bookmark_borderLeidenschaft für Pasta

Wenn man wissen will, was einen von innen her antreibt, dann kann man ins Internet gehen und einen Fragebogen ausfüllen. Der „Charakterstärkentest“ der Uni Zürich dauert ewig und nervt enorm – aber die Ergebnisse können wahnsinnig erhellend sein. Ich habe daraus jedenfalls einige Dinge über mich gelernt, zum Beispiel, dass ich mich wahrhaft und mit unerschöpflicher Energie begeistern kann, wenn jemand anders etwas richtig, richtig toll macht.

Und genau sowas ist mir jetzt wieder mal begegnet. Ich hab jemanden getroffen mit maximaler Leidenschaft für Pasta. Zum Beispiel für diese Pasta hier. Sie befand sich in seinem Familienkühlschrank, er hat sie mir geschenkt.

Und das kam so: Nicki und ich waren in San Francisco auf der SPSP, der wichtigsten Forschungskonferenz für Sozial- und Persönlichkeitspsychologie. Und durch eine Verkettung von Zufällen fand ich mich plötzlich wieder am Abend in einem kleinen Privat-Häuschen, in dem ich außer meiner Partnerin praktisch keinen kannte.

Die Gastgeber hatten eine Dachterrasse, von der aus man über die Bay und die halbe Stadt gucken konnte. Es war sozusagen eine „Bayview“-Terrasse. Die Leute waren alle gut drauf und mit besten Absichten unterwegs.

Und dann bin ich ins Gespräch mit dem Gastgeber Joshua gekommen und wir haben uns, wie das so zu gehen pflegt, auf einmal festgequatscht über gutes Essen, einfaches Essen, ehrliches Essen. Es hat sich rausgestellt: Es ist gelernter Koch. Aber seit ein paar Jahren hat er seine eigene kleine Firma, er macht Vollkornpasta. Angefangen hat die Sache damit, dass er Weizen von irgendwelchen Bauern aus der Gegend gekauft und mit einer Handmühle zu Mehl gemahlen hat. „Ich verstehe nicht, warum nicht alle ihre eigene Handmühle haben“, sagt er. Und wenn ich so drüber nachdenke … dann versteh ich das auch nicht. Mein Kumpel Kai hat eine eigene Mühle und macht sich daraus seine eigenen Haferflocken, was tatsächlich viel, viel besser schmeckt als das Zeug aus Elmshorn.

Joshua hat mir jedenfalls ein paar Packungen aus seinem eigenen Kühlschrank mitgegeben, einfach so zum Probieren.

Ich bin im süddeutschen Spätzle-Gürtel aufgewachsen und habe sowohl in Hamburg als auch Michigan meine eigene Spätzlemaschine in der Küche liegen. Sie bleiben nie lange unbenutzt. Ich bin Traditionalist und rühre Vollkornzeug nicht an.

Eigentlich. Denn DIESES Vollkornzeug hier ist einfach der Hammer. Die Pasta schmeckt intensiv und nach einem Boden, den man selbst mit dem Spaten umgegraben hat. Die Textur ist zart und rund und schmeichelnd. Ich habe nicht gewagt, eine Soße über die Pasta zu kippen. Nur ein bisschen Olivenöl und ein bisschen Parmesan. Es war ganz toll.

Hier hab ich einen Screenshot von Joshuas Homepage gemacht, also: von seiner Firma „Bayview Pasta“. Seht Ihr das Logo auf der Homepage? Es zeigt Joshuas Handmühle.

Und hier noch ein zweiter Screenshot, der Meister im Mehl. Ich hab ihn vollgelabert mit Vermeer, der immer wieder Menschen wie ihn gemalt hat. Menschen, die allein in einem Raum abhängen mit nur einer Lichtquelle und dabei ihrer Aufgabe nachgehen, ihrer Tugend, ihrer Bestimmung. Das gute Leben als Gemälde. Naja.

Man kann seine Sachen nur in San Francisco kaufen, sagt er. Es gab Anfragen von anderswo. „Aber was soll ich das Getreide aus Kalifornien nach sonstwohin fahren lassen? It doesn’t make any sense.“

Jedenfalls … wenn ich Leute wie Joshua treffe, dann ist das Leben schön und ich kann nicht anders, als die Geschichte weiterzuerzählen.

Und morgen geh ich los und kaufe meine eigene Getreidemühle. Vielleicht.

bookmark_borderWer will nen Laden in San Francisco aufmachen?

Gestern nen krassen Spaziergang durch die Oakland Hills gemacht. Man hat da diesen Blick über die San Francisco Bay. Oben auf dem Bild sieht man z.B. die Golden Gate Bridge und rechts davor Alcatraz mitten im Wasser. Es ist wahnsinnig schön hier und ich verstehe, warum so viele Menschen versuchen, sich in dieser Gegend niederzulassen.

Wir sind hier, weil wir der SPSP-Konferenz beiwohnen. Das ist eine Forschungskonferenz, bei der viele schlaue Menschen ihre Studien aus der Sozial- und Persönlichkeitspsychologie vorstellen. Ich war schon häufiger dabei und hab jedesmal irre viel gelernt und – klar – auch neue Geschichten mitgebracht, zum Beispiel für Psychologie Heute oder P.M.

