bookmark_borderPandemische Flüge

In Detroit eingecheckt. War nicht viel los da. Nahezu gar nix.

Trotzdem eine relativ zähe Schlange beim Einchecken. Mein Eindruck: Viele Leute, die jetzt über den Atlantik fliegen, wollen für länger in Europa bleiben und bringen zum Teil gigantische Gepäckmassen mit. Die Leute hinterm Schalter gehören aber zu einem System, das auf eine Situation optimiert ist, in der Standardkundschaft in hoher Zahl anrückt. Was hat man jetzt? Viel weniger Passagiere – aber fast jeder fällt aus dem Raster. Ein junger Athlet hat ein halbes Dutzend Eishockeyschläger dabei. Eine siebenköpfige Familie bringt überschwere Koffer und einen Kinderwagen mit. Ein junges Ehepaar hat einen fast 40 Kilogramm schweren Riesenkoffer am Start. Und so weiter. Das Personal diskutiert jeweils, wie man all diese Dinge am besten ins IT-System einpflegt. Ich meine das nicht als Beschwerde. Ich beobachte nur. Ist immer dasselbe, wo Prozesse industriell durchoptimiert werden: Jede Ausnahme wird zur Schwäche. Ich muss da demnächst mal mehr drüber schreiben. Immerhin: Abstand, Masken. Läuft alles. Manche Sitze im Wartebereich werden gesperrt, damit die Leute nicht zu nah aufeinander hocken.

Ein Schild weist mich darauf hin, dass die Behörden mein Foto womöglich für länger speichern. Bilder von US-Bürgern werden dagegen nach zwölf Stunden gelöscht.

Der Mann vom Sicherheitsdienst sagt: Vor ein paar Wochen war hier noch komplett Totentanz. Jetzt sind sie immerhin bei 3000 Passagieren am Tag. Immer noch viel weniger als sonst. Die meisten Shops sind geschlossen. In den anderen: keine Kundschaft.

Im Flugzeug (Delta) bleiben alle Mittelsitze leer. Alle tragen Masken – die Profis und die Reisenden.

Man drückt mir am Eingang ein verpacktes Desinfektionstüchlein in die Hand. Wie nett.

Die meisten Leute verhalten sich ansonsten wie immer. Nur ein Mitreisender (Ziel: Norditalien) wirkt nervös. Das Flugzeug scheint mir übrigens nagelneu zu sein. Seltsam.

Ich inspiziere den Waschraum nach etwa vier Stunden in der Luft. Die Anlage habe ich zu vergleichbaren Zeitpunkten noch nie so sauber gesehen. Liegt, wie ich glaube, an drei Faktoren:
– 40 Prozent der Sitze sind leer.
– Die Leute scheuen den Gang zur Zelle.
– Man feudelt immer mal wieder durch (das vermute ich nur, gesehen hab ich’s nicht).

Während des Fluges aus Langeweile ein Quiz absolviert. Highscore! Aus Übermut den Namen „Joe Biden“ in die Liste eingetragen. Als subversives Statement zur aktuellen Präsidenten-Debatte.

Dann Amsterdam.

Junge. Das ist ein ganz anderer Schnack. In den gastronomischen Ecken sieht’s hier schon wieder aus wie vor Corona. Zu viele Menschen pro Quadratmeter. Meine Meinung. Längst nicht alle tragen Masken. Gilt vor allem die Leute, die hier arbeiten. Soziale Normen variieren von Gegend zu Gegend, wie mir scheint. Schiphol ist aber halt auch locker vier Mal größer als der Flughafen von Detroit.

Interessant, dass man auch hier Aufkleber benutzt, um die Leute zum Abstandhalten zu ermutigen. In Detroit klebt der Sticker am Sitz. Hier: auf dem Fußboden.

Noch bin ich nicht durch. Insgesamt jedoch fühlt sich die Reise bisher weniger verrückt an, als ich sie mir vorgestellt habe.

Ich lächle fast unter Maske und Sorgenfalten.

bookmark_borderEin paar interessante Links

Morgen steig‘ ich in den Flieger nach Hamburg. Bin gespannt, wie alles wird.

