bookmark_borderNationale Selbstüberschätzung? Gibt’s überall. Aber in Russland vermutlich mehr als anderswo

Ich weiß nicht genau, wie ich es sagen soll, aber seit dem Kriegsbeginn in der Ukraine hat es mir irgendwie die Sprache verschlagen. So viele Gedanken im Kopf. Aber dann: Wenn alle ne Meinung äußern, neige ich zum Schweigen und warte ab, bis ein Gedanke kommt, den nicht eh schon jeder andere zwei oder drei Mal öffentlich geäußert hat.

Gestern hat mich so ein Gedanke heimgesucht und ich wundere mich, dass er so lange gebraucht hat, um sich bei mir zu melden.

Ende 2020 hab für Psychologie Heute eine Geschichte geschrieben, in der es um kollektiven Narzissmus und nationale Selbstüberschätzung ging. Dieser Tage hab ich mich für ne andere Story wieder mit Selbstüberschätzung befasst und vermutlich hat das meine Erinnerung an diesen Forschungszweig wieder aufgefrischt.

Jedenfalls. Gab es da diese Studie im Journal of Applied Research in Memory and Cognition, wo man in 35 Ländern gefragt hat: Wie groß ist eigentlich der Anteil DEINES Landes an der Weltgeschichte? Am bescheidensten hat dabei die Schweiz abgeschnitten. Die Schweizerinnen und Schweizer waren der Ansicht, dass ihr Land 11,3 Prozent der Weltgeschichte geprägt hat. Das ist ein relativ hoher Wert für ein Land, das 0,11 Prozent der Weltbevölkerung stellt. Man könnte sagen, dass das nationale Selbstbild der emsigen Eidgenossen ungefähr 100 Mal größer ist als das Land selbst. Wie gesagt: Nirgendwo sonst war man bescheidener.

In Deutschland lag die Selbsteinschätzung übrigens bei 30 Prozent der Weltgeschichte – das bedeutet einen Platz im soliden Mittelfeld. Nix, worauf man stolz sein könnte: Es ist ein Wert, der an Wahnsinn grenzt. Ein einziges Land stellt in der Studie einen krassen Ausreißer nach oben dar. Dort war man der Ansicht: „Für mehr als 60 Prozent der Weltgeschichte sind WIR verantwortlich.“

Und wenn man jetzt raten müsste, dann würden die meisten vermutlich auf die USA tippen.

Aber daneben. Dieser Ausreißer nach oben war: Russland.

Tja.

Wenn ich in den Medien diese vage Hoffnung vernehme, dass die russische Bevölkerung ihres geltungssüchtigen Anführers bald überdrüssig werden könnte – dann hab ich da wenig Hoffnung. Klar, man soll nicht voreilig schließen. Aber ich würde mal vermuten, dass man den Leuten dort im Staatsfunk genau das füttert, was sie eh schon glauben.

Genau wie uns halt auch.

Darüber aber dann mehr am Wochenende.

bookmark_borderWer will nen Laden in San Francisco aufmachen?

Gestern nen krassen Spaziergang durch die Oakland Hills gemacht. Man hat da diesen Blick über die San Francisco Bay. Oben auf dem Bild sieht man z.B. die Golden Gate Bridge und rechts davor Alcatraz mitten im Wasser. Es ist wahnsinnig schön hier und ich verstehe, warum so viele Menschen versuchen, sich in dieser Gegend niederzulassen.

Wir sind hier, weil wir der SPSP-Konferenz beiwohnen. Das ist eine Forschungskonferenz, bei der viele schlaue Menschen ihre Studien aus der Sozial- und Persönlichkeitspsychologie vorstellen. Ich war schon häufiger dabei und hab jedesmal irre viel gelernt und – klar – auch neue Geschichten mitgebracht, zum Beispiel für Psychologie Heute oder P.M.

Seit ner Woche hab ich auch diesen Psychologie-Podcast bei Audible am Start. Er heißt „Sag mal, Du als Psychologin“ und ich unterhalte mich dabei mit Barbara Lich und Muriel Böttger über alle möglichen Psycho-Themen. In Folge eins: über Persönlichkeit. In Folge zwei: über Motivation. Diese Folge ist seit heute abrufbar. Checkt es aus und schreibt mir was dazu. Wir fangen erst an damit und können in Zukunft bestimmt viele Dinge besser machen. Vielen Dank für Eure Hilfe!

