bookmark_borderSoftball und die Kunst des Nichtstuns

Metzger’s Michigan Monday #2

Letzte Woche habe ich aktiv an einem Sportereignis teilgenommen. Und zwar. Haben die Leute aus Nickis Institut für so ne Art bunte Liga im Softball gemeldet und waren dankbar für Unterstützung. Softball ist wie Baseball, nur großzügiger.

Zum Beispiel ist die Keule, mit der man den Ball schlägt, nicht aus Holz, sondern aus Aluminium, was den Schwung erleichtert. Ich hab mir also so einen Schläger in die Hand drücken lassen und mein Glück versucht. Der Mensch, der einem den Ball zuwirft, spielt für die andere Mannschaft. Man kriegt den Ball deshalb selten so, wie man ihn gerne hätte. Ich habe all meine ersten Versuche vermasselt und war dann sofort raus.

Das Bild oben zeigt einen der wenigen Versuche, wo die Sache gut für mich ausging. Ich hab den Ball getroffen, hab’s auf die erste Base geschafft. Und nach tüchtigen Schlägen meiner anderen Teamleute bin ich dann tatsächlich „nach Hause“ gelaufen, was dem Team einen Punkt beschert hat. Ich mag das Bild sehr, man sieht, wie ich kurz davor bin, mit dem linken Fuß die Homebase zu berühren, also den Punkt zu machen. Rechts oben sieht man einen gelben Punkt – den Ball. Dahinter liegt unscharf ein bärtiger Mann quer in der Luft. Er hat den Ball hechtend geworfen, mit maximalem Einsatz. Die Frau neben mir wartet darauf, den Ball zu fangen. Wenn sie ihn fängt, ehe ich die Base erreiche, bin ich raus. Aber die Sache geht gut für mich aus, es war ein toller Moment. Entsprechend jubelnd zeigt mich das nächste (leider unscharfe) Bild:

Die eigentliche Lehrstunde hat mir jedoch eine andere Frage beschert: Was tun, wenn der Ball mir nicht gut zugeworfen wird? Dafür gibt es strenge Regeln. Der Ball darf nicht zu hoch sein, nicht zu flach, nicht zu weit rechts, nicht zu weit links. Pitcher sein – das ist ein schwieriger Job. Und die Faustregel bei so einem schlechten Ball lautet: Du machst gar nichts! Der Pitcher kriegt einen Fehler aufgeschrieben. Wenn er drei davon gemacht hat, darfst du ganz umsonst zu ersten Base marschieren. Und, Junge, HABEN mir meine Leute das eingebläut! „You don’t swing!“ Natürlich muss man vorher trotzdem so TUN, als würde man draufhauen. Wie ich hier im nächsten Bild. Bei all meinen Fehlversuchen meinten meine Leute: „Das Dastehen sah schon mal ganz gut aus.“

Das war sehr höflich. Überhaupt: Ich mag das Jubeln und Anfeuern sehr – es ist immer noch Amerika! Mein größtes Problem bestand darin, dann auch WIRKLICH nicht zu schlagen. Ich konnte es nicht.

Denn: Ich WILL diese blöde Kugel treffen, es ist ein Reflex, auch wenn die Kugel schlecht geworfen ist! Man haut dann natürlich vorbei – nach dem zweiten Fehlversuch ist man raus. Meine Leute verbergen ihre Gesichter schamvoll in ihren Händen. „Anfängerfehler“, meint Nicki trocken.

Und damit sind wir bei der großen Weisheit des Tages: Nichtstun ist eine Kunst. Es ist sehr schwierig, absichtsvoll nichts zu tun – zumal, wenn die Situation nach Aktion schreit, nach Lösung und Handlung. Ich beschäftige mich ja seit Jahren mit den möglichen Interventionen von Regierungen. Aus der Psychologie kommen dazu ganz interessante Ideen, wie man das ohne viel Aufwand machen kann und ohne die Freiheit der Menschen zu stark zu beschränken. Ein paar kluge Leute aus England haben über eine Art und Weise nachgedacht, dieses Regierungshandeln einzuordnen. Sie haben acht Stufen des Eingreifens ausgemacht. Die unterste Stufe – und das war damals ein großer Aha-Moment für mich – lautet: „Wir machen gar nix.“ Das bewusste Nichtstun ist AUCH eine Form der Intervention, eine Art des Eingreifens. Man entscheidet sich fürs Nichtstun – und das ist manchmal das Allerbeste überhaupt. Wie beim Softball, wenn die Kugel schlecht geworfen wurde.

Damals, vor Urzeiten, hab ich mich in meiner Magisterarbeit ja mit der Rednerschule der Nationalsozialisten in den späten 1920ern und frühen 1930ern befasst. Ich habe dabei auch ne Menge über die Führungsstrukturen der Partei gelernt. Es gab andauernd Zank zwischen irgendwelchen Abteilungsleitern und dann haben alle den großen Vorsitzenden angeschrieben und gesagt: „Jetzt tu doch endlich mal was!“ Man findet das auch in den Tagebüchern von Goebbels: Alle paar Seiten jammert er darüber, dass Hitler mal wieder NICHTS TUT und Probleme nicht auflöst. Ihm war entgangen, dass das Nichtstun komplett Absicht war und sozusagen das Machtprinzip seines Meisters. Sollen die andern sich doch kloppen! Soll der Ball doch fliegen und der Pitcher nen Fehler aufgeschrieben kriegen! Seit jenen Tagen hab ich in der Zeitung immer wieder Klagen gelesen über Menschen mit großer politischer Verantwortung. Über ihr Aussitzen. Ihre Unsichtbarkeit und all das. Tja.