Seit ner Woche hab ich auch diesen Psychologie-Podcast bei Audible am Start. Er heißt „Sag mal, Du als Psychologin“ und ich unterhalte mich dabei mit Barbara Lich und Muriel Böttger über alle möglichen Psycho-Themen. In Folge eins: über Persönlichkeit. In Folge zwei: über Motivation. Diese Folge ist seit heute abrufbar. Checkt es aus und schreibt mir was dazu. Wir fangen erst an damit und können in Zukunft bestimmt viele Dinge besser machen. Vielen Dank für Eure Hilfe!

Ein Wort über den Zugang: Man braucht ein Audible-Abo, um den Podcast zu hören. Das ist einerseits schade, aber andererseits … kann man auch einfach ein kostenloses Probeabo abschließen und sich einen Reminder für in zwei, drei Wochen in den Kalender schreiben. Dann kündigt man wieder und der Spaß kostet gar nix. Und vielleicht bemerkt man unterwegs, dass einem viele der Sachen dort gefallen und dann bezahlt man halt Geld dafür und macht weiter. Alles ist möglich und wer weiß, wohin es führt.

Jedenfalls: Heute in der Mittagspause einen Spaziergang durch San Francisco gemacht. Ganz stumpf: einfach die Market Street runter zum Fähranleger – wie alle Touristen. Ich hab das schon ein paar Mal gemacht in meinem Leben. Vor zwei Jahren haben Nicki und ich ja ne Weile im Silicon Valley gewohnt, bevor uns die Pandemie von dort vertrieben hat.

Die Gebäude in San Francisco sind immer noch hübsch. Manche von ihnen können reden. Dieses Gebäude zum Beispiel sagt: Der S&P 500 hat einen schlechten Tag.

Ich hingegen habe keinen schlechten Tag, denn ich kann mich draußen bewegen, mir einen Kaffee aus einem der Läden holen, mir ein belegtes Brot kaufen, und das belegte Brot schmeckt ausgezeichnet. Außerdem scheint die Sonne, ich lebe also, wie man so sagt, ein sehr privilegiertes Leben. Daran besteht überhaupt kein Zweifel.

Dennoch komme ich nicht umhin, ein paar Dinge zu bemerken. Zum Beispiel: Vor rund zwei Jahren war hier mehr los. Viel mehr. Wer will nen Laden in San Francisco aufmachen? Keiner! Ich fange irgendwann an, Fotos von all den leerstehenden Läden zu machen. Auf der Market Street gibt es eigentlich keine leerstehenden Läden. Denn dies hier ist eine supersupersupertolle Lage. Zumindest war das vor der Pandemie so. Jetzt hingegen:

Außerdem nehmen die Straßenhändler am Ferry Building nur Bargeld und keine Kreditkarten. Ähhh. Moment. Nein. Es ist genau umgekehrt. Die Straßenhändler nehmen gar kein Bargeld mehr. Es passt alles nicht so richtig zusammen.

Immerhin hab ich hier auf der Konferenz schon ein paar richtig tolle Vorträge gehört.

Über einen der vielen Gründe, warum Frauen seltener als Männer befördert werden.

Über Fake News in den sozialen Medien.

Über ein hammertolles Projekt aus dem Irak, wo man junge Christen und Muslime über gemeinsame Fußballmannschaften wieder miteinander ins Gespräch und sogar in Freundschaften gebracht hat.

Über Interventionen, mit denen man junge Leute dazu bringen kann, weniger zu saufen.

Über Paare während der Pandemie: Wer ist gut durchgekommen und wer nicht (erwartbar: Paare mit Kindern hatten es während der Lockdowns erheblich schwerer als Paare ohne Kinder)?

Dann war da noch dieser wirklich sehr detaillierte Vortrag über die Rolle der Dankbarkeit in romantischen Beziehungen. Ich sehe schon die Überschrift vor meinem inneren Auge: „Wie Dankbarkeit die Liebe stärkt“. Würd‘ ich lesen wollen … aber man weiß nie so richtig, welche Forschungsrichtung am Ende den Zuschlag der Redaktionen kriegt.

Und dann gab’s bei einem der Kaffeehöker noch ne Lebensweisheit to go – ganz umsonst. Life is good.

bookmark_borderWas bedeutet „Zusammenglück“?

Als Kalifornien gerade mal nicht brannte – aus der Luft sah man nördlich von San Francisco nur noch zwei, drei Aschehaufen kokeln – und als auch das Virus dort noch nicht richtig angekommen war, da bin ich immer mal wieder Yukiko Uchida begegnet, die sich gerade als Fellow an der Stanford University aufhielt. Sie hatte ihr Büro auf demselben Professoren-Zauberberg wie meine Lebensgefährtin. Mittagessen gab’s hinter den Fenstern, an denen die Luftschlangen hängen.

Yukiko kommt aus Japan, bei einem dieser Mittagessen hat sie mir von ihrer Arbeit erzählt. Sie ist Psychologie-Professorin und erforscht, wie glücklich die Menschen in verschiedenen Gegenden der Welt sind. Was ich besonders bemerkenswert fand: Unsere westliche Vorstellung von Glück, so sagt sie, spielt in Japan kaum eine Rolle. Damit kann man dort wenig anfangen.

