bookmark_borderAuf dem See schwimmt ein Kanu aus Beton

Gestern in Ann Arbor einen Spaziergang um den schönen Argo Pond gemacht. Am Steg liegt ein Paddelboot, das deutlich schnittiger aussieht als die bunten Plastikboote, in denen die Menschen hier normalerweise sitzen. Das Boot scheint mir zunächst aus Metall zu sein. Es macht mich jedenfalls neugierig, und weil ich gerne mit Fremden rede, hab ich die jungen Leute angequatscht, die um das Boot herumstanden. Und siehe da:

Das Kanu ist aus Beton! Ich habe zwar schon mal davon gehört, dass so was funktioniert, aber gesehen hab ich’s, glaub ich, noch nie. Die jungen Leute studieren an der hiesigen Uni Bauingenieurwesen. Und da gibt’s tatsächlich eine eigene Gruppe von Verrückten, die regelmäßig solche Boote bauen, um an irgendwelchen Betonboot-Meisterschaften mitzumachen.

Deborah, die zur Gruppe gehört, sagt: Dies ist das erste Mal, dass sie das Boot überhaupt zu Wasser lassen. Sie machen jetzt alle möglichen Tests, um über Winter ein noch besseres Ding zu bauen und im April bei den nächsten Meisterschaft ordentlich abzuräumen.

Ich hab später zugesehen, wie sie damit über den See gepaddelt sind. Klar, so ein Betonboot ist viel schwerer als ein Plastikboot. Aber alles in allem hat die Sache auf dem Wasser nicht unelegant ausgehen. Ist es nicht toll, wenn man im Studium solche Sachen machen kann und mit Spaß und in einer tüchtigen Gruppe gut wird in seinem Beruf? Mich begeistert so was immer.

Später kurz gegoogelt: Soooo neu sind Betonboote gar nicht. In den USA gibt es entsprechende Meisterschaften schon seit den 1980er Jahren. Verrückt, was man alles nicht mitkriegt.

Am Ufer des Sees flaniert außerdem eine stolze Gottesanbeterin. Sie ist gut getarnt, weshalb ich einen Kreis um sie gemacht habe. Heftiges Tier.

Auf dem Weg zurück überqueren wir wild die Bahnstrecke nach Chicago (siehe unten). Wir machen das andauernd, alle machen es so. Ich hab mir nie was dabei gedacht. Aber. Auf dem Spaziergang treffen wir eine Hundebesitzerin, die ich früher häufiger gesehen habe. Sie ist damals – vor der Pandemie – immer mit einer sehr schönen Schäferhündin spazieren gegangen. Jetzt hat sie einen anderen Hund. Was ist mit dem alten passiert? „Wurde vom Zug überfahren“, sagt sie. Und zwar so. Es ist ein windiger Tag – der Wind verbläst Tennisbälle und Geräusche. Sie wirft den Ball, der Ball fliegt weiter, als er soll, die Hündin folgt ihm über die Gleise, der Zug kommt ohne Signalhorn ums Eck – und zack. Sie lag dann am Ende tot am Damm, den Ball noch im Maul, sagt die Besitzerin. Traurig.

Jetzt lagen meine Wahlunterlagen im Briefkasten. Gerade bei FedEx gewesen. Kriegen sie das Ding bis Samstag zurück nach Hamburg? Die Mitarbeiterin weiß es nicht. „Heute am Sonntag geht eh nix raus.“ Aber morgen kommt der Chef wieder. Vielleicht kriegt er die Sache hin. „Wird jedenfalls nicht billig“, sagt die FedEx-Frau. Bin gespannt, was ihr Chef morgen zu sagen hat (die Wahlscheinnummer im Bild hab ich retuschiert).

bookmark_borderWie die University of Michigan eine der besten Unis der Welt wurde – und was die jüdischen Studierenden damit zu tun haben

Neulich waren wir ja im großartigen Camp Michigania. Unser Mit-Camper und Klezmer-Klarinettist Bert Straton hat mir danach eine Email geschrieben und dabei eine Bemerkung über die Religionszugehörigkeit der Teilnehmenden gemacht: „Lotsa Jews (can’t help myself)“. Ich habe kürzlich ja angekündigt, darüber mal ein Worte zu verlieren.

Also. Here we go. Die ersten Teil der Geschichte hab ich aus einer älteren Ausgabe des New Yorker – aufgeschrieben vom unvergleichlichen Malcolm Gladwell persönlich.