Nichtstun ist eine Kunst. Und niemand sollte unterschätzen, wie sehr es gegen unsere Impulse geht. Man muss Respekt davor haben, wenn jemand das gut hinkriegt.

Dennoch bevorzuge ich persönlich natürlich die Aktion. Das Tun macht mir mehr Freude als das Nicht-Tun. Und so habe ich Nicki dazu überredet, ein Gericht auszutesten, das ich noch nie gekostet habe. Also sind wir mit der inzwischen nicht mehr stinkenden Schäferhündin in die Innenstadt marschiert, um bei Zingerman’s zwei „Knishes“ zu bestellen. Es handelt sich um ein Gebäck, das man mit gewürztem Kartoffelbrei oder anderen Sachen gefüllt hat.

Die Teigkissen waren im Januar Stadtgespräch, als die hiesige Uni ihren Präsidenten gefeuert hat. Er hatte ein Verhältnis mit einer Mitarbeiterin. Zusammen mit der Absetzung hat man gleich noch ein paar hundert Emails ins Netz gestellt, die die beiden einander zugeschickt hatten. Ich fand die Veröffentlichung einigermaßen schäbig, eine Aktion mit ranzigem Beigeschmack, sozusagen. War natürlich trotzdem unterhaltsam. Ein Satz des Präsidenten aus der Korrespondenz hat es sogar in die Headline der Berichterstattung geschafft: „I can lure you to visit with the promise of a knish?

Knishes, so viel kann ich sagen, sind nahrhaft und lecker. Preis: 4,99 $ das Stück.

bookmark_borderEin paar tausend Leute – und alle kiffen

Gestern bin ich im Zentrum von Ann Arbor ins heftigste Volksfest meines Lebens geraten. Die Veranstaltung nennt sich „Hash Bash“ (=“Hasch-Fete“) und obwohl ich ja schon ne Menge Zeit hier verbracht hab, ist mir der Name bisher noch nie zu Ohren gekommen. Auch seltsam.

Jedenfalls stolperten da tausende von Leuten über den Campus – und sehr viele davon waren bereits berauscht oder sichtbar am Kiffen.

Am Straßenrand überall Marktstände – für Marihuana selbst, aber auch für die ganzen Waren drumherum. Bongs, Pfeifen, Feuerzeuge, hydroponische Systeme für den heimischen Selbstanbau, Merchandise. Dazwischen auch eine Firma, die Hausdächer verkauft hat. Ich so: „Häh? Ihr deckt die Häuser mit Gras???“ Die Leute so: „Nö, mit Gras hamwer nix am Hut. Aber Hausbesitzer trifft man überall!“ War nicht viel los an ihrem Stand, keine Ahnung, ob die Marketingabteilung das korrekt kalkuliert hat.

Die für mich krasseste Aktion waren Leute, die mit Laubbläsern durch die Menge gefahren oder gelaufen sind und dabei irgendwelchen Qualm in die Menge gepustet haben (der rote Pfeil im Bild unten zeigt auf rauchenden Auslass).

Ich hab erst gedacht: Klar, ist nur Dampf, ein PR-Gag. Also bin ich hingegangen, um mal zu schnuppern. Nämlich hier. Im Bild unten zeigt der rote Pfeil auf, naja, den Rauch halt. Der schwarze Pfeil bedeutet gar nix. Ich war nur zu faul, ihn wieder aus dem Bild zu löschen.

Ich kann jedenfalls bezeugen, dass es sich weder um einen Gag noch um Wasserdampf gehandelt hat. Ich hab erst zwei volle Ladungen von dem Zeug in die Nase bekommen und danach einen Blick in den Pfeifenkopf geworfen. Und das war ganz eindeutig kokelndes Gras. Hat so gerochen. Und auch so gewirkt. Ich war noch beim Frühstück ziemlich benebelt und hab davor zum ersten Mal seit Wochen durchgeschlafen wie ein Baby. Meine Herren!

Überall standen im Übrigen fliegende Händler rum, die ihre Waren angepriesen haben. Mit einigen hab ich ein Schwätzchen gehalten. Alle waren EXTREM glücklich mit den Geschäften. Ich so: „Wie läuft’s?“ Er so: „Dude, was soll ich machen? ALLE sind am Kiffen!“

Ein anderer hat seine selbst angebauten Joints verkauft. „Alles Bio-Ware, du siehst hier den KAVIAR unter den Joints!“ Er hat 20 Dollar pro Joint genommen und anderthalb Stunden vor Ende der Veranstaltung behauptet, schon 800 davon vertickt zu haben.

Es war ein goldener Tag für die Menschen mit dem grünem Daumen.

Neben dem Hiphop-Stand mit der PA-Anlage und den fetten Bässen hat ein Stelzenmann seine Tänze aufgeführt. Ne Band gab’s auch. Deren Gig haben wir aber knapp verpasst und nur noch die letzten paar Akkorde mitgekriegt. Schade.

Jedenfalls. Wirkte das Ganze wie ein Weinfest in der Pfalz – nur halt mit Gras statt mit Riesling.

