Man lernt nie aus.

bookmark_borderHappy End mit Stromausfall

Das Interessante an Büchern und Filmen ist ja, dass sie irgendwie „ausgehen“. Das hat uns als Kinder immer am meisten interessiert. Jemand hatte ein Buch gelesen, wir noch nicht. Wir kannten nur den Anfang oder ein paar Grundfiguren. „Und, wie geht’s aus?“ – das war die wichtigste Frage. Dasselbe im Fernsehen. Damals war’s ja so: Ein Film lief einmal – und wenn man nicht aufbleiben durfte oder den Film aus sonstigen Gründen „verpasst“ hatte, dann war es das eben für die nächsten Jahre. Vielleicht sogar für immer. „Wie ist es ausgegangen?“ Es war immer dieselbe Frage.

Ich persönlich wollte immer, dass es „gut ausgeht“.

Denn wir wissen ja alle, wie unser Leben endet: Man stirbt und ist dann tot. Man weiß es vorher. Wie also kann ein Leben „gut ausgehen“? „In den Himmel kommen“ schien mir als Chance zwar plausibel, aber auch relativ abstrakt. Die Panik vor der eigenen Sterblichkeit hat im Kindergarten angefangen und dann sehr lange angehalten. Jeder Film und jedes Buch, das zu Ende ging, fühlte sich an wie ein Probelauf dafür. Es war immer ein großer Verlust. Dass die Erzählung für die Heldinnen und Helden gut ausgegangen war, tröstete immerhin ein wenig. Die offenen Enden oder gar die „auf der letzten Seite sind dann endlich alle tot“–Variante hab ich stets als düstere Zumutung empfunden. Warum den Schmerz mit Absicht verdoppeln?

Dieser Tage in Michigan reden jedenfalls alle vom Wetter. Bis kürzlich war’s noch: kalt und trocken. Der Fluss komplett zugefroren, mehr als zehn Zentimeter dick die Eisschicht, wir haben einen jungen Mann gesehen, der mit dem Fahrrad über den See gefahren kam.

Heute zum Frühstück fielen dann die ersten Flocken.

Der Wetterdienst sagt, dass wir bis zum nächsten Frühstück bis zu 40 Zentimeter Neuschnee kriegen könnten. Das ist sehr viel Schnee für meine Verhältnisse. Hab vorhin die Zufahrt geschippt und „Weg gemacht“, wie man in meiner alten Heimat sagt. Der letzte Schnee war trocken, leicht und pulverig. Dieser Schnee ist eine schwere Pampe. Ich fürchte, er wird für manchen Baum eine zu große Last. Die Bäume knicken dann, sie fallen in Leitungen – und wir haben keinen Strom. So könnte es kommen, aber man weiß es halt nicht genau.

Ich hoffe, die Sache geht gut aus. Mit Stromausfall oder ohne. Jetzt erstmal: Holz ins Haus bringen. Kerzen bereitlegen, den kleinen Gaskocher aus dem Keller holen für alle Fälle. Hund und Katze haben es sich schonmal gemütlich gemacht.

bookmark_borderSegler auf dem Eis

Es ist tüchtig kalt dieser Tage. Der See ist seit Tagen zugefroren, und die Leute machen sich ihren Spaß daraus. Kinder spielen Eishockey. Am Samstag seh‘ ich hier zum ersten Mal zwei Eissegler. Der Wind ist schwach, aber wenn sie ne günstige Brise erwischen, dann nehmen die Jungs gut Fahrt auf. Klar eigentlich: So richtig viel Reibung gibt es nicht auf dem Eis.

Direkt am Damm macht der See unterm Eis merkwürdige, basslastige Geräusche. Unheimlich. Vielleicht liegt es an der Strömung, die unterhalb der Eisschicht immer noch Richtung Wasserfall drängt.

Gestern dann einmal um den See herumgewandert. Am anderen Ufer stehen die Eissegler. Das sind keine besonderes neuen Geräte, aber irgendwie hab ich das Gefühl, dass das ein sehr schönes Hobby sein kann.

Gerade nachgesehen. So richtig teuer müssen die Dinger gar nicht zu sein. Im Netz verkauft jemand aus Ohio zwei Boote inklusive Segel für je 500 Dollar.