Ein Wort über den Zugang: Man braucht ein Audible-Abo, um den Podcast zu hören. Das ist einerseits schade, aber andererseits … kann man auch einfach ein kostenloses Probeabo abschließen und sich einen Reminder für in zwei, drei Wochen in den Kalender schreiben. Dann kündigt man wieder und der Spaß kostet gar nix. Und vielleicht bemerkt man unterwegs, dass einem viele der Sachen dort gefallen und dann bezahlt man halt Geld dafür und macht weiter. Alles ist möglich und wer weiß, wohin es führt.

Jedenfalls: Heute in der Mittagspause einen Spaziergang durch San Francisco gemacht. Ganz stumpf: einfach die Market Street runter zum Fähranleger – wie alle Touristen. Ich hab das schon ein paar Mal gemacht in meinem Leben. Vor zwei Jahren haben Nicki und ich ja ne Weile im Silicon Valley gewohnt, bevor uns die Pandemie von dort vertrieben hat.

Die Gebäude in San Francisco sind immer noch hübsch. Manche von ihnen können reden. Dieses Gebäude zum Beispiel sagt: Der S&P 500 hat einen schlechten Tag.

Ich hingegen habe keinen schlechten Tag, denn ich kann mich draußen bewegen, mir einen Kaffee aus einem der Läden holen, mir ein belegtes Brot kaufen, und das belegte Brot schmeckt ausgezeichnet. Außerdem scheint die Sonne, ich lebe also, wie man so sagt, ein sehr privilegiertes Leben. Daran besteht überhaupt kein Zweifel.

Dennoch komme ich nicht umhin, ein paar Dinge zu bemerken. Zum Beispiel: Vor rund zwei Jahren war hier mehr los. Viel mehr. Wer will nen Laden in San Francisco aufmachen? Keiner! Ich fange irgendwann an, Fotos von all den leerstehenden Läden zu machen. Auf der Market Street gibt es eigentlich keine leerstehenden Läden. Denn dies hier ist eine supersupersupertolle Lage. Zumindest war das vor der Pandemie so. Jetzt hingegen:

Außerdem nehmen die Straßenhändler am Ferry Building nur Bargeld und keine Kreditkarten. Ähhh. Moment. Nein. Es ist genau umgekehrt. Die Straßenhändler nehmen gar kein Bargeld mehr. Es passt alles nicht so richtig zusammen.

Immerhin hab ich hier auf der Konferenz schon ein paar richtig tolle Vorträge gehört.

Über einen der vielen Gründe, warum Frauen seltener als Männer befördert werden.

Über Fake News in den sozialen Medien.

Über ein hammertolles Projekt aus dem Irak, wo man junge Christen und Muslime über gemeinsame Fußballmannschaften wieder miteinander ins Gespräch und sogar in Freundschaften gebracht hat.

Über Interventionen, mit denen man junge Leute dazu bringen kann, weniger zu saufen.

Über Paare während der Pandemie: Wer ist gut durchgekommen und wer nicht (erwartbar: Paare mit Kindern hatten es während der Lockdowns erheblich schwerer als Paare ohne Kinder)?

Dann war da noch dieser wirklich sehr detaillierte Vortrag über die Rolle der Dankbarkeit in romantischen Beziehungen. Ich sehe schon die Überschrift vor meinem inneren Auge: „Wie Dankbarkeit die Liebe stärkt“. Würd‘ ich lesen wollen … aber man weiß nie so richtig, welche Forschungsrichtung am Ende den Zuschlag der Redaktionen kriegt.

Und dann gab’s bei einem der Kaffeehöker noch ne Lebensweisheit to go – ganz umsonst. Life is good.

bookmark_borderEiskalte Reklame

Dieser Tage waren wir in Dexter, das ist ein Städtchen vor den Toren von Ann Arbor. Von Wikipedia weiß ich, dass es dort einst eine spektakuläre UFO-Sichtung gab. Und einen schlimmen Tornado. An diesem Tag jedoch hingen im Monument Park übererwartbar viele Leute ab. Aha, eine Festivität! Also sind wir dem Wagen entstiegen, um die Sache zu bestaunen.