Die Story geht im Wesentlichen so: 1905 – grob gesagt in der Zeit, als mein Großvater geboren wurde – haben die noblen Ivy League-Unis an der Ostküste neue Regeln dafür aufgestellt, wie sie ihre Studierenden auswählen. Herkunft war nicht mehr wichtig. Es gab eine Art Aufnahmeprüfung. Wer „gut in der Schule“ war und Eltern mit genügend Kohle hatte, der konnte auf einmal in Harvard studieren. Klingt erstmal prima, oder? Die schlauen (okay: und reichen) Kinder hatten plötzlich bessere Chancen auf einen Platz an einer tollen Uni.

Jedenfalls, so schreibt Malcolm Gladwell, führte das neue System schon 17 Jahre später „zu einer Krise“. Genauer: „der jüdischen Krise“. Im Jahr 1922 waren mehr als 20 Prozent der Erstsemester Juden. 1925 waren es sogar mehr als 28 Prozent. Die Bestimmer in Harvard sahen die Existenz ihrer Hochschule dadurch bedroht. Denn die reichen Ehemaligen – angelsächsisch, weiß, protestantisch – hatten zunehmend weniger Lust, jährlich große Summen an die Uni zu spenden. Gladwell schreibt: „Es erwies sich jedoch als schwierig, die Juden außen vor zu lassen, denn als Gruppe waren sie in der Schule einfach besser als alle anderen.“

Die Uni-Leitung hatte schnell ein paar Ideen. Eine Quote einrichten – nicht mehr als 15 Prozent Juden pro Semester. Oder: Die Anzahl der Stipendien für jüdische Studierende beschränken. Oder: Gezielt Leute aus Vierteln anwerben, in denen weniger Juden wohnten. Die Sache mit der Quote war, so kann man lesen, politisch nicht durchsetzbar, die beiden anderen Tricks zeigten nicht die gewünschte Wirkung.

Aber dann kam Harvard – und dann auch Princeton und Yale – auf eine Idee, die besser funktionierte. Man würde weiter die „akademisch Besten“ an die eigene Uni lassen. Natürlich!

ABER: Man würden künftig neu definieren, wer die „akademisch Besten“ sind. Und genau damit war die Zeit guter Schulnoten und prächtig absolvierter Aufnahmeprüfungen vorbei. Es kam plötzlich auf den „Charakter“ und die „Persönlichkeit“ der Bewerber an. Man verlangte jetzt Empfehlungsschreiben von Leuten, die den jungen Recken „gut kannten“. Bewerber mussten ein Foto von sich mitschicken. Und einen selbstgeschriebenen Aufsatz über die eigenen Führungsqualitäten. Außerdem gab es jetzt Fragen zu: „Rasse und Hautfarbe“, „Religionszugehörigkeit“, „Mädchenname der Mutter“, „Geburtsort des Vaters“, „Wie hat sich ihr Familienname oder der ihres Vaters seit Ihrer Geburt verändert?“ Außerdem führten Angestellte der Uni jetzt persönliche Interviews mit den Bewerbern, um „unerwünschte“ Kandidaten früh aus dem Verfahren auszusondern.

Anders gesagt: „Akademische Leistung“ wurde explizit wieder eine Frage der Herkunft. Nach dem alten Motto: „Stallgeruch schlägt Begabung“ (was mich an meinem alten Journalisten-Merkspruch erinnert: „Netzwerk schlägt Recherche“).

Die Sache funktionierte. Gladwell schreibt: Bis zum Jahr 1933 lag die Zahl der jüdischen Erstsemester wieder unter 15 Prozent. „Wenn Ihnen dieses neue Auswahlverfahren irgendwie bekannt vorkommt, dann liegt dass daran, dass die Ivy League es bis heute verwendet.“

Und hier kommt die hiesige University of Michigan ins Spiel.

Die Hochschule war damals schon ehrgeizige. Auch sie hat ihre Zugangsbestimmungen damals reformiert. Aber in Michigan achtete man mehr auf akademisch Eignung – Religionszugehörigkeit war dabei egal. Den Rest regelte der Markt: Viele der klugen, reichen Köpfe aus jüdischen Ostküsten-Familien gingen halt nicht mehr nach Harvard – sondern nach Ann Arbor. Der University of Michigan hat das ausgesprochen gut getan: Sie wurde über die Jahre eine der drei besten staatliche Hochschule der USA, das „Harvard des Westens“. John F. Kennedy hat die Sache in einen Gag verwandelt. Der Harvard-Absolvent erzählte gerne, er habe seinen Abschluss am „Michigan des Ostens“ gemacht.