Dann entdecken wir nah am gegenüberliegenden Ufer zwei Leute auf dem Eis, die sich merkwürdig bewegen. Sie tragen keine Schlittschuhe, so viel steht schon mal fest. Durch den Feldstecher wird dann klar: Es handelt sich um Eisangler. Sie bohren sich gerade ihre Löcher. Später dann sehen wir, wie sie ein Zelt über eines der Bohrlöcher stellen. Freunde haben mir erzählt, dass Eisfischen hier in Michigan ne große Sache ist. Auch cool, irgendwie.

Am Ende macht Coco einen kleinen Ausflug über den See, Neugier und Übermut treiben sie hinaus. Sie will, dass wir Stöckchen werfen. Sie bewegt sich tapsig und schlitternd wie ein Welpe. Das Eis macht alle wieder jung. Der Winter ist eine schöne Jahreszeit. Aber kalt.

Gestern haben sie hier im Übrigen den Präsidenten der Uni gefeuert. Er hatte wohl eine Affäre mit einer Mitarbeiterin. Und sie haben sich Sachen über die Geschäftsmail geschickt. Keine gute Idee. Viele der Mails stehen jetzt einfach so in der Zeitung und alle reden darüber. Es gefällt mir nicht. Ich finde es übertrieben. Aber das ist Kultur. Ich muss in den nächsten Tagen nochmal was dazu sagen.

bookmark_borderDie Sachen, die man früher geschrieben hat, gehören einem nicht mehr

Gestern wie üblich den Hund ausgeführt. Dabei am Straßenrand der Newport Road dieses alte Ackergerät entdeckt. Eine Mähmaschine. Halb verschneit. Ich vermute: eine McCormick. Ich hab mich vor ein paar Jahren mal mit so was beschäftigt und heute fällt mir auf, dass die Sachen, die man früher geschrieben hat, einem nicht mehr gehören.

Jetzt hab ich hier Feierabend gemacht und versucht, mich zu erinnern. Bei Nicki im Haus steht ein Exemplar des Buches, das ich vor sieben Jahren geschrieben habe. Es heißt „Und doch ist es Heimat“. Es geht um mein Heimatdorf 1945. Und das Kapitel 39 heißt tatsächlich „Die Mähmaschine“.

Ich habe es gerade gelesen und es fühlt sich seltsam an.

„Sie ruht unter Spinnweben und wird nie mehr erwachen. Noch erkennt man deutlich die versetzten Querstreben in den eisernen Hinterrädern und den einzelnen nach hinten gezogenen Metallsitz.“

So geht es los.

Hier sind die Hinterräder der Maschine in Ann Arbor. Sie sehen so aus, wie das Buch sie beschreibt.

Es fühlt sich alles seltsam an.

Das Kapitel handelt von einem Zwölfjährigen, der sich das Hemd seines Vater anzieht, um eine große Wiese zu mähen, „eine Arbeit, für die man zu zweit sein sollte, selbst wenn man schon erwachsen ist.“ Aber der Junge macht die Arbeit allein. Er leiht sich ein altes Pferd. Das Pferd ist schmutzig. Er macht es sauber. „Wir wollen fein aussehen, wenn’s gleich nach draußen geht.“

„Er striegelt und bürstet dem Tier die Nacht von den Flanken, aus der Mähne, aus dem Schweif. Dann legt er ihm das Zaumzug an und führt es hinaus auf den Hof, wo er gestern schon die McCormick bereitgestellt hat. Er schirrt den Gaul an, legt ihm das Kummet um den Hals, sichert mit dem Gurt am Schweif, hängt die Zügel ein. Sie Sense und die Gabel hat er an der Maschine festgemacht. Er steckt den Wetzstein in die Tasche …“

„Hermann öffnet das Hoftor, klettert auf den eisernen Sitz … 

… löst die Bremse, und dann geht es hinaus mit Pferd und Mähmaschine. Die Eisenräder rattern übers Pflaster der Oberen Gasse, während im Milchgrau des Morgens hier und da ein Hahn kräht aus den Hinterhöfen, wo es noch Hähne gibt.“