Das hat mich sehr interessiert. Wollen die Japaner nicht glücklich sein? Komische Vorstellung.

Einige Wochen später habe ich dann für Psychologie Heute ein längeres Interview mit Yukiko gemacht. Der Großraum San Francisco war da schon im Lockdown, wir sprachen also per Zoom. Und dabei ging es vor allem über den Begriff der „interdependent happiness„, über den Yukiko eine Reihe von Studien publiziert hat. Ich habe dafür das deutschen Wort „Zusammenglück“ gewählt.

„(Zusammenglück) erlebt jemand, der glaubt, dass es den Menschen in seinem Umkreis gutgeht. Dass sie einen wertschätzen. Wenn man das Gefühl hat, dass man die Menschen in seinem Umfeld ein bisschen glücklicher macht. Dass man im Alltag keine allzu großen Ängste empfindet. Und dass man seine Ziele verfolgen kann, ohne anderen damit zu schaden.“

Yukiko Uchida in Psychologie heute #10/2020

Vereinfacht gesagt: Wenn wir im Westen glücklich sind, geht es uns vor allem um uns selbst. Nicht so sehr um die anderen. In Japan geht es viel mehr um die anderen. Und erst dann um uns selbst.

Damit kann ich eine Menge anfangen. Ich will nicht behaupten, Japaner zu sein. Aber ich bin in einem Bauerndorf in der Nähe von Karlsruhe aufgewachsen (heute ist es kein wirkliches Dorf mehr, sondern fast eine Kleinstadt). Und auch dort galt die unausgesprochene Regel, dass die Familie im Zweifel wichtiger ist als man selbst, der Clan wichtiger als die Familie – und das Dorf wichtiger als der Clan. Ich bin meiner Herkunft nach also Kollektivist. Und jetzt mal unter uns gesagt: So was wird man sein Leben lang nicht mehr los.

Yukiko glaubt jedenfalls, dass unser westliches Glückskonzept dann besser funktioniert, wenn die Dinge gut laufen. Es schafft mehr Kreativität, mehr Risikobereitschaft – und deshalb auch mehr Wirtschaftswachstum. In großen Krisen, so meint sie, funktioniert die japanische Variante aber besser. Weil wir während der Pandemie oder im Klimawandel nur kollektiv klarkommen werden. Zusammenglück gelingt, so glaubt Yukiko, „indem man permanent darüber nachdenkt, wie gut es den anderen gerade geht. Nicht nur immer ‚ich, ich, ich‘.“

Das komplette Interview mit ihr ist gerade in der Oktober-Ausgabe von „Psychologie Heute“ erschienen.

bookmark_borderDer Roboter macht die Hütte sauber – und trinkt uns das Bier nicht weg

In den letzten drei Wochen hab ich mich überwiegend mit Robotern beschäftigt. Das sind noch Nachwehen aus der Zeit in Kalifornien. Anfang März – ein paar Tage, bevor dort der Lockdown kam – war ich an der UC Berkeley auf der Techcrunch-Session über Roboter und Künstliche Intelligenz. Hier sieht man mich rechts im Bild. Ich scheine zuzuhören (einige Leute auf dem Foto machen irgendwie gerade andere Sachen).

Dort wurden abgefahrene Geräte vorgestellt. Etwa ein Greifarm, der bald Steine auf dem Mond aufsammeln soll. Und Käse, wenn er welchen findet.

Es gab auch eine Premiere. Ein paar Jungs haben einen Roboter präsentiert, der Klos putzen kann. Man geht vorher mit ner Spezialkamera durch seinen Bürokomplex. Der Roboter wird auf die dort aufgenommenen Daten trainiert – und findet sich dann super zurecht und weiß, wo er putzen soll und wo nicht. Nachts, wenn alle anderen schlafen. Also. Zumindest theoretisch.

Irgendwie scheint mein Gequatsche über Roboter Nicki inspiriert zu haben. Bald bin in wieder in Deutschland. Wer soll dann das Haus sauber machen? Genau: ein Roomba (ich habe für eine Geschichte gerade mit einem Typen geredet, der diesen Staubsauger-Roboter sozusagen erfunden hat).

Jetzt macht das Ding die Hütte sauber – und trinkt im Gegensatz zu mir keinem das Bier weg. Coco hat ein kritisches Auge auf den neuen Mitbewohner geworfen.

Und auch Theo, der Kater, war nur halb begeistert von diesem Ding.

Mal sehen, wie sich das Ding auf Dauer schlägt.