Heute mach ich’s so wie Maximilian auf seinem Blog: Ich poste ein paar interessante Links.

Der Psychotherapeut und „Psychologie Heute“-Kollege Gerhard Bliersbach hat in seinem Blog den Streit um die Maskenpflicht mit einer ähnlichen Debatte aus den 1970er Jahren verglichen. Klug, wie immer. Damals ging’s um die Gurtpflicht (bis 1976 waren Sicherheitsgurte im Auto nur eine Option). Die Parallelen sind in der Tat verblüffend. Maske und Gurt, so schreibt Gerhard Bliersbach, wecken Widerstand, auch wenn sie vernünftig sind. Sie beschneiden unsere Freiheit. Beide erinnern uns daran, dass wir verwundbar sind, dass wir sterben werden. „Die Ingenieure ahnten nicht, dass der Gurt in die Lebensform des Autofahrens massiv eingreift und sie ernüchtert mit der Evokation der Möglichkeit eines Unfalls. Man lässt sich ungern reinreden.“

Meine Kollegin Silvia Feist – sie arbeitet als Textchefin bei „Emotion“ – verfertigt seit mehr als einem Jahr ihren eigenen Podcast namens „Feiste Bücher“. In jeder Folge bespricht sie dabei ein aktuelles Buch, oft auch Titel, von denen man ansonsten wenig erfahren hätte. Ich empfinde ihre Stimme als sehr angenehm. Silvi ist extrem belesen, sie hat Stil, Haltung und Geschmack – und deshalb lasse ich mich von ihrem Podcast immer mal wieder inspirieren. Hier möchte ich die Folge „Vielleicht solltest du mal mit jemandem drüber reden“ verlinken, in der es um das gleichnamige Buch von Lori Gottlieb geht. Gottlieb schreibt über ihre Erfahrungen als Psychotherapeutin. Wir hören in der Folge auch Auszüge aus dem Interview, das Silvia mit der Autorin geführt hat. Härtester Satz in der Folge: „Therapie ist wie Pornografie“. Wer da nicht weiterhört … 

Auf eine ähnlich reinigende Erfahrung hat mich heute ein Kumpel aus Kalifornien aufmerksam gemacht. Es handelt sich um die amerikanischen Amazon-Kundenbewertungen für die zuckerfreien Haribo-Bärchen, die inzwischen aus dem Handel genommen wurden, weil einige Leute davon Durchfall kriegen. Ich bin aus dem Lachen nicht mehr rausgekommen. Hier eine Kostprobe in einer lockeren Übertragung aus dem Englischen ins Deutsche (die Seite ist voll mit solchen Erlebnisberichten):

„Es begann mit einem leichten Krampf. Das ist normal – im Flugzeug kriegt man halt Blähungen. Man will während des Fluges aber nicht pupsen, also verkneift man sich die Sache. Gehört sich einfach so. Die Krämpfe kamen und gingen für ein paar Minuten und ich dachte mir nichts dabei. Dann wurde es übel. Die Krämpfe wurden intensiver, mir stand der Schweiß auf der Stirn, ich bemerkte, wie einige ältere Damen begannen, zu mir rüberzuschauen. 30 Minuten, nachdem ich die Bärchen gefuttert hatte, war aus „Oh, das sind bloß ein paar Pupse, damit kann ich umgehen“ ein anderer Gedanke geworden: „Oh, Gott, bitte nicht hier!“ Ich habe stets als Christenmensch gelebt. Dies hier war der Test: Wenn es einen Gott gibt, bitte, lass mich dieses Flugzeug mit einem Rest an Würde verlassen.“

Von all den heiteren Beichten abgesehen: Die Sache zeigt, dass man die Amazon-Reviews, so wie sie technisch aufgebaut sind, von ihren Affordanzen her, fast so verwenden könnte wie Facebook. Sie erzeugen dank der Kommentarfunktion einen kollektiven Gesamttext voller Bezüge und Querverweise. Man kann Kunstwerke daraus erschaffen, wenn man’s richtig anstellt. Nur mal so als Anregung.