Ich lese ein paar Seiten und möchte einen Stift nehmen, um Passagen zu streichen und andere hinzuzufügen. Aber die inneren Bilder von damals kommen dann trotzdem ganz von selbst. Das geht husch, husch zwischen einem Wort und dem anderen. Und das Gefühl dahinter beim Schreiben und beim Ausdenken. Das Gefühl sagt: „Du bist noch nicht so weit. Aber Du muss trotzdem.“ Und im Moment fühlt es sich an, als wär’s ungerecht und zu viel. Aber hinterher denken die Alten über ihr Leben nach und genau diese Momente bleiben. Über diese Momente wollen sie reden. Über die Momente, wo sie zu jung waren und überfordert und wo sie trotzdem diese Erwachsenendinge machen mussten. Und ich erinnere mich an die Geschichte, die echte erlebte Geschichte, die mir das Grundfutter für das Kapitel gegeben hat. Der alte Mann hat sie mit Trauer erzählt, weil seine Kindheit keine war. Aber auch mit Stolz, weil er’s halt irgendwie doch hingekriegt hat.

Man muss beim Schreiben wieder zurückgehen zu den ganz einfachen Dingen. Zu den ganz archaischen Erfahrungen.

Jedenfalls. Da war eine alte Mähmaschine am Rand der Newport Road. Eine McCormick, wie ich vermute. Eine geschenkte kleine Zeitreise. Jetzt muss ich den Hund füttern.

bookmark_borderAngeblich können wir 4000 Wörter pro Minute denken

Dies ist eine Landkarte. Wir haben sie am Eingang des Waldes entdeckt, der in der Nachbarschaft rumsteht. Man kann sich damit prima orientieren. Die Landkarte ist ein Bild. Sie ist eine Sammlung von Gedanken. Sie ist viele Gedanken zugleich. Viele Gedanken, die miteinander zusammenhängen. All das macht die Welt um uns her auf einmal erklärbar und verstehbar. Man kommt nicht mehr vom rechten Wege ab. Eine meisterhafte Erfindung. Sie macht, dass ich Stolz empfinde auf die Menschheit und all ihre Hervorbringungen.

Dieser Tage hab ich ein Buch gelesen, das im nächsten Jahr in deutscher Übersetzung auf den Markt kommt. Geht mal wieder um Psychologie. Darin lese ich von einer Studie aus den 90er Jahren. Es geht um unsere Gedenken. Diese innere Stimme, die da die ganze Zeit vor sich hin plappert. Wie schnell redet diese Stimme eigentlich? Wie schnell können wir denken? Die Studie behauptet, dass wir innerhalb einer Minute 4000 Wörter denken können. Das ist wahnsinnig viel Stoff in sehr kurzer Zeit. 13 bis 14 Buchseiten in einer Minute. Ein ganzer Schinken wie „Krieg und Frieden“ in zwei Stunden. Irre.

Trotzdem fällt mir mal wieder auf, dass es einfach unmöglich ist, sehr viele Fragen in angemessener Tiefe zu durchdenken. Man schafft das immer nur für ein paar Dinge. Bei den meisten anderen Dingen schafft man es nicht. Und dann vergisst man natürlich fast alles wieder. Oder hat es gerade nicht parat. Der Geist ist ein Schreibtisch, bis obenhin zugemüllt mit Büchern, Heften und Aktenordnern. Und klar: Da können immer nur ein paar Bücher, Hefte oder Ordner ganz oben liegen. Den Rest müsste man erstmal suchen, um drin lesen zu können.

Deshalb sind wir wahnsinnig schlau und wahnsinnig dumm zugleich.

Ob die Sache mit den 4000 Wörtern stimmt, weiß natürlich kein Mensch. Die Methode der Studie überzeugt mich nicht besonders. Wenn heute ein Forschungsteam versuchen würde, dieselbe Sachen rauszukriegen, würde vermutlich eine ganz andere Zahl rauskommen. Man darf gerade in den weichen Wissenschaften nicht alles so wörtlich nehmen.

Ne gute Story ist es trotzdem.

Ich brauch noch ein Geschenk für Weihnachten. Oder zwei.