Schwer zu sagen, ob Roboter wirklich „die Zukunft sind“, wie man so sagt. Aber in einigen Lebensbereichen sind sie das ganz bestimmt. Wenn vorher die Welt nicht untergeht. Meine Meinung.

bookmark_borderNie wieder so ne ruhige Kugel wie heute

Letztes Jahr im November war ich bei der „Dreamforce“, der großen Konferenz von Salesforce in San Francisco. Salesforce ist eine Firma, die in Software macht. Mit ihren Programmen kann man seine Kunden besser managen. Wer länger nicht in San Francisco war: Downtown steht da heute ein sehr, sehr großes Hochhaus, das da vor zehn Jahren noch nicht stand, der mit Abstand höchste Klotz der Stadt. Das ist der Salesforce-Tower. Und nicht nur die Hütte, auch die Firma ist ein Gigant. Um mich und andere Presseleute zu beeindrucken, haben sie uns erstmal im Aufzug ganz nach oben fahren lassen. Dort ist das Aufmacherfoto entstanden. Bei dem Ausblick denkt man ganz automatisch, dass man irgendwie was Besonderes ist. Und dass man etwas Beindruckendes leisten sollte in seinem Leben.

Und wie die Leute da ihre Arbeit organisiert haben! Die meisten haben keinen festen Schreibtisch. Man kommt am Morgen zu seinem Schließfach …

… und dann erfährt man per App innerhalb weniger Sekunden, wo man heute am besten sitzen sollte. Wo am meisten Platz ist, wo die anderen Leute sind, mit denen man sich heute unterhalten sollte usw. Das war voll so „Zukunft der Arbeit“, nur halt in der Gegenwart. Und naja, auch: Vor-Corona. Das wusste damals aber noch keiner.

Auch interessant: Die hatten auf jedem Stockwerk einen eigenen Meditationsraum. Da konnte man reingehen und meditieren. Der Firmengründer meditiert selber und hält seine Leute dazu an, ihre Seele im Gleichgewicht zu halten. What’s not to like?

Warum ich das alles erzähle? Am ersten Tag hatten wir eine Pressekonferenz, auf der wichtige Leute schlaue Sachen gesagt haben. Über Daten und Innovation und das Zeitalter der digitalen Disruption und all so was.

Und einer der Leute hat einen Satz gesagt, der mich dieser Tage mit einiger Wucht eingeholt hat: „Ihr glaubt, wir leben in verrückten Zeiten. Tun wir aber nicht. Wir werden nie wieder so ne ruhige Kugel schieben wie heute. Die Welt wird viel mehr Veränderung sehen und viel schnellere Veränderungen sehen, als das je der Fall war.“

Der Mann hat an Computersachen gedacht, glaub ich. Aber das alles ist kaum acht Monate her – und seither hatten wir eine Pandemie. Und Black Lives Matter. Massenarbeitslosigkeit. Und wir werden vermutlich noch üblere ökonomische Verwerfungen sehen, die uns alle aus den Socken hauen (hey, Ihr anderen Freiberufler da draußen: Wie laufen EURE Geschäfte denn so in den vergangenen Monaten?). Und gesellschaftliche Instabilität bis zum Abwinken. Vom Klimawandel ganz zu schweigen.

Mir hat an dem Tag aber die digitale Unruhe schon gereicht. Im Keller des Moscone Center hatten die Salesforce-Leute tatsächlich einen ganzen Trupp Zen-Mönche aus dem Plum Village untergebracht, die uns Meditation, achtsame Entscheidungsprozesse und mitfühlende Kommunikation beigepuhlt haben. Ich habe dann über die Tage einige Stunden da unten zugebracht. Hab mich da wohl gefühlt. Und war mir außerdem ganz sicher: DAS ist ne Hammer-Geschichte. Ein Maximum an Spiritualität im Epizentrum von Kohle und Technologie! Hat bisher aber keiner bestellt, die Story. Sie ist bis heute ungeschrieben. Muss ich irgendwann mal nachholen. Eine verrückte Welt ist das.

Heute blättere ich den Bildern von neulich und mich beschleicht eine Wehmut. Ich fand’s super an der Bay. Ich hatte das Gefühl, genau am richtigen Ort zu sein. Es hat sich alles sehr dynamisch angefühlt. Heute weiß ich: Es waren tatsächlich die letzten Tage „ruhige Kugel“. Zumindest vorerst.

Denn immerhin: So richtig weiß ja doch keiner, wie genau alles weitergeht.

bookmark_borderKalender-Zombies

In meinem Kalender steht, dass ich jetzt seit genau 74 Minuten in der Luft bin, um von der San Francisco Bay (o.) zurück nach Hamburg zu fliegen. Sommer in Deutschland. So war’s geplant. Tja. Der Flug wurde natürlich längst gestrichen. Und ich sitze in Michigan. Alles anders.

Warum sehe ich den Termin trotzdem noch? Weil’s Arbeit gemacht hätte, all die Sachen zu streichen, die wegen Corona ausgefallen sind. Mein Smartphone steckt voller Kalender-Zombies: Voller Einträge, die schon lange tot sind, aber trotzdem noch so tun, als wären sie am Leben.

Nicki behauptet, dass ihr solche Einträge helfen, ihr Gefühl für die Zeit nicht zu verlieren. Das alte Leben war voller Struktur. Man kann sich noch immer daran festhalten.