Tja. Und damit schließt sich für heute der Kreis. Ich werde vor dem Flug, um ein Trauma zu vermeiden, brav eine Maske anlegen – und nicht mehr als einen Kanten Brot zu mir nehmen. Sicher ist sicher.

bookmark_borderNotizbuch eines Unbekannten

Packe meine Sachen. Dabei ein Notizbüchlein gefunden. Auf Seite 1 steht, dass ich es von Søren und Britta zum Geburtstag bekommen habe. Keine Erinnerung daran. Es ist das Notizbuch eines Unbekannten.

Da stehen seltsame Dinge drin. Alles vergessen. Hier ein paar Kostproben.

Ein sehr sportlicher Mann erzählt mir auf einer Reise von seiner Verletzung. Zu viel Sport. Er wird nie mehr der Alte sein. Keine langen Läufen mehr. Vorbei.

Ein Rentner erzählt mir seine halbe Lebensgeschichte. Schwere Jugend. Gefängnis. Heute: Todesangst, jede Nacht. Das Herz. Aber der Arzt findet nichts. „Meine Frau weiß nichts davon.“ Also: Alkohol.

Ich stehe an einem Buffet. All you can eat. Die Notiz sagt: „Fett. Salz. Zucker. Billig und macht süchtig. Sagt aber keiner. They call it craving.“

Jemand fragt mich, ob ich ein Buch über ihn schreiben will. Ich sage: nein.

Am Frankfurter Hauptfriedhof hängt ein Plakat: „Einmal Frankfurt – immer Frankfurt“. Notiz dazu: „Wahr gesprochen!“

Dann ein Grab. Im Oktober 2000 ist Werner Dummetat gestorben. Aber woran? „Ruhe sanft.“

Notizen aus dem US-Konsulat. In der Schlange hinter mir steht ein Inder, der in Deutschland studiert. Er bringt Computern bei, Unkraut von Nutzpflanzen zu unterscheiden. Maschinelles Sehen. „Aber der Transfer von einer Sorte zur nächsten ist kompliziert.“ Ich hätte sagen können: Weiß ich. Da hab ich grad drüber geschrieben. Stattdessen nur genickt.

Dann diese Notiz: „Ah, das Leben! Ich muss besser darin werden.“ Keine Ahnung, was damit gemeint war. Aber es stimmt vermutlich.

Heute denke ich: Das ist das Schlimme an Corona. Dass es all diese Zufälle so selten macht. Es gefällt mir nicht.

In den Nächten sind wieder Tiere durch den Garten gelaufen. Aus der Nähe: Mr. Friendly, der Kater.

In der Halbdistanz: ein Waschbär.

In der Ferne: ein Kojote.

Bald sitz‘ ich im Flugzeug über den Atlantik. Bin gespannt, ob das gutgeht.

bookmark_borderWas ist Doomscrolling?

Seit einigen Wochen wird meine Partnerin von diversen Journalisten-KollegInnen kontaktiert. Alle wollen wissen, was es mit diesem „Doomscrolling“ auf sich hat.

Das Bild oben habe ich selbst gemacht. Es ist natürlich selbstironisch gemeint. Es transportiert alles, was „Doomscrolling“ meint: Man kann nicht aufhören, Social-Media-Inhalte in sich reinzufressen. Und zwar solche, die einem versichern, dass die Welt jetzt endgültig im Arsch ist. Man reagiert womöglich mit Entsetzen.

Wie lange gibt es den Begriff schon? Bei derlei Fragen konsultiere ich stets Google Trends. Dort kann man sehen, wann und wo ein Begriff wie häufig bei Google nachgefragt wurde. Tolles Werkzeug! Hier die entsprechende Grafik zum Thema Doomscrolling (bezogen auf die USA):

Die Grafik besagt: Die Leute in Amerika haben erst ab dem 12. April angefangen, „doomscrolling“ zu googeln. Es handelt sich also um einen Begriff, der erst mit der Pandemie in die Alltagssprache gekommen ist. Für Deutschland gibt es für den April übrigens zu wenige Einträge, um daraus überhaupt eine Grafik bauen zu können. Soll also keiner behaupten: „Wir in Berlin sagen das schon seit Weihnachten.“

Nach und nach sind jedenfalls diverse Artikel erschienen, in denen Nicki ihren Senf zu diesem Tun abgeben durfte. Erst kam was von Fastcompany, dann von Wired. Andere Medien haben auch schon angerufen, aber noch nix veröffentlicht. Die Zitate tauchen jedenfalls jetzt überall im Netz auf. Man schreibt sie einfach ab. Auf Französisch, auf Chinesisch, auf Spanisch. Schon interessant, wie Informationen so durchs Netz wandern.