Mein Gehirn braucht für diesen Gedanken nur den Bruchteil einer Sekunde. Aber wenn ich dran denke, dass ich das Zeug auch wirklich besorgen muss, fühle ich mich wie Coco aufm Sofa. Hundemüde.

bookmark_borderDer Advent hat noch nicht angefangen – und schon ist er vorbei

Der Hund und die Katze haben es sich gemütlich gemacht. Der Advent juckt sie nicht. Mich aber schon: Er ist vorbei, ehe er richtig angefangen hat. Ich bin bestürzt.

Woran liegt’s? Mal wieder daran, dass a) zu viel Arbeit war und ich b) so doof war, sie auch noch zu machen. Das ist eine ungünstige Kombination, wenn man sich innerlich aufs Weihnachtsfest vorbereiten will. Plötzlich sitzt man unterm Christbaum und denkt heimlich an die nur halb abgehakte To-Do-Liste. Scheiß-Kapitalismus!

Das Wetter dagegen hat letzthin mächtig den Zaunpfahl geschwungen. Gestern zum Beispiel waren die Zweige vereist, was sehr schön aussah.

Von der Brücke über dem Huron River hingen kleine Eiszapfen, als hätte das Eisengeländer einen schlimmen Schnupfen und keine Taschentücher dabei.

Und hier dasselbe nochmal flussabwärts geknipst:

Also: Kekse gebacken. Meine Mutter hat mir ein Rezept zugeschickt. Dann waren aber nicht alle Zutaten am Start. Keine Zitrone mehr im Haus. Also den Saft aus einer dieser Plastikflaschen genommen. Keine Haselnüsse da. Also ein paar Walnüsse in der Tüte kleingekloppt. Vanillin-Zucker gab’s auch nicht (was ist los mit Dr. Oetker???). Und das Mehl hier ist auch irgendwie anders als das Mehl in Deutschland. Im Moment lautet meine Faustregel, dass ich ungefähr 30 Prozent mehr Mehl reinkippen muss, um vergleichbare Ergebnisse zu erzielen. Muss mich mal schlau machen, woran das eigentlich liegt. Ausstechformen waren auch keine da. Also ein Sektglas genommen. War zu groß. Aber egal. Die Kekse sind sehr lecker geworden.


Jetzt muss ich nur noch in die Stadt, um Geschenke zu besorgen.

Omikron wird keine Welle, sondern eine Wand, hab ich heute in der Zeitung gelesen.

Hab also versucht, ne Booster-Impfung zu kriegen. Im Netz rumgemacht. Zu Apotheken gefahren. Rumgefragt. Aber es hilft alles nix. Sie boostern mich erst, wenn genau sechs Monate seit der Zweitimpfung vergangen sind. Keinen Tag vorher. Die Amerikaner sind manchmal deutscher als die Deutschen, wenn ich nicht dabei gewesen wäre, ich würd’s nicht glauben.

Naja.

Back ich bis dahin halt noch n paar Kekse.

bookmark_borderOmikron und alles hält den Atem an

Am Samstag kamen die ersten Meldungen zu Omikron. Da war ich noch bei meinen Eltern in Süddeutschland. Freunde haben mich angeschrieben und gesagt: „Da braut sich was zusammen. Sieh zu, dass Du nach Amerika kommst.“ In Amerika wohnt meine Lebensgefährtin. Ich wollte nicht nochmal 13 Monate travel ban von Hamburg aus erleben. Also bei KLM angerufen und meinen Flug um ne knappe Woche vorverlegt. Ja, ich weiß: Es ist unglaublich, dass all diese Dinge überhaupt möglich sind. Über den Teich fliegen. Überhaupt sagen können: Ich will lieber fünf Tage früher. Alles ein Wahnsinn. Gemacht hab ich’s trotzdem.

Zwischenstopp in Amsterdam und dort meine Tochter getroffen. Hab’s sie lange nicht gesehen und sehr vermisst. Sie hat das folgende Bild aufgenommen. Sieht man mir die Freude an?