Aus dieser Zeit stammt eine spannende Firma namens Campus Coach. Ein Student aus Michigan konnte wegen eines Zugstreiks (!) in den Ferien nicht zurück nach New York fahren. Also mietete er einen Bus an und verkaufte Tickets an seine Kommilitonen. Damals studierten so viele junge New Yorker in Ann Arbor, dass der Bus locker voll wurde. Der junge Mann hatte eine Geschäftsidee entdeckt, eine Art Flixbus aus den späten 1920ern. Die Firma läuft noch heute. Cool, oder?

Die Zulassungsbedingungen vor mehr als 90 Jahren haben bis heute ihre Spuren hinterlassen. Derzeit sind nur ein bis zwei Prozent der Bevölkerung in Michigan jüdischen Glaubens. Dagegen stellt die jüdische Community rund 15 Prozent aller Studierenden an der University of Michigan: Rund 6700 – unter rund 45.000 Studierenden insgesamt. Die Story erzählen sie Dir noch heute überall: Während alle was gegen die Juden hatten, hat Michigan seine Tore offen gehalten. Das ist ne gute Geschichte. Und ich trage sie gerne weiter.

bookmark_borderChicken of the Woods schmeckt nicht wirklich nach Hühnchen

Meine Eltern waren schon immer Pilzsammler, was auch mich zu so ner Art Pilzsammler macht. Am Sonntag war ich mit Nicki an einem kleinen See in der Nähe von Ann Arbor. Dort lag ein Paddelboot, das wir benutzen konnten. Also haben wir das Paddelboot benutzt und sind danach noch ne Runde durch den See geschwommen. Es war warm und richtig Sommer, auch wenn der Himmel voller Wolken hing.

Auf dem Weg zurück zu unseren Klamotten ist uns ein junger Mann begegnet. Er hatte einen Stoffbeutel dabei, in dem Sachen drin lagen. Ich dachte zunächst: Brotreste für die Karpfen und Enten. Aber nein. Es waren Pilze. Er meinte: „Das ist Chicken of the Woods. Ich kann Euch verraten, wo’s noch mehr davon gibt.“ Wir so: Verrat’s uns, Fremder. Also hat er uns die Stelle beschrieben. Wir sind hingegangen und haben uns so viel genommen, wie wir für ein Abendessen gebraucht haben (siehe das Bild oben). Ich bleib‘ dabei: Mit Fremden reden ist überhaupt das Allerbeste.

Chicken of the Woods ist DER Pilz hier in Michigan. Wir waren vor Jahren mal bei einer Waldführung, einer so genannten „Mushroom Hunt“ (jawohl, der Amerikaner sammelt keine Pilze, der jagt sie!) – und da haben sie praktisch nur von diesem Pilz gesprochen. Weil: Soooo ergiebig. Und soooo lecker. In Deutschland heißt derselbe Pilz „Gemeiner Schwefelporling“, und vielleicht ist genau das der Grund, warum ich diesen Pilz in der alten Heimat weder so richtig kenne noch jemals gesammelt habe. Wikipedia behauptet: Er ist häufig in Deutschland. Tja.

Zu Hause haben wir ihn jedenfalls geputzt und paniert.

Alsdann in die Pfanne gehauen.

Und danach mit Pasta und irgendwas gegessen, das halt noch da war. Wir haben so getan, als wär’s Hühnchen. Die amerikanischen Rezepte sagen alles: Genau so schmeckt’s. Aber ganz ehrlich: Es schmeckt gar nicht wirklich so. Es schmeckt anders. Man könnte dieses Dinge keinem Menschen für Huhn servieren und damit durchkommen. Mogelpackung!

Ich will nicht sagen, dass es schlechter schmeckt. Aber halt anders. Die knallige Farbe kommt nach dem Braten fast noch stärker durch als davor.

Sprache, Sprache, Sprache. Gemeiner Schwefelporling klingt nach „Finger weg“. Chicken of the Woods dagegen – das ist ein Namen mit Schmackes. Nicki sagt: Marketing ist alles! Wo sie Recht hat, hat sie Recht.

bookmark_borderHausmusik

Gestern hat mich Scott besucht, um Hausmusik mit mir zu machen. Er hat sein neues Banjo mitgebracht, auf das er mit Recht sehr stolz ist. „Weißt Du, warum es wie Gold glänzt? Weil sie dafür echtes Gold verwendet haben!“ Jawohl. Hier stimmt sie noch die alte und leider längst vergessene Weisheit: Was wie Gold glänzt, das ist auch aus Gold!