Fastcompany und Wired machen einen guten Job. Manche der anderen Artikel scheinen mir folgendermaßen zu entstehen: Eine Maschine übersetzt die Arbeit anderer aus dem Englischen in irgendeine andere Sprache. Eine andere Maschine übersetzt sie wieder zurück. So wird aus guten Sätzen ein Haufen Unsinn – und aus der „School of Information“ auf einmal das „College of Files“. Man kichert.

Interessant auch, dass von den KollegInnen kaum wer fragt, ob es Doomscrolling überhaupt gibt. Ist das ein Massenphänomen? Das setzen alle voraus. Es läuft ein bisschen wie früher beim ontologischen Gottesbeweis. Der ging so: Dass wir von Gott reden können, dass wir einen Begriff von ihm haben, beweist, dass es ihn auch geben muss. Wir wissen natürlich längst, dass der ontologische Gottesbeweis Käse ist. Man kann ja auch von einem fliegenden Einhorn reden, ohne dass es fliegende Einhörner gibt. Der ontologische Doomscrolling-Beweis ist genau so Käse. Trotzdem kommt man noch immer damit durch.

Ob Doomscrolling ein Massenphänomen ist, das weiß heute, wenn ich das richtig sehe, kein Mensch. Es gibt keine ordentlichen Studien dazu. Und falls doch, dann habe ich sie nicht gefunden. Alles was wir dazu haben, sind Meinungen. „Educated guesses“, wie die Amerikaner sagen.

Warum doomscrollen wir überhaupt? Meine Lieblingserklärung: Es läuft ein bisschen wie früher im Krieg. Man liest Zeitung, hört Radio – aber man quatscht halt auch über den Gartenzaun mit den Nachbarn. Dort werden anderen Dinge verbreitet. Gerüchte, manche davon wahr, andere unwahr, wieder andere: irgendwo dazwischen. Das sind wichtige Informationen. Kleine Steinchen, mit denen man – im Zusammenspiel mit all den anderen Informations-Trümmern – ein irgendwie passendes Mosaik erstellen kann.

Genau das machen wir vermutlich auch beim Doomscrolling. Es handelt sich um eine Art der kollektiven Weltdeutung. Collective sense-making. Dieses Verhalten wird besonders wichtig in Zeiten, in denen man zum einen nicht weiß, was Sache ist und der es zum anderen um eine Menge geht – womöglich um die eigene Existenz. Weiß man auch schon aus der Psychologie des Gerüchts. Das war schon immer so – schon vor Facebook und Twitter.

Naja. Wenn ich das richtig sehe, ist Doomscrolling nicht mehr als ein Buzzword, ein Modewort, über das man jetzt für ne Weile reden kann. Manchmal hört man so was und denkt: Darüber werden die jungen Leute bald ihre Doktorarbeiten schreiben. Beim Doomscrolling würde ich darauf aber keine großen Summen verwetten.

Aber.

Ich liege bei solchen Dingen oft falsch. Also: Mal abwarten. Und im Juli 2021 wieder danach googeln.

Nicki sagt zu all dem: „Wenn Du das so schreibst, verpasst Du die Chance, etwas Interessantes zu erklären. Doomscrolling ist ein Begriff, der irgendwie hängen bleibt. Das stimmt. Aber warum tut er das? Weil er uns neugierig macht. Er spricht etwas an, womit viele Leute was anfangen können. Das Gefühl, MEHR wissen zu wollen. Unzufrieden zu sein mit den Informationen, die man uns füttert. Aber der Begriff ist zu flach und zu billig. Weil es sich eigentlich um ein ganzes Gewebe von Abläufen und Phänomenen handelt. Das Wort „Doomscrolling“ aber tut so, als sei da nur ein einziger Faden.“

Hm. Vielleicht wird’s in Zukunft doch Dissertationen zu diesem Thema geben … 

bookmark_borderIn der Not frisst die Pflanze Fliegen

Ausflug zum Discovery Center in Chelsea gemacht. Von dort führt ein Spaziergang durch den Wald direkt ins Moor.