Da standen tatsächlich Eisfiguren rum. Oben: ein Einhorn. Desweiteren: ein Schwein …

… ein Paddelboot … 

… und ein Elch, sich einen Bierhumpen an die Lippen führend.

Im Netz dann nachgelesen: Es handelt sich bei dieser Veranstaltung um das „Dexter Ice Fest„. Es findet jeden Januar statt in der „schmucken Innenstadtgegend von Dexter“. Die Sause ist „aufregend und ein Spaß für die ganze Familie“. Die Idee: Jeder Laden in Dexter kann sich seine „eigene, kreative Skulptur“ schnitzen lassen.

Wenn in meinem Freundeskreis jemand Dexter erwähnt, dauert es keine zehn Sekunden, bis die Sprache auf einen ganz bestimmten Laden kommt: die „Dexter Bakery“. Die süßen Backwaren dort müssen ganz sensationell lecker sein. Einige Freunde fahren regelmäßig mit dem Rad dorthin, nur um sich ein paar Donuts zu ziehen. Die Betreiber der Bäckerei haben sich als kreative Skulptur einen Cupcake ausgesucht.

Das Schild unter der eiskalten Reklame verrät: Die Bäckerei ist ein „Silver Sponsor“. Es gibt auch Sponsoren in Gold und Platin. Je wertvoller das Metall, desto größer der Eisblock, aus dem die Skulptur gefertigt wird. Das Leben ist ein Stück Papier mit einer Zahl drauf.

In der Ecke steht ein Kriegerdenkmal, das an die Leute erinnert, die in den Bürgerkrieg gezogen und dann nicht mehr zurückgekommen sind.

Man hätte all das – die lokale Werbung, die kleinen Eisblöcke, die Kinder, die verloren dazwischen herumlaufen, das alte Denkmal, das trostlose Wetter – auch irgendwo in Deutschland sehen können. Und als Teenager vermutlich dabei gedacht, dass man ganz schnell mit der Schule fertig werden und woanders hingehen muss.

Seither ist Schnee gefallen und die Welt ist auf einmal sehr schön geworden.

Ansonsten: Auf Facebook gesehen, dass Helge Timmerberg ein neues Buch geschrieben hat. Ich habe früher ganz viel von ihm gelesen und mich stets dran erfreut und auch immer ne Menge gelernt dabei. Eine Passage von damals, die ich ne Zeitlang fast auswendig konnte, geht so:

„Adrenalin ist an und für sich nicht bösartig, sondern ein befreundetes Hormon. Es macht wach und putzmunter, denn es rast wie Rasierklingen durchs Blut und tut den Nerven gut, tausendmal besser als Kokain. Adrenalin ist der letzte Joker des Lebens. Und ist dieses auch ein durchgehend verschlafenes gewesen, egal, im Angesicht des Todes verschafft es Mega-Aufmerksamkeit für die Situation. Es gibt Adrenalin-Klassiker wie den Schatten eines Schlachtermessers hinter dem transparenten Duschvorhang, oder wenn man durch ein Flugzeugfenster schaut, und die Turbine brennt. Adrenalin auch, wenn im Hals der Apfel klemmt oder ein hungriger Wolf seine Lieder singt. Ein hungriger Wolf? Mir schien, es waren mehrere.“

Ich fürchte: Das neue Ding muss ich auch wieder lesen.

bookmark_borderSegler auf dem Eis

Es ist tüchtig kalt dieser Tage. Der See ist seit Tagen zugefroren, und die Leute machen sich ihren Spaß daraus. Kinder spielen Eishockey. Am Samstag seh‘ ich hier zum ersten Mal zwei Eissegler. Der Wind ist schwach, aber wenn sie ne günstige Brise erwischen, dann nehmen die Jungs gut Fahrt auf. Klar eigentlich: So richtig viel Reibung gibt es nicht auf dem Eis.