Jetzt bin ich jedenfalls wieder in Michigan. Halte mich noch fern von den Menschen, man weiß nicht, ob ich mir unterwegs was eingefangen habe. Denn das Flugzeug übern Teich war voll bis auf den letzten Platz. Was hab ich dort erlebt? Mal sehen: Neben mir saß ein Mann, der sehr viel geschlafen und dabei geschnarcht hat. Irgendwann hab ich dann nochmal zu ihm rüber geguckt. Er hat immer noch geschnarcht aber seine Augen waren offen. Auf seinem Monitor lief „The Fast and the Furios“. Er ist der erste Mensch, den ich dabei beobachte, wie er auch im Wachzustand noch schnarcht.

Dann muss man ein Wort über die Einreise sagen. Ich hab das ja schon ein paar Mal gemacht, aber es ist immer noch stressig. Weil man manchmal halt an Leute gerät, die ihren Job sehr verbissen sehen und dann muss man auf einmal sehr viele Fragen beantworten und der Ton wird von Satz zu Satz schärfer und unangenehmer. Die Beamten haben wahnsinnig viele Befugnisse und es gibt keine zwei Meinungen darüber, wer in dieser Situation das Sagen hat. Ich jedenfalls bin das nicht.

Es ist jetzt 17 Monate her, dass ich das letzte Mal aus Europa direkt in Detroit gelandet bin. Und dort dann – huch! Wo sind die ganzen Maschinen geblieben? Sonst musste man immer an irgendwelche Geräte gehen, die wie Geldautomaten aussahen. Ausweis scannen, Boarding Card, Fingerabdrücke, Grund der Einreise, das ganze Programm. Dann wieder in der Schlange stehen und schließlich: das Einzelinterview, also die Sache mit den Fragen. Manchmal waren’s nur drei, manchmal waren’s 20 oder 30.

Diesmal aber: keine Datenautomaten mehr. Mehr Schalter offen. Kürzere Schlangen. Es ging alles wahnsinnig schnell. Der Beamte hat mir zwei Fragen gestellt. Vielleicht auch drei, das weiß ich nicht mehr. Dann: „Welcome to the United States.“ Stempel in den Pass – fertig. Er wollte nicht mal meinen Impfpass sehen, auch nicht meinen negativen Covidtest. Ich musste lediglich vor dem Abflug einen Zettel ausfüllen und bestätigen, dass ich beides dabei hab. Sehr seltsam.

Jetzt sitze ich hier bei meiner Lebensgefährtin, Arbeitsbeginn irgendwann zwischen sechs und acht. Am Nachmittag ein Spaziergang runter zum Fluss. Das Licht war heute ganz abenteuerlich, der Regen hat am Vormittag den Schnee weggespült. In der Nacht hat man die Coyoten gehört. Dazu mehr am Wochenende. Bin froh wieder hier zu sein. Und Coco, die Schäferhündin, freut sich auch. Sie ist ein sehr guter Hund.

Dieser Satz wird nicht gut altern, aber ich schreib ihn trotzdem auf, weil man solche Sachen im Nachhinein gerne vergisst: Mit der neuen Variante scheint alles möglich zu sein. Omikron ist da und alle halten den Atem an. Vielleicht verändert sich die ganze Pandemie. Vielleicht wird sich das Virus dadurch auch verharmlosen, hat man alles schon gesehen. Oder der Mist fängt jetzt erst richtig an. Man weiß es einfach nicht. Und so richtig vorstellen kann man es sich eh nicht. Also tun wir einfach so, als wär‘ bald Weihnachten wie immer.

bookmark_borderAuf dem See schwimmt ein Kanu aus Beton

Gestern in Ann Arbor einen Spaziergang um den schönen Argo Pond gemacht. Am Steg liegt ein Paddelboot, das deutlich schnittiger aussieht als die bunten Plastikboote, in denen die Menschen hier normalerweise sitzen. Das Boot scheint mir zunächst aus Metall zu sein. Es macht mich jedenfalls neugierig, und weil ich gerne mit Fremden rede, hab ich die jungen Leute angequatscht, die um das Boot herumstanden. Und siehe da:

Das Kanu ist aus Beton! Ich habe zwar schon mal davon gehört, dass so was funktioniert, aber gesehen hab ich’s, glaub ich, noch nie. Die jungen Leute studieren an der hiesigen Uni Bauingenieurwesen. Und da gibt’s tatsächlich eine eigene Gruppe von Verrückten, die regelmäßig solche Boote bauen, um an irgendwelchen Betonboot-Meisterschaften mitzumachen.