Interessant auch, dass IRRE viele Leute rumgelaufen sind, um für irgendwas Unterschriften zu sammeln. Für eine neue Kreisrichterin zum Beispiel.
Für einen republikanischen Kandidaten fürs Repräsentantenhaus.
Für eine demokratische Kandidatin fürs Repräsentantenhaus.
Für die Legalisierung von Magic Mushrooms („in Ann Arbor und Detroit sind sie schon legal – im Rest von Michigan aber noch nicht“).
Für einen Mindestlohn von 15 Dollar.
Ich hab dann immer gesagt, dass ich aus Deutschland bin, dann haben sie mich alle in Ruhe gelassen. Ein älterer Herr hat mir aber ne kostenlose Vorlesung über Hash Bash gegeben.

Das Fest findet jedes Jahr Anfang April statt – und zwar schon seit 1972. Es war also das 50. Jubiläum. „Am Anfang ging’s nur um nen Typen, den sie wegen ein paar Gramm Gras eingesperrt haben. Hash Bash war am Anfang reiner Protest.“

Jetzt ist Marihuana in Michigan seit 2019 legal. Die Gouverneurin war über viele Jahre Stammgast bei der städtischen Haschisch-Sause, wie man Wikipedia nachlesen kann. Auch interessant.

Wir waren am Ende unseres Besuchs jedenfalls allerbester Laune und haben wieder was gelernt über Ann Arbor und die Welt.

Eins vielleicht noch: Kiffen ist hier erlaubt. ÖFFENTLICHES Kiffen aber nicht. Eigentlich. Denn an diesem einen Tag im Jahr pflegt die Polizei beide Augen zu verschließen. Wie in der großen Skulptur vor dem örtlichen Kunstmuseum.

Mir gefallen solche Ausnahmetage, wo alle Fünfe gerade und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Es ist eine gute Haltung. Für das Leben und überhaupt.

Jetzt bräuchte ich noch einen klugen Schlusssatz. Aber ich bin noch immer ein bisschen angeschlagen vom gestrigen Passivrauchen. Heute geht’s wieder früh ins Bett.

Peace!

bookmark_borderZahnarzt-Gespräche in den USA laufen entspannter – es liegt an einem Trick mit der Körpersprache

Gestern hab ich hier in Michigan nach meinen Zähnen sehen lassen. Es gibt für alles ein erstes Mal. Oben der Apfel: Das bin ich. Die Knoblauchzwiebel: Das ist die Zahnärztin. Das Bild soll nur nochmal in Erinnerung rufen, wer sich bei einer Zahnbehandlung wo im Raum befindet.

Naja. Viele Dinge laufen beim Zahnarzt ähnlich wie in Deutschland. Andere Dinge laufen anders. Zum Beispiel hängt das Röntgengerät an der Wand im Behandlungszimmer. Man muss – anders, als ich das aus Hamburg kenne – den Behandlungsstuhl für eine Aufnahme nicht verlassen. Ist das besser oder schlechter? Weiß ich auch nicht.

Was mich am meisten überrascht und ins Nachdenken gebracht hat, war aber die Kommunikation der Zahnärztin mit dem Patienten (also mit mir). Es lief irgendwie ganz anders ab, als ich das von zu Hause kenne. Aber was genau war anders? Hat sie sich mehr Zeit genommen? Hm. Vielleicht ein bisschen. Hat sie über andere Dinge gesprochen? Hm, nicht wirklich.

Es war eher so, dass sie sich nicht wie eine Zahnärztin verhalten hat, sondern wie ein ganz normaler Mensch, also ohne eine eng definierte Rolle. Ich konnte im ersten Moment aber nicht sagen, wie genau sie das hingekriegt hat. Es war mehr so ein Gefühl. Aber das Gefühl war sehr präsent.

Über Nacht ist mir der entscheidende Trick dann aber doch aufgegangen – die meisten hätten es vermutlich sofort kapiert: Es lag an ihrer Position im Raum. Die sah nämlich folgendermaßen aus:

Sie (Knoblauchzwiebel) saß auf einem Stuhl auf der LINKEN Seite des Behandlungsstuhls (gefaltete Platzdecke). Und zwar jenseits des Fußendes, also weit mehr als eine Armeslänge entfernt von mir (Apfel). DAS war das ganze Geheimnis. Normalerweise kenn ich das so, dass der Zahnarzt auf der Behandlungsseite sitzt, während wir reden. Er befindet sich sozusagen schon komplett in Behandlungsbereitschaft.

Dieser Tage hab ich mich beruflich mal wieder mit den Versuchen von Iwan Pawlow und seinen Hunden befasst. Man kennt das ja schon: Pawlow läutet eine Glocke, kurz bevor der Hund sein Fresschen kriegt. Nach ein paar Durchläufen produziert der Hund Speichel, sobald die Glocke läutet – auch wenn nirgendwo eine Mahlzeit zu sehen oder zu riechen ist. Man sagt dann: Der Hund wurde auf die Glocke „konditioniert“ (in Wahrheit hat Pawlow nie mit einer Glocke gearbeitet, sondern meist mit einem Metronom, aber egal).

Jedenfalls ist das die ganze Story: Die Zahnärztin rechts des Behandlungsstuhls, keine Armeslänge vom Patienten entfernt – das ist bei mir und vermutlich bei vielen anderen auch ein konditionierter Reiz. Er verheißt Pein und Unbehagen, auch wenn noch gar kein Bohrer summt. Die Zahnärztin auf der LINKEN Seite dagegen, zwei Meter vor mir entfernt – das ist einfach ein Mensch, der sich mit mir unterhält.