Scotts Banjo klingt wahnsinnig gut. Nicht nur, weil er es gut und mit Liebe spielt. Sondern auch, weil es sich um ein „Ome“-Banjo handelt. Ome, das ist ein kleines Familienunternehmen aus Colorado. „Die bauen nur ein paar Instrumente pro Jahr“, sagt Scott. Er hat durch einen Zufall (nämlich: den Originalkaufbeleg, der noch mit im Koffer des Instruments lag) eine musikalische Verwandtschaft mit dem Erstbesitzer des Instruments festgestellt. Er MUSSTE es einfach kaufen, das Schicksal hat es so gewollt.

Und so bin ich gestern – durch eine Verkettung günstiger Zufälle – zu einer Bluegrass-Session gekommen, obwohl ich von Bluegrass keine Ahnung habe. Hier ein kleiner Ausschnitt. Man kann dazu tanzen oder sich einfach drüber freuen, dass Menschen miteinander Musik machen. Ist das nicht schön?

Im Hintergrund sieht man übrigens Theo, den Kater. Katze Sasha und Hund Coco lagen davor auf dem Teppich. Manchmal haben sie mit den Pfoten den Takt mitgewippt, es war eine Freude.

Im Übrigen sagt Scott, dass ich aufhören soll mit diesem WhatsApp-Quatsch. „Damit verletzt Du eine ganze Reihe sozialer Normen hier bei uns. Besorg Dir gefälligst ne amerikanische Telefonnummer.“

Eigentlich weiß man das schon. Trotzdem verrückt, dass hier in den Staaten kaum jemand WhatsApp verwendet. Das machen nur die Ausländer. Tja.

Außerdem hab ich mich beruflich gestern mit einem Mathematiker-Streit im 18. Jahrhundert beschäftigt. Das Zwischenmenschliche kann ich verstehe. Aber die Mathematik dahinter? Man weiß im Grunde überhaupt gar nichts.

Keine weitere Pointe.

bookmark_borderPandemische Flüge

In Detroit eingecheckt. War nicht viel los da. Nahezu gar nix.

Trotzdem eine relativ zähe Schlange beim Einchecken. Mein Eindruck: Viele Leute, die jetzt über den Atlantik fliegen, wollen für länger in Europa bleiben und bringen zum Teil gigantische Gepäckmassen mit. Die Leute hinterm Schalter gehören aber zu einem System, das auf eine Situation optimiert ist, in der Standardkundschaft in hoher Zahl anrückt. Was hat man jetzt? Viel weniger Passagiere – aber fast jeder fällt aus dem Raster. Ein junger Athlet hat ein halbes Dutzend Eishockeyschläger dabei. Eine siebenköpfige Familie bringt überschwere Koffer und einen Kinderwagen mit. Ein junges Ehepaar hat einen fast 40 Kilogramm schweren Riesenkoffer am Start. Und so weiter. Das Personal diskutiert jeweils, wie man all diese Dinge am besten ins IT-System einpflegt. Ich meine das nicht als Beschwerde. Ich beobachte nur. Ist immer dasselbe, wo Prozesse industriell durchoptimiert werden: Jede Ausnahme wird zur Schwäche. Ich muss da demnächst mal mehr drüber schreiben. Immerhin: Abstand, Masken. Läuft alles. Manche Sitze im Wartebereich werden gesperrt, damit die Leute nicht zu nah aufeinander hocken.

Ein Schild weist mich darauf hin, dass die Behörden mein Foto womöglich für länger speichern. Bilder von US-Bürgern werden dagegen nach zwölf Stunden gelöscht.

Der Mann vom Sicherheitsdienst sagt: Vor ein paar Wochen war hier noch komplett Totentanz. Jetzt sind sie immerhin bei 3000 Passagieren am Tag. Immer noch viel weniger als sonst. Die meisten Shops sind geschlossen. In den anderen: keine Kundschaft.

Im Flugzeug (Delta) bleiben alle Mittelsitze leer. Alle tragen Masken – die Profis und die Reisenden.

Man drückt mir am Eingang ein verpacktes Desinfektionstüchlein in die Hand. Wie nett.

Die meisten Leute verhalten sich ansonsten wie immer. Nur ein Mitreisender (Ziel: Norditalien) wirkt nervös. Das Flugzeug scheint mir übrigens nagelneu zu sein. Seltsam.

Ich inspiziere den Waschraum nach etwa vier Stunden in der Luft. Die Anlage habe ich zu vergleichbaren Zeitpunkten noch nie so sauber gesehen. Liegt, wie ich glaube, an drei Faktoren:
– 40 Prozent der Sitze sind leer.
– Die Leute scheuen den Gang zur Zelle.
– Man feudelt immer mal wieder durch (das vermute ich nur, gesehen hab ich’s nicht).