Dort wachsen im sauren Wasser sogenannte Kannenpflanzen.

Die Leute im Natur-Center haben uns eine Pipette mitgegeben. Die Anweisung: In die Pflanze reinhalten, das Wasser rausziehen und gucken. Beim fünften Versuch dann dies:

Erg. Okay. Man sieht es nicht auf dem Foto. Aber ich schwöre beim Augenlicht meiner Mutter: Im Wasser, das wir aus dem Pflanzenkelch gezogen haben, schwimmen kleine Insekten. Das Schild am Ende des Pfades erklärt die Sache.

Die Kannenpflanzen kriegen im Moor nicht genügend Nährstoffe über ihre Wurzeln. Also holen sie sich das Zeug aus der Luft, indem sie Insekten fangen.

In der Not frisst die Pflanze Fliegen.

Das ist mein Wort zum Sonntag: Immer flexibel bleiben, Leute. Wer weiß, wofür das nochmal gut ist.

bookmark_borderLangweilige Lebensbilder

In den sozialen Medien teilen Menschen dieser Tage Schwarzweißbilder ihres Alltags. Spannend. Meine Bilder sind dagegen langweilig – genau so wie weite Teile meines Lebens. Auf Facebook heißt es: Keine Erklärung zu den Bildern. Das geht natürlich nicht. Ich bin ein Mann des Wortes. Oben also: Jochen arbeitet an einem neuen Projekt und verzweifelt daran.

Buddha sagt: Alles ist eins. Geschirr benutzen, Geschirr abwaschen, Geschirr wegräumen, Geschirr benutzen usw.

Buddha sagt … ach, hatten wir schon. Also: Oben der Topf, unten die Schüssel. Alles ist eins.

Aber sauber muss alles sein!

Apropos. Heute hatte ich doch glatte DREI Diskussionen darüber, wer eigentlich die bekanntesten Deutschen sind. Mit meinem Sohn zusammen getippt: Beethoven, Goethe, Hitler (sorry).

Dann zwei Mal bei Leuten aus Michigan nachgefragt. Sie sagen ALLE erstmal Hitler. Unglaublich, eigentlich. Dann kommen nach einigem Nachdenken: Beethoven und Goethe, der für Amerikaner aber schwer auszusprechen ist.

Außerdem hörte ich: Bach, Gutenberg, Wernher von Braun – und Friedrich der Große. Und Angela Merkel. Und Hermann Hesse. Und auf Nachfragen kriegt man auch noch ein Nicken für Thomas Mann. Aber nur, weil man es in Ann Arbor mit verdammten Intellektuellen zu tun hat. Schon Bismarck kennt keine Sau. Auch Schiller nicht. Freud kennen alle. Aber: Österreicher.

Also jetzt. Für Beethoven: das Klavier.

Und weil mit Bach ein zweiter Komponist genannt wurde, schmeiß ich auch noch die Gitarre mir rein.

Außerdem. Die USA sind ein gespaltenes Land. Der gelehrte Richard Florida hat kürzlich gesagt: Wir Amerikaner müssen akzeptieren, dass wir nicht mehr miteinander reden können. Dass wir über uns viele Dinge niemals werden einigen können. Wir können uns nur darüber einigen, wie man Schlaglöcher repariert. „There’s no republican or democratic way to pave the roads.“ Heißt: Auf lokaler Ebene kann man praktisch nicht unterscheiden, zu welcher Partei ein Bürgermeister eigentlich gehört. Die Erfahrung hab ich in Deutschland auch gemacht. Erst auf Staatsebene laufen die Meinungen so richtig auseinander. Deshalb sollte man mehr Macht von der Zentralregierung abziehen und an die Kommunen, Kreise, Bundesländer geben. Keine Ahnung, ob das so komplett bis zum Ende durchgedacht ist. Aber interessant ist es doch.