Tja. Ich war während des Gesprächs auf eine Art und Weise entspannt, die mich völlig überrumpelt hat. Es hat sich angefühlt, als wär‘ das hier gar keine ernste Sache, sondern einfach eine lässige Unterhaltung am Nachmittag.

So einfach.

So clever.

Ich schreib das hier mal auf. Vielleicht inspiriert es ja jemanden dazu, Dinge in Zukunft anders zu machen. Oder. Vielleicht ist das in manchen Praxen in Deutschland ja heute schon üblich, nur nicht dort, wo ich so abzuhängen pflege. Vielleicht ist meine neue Zahnärztin auch die einzige, die das hier in Michigan so macht.

Ich weiß es nicht.

Aber so war es jedenfalls gestern, und es hat mir gut gefallen.

bookmark_borderPlötzlich hast Du Deinen eigenen Audible-Podcast

Es geht manchmal alles von selbst. Jens Schröder von Geo hat mich gefragt, ob ich nicht mal als Teil eines kleinen Teams was über Psychologie erzählen will. Und – zack! – plötzlich hast Du Deinen eigenen Audible-Podcast!

Jens gehört zu dem Trio, das jede Woche den Podcast „Sag mal, Du als Physiker …“ raushaut – und das inzwischen schon in der sechsten Staffel. Daraus ist über die Jahre ne ganze Podcast-Familie geworden. Das neueste Baby heißt „Sag mal, Du als Psychologin …“. Und seit Donnerstag sind wir damit draußen in der Welt. Ich rede dabei mit der Psychologin Muriel Böttger und der Geo-Journalistin Barbara Lich über alle möglichen Themen: Glück, Dankbarkeit, Kreativität, Lampenfieber, die Liebe – 24 Folgen, jeden Donnerstag kommt ne neue dazu.

In der ersten Folge geht’s um Persönlichkeit. Checkt es aus. Wenn’s Euch gefällt: Hinterlasst ne gute Bewertung. Wenn nicht: Erzählt es mir 😉

Ich finde die Podcast-Arbeit jedenfalls ziemlich aufregend. Es ist ein ganz anderes Spiel als das Schreiben für Magazine, das steht schon mal fest. Es fühlt sich schneller an. Und ich hab das Gefühl, an manchen Punkten trotzdem mehr Tiefe in die Themen zu kriegen. Das Gespräch ist eine gute Literaturform.

Ansonsten hatten wir dieser Tage wieder ein bisschen Neuschnee. Alle möglichen Tiere haben ihre Spuren hinterlassen. Irgendwann schmilzt der Schnee, dann sind die Spuren wieder weg. Der Schnee ist das Medium. Die Spuren sind die Artikel und Bücher, die wir schreiben, die Podcast-Episoden, die wir aufnehmen. Es bleibt alles ein Weilchen, dann ist es wieder verschwunden. Und die Erde dreht sich weiter, weil sie nicht anders kann.

Hier die Tiere – wie gut ist Eure Nase im Spurenlesen?
Hirsch, Waschbär, Truthahn, Katze, Opossum, Kaninchen.
Welcher Abdruck gehört zu welcher Kreatur?
Viel Spaß dabei!

bookmark_borderEin neues Schupfnudelrezept und ein namenloser Kanzler

Am Wochenende war unser Kumpel William wieder zu Besuch. Ich hab’s andernorts schon erwähnt: William kocht am besten. Wir haben diesmal Schupfnudeln gemacht. Das ist für mich was Besonderes. Denn mit meinem alten Schulfreund Holger hab ich vor vielen, vielen Jahren mal eine Schupfnudel-Wette abgeschlossen. Ich meinte damals: „Meine Mutter macht die besten Schupfnudeln der Welt.“ Er so: „Das kann nicht sein. Die macht nämlich meine Oma.“

Also war er bei uns zum Schupfnudeln-Essen. Und ich war mal bei seiner Oma. Es war alles ganz toll – wir haben uns auf Unentschieden geeinigt.

Als Student hab ich dann selbst Schupfnudeln gemacht, weil das wie Heimat geschmeckt hat.

Jetzt aber hat William mit seiner österreichischen Küche ein paar meiner Ur-Überzeugungen zerstört. Er macht Schupfnudeln ganz anders. Und besser. Da hilft alles Jammern nicht.

Und zwar ist es so: Da, wo ich herkomme, kocht man am Vortag seine Kartoffeln in der Schale. Man lässt sie ausdampfen und dann stehen über Nacht. Die Kartoffeln verlieren Wasser. Am nächsten Tag schält man die Kartoffeln, stampft sie, mischt sie mit Mehl, einem Ei, Salz und Muskat. Aus dem Teig rollt man die Schupfnudeln, man kocht sie wie Knödel im Salzwasser, lässt sie abtrocknen, um sie dann in der Pfanne knusprig zu braten. Eigentlich einfach – aber es dauert.

Jetzt aber William: Er lässt mich die Kartoffeln schälen, sie achteln und dann mit einer genau abgemessenen Menge Wasser im Topf kochen. Er stellt seinen Wecker, nach dem Klingeln lässt er mich eine vorher abgemessene Mehlmenge in den Topf kippen. In den Topf? In den Topf!

William sticht mit Holzkochlöffel ein paar Löcher in die Mehldecke, das Wasser brodelt daraus hervor, atmend wie ein isländischer Geysir oder der Wallende Born in der Vulkaneifel.

Wieder eine Weile später ist das Wasser fast verkocht, William nimmt den Topf vom Feuer und zerdrückt alles mit dem Stampfer zu einem schönen, festen Teig.