Am Anfang der Krise hab ich ein Interview mit Kate Sweeny für Psychologie Heute gemacht. Sie ist Psychologin an der UC Riverside und erforscht ein Phänomen namens „Warten unter Unsicherheit“, das sich zumindest teilweise auf ein paar psychische Vorgänge während der Pandemie anwenden lässt. Eine Sache, die dabei auffällt: Beim Warten dehnt sich überlicherweise die Zeit. Wer jammert, er habe „eine geschlagene Stunde“ beim Arzt gesessen, hat in Wahrheit selten mehr als 40 Minuten dort verbrachtIch bin deshalb ziemlich überrascht, dass die Tage gerade schneller zu vergehen scheinen als sonst. Keine Ahnung, ob das nur mir so geht: Ich steh‘ am Morgen einigermaßen pünktlich auf, atme zwei, drei Mal durch und – zack! – geht schon wieder die Sonne unter. Die Uhren ticken derzeit schneller, keine Ahnung, woran das liegt.

Mein alter Freund Heiner – wir haben in Tübingen zusammen Philosophie studiert – hat mir kürzlich ne Geschichte dazu erzählt. An Weihnachten hat er seine Familie um sich versammelt und eine Rede gehalten. Die ging sinngemäß so: Wir haben jetzt über 50 Jahre lang nur Glück gehabt. Unverschämtes Glück. Und irgendwann, vielleicht erst in 20 Jahren, vielleicht aber auch schon morgen, wird das alles vorbei sein. Dann passiert irgendein Mist. Und wenn das so sein sollte, dann will ich kein Gejammer hören. Dann will ich, dass alle sich an diesen Abend erinnern und daran, dass wir die vielleicht längste Glückssträhne der Geschichte zusammen erleben haben. Das fand ich sensationell gesprochen.

Und heute will auch so etwas in der Art sagen: Ich werde mir in meinen Kalender einen Eintrag machen: 17. Mai 2022. An diesem Tag will ich zurückblicken auf das, was alles war. Dass wir gemerkt haben, wie die Welt sich verändert – aber keinen Schimmer hatten wie und wohin. Wir werden denken: Little did we know. Es wird alles ganz anders sein. Ich bin super gespannt auf das, was kommt.

Ansonsten musste Coco gebadet werden. Sie hat irgendwo im Gestrüpp eine Kuhle gefunden, in die zuvor ein Stinktier gepinkelt hat. Sie hat sich gewälzt und sich gefreut wie eine Königin. Der Gestank danach im Haus war kaum zu ertragen. Warum machen Hunde so was? Ich bin gespannt auf erklärende Zuschriften von Leuten, die sich damit auskennen.

Hab mir zum Geburtstag eine Trail Camera geschenkt. Sie hat uns verraten, wer da nachts das Vogelfutter frisst: eine Maus – man hätte es sich denken können.

Draußen blühen gerade die Maiglöckchen. Vergissmeinnicht hab ich auch gesehen. Die Nachbarin behauptet, in ihrem Garten schon 44 verschiedene Vogelarten entdeckt zu haben – allein in diesem Monat. Bei uns kam heute der erste Kolibri vorbei.

Es könnte alles so viel schlimmer sein.

bookmark_borderTaiwan und Corona: „Null Infizierte“

Taiwan hat am heutigen Dienstag – zum ersten Mal seit 36 Tagen – keinen einzigen neuen Coronafall dazubekommen. „No new cases“, sagt der Gesundheitsminister.

Wie haben die das bloß geschafft?

Ich habe per Zoom gerade den Vortrag von Prof. Su-Ling Yeh gehört, einer Psychologin aus Taiwan, die Nicki und ich in Stanford kennengelernt haben. Su-Ling sagt: In Taiwan sind die Schulen und Geschäfte geöffnet. Die Leute gehen in Kneipen und Restaurants. Es wird auch nicht flächendeckend auf Covid-19 getestet.

Klingt super, oder?

In Su-Lings Vortrag ging’s vor allem um die soziale und technische Seite der Sache, also um die nicht-medizinischen Maßnahmen. Warum schreibe ich hier darüber? Weil in den USA und der EU gerade alle über die neue Corona-App diskutieren, die Rolle von Google und Apple und so weiter. Ich glaube, wir sollten uns Taiwan ansehen, um zu entscheiden, welchen Weg wir gehen wollen. Ich würde gerne Eure Meinungen dazu hören (per Facebook, Mail, WhatsApp oder hier als Kommentar). Erstmal die Fakten.

Wie läuft die Sache in Taiwan?