Einstweilen leben die Leute halt zusammen wie Hund … 

… und Katze.

Am Morgen trinkt man seinen Kaffee … 

… spät am Abend putzt man sich die Zähne.

Und so wird aus Abend und Morgen ein neuer Tag. Alles ist eins. Sagt Buddha.

bookmark_borderAmerika und die Männermode

Man hat mich wiederholt gebeten, ein paar Worte über die hiesige Modewelt zu verlieren. Das ist problematisch. Wer mich kennt, weiß, dass ich selten Geld für Kleidung ausgebe. Ergo: Glashaus. Steine. Aber ich will auch keinen im Regen stehen lassen. Hier also meine Analyse.

Sprechen wir zunächst von den Männern. Alle Männer in Michigan tragen exakt das Gleiche. Im Sommer: Cargo Shorts. Im Winter: Jeans. Zu festlichen Anlässen darf es eine Leinenhose sein. All diese Hosen haben eins gemeinsam: Sie bieten ihrem Träger in allen Körperbereichen SEHR viel Raum. Mehr Raum, als man in Europa üblicherweise bekommt, so viel steht fest.

Herren-Oberbekleidung im engeren Sinne gibt es nicht. Keine Hemden, keine Pullover, keine T-Shirts. Vielmehr trägt der erwachsene Mann in Michigan einen ausrangierten Kartoffelsack, in den man drei zusätzliche Löcher für Kopf und Arme geschnitten hat. Wer es finanziell geschafft hat, lässt ein paar Knöpfe auf die Vorderseite nähen, damit der unförmige Fetzen entfernt hemdartig wirkt. Distinktion ist alles! Dann färbt man ein schlampiges Karomuster auf den Stoff – fertig! Das Ganze ist für gewöhnlich eine Investition fürs Leben!

Weil der Haarausfall auch hier nur wenige Männerhäupter verschont, trifft man nicht selten auf fantasievolle Kopfbedeckungen, mit denen die Einheimischen ihre Platte vor den Strahlen der Sonne (im Sommer) oder den unangenehm eisigen Winterwinden zu schützen trachten.

Von all diesen Moderegeln ist jedoch eine demographische Gruppe ausgenommen. In Ann Arbor legt man enormen Wert auf Sport, weshalb Jahr für Jahr einige der besten Jung-Athleten der Welt mit großzügigen Stipendien an die Hochschule gelockt werden. Für jeden solchen Football-, Basketball-, Eishockey- oder was-auch-immer-Adonis hat die Gouverneurin vor einigen Jahren die berühmte „No-Shirt-Rule“ von Michigan erlassen: Die Jungs dürfen, sobald sie ihr Grundstück verlassen, grundsätzlich keine Oberbekleidung tragen. Zumindest in der Zeit zwischen Memorial Day (letzter Montag im Mai) und Labor Day (erster Montag im September). Das Gesetz dient zur Stärkung der öffentlichen Moral – unter anderem deshalb, weil die permanente Begegnung mit diesen Waschbrettbäuchen die Eingeborenen zu regelmäßigeren Leibesübungen drängt. Die Sache funktioniert: Auch ich habe die Zahl meiner monatlichen Liegestütze zuletzt um 20 Prozent gesteigert.

Zu den Frauen kann ich wenig sagen. Die sind hier alle super angezogen.

bookmark_borderDas lauteste Musikinstrument der Stadt

Gestern nach Feierabend fahren wir zum North Campus der Uni. Da soll Musik spielen. Tatsächlich verlieren sich auch ein paar Leute auf dem Rasen. Nanu. Wo ist die Band?

Dann geht die Mucke los. Sie kommt aus dem Lurie Tower und wird offenbar von Glocken produziert. Einen Song erkenne ich sogar: „Respect“ von Aretha Franklin, die ja bis zu ihrem Tod vor zwei Jahren sozusagen ums Eck in Detroit gewohnt hat. Hier ein 15-Sekunden-Clip, damit Ihr einen Eindruck vom Sound bekommt.