Dann das Formen der Schupfnudeln, reichlich Butter in die Pfanne und dann das gute Zeug bei mittlerer Hitze ausbacken.

in meiner Badischen Heimat gibt’s die Schupfnudeln meist mit Apfelbrei und in einem anderen Gang mit Blattsalat. Die Schwaben essen ihre Schupfnudeln mit Sauerkraut.

William jedoch gibt uns Puderzucker, Mohn und selbst gemachtes Pflaumenkompott.

Es schmeckt alles sehr gut und ging in der Zubereitung viel, viel schneller und einfacher als bei Oma und Mutter.

Ich ziehe meinen Hut und werde es beim nächsten Mal ohne fremde Hilfe ausprobieren.

Ansonsten wieder US-Nachrichten geguckt. Scholz war in Washington. NBC sagt tatsächlich: Der neue Chef aus Deutschland war da. Dann ein Satz, den Biden gesagt hat. Dass unser Neuer „Olaf Scholz“ heißt, bleibt unerwähnt. Merkel kannte jeder. Ihr Nachfolger hat in Amerika noch nicht einmal einen Namen. Traurig.

bookmark_borderHappy End mit Stromausfall

Das Interessante an Büchern und Filmen ist ja, dass sie irgendwie „ausgehen“. Das hat uns als Kinder immer am meisten interessiert. Jemand hatte ein Buch gelesen, wir noch nicht. Wir kannten nur den Anfang oder ein paar Grundfiguren. „Und, wie geht’s aus?“ – das war die wichtigste Frage. Dasselbe im Fernsehen. Damals war’s ja so: Ein Film lief einmal – und wenn man nicht aufbleiben durfte oder den Film aus sonstigen Gründen „verpasst“ hatte, dann war es das eben für die nächsten Jahre. Vielleicht sogar für immer. „Wie ist es ausgegangen?“ Es war immer dieselbe Frage.

Ich persönlich wollte immer, dass es „gut ausgeht“.

Denn wir wissen ja alle, wie unser Leben endet: Man stirbt und ist dann tot. Man weiß es vorher. Wie also kann ein Leben „gut ausgehen“? „In den Himmel kommen“ schien mir als Chance zwar plausibel, aber auch relativ abstrakt. Die Panik vor der eigenen Sterblichkeit hat im Kindergarten angefangen und dann sehr lange angehalten. Jeder Film und jedes Buch, das zu Ende ging, fühlte sich an wie ein Probelauf dafür. Es war immer ein großer Verlust. Dass die Erzählung für die Heldinnen und Helden gut ausgegangen war, tröstete immerhin ein wenig. Die offenen Enden oder gar die „auf der letzten Seite sind dann endlich alle tot“–Variante hab ich stets als düstere Zumutung empfunden. Warum den Schmerz mit Absicht verdoppeln?

Dieser Tage in Michigan reden jedenfalls alle vom Wetter. Bis kürzlich war’s noch: kalt und trocken. Der Fluss komplett zugefroren, mehr als zehn Zentimeter dick die Eisschicht, wir haben einen jungen Mann gesehen, der mit dem Fahrrad über den See gefahren kam.

Heute zum Frühstück fielen dann die ersten Flocken.

Der Wetterdienst sagt, dass wir bis zum nächsten Frühstück bis zu 40 Zentimeter Neuschnee kriegen könnten. Das ist sehr viel Schnee für meine Verhältnisse. Hab vorhin die Zufahrt geschippt und „Weg gemacht“, wie man in meiner alten Heimat sagt. Der letzte Schnee war trocken, leicht und pulverig. Dieser Schnee ist eine schwere Pampe. Ich fürchte, er wird für manchen Baum eine zu große Last. Die Bäume knicken dann, sie fallen in Leitungen – und wir haben keinen Strom. So könnte es kommen, aber man weiß es halt nicht genau.

Ich hoffe, die Sache geht gut aus. Mit Stromausfall oder ohne. Jetzt erstmal: Holz ins Haus bringen. Kerzen bereitlegen, den kleinen Gaskocher aus dem Keller holen für alle Fälle. Hund und Katze haben es sich schonmal gemütlich gemacht.

bookmark_borderZuhören ist schwer

Zuhören ist schwer. Sogar wenn ich mit meinen Kinder rede, ertappe ich mich manchmal dabei, wie die Gedanken auf Reisen gehen und sich mit irgendwas ganz anderem befassen. Meine Kinder sind mir sehr wichtig. Und selbst da! Warum ist das eigentlich so?

Neulich hatte ich ein Interview mit einem spannenden Psychologie-Professor hier aus Michigan. Eigentlich wollten wir uns persönlich treffen und einen Spaziergang machen. Aber dann haben die Covid-Zahlen just in der Woche unseres Termins neue Rekordwerte erreicht, also haben wir die Sache über Teams laufen lassen. Schade, aber natürlich viel, viel besser, als gar nicht zu reden.