Während des Fluges aus Langeweile ein Quiz absolviert. Highscore! Aus Übermut den Namen „Joe Biden“ in die Liste eingetragen. Als subversives Statement zur aktuellen Präsidenten-Debatte.

Dann Amsterdam.

Junge. Das ist ein ganz anderer Schnack. In den gastronomischen Ecken sieht’s hier schon wieder aus wie vor Corona. Zu viele Menschen pro Quadratmeter. Meine Meinung. Längst nicht alle tragen Masken. Gilt vor allem die Leute, die hier arbeiten. Soziale Normen variieren von Gegend zu Gegend, wie mir scheint. Schiphol ist aber halt auch locker vier Mal größer als der Flughafen von Detroit.

Interessant, dass man auch hier Aufkleber benutzt, um die Leute zum Abstandhalten zu ermutigen. In Detroit klebt der Sticker am Sitz. Hier: auf dem Fußboden.

Noch bin ich nicht durch. Insgesamt jedoch fühlt sich die Reise bisher weniger verrückt an, als ich sie mir vorgestellt habe.

Ich lächle fast unter Maske und Sorgenfalten.

bookmark_borderEin paar interessante Links

Morgen steig‘ ich in den Flieger nach Hamburg. Bin gespannt, wie alles wird.

Heute mach ich’s so wie Maximilian auf seinem Blog: Ich poste ein paar interessante Links.

Der Psychotherapeut und „Psychologie Heute“-Kollege Gerhard Bliersbach hat in seinem Blog den Streit um die Maskenpflicht mit einer ähnlichen Debatte aus den 1970er Jahren verglichen. Klug, wie immer. Damals ging’s um die Gurtpflicht (bis 1976 waren Sicherheitsgurte im Auto nur eine Option). Die Parallelen sind in der Tat verblüffend. Maske und Gurt, so schreibt Gerhard Bliersbach, wecken Widerstand, auch wenn sie vernünftig sind. Sie beschneiden unsere Freiheit. Beide erinnern uns daran, dass wir verwundbar sind, dass wir sterben werden. „Die Ingenieure ahnten nicht, dass der Gurt in die Lebensform des Autofahrens massiv eingreift und sie ernüchtert mit der Evokation der Möglichkeit eines Unfalls. Man lässt sich ungern reinreden.“

Meine Kollegin Silvia Feist – sie arbeitet als Textchefin bei „Emotion“ – verfertigt seit mehr als einem Jahr ihren eigenen Podcast namens „Feiste Bücher“. In jeder Folge bespricht sie dabei ein aktuelles Buch, oft auch Titel, von denen man ansonsten wenig erfahren hätte. Ich empfinde ihre Stimme als sehr angenehm. Silvi ist extrem belesen, sie hat Stil, Haltung und Geschmack – und deshalb lasse ich mich von ihrem Podcast immer mal wieder inspirieren. Hier möchte ich die Folge „Vielleicht solltest du mal mit jemandem drüber reden“ verlinken, in der es um das gleichnamige Buch von Lori Gottlieb geht. Gottlieb schreibt über ihre Erfahrungen als Psychotherapeutin. Wir hören in der Folge auch Auszüge aus dem Interview, das Silvia mit der Autorin geführt hat. Härtester Satz in der Folge: „Therapie ist wie Pornografie“. Wer da nicht weiterhört … 

Auf eine ähnlich reinigende Erfahrung hat mich heute ein Kumpel aus Kalifornien aufmerksam gemacht. Es handelt sich um die amerikanischen Amazon-Kundenbewertungen für die zuckerfreien Haribo-Bärchen, die inzwischen aus dem Handel genommen wurden, weil einige Leute davon Durchfall kriegen. Ich bin aus dem Lachen nicht mehr rausgekommen. Hier eine Kostprobe in einer lockeren Übertragung aus dem Englischen ins Deutsche (die Seite ist voll mit solchen Erlebnisberichten):

„Es begann mit einem leichten Krampf. Das ist normal – im Flugzeug kriegt man halt Blähungen. Man will während des Fluges aber nicht pupsen, also verkneift man sich die Sache. Gehört sich einfach so. Die Krämpfe kamen und gingen für ein paar Minuten und ich dachte mir nichts dabei. Dann wurde es übel. Die Krämpfe wurden intensiver, mir stand der Schweiß auf der Stirn, ich bemerkte, wie einige ältere Damen begannen, zu mir rüberzuschauen. 30 Minuten, nachdem ich die Bärchen gefuttert hatte, war aus „Oh, das sind bloß ein paar Pupse, damit kann ich umgehen“ ein anderer Gedanke geworden: „Oh, Gott, bitte nicht hier!“ Ich habe stets als Christenmensch gelebt. Dies hier war der Test: Wenn es einen Gott gibt, bitte, lass mich dieses Flugzeug mit einem Rest an Würde verlassen.“