  1. Taiwan ist eine Insel. Man kann nahezu perfekt kontrollieren, wer ins Land kommt. Wer aus dem Flieger steigt, füllt einen Fragebogen aus (in dem man z.B. angibt, welche Länder man zuletzt besucht hat).
  2. Bei allen Einreisenden wird automatisch die Körpertemperatur gescannt (solche Scans gibt’s auch für den öffentlichen Nahverkehr).
  3. Die Daten über die Auslandsreisen werden für 30 Tage auf der Krankenkarte gespeichert. Dies dient Ärzten als eine Art Vorwarnung: Vielleicht hat man es mit einem symptomfreien Corona-Infizierten zu tun. Die allermeisten Infizierten in Taiwan haben das Virus aus dem Ausland mitgebracht.
  4. In Deutschland verwenden sehr viele Nutzer WhatsApp. Eine ähnliche Rolle spielt in Taiwan eine App namens „Line„. Die hat da fast jeder. Per Bot bekommt man darüber nach der Einreise Corona-Tipps aufs Handy gespielt – gleichzeitig beantwortet man über diese App (regelmäßig) Fragen zum eigenen Gesundheitszustand. Der Bot funktioniert wie ein maschineller Arzthelfer, der einen nach Husten, Fieber und ähnlichen Symptomen befragt.
  5. Ach so: Wer kein Handy hat, kriegt eins vom Staat gestellt. Es herrscht also eine Art Handypflicht für Neuankömmlinge.
  6. Wer einreist, muss sich für zwei Wochen in Quarantäne begeben. Nichts Neues für uns, oder? Aber. Die Sache läuft in Taiwan nicht über Ehrenwort und guten Glauben. Sie wird überwacht. Und zwar …
  7. … über einen intelligenten, digitalen Elektrozaun. Das könnte man ziemlich präzise per GPS lösen (was anfangs wohl auch der Fall war). Inzwischen ortet man per Handy lediglich den nächsten Funkmast. Man überwacht bei den frisch im Land Angekommenen, ob sie innerhalb derselben Funkzelle bleiben. Das ist der Kompromiss, um den Leuten noch ein bisschen Privatsphäre zu lassen, sozusagen der Unterschied zwischen Elektrozaun und elektronischer Fußfessel.
  8. Um die Sache hinzukriegen, kooperiert der Staat mit den fünf größten Telekommunikationsanbietern des Landes. Das System checkt alle zehn Minuten, wo sich das Handy der betreffenden Person befindet.
  9. Wenn sich jemand zwei Mal hintereinander nicht in der richtigen Funkzelle befindet, geht automatisch eine „Warnmeldung“ an die jeweilige Person, die Gesundheitsbehörden und die Polizei.
  10. Die Behörden werden auch alarmiert, wenn jemand sein Handy ausstellt.
  11. Mehrmals täglich wird man überdies von den Behörden angeklingelt. Wenn man nicht reagiert, gehen die Behörden davon aus, dass man sein Handy nicht bei sich trägt. Dann kommt jemand vorbei (Polizei).
  12. Bei Nicht-Kooperation ist ein Ticket fällig. Die Tagespresse berichtet von einem Mann, den man zu einer Strafe von mehr als 30.000 Dollar verdonnert hat.
  13. Bars und Restaurant werden von der Polizei per Cloud-Datenbank darauf überwacht, ob sich jemand im Laden aufhält, der unter Quarantäne steht.
  14. Die Daten über die Auslandsreisen werden nach 14 Tagen automatisch gelöscht.
  15. Der virtuelle Elektrozaun gilt nur für Leute in Quarantäne.
  16. Manchmal entstehen auch in Taiwan neue Hotspots. Das war etwa der Fall, als Passagiere der „Diamond Princess“ hier auf Landgang waren. Alle Bewohner der entsprechenden Gebiete haben sofort eine Alarm-Meldung auf ihr Handy bekommen.

Das sind so im Groben die Sachen, die ich aus dem Vortrag mitgenommen habe.

Was davon würde man sich für Deutschland wünschen? Was würde zu weit gehen?

Wollen wir mehr Privatsphäre oder lieber mehr Sicherheit? Es wird dabei nicht nur um persönliche Entscheidungen gehen, sondern stets auch um kollektive Verantwortung. Nach dem Motto: Wer nicht mitmacht, gefährdet die anderen, also ähnlich wie bei Impfungen. Bin gespannt, wie das alles weitergeht.

bookmark_borderStigma und Gefühle

An der Newport Road in Ann Arbor haben sich die Bewohner vor Jahren eine Familie hüfthoher Pinguinfiguren in den Vorgarten gestellt. Ich freu mich immer, wenn ich da vorbeikomme. Die Pinguine machen dauernd was anderes und liefern sozusagen ihr eigenes Statement zur Lage der Nation. Heute sagen sie: „Wir sind unterwegs zum Südpol zur Selbstquarantäne.“

Beim Telefonat mit meinem Sohn hab ich tatsächlich „Kwarantäne“ gesagt, obwohl es ja eigentlich „Karantäne“ heißt. Das Englische färbt schon ab. Sehr bedenklich. Im Deutschen sagt man: „Du stinkst wie ein Iltis.“ Im Amerikanischen, so habe ich gestern von Nicki gelernt, lautet die Formulierung: „Die Dusche morgen wird bestimmt eine tolle Erfahrung für dich.“ Solche Bemerkungen sind wie Hinweisschilder. Sie verbieten nichts, machen einen aber darauf aufmerksam, dass man sein Verhalten überdenken sollte. Wie zum Beispiel hier bei uns ums Eck: Es handelt sich gerade um mein Lieblingsschild.