Deborah, die zur Gruppe gehört, sagt: Dies ist das erste Mal, dass sie das Boot überhaupt zu Wasser lassen. Sie machen jetzt alle möglichen Tests, um über Winter ein noch besseres Ding zu bauen und im April bei den nächsten Meisterschaft ordentlich abzuräumen.

Ich hab später zugesehen, wie sie damit über den See gepaddelt sind. Klar, so ein Betonboot ist viel schwerer als ein Plastikboot. Aber alles in allem hat die Sache auf dem Wasser nicht unelegant ausgehen. Ist es nicht toll, wenn man im Studium solche Sachen machen kann und mit Spaß und in einer tüchtigen Gruppe gut wird in seinem Beruf? Mich begeistert so was immer.

Später kurz gegoogelt: Soooo neu sind Betonboote gar nicht. In den USA gibt es entsprechende Meisterschaften schon seit den 1980er Jahren. Verrückt, was man alles nicht mitkriegt.

Am Ufer des Sees flaniert außerdem eine stolze Gottesanbeterin. Sie ist gut getarnt, weshalb ich einen Kreis um sie gemacht habe. Heftiges Tier.

Auf dem Weg zurück überqueren wir wild die Bahnstrecke nach Chicago (siehe unten). Wir machen das andauernd, alle machen es so. Ich hab mir nie was dabei gedacht. Aber. Auf dem Spaziergang treffen wir eine Hundebesitzerin, die ich früher häufiger gesehen habe. Sie ist damals – vor der Pandemie – immer mit einer sehr schönen Schäferhündin spazieren gegangen. Jetzt hat sie einen anderen Hund. Was ist mit dem alten passiert? „Wurde vom Zug überfahren“, sagt sie. Und zwar so. Es ist ein windiger Tag – der Wind verbläst Tennisbälle und Geräusche. Sie wirft den Ball, der Ball fliegt weiter, als er soll, die Hündin folgt ihm über die Gleise, der Zug kommt ohne Signalhorn ums Eck – und zack. Sie lag dann am Ende tot am Damm, den Ball noch im Maul, sagt die Besitzerin. Traurig.

Jetzt lagen meine Wahlunterlagen im Briefkasten. Gerade bei FedEx gewesen. Kriegen sie das Ding bis Samstag zurück nach Hamburg? Die Mitarbeiterin weiß es nicht. „Heute am Sonntag geht eh nix raus.“ Aber morgen kommt der Chef wieder. Vielleicht kriegt er die Sache hin. „Wird jedenfalls nicht billig“, sagt die FedEx-Frau. Bin gespannt, was ihr Chef morgen zu sagen hat (die Wahlscheinnummer im Bild hab ich retuschiert).

bookmark_borderLangweilige Lebensbilder

In den sozialen Medien teilen Menschen dieser Tage Schwarzweißbilder ihres Alltags. Spannend. Meine Bilder sind dagegen langweilig – genau so wie weite Teile meines Lebens. Auf Facebook heißt es: Keine Erklärung zu den Bildern. Das geht natürlich nicht. Ich bin ein Mann des Wortes. Oben also: Jochen arbeitet an einem neuen Projekt und verzweifelt daran.

Buddha sagt: Alles ist eins. Geschirr benutzen, Geschirr abwaschen, Geschirr wegräumen, Geschirr benutzen usw.

Buddha sagt … ach, hatten wir schon. Also: Oben der Topf, unten die Schüssel. Alles ist eins.

Aber sauber muss alles sein!

Apropos. Heute hatte ich doch glatte DREI Diskussionen darüber, wer eigentlich die bekanntesten Deutschen sind. Mit meinem Sohn zusammen getippt: Beethoven, Goethe, Hitler (sorry).