Ich verfolge die Arbeit von Ethan Kross schon seit einigen Jahren. Gelegentlich hab über einzelne Studien von ihm berichtet. Er hat kürzlich ein Buch darüber geschrieben, das demnächst auch in deutscher Übersetzung erscheint. Und er hat dabei einen Begriff gefunden für diese innere Stimme, die da oben unaufhörlich redet und plappert, ohne Punkt und Komma, wie man bei James Joyce nachlesen kann im 18. Kapitel des „Ulysses“. Dort klingt das dann so über viele, viele Seiten:

I suppose she was pious because no man would look at her twice I hope I’ll never be like her a wonder she didnt want us to cover our faces but she was a welleducated woman certainly and her gabby talk about Mr Riordan here and Mr Riordan there I suppose he was glad to get shut of her and her dog smelling my fur and always edging to get up under my petticoats especially 

So schnattert es da oben. Vielleicht nicht ganz so versaut wie bei Joyce, aber in derselben Grammatik. Und manchmal wird diese innere Stimme zu laut. Sie dreht sich im Kreis. Sie redet die ganze Zeit immer dasselbe. Sie urteilt dann über andere oder uns selbst. Kennt vermutlich jeder. Das sind die Phasen, in denen die innere Stimme nervt. Ethan nennt dieses Phänomen „Chatter“, das „Geplapper“. Es gibt viele Interventionen, um besser damit umzugehen. Man kann das alles in Ethans Buch nachlesen. Er hat einen erstklassigen Job gemacht, „Chatter“ verkauft sich in den USA wie geschnitten Brot.

In unserem Gespräch hat Ethan mich jedenfalls auf etwas aufmerksam gemacht, über das ich bisher nicht genug nachgedacht hatte:

Wir haben nämlich nicht nur eine innere Stimme, sondern auch ein inneres Ohr.

Es redet da oben, aber es hört auch zu. Man nennt dieses Zusammenspiel von innerem Reden und innerem Lauschen die „phonologische Schleife“. Sie frisst, wenn die Stimme zu „Chatter“ wird, jede Menge Speicherplatz im Gehirn – und zwar just an der schwächsten Stelle unseres biochemischen Rechenzentrums: in unserem Arbeitsgedächtnis.

Ich glaube manchmal, dass meine Generation und die Generationen davor sich ihres Arbeitsgedächtnisses stärker bewusst sind, als das bei jüngeren Leuten der Fall ist. Wegen des Telefons. Früher ging das nämlich noch so: Man wollte wen anrufen, schlug die Nummer im Telefonbuch nach – und hatte sie auf dem Weg von Buch zu Festnetzapparat schon wieder vergessen. Man musste also wieder zurücklaufen und nochmal nachschauen. Oder sich die Nummer auf einen Zettel kritzeln. Oder das Telefonbuch zum Telefon tragen. Die Sache war in jeder Variante demütigend.

Als Student hab ich in der ausgezeichneten Vorlesung „Allgemeine Psychologie I“ noch gelernt, dass in unser Arbeitsgedächtnis nur sieben plus/minus zwei Elemente passen. Das war damals noch Lehrbuchmeinung. Heute gehen die Fachleute eher von vier Dingen aus. Mehr Platz ist nicht. Sobald da was Neues hinein will, muss etwas Altes hinaus. Man ist verloren in seinen Gedanken, seinem Chatter, man liest die Telefonnummer, es dauert nur wenige Sekunden, und der innere Gedankenstrom hat die Nummer schon wieder aus dem Speicher hinausgeplappert.

Genau deshalb ist es so schwer, zuzuhören. Weil im Inneren die ganze Zeit jemand gegen das äußere Gespräch anlabert. Und wenn wir Stress haben, zu viel Arbeit, irgendwelche Konflikte, die uns gerade belasten, dann ist das innere Gelaber auf einmal viel stärker und lauter als die Sätze, die von außen in unser Ohr dringen.

Wir leben dann durch unseren Tag wie durch einen Traum. Wir verpassen den Film im Außen durch den Film, der innen läuft. Wir „fahren Filme“, wie man früher gesagt hat.

Wer träumt, ist ein schlechter Zuhörer.

Das hab ich mir jedenfalls vorgenommen heute zum Frühstück: Dass ich 2022 zum Jahr des Zuhörens machen möchte. Weil ich es wichtig finde und ich mir eingestehe, dass es nicht zu meinen Stärken zählt.

Man kann sich das abgucken bei manchen Leuten, die ihr Geld mit klinischer Psychologie verdienen. Von Zeit zu Zeit werden sie das Gespräch unterbrechen und sagen: „Lass mich kurz zusammenfassen, was bei mir angekommen ist, damit wir sehen können, ob ich alles richtig verstanden habe.“

Wenn jemand das schon ne Weile beruflich macht, fühlt sich dieses Unterbrechen fürs Gegenüber ganz geschmeidig, wertschätzen und angenehm an. Wenn jemand erst damit anfängt, klingt es manchmal seltsam und gelegentlich sogar manipulativ. Vielleicht liegt’s auch nicht an der Routine, sondern an der inneren Haltung. Schwer zu sagen. Fest steht: Manche Leute können das ganz ausgezeichnet. Zuhören ist möglich.

Jedenfalls hab ich mir das vorgenommen. Gelegentlich mal den Fluss unterbrechen. Innehalten. Zusammenfassen, was man gehört hat. Und dann weitermachen.

Und wenn meine Story über Ethan und den „Chatter“ fertig ist und irgendwo erscheint, dann sag ich Bescheid. Versprochen.

bookmark_borderSegler auf dem Eis

Es ist tüchtig kalt dieser Tage. Der See ist seit Tagen zugefroren, und die Leute machen sich ihren Spaß daraus. Kinder spielen Eishockey. Am Samstag seh‘ ich hier zum ersten Mal zwei Eissegler. Der Wind ist schwach, aber wenn sie ne günstige Brise erwischen, dann nehmen die Jungs gut Fahrt auf. Klar eigentlich: So richtig viel Reibung gibt es nicht auf dem Eis.