Von all den heiteren Beichten abgesehen: Die Sache zeigt, dass man die Amazon-Reviews, so wie sie technisch aufgebaut sind, von ihren Affordanzen her, fast so verwenden könnte wie Facebook. Sie erzeugen dank der Kommentarfunktion einen kollektiven Gesamttext voller Bezüge und Querverweise. Man kann Kunstwerke daraus erschaffen, wenn man’s richtig anstellt. Nur mal so als Anregung.

Tja. Und damit schließt sich für heute der Kreis. Ich werde vor dem Flug, um ein Trauma zu vermeiden, brav eine Maske anlegen – und nicht mehr als einen Kanten Brot zu mir nehmen. Sicher ist sicher.

bookmark_borderNotizbuch eines Unbekannten

Packe meine Sachen. Dabei ein Notizbüchlein gefunden. Auf Seite 1 steht, dass ich es von Søren und Britta zum Geburtstag bekommen habe. Keine Erinnerung daran. Es ist das Notizbuch eines Unbekannten.

Da stehen seltsame Dinge drin. Alles vergessen. Hier ein paar Kostproben.

Ein sehr sportlicher Mann erzählt mir auf einer Reise von seiner Verletzung. Zu viel Sport. Er wird nie mehr der Alte sein. Keine langen Läufen mehr. Vorbei.

Ein Rentner erzählt mir seine halbe Lebensgeschichte. Schwere Jugend. Gefängnis. Heute: Todesangst, jede Nacht. Das Herz. Aber der Arzt findet nichts. „Meine Frau weiß nichts davon.“ Also: Alkohol.

Ich stehe an einem Buffet. All you can eat. Die Notiz sagt: „Fett. Salz. Zucker. Billig und macht süchtig. Sagt aber keiner. They call it craving.“

Jemand fragt mich, ob ich ein Buch über ihn schreiben will. Ich sage: nein.

Am Frankfurter Hauptfriedhof hängt ein Plakat: „Einmal Frankfurt – immer Frankfurt“. Notiz dazu: „Wahr gesprochen!“

Dann ein Grab. Im Oktober 2000 ist Werner Dummetat gestorben. Aber woran? „Ruhe sanft.“

Notizen aus dem US-Konsulat. In der Schlange hinter mir steht ein Inder, der in Deutschland studiert. Er bringt Computern bei, Unkraut von Nutzpflanzen zu unterscheiden. Maschinelles Sehen. „Aber der Transfer von einer Sorte zur nächsten ist kompliziert.“ Ich hätte sagen können: Weiß ich. Da hab ich grad drüber geschrieben. Stattdessen nur genickt.

Dann diese Notiz: „Ah, das Leben! Ich muss besser darin werden.“ Keine Ahnung, was damit gemeint war. Aber es stimmt vermutlich.

Heute denke ich: Das ist das Schlimme an Corona. Dass es all diese Zufälle so selten macht. Es gefällt mir nicht.

In den Nächten sind wieder Tiere durch den Garten gelaufen. Aus der Nähe: Mr. Friendly, der Kater.

In der Halbdistanz: ein Waschbär.

In der Ferne: ein Kojote.

Bald sitz‘ ich im Flugzeug über den Atlantik. Bin gespannt, ob das gutgeht.

bookmark_borderWas ist Doomscrolling?

Seit einigen Wochen wird meine Partnerin von diversen Journalisten-KollegInnen kontaktiert. Alle wollen wissen, was es mit diesem „Doomscrolling“ auf sich hat.

Das Bild oben habe ich selbst gemacht. Es ist natürlich selbstironisch gemeint. Es transportiert alles, was „Doomscrolling“ meint: Man kann nicht aufhören, Social-Media-Inhalte in sich reinzufressen. Und zwar solche, die einem versichern, dass die Welt jetzt endgültig im Arsch ist. Man reagiert womöglich mit Entsetzen.