Vor ein paar Tagen habe ich über unsere Gefühle während der Ausgangssperre geschrieben. Darauf gab’s ein paar interessante Rückmeldungen. Zum einen vom Alltag selbst: Diese Dinge verändern sich stündlich und werden das auch weiterhin tun. Gefühle sind flüchtig. Bin gespannt, was da noch alles kommt. Maximilian hat – unabhängig von mir – in seinem Blog von seiner Müdigkeit gesprochen und den seltsamen Träumen, die ihn gerade heimsuchen. Eine Psychologie-Professorin hat mir gemailt, dass die von mir angemerkten Geschlechterunterschiede („Jungs weinen nicht“) vor allem an der Erziehung liegen. Mädchen werden dazu erzogen, mehr und detailreicher über das zu reden, was sie empfinden. „Diese Unterschiede bleiben tendenziell erhalten.“ So lernt man immer was dazu. Auch über die „Fairy Doors“, für die Ann Arbor bekannt ist. Auf unseren Spaziergängen haben wir jetzt ein ganz besonderes Exemplar entdeckt.

Jetzt noch was Ernstes zum Schluss. Ich kenne inzwischen ne ganze Menge Leute, die positiv auf das Coronavirus getestet wurden. Alle sind inzwischen damit durch. Etliche haben mir von ihrer Erkrankung mit einem „aber sag’s nicht weiter“ erzählt. Auf Facebook habe ich darauf eine Umfrage gestartet und tatsächlich ein paar Bestätigungen bekommen – aus Deutschland, den USA und Fernost. Kein Zweifel: In manchen Zusammenhängen werden Kranke stigmatisiert. Man gibt ihnen die Schuld an der Seuche, meidet ihre Kinder usw. Das passiert nicht überall, aber es passiert und scheint sich nicht nur um Einzelfälle zu handeln. Man muss sich darüber im Klaren sein, dass so eine Beurteilung immer kulturelle Aspekte hat, die sich schnell verselbständigen. Sie wirken genau so ansteckend wie das Virus selbst. Man muss darauf aufpassen und sich davor schützen, damit man’s nicht weiterträgt.

Eigentlich mag ich solche Appelle nicht, weil man, sobald man sie ausspricht, so tut als wär man schlauer, besser oder was auch immer. Aber heute mach ich das trotzdem, weil ich es wichtig finde.

Ansonsten am Straßenrand viele blaue Blumen gefunden. Morgen schreib ich was über Cervisia und Konfidenzintervalle. Oder über Männer, die sich für unverwundbar halten. Oder über das Billionenprogramm in den USA und was das mit der Geschichte des Wilden Westens zu tun hat. Irgendwelche Präferenzen? Lasst hören!

bookmark_borderJeder fühlt’s anders

Vor ein paar Tagen hab ich mich gefragt, wie’s eigentlich um unseren Emotionshaushalt während des Corona-Lockdowns bestellt ist. Also hab ich auf Facebook nachgefragt und mehr als 30 Rückmeldungen erhalten (etliche Antworten kamen per Mail oder Messenger). Hat mir gutgetan, mich mit anderen auszutauschen und so viele ehrliche Worte zu lesen. Und ein paar Leute haben mir geschrieben, dass ihnen das Nachdenken und die Selbstvergewisserung auch gutgetan haben. Also: Alles richtig gemacht.

Was soll ich sagen? Bei den Antworten war so ziemlich alles dabei, was die menschliche Gefühlsküche so zu bieten hat. Die Psychologen wissen ja immer noch nicht so genau, wie das mit den Gefühlen eigentlich funktioniert. Die einen sagen: Es gibt ein paar grundlegende Emotionen (Angst, Trauer, Freude usw.) und die sind überall und für alle gleich. Sozusagen eine genetisch vorinstallierte Software, die bei entsprechenden Reizen einfach abgespielt wird. Wieder andere sagen: Quatsch! Emotionen sind jedesmal und für jeden anders.

Kurz: Ich weiß es doch auch nicht. Aber die Sache mit den Basisemotionen hilft mir manchmal, einen Weg durch den Dschungel zu finden und deshalb hab ich mir ein bisschen Mühe gegeben, alle emotional gefärbten Begriffe aus den Kommentaren in eine Tabelle geschrieben und sie dann einem System von Grundemotionen zugeordnet. Hier eine (von vielen möglichen) grafischen und inhaltlichen Darstellungen.

Tja. Und dabei sind mir ein paar Sachen aufgefallen:

  • Am allermeisten schreiben die Leute von Gefühlen aus der gelben „Angst/Sorge“-Gruppe. Das war zu erwarten. Trotzdem tröstlich, dass man damit in diesen Zeiten nicht allein ist.
  • Noch schöner war etwas anderes: Fast genau so oft wie über Angst und Sorge schreiben die Leute über Gefühle aus der grünen Gruppe: Sie fühlen sich manchmal „vergnügt“, „optimistisch“, „frohgemut“. Ist das nicht klasse? Positive Emotionen sind immer am Start. Selbst in düsteren Zeiten.
  • Danach folgen – zumindest, was die Häufigkeit angeht – die „roten“ und „blauen“ Gefühle, also Wut und Trauer. Könnte die Wut was mit dem Lagerkoller zu tun haben? Ganz bestimmt. Zumindest bei mir scheint die Trauer eher darunter zu schlummern. Sie ist nicht so laut. Aber irgendwie „echter“.
  • So. Jetzt ein paar Gedanken, bei denen ich mich (sagt Nicki) auf dünnem Eis bewege: Männer haben auch Gefühle! Jawohl. Von einigen reden sie sogar öfter als die Frauen (zumindest in den Texten, die ich lesen durfte). Das gilt für die „orangen“ und die „rosa“ Emotionen. Männer geben sich insgesamt optimistischer.
  • Auch bei der Trauer hab ich einen starken Unterschied zwischen Jungs und Mädchen gefunden. Die Frauen reden fast drei Mal häufiger davon. Was sagt uns das? Weiß ich nicht. Boys don’t cry? Ich lass das einfach so stehen und denke drüber nach.
  • Und noch etwas hat mir gefallen: In ganz vielen Zuschriften haben die Leute davon geschrieben, durch welche Strategien sie mit der Belastung besser klarkommen. Die Psychologen sagen „coping“ dazu. Meditation war dabei. Beten. Das Beste aus der Sache machen (aufräumen). Die guten Seiten der Situation sehen (mehr Zeit mit den Kindern). Jeden Tag etwas Neues machen. Mehr Schokolade. Mehr Zigaretten. Sich zurückziehen. So tun, als wär nix – das ganze Programm eben.