Direkt am Damm macht der See unterm Eis merkwürdige, basslastige Geräusche. Unheimlich. Vielleicht liegt es an der Strömung, die unterhalb der Eisschicht immer noch Richtung Wasserfall drängt.

Gestern dann einmal um den See herumgewandert. Am anderen Ufer stehen die Eissegler. Das sind keine besonderes neuen Geräte, aber irgendwie hab ich das Gefühl, dass das ein sehr schönes Hobby sein kann.

Gerade nachgesehen. So richtig teuer müssen die Dinger gar nicht zu sein. Im Netz verkauft jemand aus Ohio zwei Boote inklusive Segel für je 500 Dollar.

Dann entdecken wir nah am gegenüberliegenden Ufer zwei Leute auf dem Eis, die sich merkwürdig bewegen. Sie tragen keine Schlittschuhe, so viel steht schon mal fest. Durch den Feldstecher wird dann klar: Es handelt sich um Eisangler. Sie bohren sich gerade ihre Löcher. Später dann sehen wir, wie sie ein Zelt über eines der Bohrlöcher stellen. Freunde haben mir erzählt, dass Eisfischen hier in Michigan ne große Sache ist. Auch cool, irgendwie.

Am Ende macht Coco einen kleinen Ausflug über den See, Neugier und Übermut treiben sie hinaus. Sie will, dass wir Stöckchen werfen. Sie bewegt sich tapsig und schlitternd wie ein Welpe. Das Eis macht alle wieder jung. Der Winter ist eine schöne Jahreszeit. Aber kalt.

Gestern haben sie hier im Übrigen den Präsidenten der Uni gefeuert. Er hatte wohl eine Affäre mit einer Mitarbeiterin. Und sie haben sich Sachen über die Geschäftsmail geschickt. Keine gute Idee. Viele der Mails stehen jetzt einfach so in der Zeitung und alle reden darüber. Es gefällt mir nicht. Ich finde es übertrieben. Aber das ist Kultur. Ich muss in den nächsten Tagen nochmal was dazu sagen.

bookmark_borderEin Kessel Buntes – die TV-Sonntags-Nachrichten in den USA

Heute mal wieder die NBC-Abendnachrichten geguckt. Und zwar aufmerksamer als sonst, weil mir mein Kumpel Dirk dieser Tage ein paar Gedanken über die Rolle der alten Medien in der Pandemie geschickt hat. Außerdem hab ich ja während der ersten Corona-Welle schon mal nen Blogbeitrag über die NBC-Nachrichten geschrieben. Damals ging’s tüchtig auf den Wahlkampf zu, es war entsprechend eine sehr politische Nachrichtensendung mit sehr viel harter Recherchepower dahinter. Wie sieht das alles heute aus? Nun. Es sieht viel, viel weniger politisch aus. Washington hat praktisch gar keine Rolle gespielt. Klar. Ist auch die Wochenendausgabe. Möglich aber auch, dass man der Biden-Administration bei NBC deutlich weniger auf die Füße tritt, als das noch bei Trump der Fall war. Hier jedenfalls die Beiträge. Bitte festhalten!

Am Anfang kommt ne Geschichte über ein Feuer in New York. Ein schlimmes Feuer. Menschen sind dabei gestorben. Trotzdem. Es war ein Feuer. In einem Haus. Das war in den Augen der Redaktion das wichtigste Ereignis des Tages. Auf der ganzen Welt. Hm.

Dann: Corona. Natürlich. Die Story: Es gibt so viele Fälle, dass jetzt überall die Leute fehlen, um die Arbeit zu machen. In Kalifornien hat man deshalb drastische Maßnahmen beschlossen: Wer im Krankenhaus beschäftigt ist und positiv auf Covid testet, zugleich aber keine Symptome hat, soll einfach weiter zur Arbeit kommen. Ohne Test. Ohne Quarantäne. Ohne gar nix. Das ist auf jeden Fall interessant. Supermarktregale sind leer, weil keiner mehr da ist, um die Neuware einzuräumen. In den Apotheken bilden sich lange Schlangen, weil zu wenig Personal die Tabletten rausrückt. Die Schulen schalten auf Online-Unterricht, weil zu viele Lehrkräfte ausfallen und so weiter. Schlimm.

Dann nochmal Corona. Mit der Statistik der CDC stimmt was nicht: Die meisten Leute, die als Krankenhaus-Corona-Fälle gemeldet sind, werden eigentlich wegen ganz anderer Dinge behandelt. Sie sind nicht an, sondern mit Covid erkrankt. Sozusagen. Auch interessant.

Dann endlich Politik: die Russland-Krise in Osteuropa und wie die amerikanische Außenpolitik darauf reagieren will. Die Botschaft: Putin ist ein gefährlicher Kerl, aber wir haben die Sache im Griff. Es gibt nämlich „tough talks“ (siehe das Foto ganz oben). Beruhigend.

Dann nochmal Corona – diesmal aber mit einer Überleitung in die bunte Ecke der Nachrichten: Djokovic in Australien. Kann er spielen? Kann er nicht spielen? Seltsame Geschichte.

Dann nochmal Corona. Die Schülerinnen und Schüler – ihr Unterricht findet vielerorts wieder online statt. Eine Reporterin redet mit einigen von ihnen. Alle sagen: Sie mögen es nicht. Hm.