Wie spielt man so ein Ding eigentlich? Sagt man wirklich Glockenspiel? Zu Hause also gegoogelt. Und, Donnerwetter, die haben hier an der Uni sogar zwei von diesen Dingern. Und sogar eine eigene Professorin für diese Instrumente. Man kann sich sozusagen zur Diplom-KirchturmglockenspielistIn ausbilden lassen. Außerdem: Man sagt gar nicht Glockenspiel, wenn man was auf sich hält. Man sagt „Carillon“ – und entsprechend „CarillonneurIn“. Eine Uni-Ausbildung dafür gibt’s in Deutschland, wenn ich das richtig sehe, nur in Würzburg.

Das gestrige Konzert wurde übrigens von der hiesigen Professorin höchstselbst bestritten. Cool. Und so läuft es ab, wenn die Meisterin in die Tasten tritt und haut.

Sieht nach Arbeit aus, wenn Ihr mich fragt. Aber dafür hat man auch was davon: Man spielt sozusagen das lauteste Musikinstrument der Stadt – und wird noch in einigen Meilen Entfernung gehört.

Wenn ich wieder in Hamburg bin, muss ich mal bei St. Nikolai vorbei schlendern, nur um den Vergleich zu hören. Dort hängt nämlich auch ein Carillon, das im Übrigen nur neun Glocken weniger hat als das Instrument im Lurie Tower.

Ich selbst werde für den Privatgebrauch bei der Gitarre bleiben.

Und Coco? Sie kennt eigentlich nur einen Sound, bei dem sie regelmäßig mitsingt (nämlich immer am zweiten Dienstag des Monats gegen 13 Uhr). Es handelt sich nicht um das Glockenspiel.

bookmark_borderDer Roboter macht die Hütte sauber – und trinkt uns das Bier nicht weg

In den letzten drei Wochen hab ich mich überwiegend mit Robotern beschäftigt. Das sind noch Nachwehen aus der Zeit in Kalifornien. Anfang März – ein paar Tage, bevor dort der Lockdown kam – war ich an der UC Berkeley auf der Techcrunch-Session über Roboter und Künstliche Intelligenz. Hier sieht man mich rechts im Bild. Ich scheine zuzuhören (einige Leute auf dem Foto machen irgendwie gerade andere Sachen).

Dort wurden abgefahrene Geräte vorgestellt. Etwa ein Greifarm, der bald Steine auf dem Mond aufsammeln soll. Und Käse, wenn er welchen findet.

Es gab auch eine Premiere. Ein paar Jungs haben einen Roboter präsentiert, der Klos putzen kann. Man geht vorher mit ner Spezialkamera durch seinen Bürokomplex. Der Roboter wird auf die dort aufgenommenen Daten trainiert – und findet sich dann super zurecht und weiß, wo er putzen soll und wo nicht. Nachts, wenn alle anderen schlafen. Also. Zumindest theoretisch.

Irgendwie scheint mein Gequatsche über Roboter Nicki inspiriert zu haben. Bald bin in wieder in Deutschland. Wer soll dann das Haus sauber machen? Genau: ein Roomba (ich habe für eine Geschichte gerade mit einem Typen geredet, der diesen Staubsauger-Roboter sozusagen erfunden hat).

Jetzt macht das Ding die Hütte sauber – und trinkt im Gegensatz zu mir keinem das Bier weg. Coco hat ein kritisches Auge auf den neuen Mitbewohner geworfen.

Und auch Theo, der Kater, war nur halb begeistert von diesem Ding.

Mal sehen, wie sich das Ding auf Dauer schlägt.

Schwer zu sagen, ob Roboter wirklich „die Zukunft sind“, wie man so sagt. Aber in einigen Lebensbereichen sind sie das ganz bestimmt. Wenn vorher die Welt nicht untergeht. Meine Meinung.

bookmark_borderHilfe, ich bin Teil einer Trendsportart!

Heute war ich nach Feierabend wieder beim Pickleball. Man denkt sich da ja nix Böses bei.