Die Bilder zeigen übrigens einen Kolibri, den ich an Neujahr an der San Francisco Bay aufgenommen habe. Eigentlich sollten wir noch bis Mai dort sein. Es war toll da. Wirklich.

Ich versuche jetzt für den Rest des Abends – wie die Freunde, die mir geschrieben haben – das Beste aus der Sache zu machen, die guten Seiten der Situation zu sehen und so zu tun, als wär nix. Mal sehen, ob’s hilft.

bookmark_borderDas letzte Selfie (hier)

Kalifornischer Mohn

Spaziergänge gemacht. Überall blühen diese orangefarbenen Blumen an den Gehsteigen und in den Gärten. Nicki sagt: Das sind Golden Poppies. Der goldene Mohn ist die Staatsblume Kaliforniens. Herzerwärmung und Volkshochschule zugleich.

Schild in Menlo Park

Nicht weniger bewegend sind diese Schilder, die einige Nachbarn jetzt in ihre Vorgärten gepflanzt haben. Auch ne Art, seinen Zusammenhalt zu demonstrieren. Gefällt mir. Gefällt mir sehr. Und ja. Man muss da ehrlich zu sich selbst sein: Es gefällt mir ganz sicher AUCH, weil ich hier ja selbst ein Fremder bin, dem das auch jeder anhört, wenn ich die ersten Worte mit meinem deutschen Kartoffelakzent gesprochen habe.

Menlo Park

Nicht viel los hier. Mit einer Mutter gesprochen, deren Kinder auf der Straße mit ihren Rollern und Fahrrädern Wettrennen veranstalten. Sie sagt: Es hat ne Weile gedauert, dem Fünfjährigen beizubringen, was „sechs Fuß“ bedeutet. Dass das jetzt der Abstand ist, den man zu allen halten muss. Zu allen, die nicht zur eigenen Kleinfamilie gehören. Auch zu den Freunden, die man ansonsten mit einem „hug“ begrüßt. „Aber inzwischen haben sie’s kapiert“, sagt sie
Ich schaue in ihren Garten und sehe, dass sie einen Gartenschlauch parallel zum Zaun ausgelegt haben. Sechs Fuß Abstand. Die Kinder können sich dahinter aufstellen, die Freunde können an den Zaun kommen. Da lernt eine ganze Generation, sich selbst und die anderen im Raum zu lesen. Raumdeuter. Wie Thomas Müller. Nur halt im richtigen Leben.

„The Dish“

Nicki hat ihr Büro auf dem Zauberberg leergeräumt (davon ein andermal mehr). Dort oben in den Foothills machen viele den „Dish walk“, also den einstündigen Spaziergang zur großen Radarschüssel, die sie da in den frühen 1960ern auf den Hügel gesetzt haben, um die Sowjets zu belauschen. Heute kann man damit immer noch Satelliten steuern. Ich habe den Dish walk kein einziges Mal gemacht. Jetzt oder nie. Sandra und Georg begleiten uns. Die Aussicht ist toll. Man sieht San Francisco. Die Bay. Die Hügelkette, das ganze Valley, auch die Zentralen von Facebook und Google. Viele Leute unterwegs. Alle halten Abstand und die meisten winken uns zu. Mehr Verbindung bei mehr Distanz, wie vermutlich überall. Seltsames Gefühl. Das banal Schöne erleben. Und dabei wissen, dass die Welt gerade ganz anders wird. Und in Teilen: anders bleiben wird.

Links die „Schüssel“, zentral am Horizont die Skyline von SF

Kein Mensch auf dem Golfplatz rechts des Weges. Nur ein wilder Truthahn wagt eine Annäherung ans Grün. Die Eichhörnchen erobern das Terrain. Sandra sagt, dass sie neulich hier einen Coyoten auf der Wiese gesehen hat.

Seht Ihr den Truthahn?


Wir machen zum Abschied ein Selfie. Das letzte Selfie. Vielleicht etwas weniger als sechs Fuß Abstand. Aber vielleicht täuscht auch die Perspektive. Beides wäre menschlich.

Das letzte Selfie