Jetzt wird’s endlich bunt: Ein paar arglose Bürger in Wisconsin waren beim Eisangeln, dann hat sich die Eisscholle gelöst, auf der sie standen. Ein Boot musste sie retten. Puh, die Sache ist gerade nochmal gut gegangen.

Dann gab es ein geplatztes Wasserrohr unter einem Sessellift. Menschen wurden verletzt. Kurios.

Schließlich noch die herzerwärmende Story eines Polizisten, der sich in seiner Freizeit als Captain America verkleidet, um Kindern eine Freude zu machen.

Unterm Strich: Sehr viel Buntes, sehr viel Unterhaltung. Anders als Heute Journal und Tagesthemen: kein aktueller Sport, kein Wetter, viel weniger nationale und internationale Politik. Im Grunde war das eine sehr affirmative Nachrichtensendung. Man hat hinterher das Gefühl: Ja, Pandemie und alles – aber im Großen und Ganzen geht’s uns doch super.

Kein Wort über den Präsidenten, wenn ich das richtig mitgekriegt habe. Das wäre Trump nicht passiert.

Danach noch ne Folge Family Guy gesehen. Die Serie ist in vielen Staffeln ganz sensationell geschrieben. Staffel 19 jedoch ist eine Schande. Ein Abgesang. Man bettelt darum, dass endlich jemand den Stecker zieht. So. Musste mal gesagt werden.

bookmark_borderDie Sachen, die man früher geschrieben hat, gehören einem nicht mehr

Gestern wie üblich den Hund ausgeführt. Dabei am Straßenrand der Newport Road dieses alte Ackergerät entdeckt. Eine Mähmaschine. Halb verschneit. Ich vermute: eine McCormick. Ich hab mich vor ein paar Jahren mal mit so was beschäftigt und heute fällt mir auf, dass die Sachen, die man früher geschrieben hat, einem nicht mehr gehören.

Jetzt hab ich hier Feierabend gemacht und versucht, mich zu erinnern. Bei Nicki im Haus steht ein Exemplar des Buches, das ich vor sieben Jahren geschrieben habe. Es heißt „Und doch ist es Heimat“. Es geht um mein Heimatdorf 1945. Und das Kapitel 39 heißt tatsächlich „Die Mähmaschine“.

Ich habe es gerade gelesen und es fühlt sich seltsam an.

„Sie ruht unter Spinnweben und wird nie mehr erwachen. Noch erkennt man deutlich die versetzten Querstreben in den eisernen Hinterrädern und den einzelnen nach hinten gezogenen Metallsitz.“

So geht es los.

Hier sind die Hinterräder der Maschine in Ann Arbor. Sie sehen so aus, wie das Buch sie beschreibt.

Es fühlt sich alles seltsam an.

Das Kapitel handelt von einem Zwölfjährigen, der sich das Hemd seines Vater anzieht, um eine große Wiese zu mähen, „eine Arbeit, für die man zu zweit sein sollte, selbst wenn man schon erwachsen ist.“ Aber der Junge macht die Arbeit allein. Er leiht sich ein altes Pferd. Das Pferd ist schmutzig. Er macht es sauber. „Wir wollen fein aussehen, wenn’s gleich nach draußen geht.“

„Er striegelt und bürstet dem Tier die Nacht von den Flanken, aus der Mähne, aus dem Schweif. Dann legt er ihm das Zaumzug an und führt es hinaus auf den Hof, wo er gestern schon die McCormick bereitgestellt hat. Er schirrt den Gaul an, legt ihm das Kummet um den Hals, sichert mit dem Gurt am Schweif, hängt die Zügel ein. Sie Sense und die Gabel hat er an der Maschine festgemacht. Er steckt den Wetzstein in die Tasche …“

„Hermann öffnet das Hoftor, klettert auf den eisernen Sitz … 

… löst die Bremse, und dann geht es hinaus mit Pferd und Mähmaschine. Die Eisenräder rattern übers Pflaster der Oberen Gasse, während im Milchgrau des Morgens hier und da ein Hahn kräht aus den Hinterhöfen, wo es noch Hähne gibt.“

Ich lese ein paar Seiten und möchte einen Stift nehmen, um Passagen zu streichen und andere hinzuzufügen. Aber die inneren Bilder von damals kommen dann trotzdem ganz von selbst. Das geht husch, husch zwischen einem Wort und dem anderen. Und das Gefühl dahinter beim Schreiben und beim Ausdenken. Das Gefühl sagt: „Du bist noch nicht so weit. Aber Du muss trotzdem.“ Und im Moment fühlt es sich an, als wär’s ungerecht und zu viel. Aber hinterher denken die Alten über ihr Leben nach und genau diese Momente bleiben. Über diese Momente wollen sie reden. Über die Momente, wo sie zu jung waren und überfordert und wo sie trotzdem diese Erwachsenendinge machen mussten. Und ich erinnere mich an die Geschichte, die echte erlebte Geschichte, die mir das Grundfutter für das Kapitel gegeben hat. Der alte Mann hat sie mit Trauer erzählt, weil seine Kindheit keine war. Aber auch mit Stolz, weil er’s halt irgendwie doch hingekriegt hat.

Man muss beim Schreiben wieder zurückgehen zu den ganz einfachen Dingen. Zu den ganz archaischen Erfahrungen.

Jedenfalls. Da war eine alte Mähmaschine am Rand der Newport Road. Eine McCormick, wie ich vermute. Eine geschenkte kleine Zeitreise. Jetzt muss ich den Hund füttern.