Wie lange gibt es den Begriff schon? Bei derlei Fragen konsultiere ich stets Google Trends. Dort kann man sehen, wann und wo ein Begriff wie häufig bei Google nachgefragt wurde. Tolles Werkzeug! Hier die entsprechende Grafik zum Thema Doomscrolling (bezogen auf die USA):

Die Grafik besagt: Die Leute in Amerika haben erst ab dem 12. April angefangen, „doomscrolling“ zu googeln. Es handelt sich also um einen Begriff, der erst mit der Pandemie in die Alltagssprache gekommen ist. Für Deutschland gibt es für den April übrigens zu wenige Einträge, um daraus überhaupt eine Grafik bauen zu können. Soll also keiner behaupten: „Wir in Berlin sagen das schon seit Weihnachten.“

Nach und nach sind jedenfalls diverse Artikel erschienen, in denen Nicki ihren Senf zu diesem Tun abgeben durfte. Erst kam was von Fastcompany, dann von Wired. Andere Medien haben auch schon angerufen, aber noch nix veröffentlicht. Die Zitate tauchen jedenfalls jetzt überall im Netz auf. Man schreibt sie einfach ab. Auf Französisch, auf Chinesisch, auf Spanisch. Schon interessant, wie Informationen so durchs Netz wandern.

Fastcompany und Wired machen einen guten Job. Manche der anderen Artikel scheinen mir folgendermaßen zu entstehen: Eine Maschine übersetzt die Arbeit anderer aus dem Englischen in irgendeine andere Sprache. Eine andere Maschine übersetzt sie wieder zurück. So wird aus guten Sätzen ein Haufen Unsinn – und aus der „School of Information“ auf einmal das „College of Files“. Man kichert.

Interessant auch, dass von den KollegInnen kaum wer fragt, ob es Doomscrolling überhaupt gibt. Ist das ein Massenphänomen? Das setzen alle voraus. Es läuft ein bisschen wie früher beim ontologischen Gottesbeweis. Der ging so: Dass wir von Gott reden können, dass wir einen Begriff von ihm haben, beweist, dass es ihn auch geben muss. Wir wissen natürlich längst, dass der ontologische Gottesbeweis Käse ist. Man kann ja auch von einem fliegenden Einhorn reden, ohne dass es fliegende Einhörner gibt. Der ontologische Doomscrolling-Beweis ist genau so Käse. Trotzdem kommt man noch immer damit durch.

Ob Doomscrolling ein Massenphänomen ist, das weiß heute, wenn ich das richtig sehe, kein Mensch. Es gibt keine ordentlichen Studien dazu. Und falls doch, dann habe ich sie nicht gefunden. Alles was wir dazu haben, sind Meinungen. „Educated guesses“, wie die Amerikaner sagen.

Warum doomscrollen wir überhaupt? Meine Lieblingserklärung: Es läuft ein bisschen wie früher im Krieg. Man liest Zeitung, hört Radio – aber man quatscht halt auch über den Gartenzaun mit den Nachbarn. Dort werden anderen Dinge verbreitet. Gerüchte, manche davon wahr, andere unwahr, wieder andere: irgendwo dazwischen. Das sind wichtige Informationen. Kleine Steinchen, mit denen man – im Zusammenspiel mit all den anderen Informations-Trümmern – ein irgendwie passendes Mosaik erstellen kann.

Genau das machen wir vermutlich auch beim Doomscrolling. Es handelt sich um eine Art der kollektiven Weltdeutung. Collective sense-making. Dieses Verhalten wird besonders wichtig in Zeiten, in denen man zum einen nicht weiß, was Sache ist und der es zum anderen um eine Menge geht – womöglich um die eigene Existenz. Weiß man auch schon aus der Psychologie des Gerüchts. Das war schon immer so – schon vor Facebook und Twitter.

Naja. Wenn ich das richtig sehe, ist Doomscrolling nicht mehr als ein Buzzword, ein Modewort, über das man jetzt für ne Weile reden kann. Manchmal hört man so was und denkt: Darüber werden die jungen Leute bald ihre Doktorarbeiten schreiben. Beim Doomscrolling würde ich darauf aber keine großen Summen verwetten.

Aber.

Ich liege bei solchen Dingen oft falsch. Also: Mal abwarten. Und im Juli 2021 wieder danach googeln.

Nicki sagt zu all dem: „Wenn Du das so schreibst, verpasst Du die Chance, etwas Interessantes zu erklären. Doomscrolling ist ein Begriff, der irgendwie hängen bleibt. Das stimmt. Aber warum tut er das? Weil er uns neugierig macht. Er spricht etwas an, womit viele Leute was anfangen können. Das Gefühl, MEHR wissen zu wollen. Unzufrieden zu sein mit den Informationen, die man uns füttert. Aber der Begriff ist zu flach und zu billig. Weil es sich eigentlich um ein ganzes Gewebe von Abläufen und Phänomenen handelt. Das Wort „Doomscrolling“ aber tut so, als sei da nur ein einziger Faden.“

Hm. Vielleicht wird’s in Zukunft doch Dissertationen zu diesem Thema geben … 

bookmark_borderIn der Not frisst die Pflanze Fliegen

Ausflug zum Discovery Center in Chelsea gemacht. Von dort führt ein Spaziergang durch den Wald direkt ins Moor.