Aber jetzt hat mich jemand auf einen Artikel in der New York Times aufmerksam gemacht. Dort wird Pickleball doch tatsächlich zu einer der größten Trendsportarten des Jahres erklärt. Die Entertainerin Ellen DeGeneres ist eine begeisterte Spielerin. Neulich hat sie sich in ihrer Show wohl über den entsprechenden Muskelkater beklagt: „Jeder, der Pickleball spielt, wird mich verstehen.“

Gespielt wird auf einem eher kleinen Feld – ein Tennisplatz ist etwas drei Mal so groß. Das Netz ist rund 90 cm hoch. Das Coole an dem Spiel: Anders als beim Tennis oder Tischtennis hat der Ball Löcher und ne Menge Luft in der Mitte. Das macht ihn langsam – und den Menschen, der ihm nachjagt, ungewohnt schnell. Pickleball gibt einem das Gefühl, wieder jung zu sein. Und das fühlt sich super an.

Zwei Regeln finde ich besonders spannend. Zum einen gibt es eine so genannte „two bounce rule“. Das heißt: Man muss den Aufschlag einmal aufditschen lassen – wie beim Tennis. Aber! Der Aufschläger muss den Return danach AUCH einmal aufditschen lassen. Man kann also nicht wie Boris Becker Serve-and-Volley spielen. Die zweite interessante Regel ist die so genannten „Kitchen“-Linie: In den sieben Fuß vor dem Netz – bei uns ist das eine grüne Zone – darf man keinen Volley spielen. Man kann sich also nicht direkt ans Netz stellen und einfach alles wegballern, was da so angeflogen kommt. Die beiden Regeln führen dazu, dass der Aufschlag eher ein Nachteil als ein Vorteil ist. Und dass das Spiel am Netz nicht so ganz krass das Spiel dominiert.

Was ich auch bemerkenswert finde, ist der Spirit in diesem Sport. Alle strengen sich total an und kämpfen und alles. Aber schon eine Minute nach dem Spiel hat man vergessen, ob man jetzt eigentlich gewonnen oder verloren hat. Das finde ich super, hab aber keine Ahnung, woran das eigentlich liegt. Auch so eine soziale Norm. Aber woher kommt sie? Ich höre schon, wie die ersten Soziologie-Doktoranden ihre Griffel spitzen. Als erfahrener Tischtennisspieler kann ich jedenfalls versichern: Diese Entspanntheit ist nicht allen Rückschlagsportarten zueigen. 😉

Das sind William und Jackie beim Einspielen

Hab ich eigentlich schon erzählt, dass ich im vergangenen Jahr beim Camp der hiesigen Uni eine Urkunde für Tennis und Pickleball bekommen habe? In beiden Disziplinen: nicht fürs Können – aber für Enthusiasmus. Und die besten Witze zwischen den Ballwechseln.

Und nochwas finde ich klasse. Anders als beim Tennis gibt es in diesem Spiel praktisch keine Hürden. Pickleball kannst du sofort spielen. Ohne Talent. Ohne Trainerstunden. Du brauchst zwei Schläger, einen Ball, ein Feld – und schon geht’s los.

Hier in Ann Arbor gibt es mehrere Felder, die der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen. Du fährst einfach hin und spielst. Die Plätze gehören der Stadt. Kein Vereinsbeitrag, keine Anmeldung, gar nix.

Manchmal fahr ich einfach so aus Bock zum Platz im hiesigen Leslie Park. Da ist immer jemand am Daddeln. Und spätestens nach fünf Minuten fragt wer: „Hey, Du, Fremder, willst Du mitspielen?“ Und einige von diesen Fremden sind inzwischen auch keine Fremden mehr.

Herrlich ist das.

Ich bin mir sehr, sehr sicher: Pickleball würde auch in Deutschland super laufen. Alle Tennisspieler, die sich nicht mehr ganz so doll abrackern wollen, aber immer noch ein Händchen und ein Auge haben – die wären sofort dabei. Auch Tischtennisleute wie ich. Oder Badmintonspieler. Und überhaupt. Würde mich nicht wundern, wenn in ein paar Jahren auch die Süddeutsche, die Frankfurter Allgemeine oder die taz über Pickleball berichten: Hier kommt die neue Trendsportart.