Dann zwei Mal bei Leuten aus Michigan nachgefragt. Sie sagen ALLE erstmal Hitler. Unglaublich, eigentlich. Dann kommen nach einigem Nachdenken: Beethoven und Goethe, der für Amerikaner aber schwer auszusprechen ist.

Außerdem hörte ich: Bach, Gutenberg, Wernher von Braun – und Friedrich der Große. Und Angela Merkel. Und Hermann Hesse. Und auf Nachfragen kriegt man auch noch ein Nicken für Thomas Mann. Aber nur, weil man es in Ann Arbor mit verdammten Intellektuellen zu tun hat. Schon Bismarck kennt keine Sau. Auch Schiller nicht. Freud kennen alle. Aber: Österreicher.

Also jetzt. Für Beethoven: das Klavier.

Und weil mit Bach ein zweiter Komponist genannt wurde, schmeiß ich auch noch die Gitarre mir rein.

Außerdem. Die USA sind ein gespaltenes Land. Der gelehrte Richard Florida hat kürzlich gesagt: Wir Amerikaner müssen akzeptieren, dass wir nicht mehr miteinander reden können. Dass wir über uns viele Dinge niemals werden einigen können. Wir können uns nur darüber einigen, wie man Schlaglöcher repariert. „There’s no republican or democratic way to pave the roads.“ Heißt: Auf lokaler Ebene kann man praktisch nicht unterscheiden, zu welcher Partei ein Bürgermeister eigentlich gehört. Die Erfahrung hab ich in Deutschland auch gemacht. Erst auf Staatsebene laufen die Meinungen so richtig auseinander. Deshalb sollte man mehr Macht von der Zentralregierung abziehen und an die Kommunen, Kreise, Bundesländer geben. Keine Ahnung, ob das so komplett bis zum Ende durchgedacht ist. Aber interessant ist es doch.

Einstweilen leben die Leute halt zusammen wie Hund … 

… und Katze.

Am Morgen trinkt man seinen Kaffee … 

… spät am Abend putzt man sich die Zähne.

Und so wird aus Abend und Morgen ein neuer Tag. Alles ist eins. Sagt Buddha.

bookmark_borderDer Roboter macht die Hütte sauber – und trinkt uns das Bier nicht weg

In den letzten drei Wochen hab ich mich überwiegend mit Robotern beschäftigt. Das sind noch Nachwehen aus der Zeit in Kalifornien. Anfang März – ein paar Tage, bevor dort der Lockdown kam – war ich an der UC Berkeley auf der Techcrunch-Session über Roboter und Künstliche Intelligenz. Hier sieht man mich rechts im Bild. Ich scheine zuzuhören (einige Leute auf dem Foto machen irgendwie gerade andere Sachen).

Dort wurden abgefahrene Geräte vorgestellt. Etwa ein Greifarm, der bald Steine auf dem Mond aufsammeln soll. Und Käse, wenn er welchen findet.

Es gab auch eine Premiere. Ein paar Jungs haben einen Roboter präsentiert, der Klos putzen kann. Man geht vorher mit ner Spezialkamera durch seinen Bürokomplex. Der Roboter wird auf die dort aufgenommenen Daten trainiert – und findet sich dann super zurecht und weiß, wo er putzen soll und wo nicht. Nachts, wenn alle anderen schlafen. Also. Zumindest theoretisch.

Irgendwie scheint mein Gequatsche über Roboter Nicki inspiriert zu haben. Bald bin in wieder in Deutschland. Wer soll dann das Haus sauber machen? Genau: ein Roomba (ich habe für eine Geschichte gerade mit einem Typen geredet, der diesen Staubsauger-Roboter sozusagen erfunden hat).

Jetzt macht das Ding die Hütte sauber – und trinkt im Gegensatz zu mir keinem das Bier weg. Coco hat ein kritisches Auge auf den neuen Mitbewohner geworfen.

Und auch Theo, der Kater, war nur halb begeistert von diesem Ding.

Mal sehen, wie sich das Ding auf Dauer schlägt.

Schwer zu sagen, ob Roboter wirklich „die Zukunft sind“, wie man so sagt. Aber in einigen Lebensbereichen sind sie das ganz bestimmt. Wenn vorher die Welt nicht untergeht. Meine Meinung.