Dort wachsen im sauren Wasser sogenannte Kannenpflanzen.

Die Leute im Natur-Center haben uns eine Pipette mitgegeben. Die Anweisung: In die Pflanze reinhalten, das Wasser rausziehen und gucken. Beim fünften Versuch dann dies:

Erg. Okay. Man sieht es nicht auf dem Foto. Aber ich schwöre beim Augenlicht meiner Mutter: Im Wasser, das wir aus dem Pflanzenkelch gezogen haben, schwimmen kleine Insekten. Das Schild am Ende des Pfades erklärt die Sache.

Die Kannenpflanzen kriegen im Moor nicht genügend Nährstoffe über ihre Wurzeln. Also holen sie sich das Zeug aus der Luft, indem sie Insekten fangen.

In der Not frisst die Pflanze Fliegen.

Das ist mein Wort zum Sonntag: Immer flexibel bleiben, Leute. Wer weiß, wofür das nochmal gut ist.

bookmark_borderLangweilige Lebensbilder

In den sozialen Medien teilen Menschen dieser Tage Schwarzweißbilder ihres Alltags. Spannend. Meine Bilder sind dagegen langweilig – genau so wie weite Teile meines Lebens. Auf Facebook heißt es: Keine Erklärung zu den Bildern. Das geht natürlich nicht. Ich bin ein Mann des Wortes. Oben also: Jochen arbeitet an einem neuen Projekt und verzweifelt daran.

Buddha sagt: Alles ist eins. Geschirr benutzen, Geschirr abwaschen, Geschirr wegräumen, Geschirr benutzen usw.

Buddha sagt … ach, hatten wir schon. Also: Oben der Topf, unten die Schüssel. Alles ist eins.

Aber sauber muss alles sein!

Apropos. Heute hatte ich doch glatte DREI Diskussionen darüber, wer eigentlich die bekanntesten Deutschen sind. Mit meinem Sohn zusammen getippt: Beethoven, Goethe, Hitler (sorry).

Dann zwei Mal bei Leuten aus Michigan nachgefragt. Sie sagen ALLE erstmal Hitler. Unglaublich, eigentlich. Dann kommen nach einigem Nachdenken: Beethoven und Goethe, der für Amerikaner aber schwer auszusprechen ist.

Außerdem hörte ich: Bach, Gutenberg, Wernher von Braun – und Friedrich der Große. Und Angela Merkel. Und Hermann Hesse. Und auf Nachfragen kriegt man auch noch ein Nicken für Thomas Mann. Aber nur, weil man es in Ann Arbor mit verdammten Intellektuellen zu tun hat. Schon Bismarck kennt keine Sau. Auch Schiller nicht. Freud kennen alle. Aber: Österreicher.

Also jetzt. Für Beethoven: das Klavier.

Und weil mit Bach ein zweiter Komponist genannt wurde, schmeiß ich auch noch die Gitarre mir rein.

Außerdem. Die USA sind ein gespaltenes Land. Der gelehrte Richard Florida hat kürzlich gesagt: Wir Amerikaner müssen akzeptieren, dass wir nicht mehr miteinander reden können. Dass wir über uns viele Dinge niemals werden einigen können. Wir können uns nur darüber einigen, wie man Schlaglöcher repariert. „There’s no republican or democratic way to pave the roads.“ Heißt: Auf lokaler Ebene kann man praktisch nicht unterscheiden, zu welcher Partei ein Bürgermeister eigentlich gehört. Die Erfahrung hab ich in Deutschland auch gemacht. Erst auf Staatsebene laufen die Meinungen so richtig auseinander. Deshalb sollte man mehr Macht von der Zentralregierung abziehen und an die Kommunen, Kreise, Bundesländer geben. Keine Ahnung, ob das so komplett bis zum Ende durchgedacht ist. Aber interessant ist es doch.

Einstweilen leben die Leute halt zusammen wie Hund … 

… und Katze.

Am Morgen trinkt man seinen Kaffee … 

… spät am Abend putzt man sich die Zähne.

Und so wird aus Abend und Morgen ein neuer Tag. Alles ist eins. Sagt Buddha.