Direkt am Damm macht der See unterm Eis merkwürdige, basslastige Geräusche. Unheimlich. Vielleicht liegt es an der Strömung, die unterhalb der Eisschicht immer noch Richtung Wasserfall drängt.

Gestern dann einmal um den See herumgewandert. Am anderen Ufer stehen die Eissegler. Das sind keine besonderes neuen Geräte, aber irgendwie hab ich das Gefühl, dass das ein sehr schönes Hobby sein kann.

Gerade nachgesehen. So richtig teuer müssen die Dinger gar nicht zu sein. Im Netz verkauft jemand aus Ohio zwei Boote inklusive Segel für je 500 Dollar.

Dann entdecken wir nah am gegenüberliegenden Ufer zwei Leute auf dem Eis, die sich merkwürdig bewegen. Sie tragen keine Schlittschuhe, so viel steht schon mal fest. Durch den Feldstecher wird dann klar: Es handelt sich um Eisangler. Sie bohren sich gerade ihre Löcher. Später dann sehen wir, wie sie ein Zelt über eines der Bohrlöcher stellen. Freunde haben mir erzählt, dass Eisfischen hier in Michigan ne große Sache ist. Auch cool, irgendwie.

Am Ende macht Coco einen kleinen Ausflug über den See, Neugier und Übermut treiben sie hinaus. Sie will, dass wir Stöckchen werfen. Sie bewegt sich tapsig und schlitternd wie ein Welpe. Das Eis macht alle wieder jung. Der Winter ist eine schöne Jahreszeit. Aber kalt.

Gestern haben sie hier im Übrigen den Präsidenten der Uni gefeuert. Er hatte wohl eine Affäre mit einer Mitarbeiterin. Und sie haben sich Sachen über die Geschäftsmail geschickt. Keine gute Idee. Viele der Mails stehen jetzt einfach so in der Zeitung und alle reden darüber. Es gefällt mir nicht. Ich finde es übertrieben. Aber das ist Kultur. Ich muss in den nächsten Tagen nochmal was dazu sagen.

bookmark_borderBoostern in Amerika geht dann doch leichter als erwartet

Boostern in Amerika geht dann doch leichter als gedacht. Hab ja neulich berichtet, dass ich mich in Michigan boostern lassen wollte – aber gescheitert bin. Die Behörden sagen: „Das machen wir erst sechs Monate nach der Zweitimpfung.“ Solche Sachen ziehen sie hier eisern durch. Ein Faktor, wie ich vermute: In den USA gibt’s halt nicht mehr so super viele Leute, bei denen die Impfung noch keine sechs Monate her ist. Und wegen der paar Hansel ändert man keine Bundes-Richtlinie. Sieht dann ja so aus, als wär‘ man wankelmütig! Wie gesagt: Ich weiß nicht, ob das wirklich so ist. Aber der Gedanke leuchtet mir ein.

Heute waren meine sechs Monate jedenfalls vorbei. Ich hatte einen Termin bei Walgreens, das ist eine sehr große Apothekenkette hier. Man muss ein paar Online-Formulare ausfüllen, vor Ort ein paar Angaben unterschreiben, ein paar freundliche Worte wechseln, danach etwa eine Viertelstunde warten, bis alles in den Computer gefüttert ist – tja, und dann setzt man sich hinter eine spanische Wand hinten in den Ecke des Apotheken-Supermarkts (sie verkaufen da sogar Hundefutter) und kriegt seine Spritze. Es ging alles kurz und schmerzfrei. „Übung macht die Meisterin“, sagt die junge Frau im weißen Kittel. Ich nicke zustimmend.

Beim Warte-Schlendern stolpere ich fast über einen Regalaufsteller, in dem sie Covid-Tests verkaufen. Das heißt: In dem sie NORMALERWEISE Covid-Tests verkaufen. Die Tests sind nämlich alle. „Completely sold out“ – wie fast überall in der Stadt.

Das Preisschild verrät: So lange noch Tests da waren, hat man für eine Packung rund 24 Dollar abgedrückt. In einer Packung waren zwei Tests. Das scheint mir ziemlich teuer zu sein. Aber nun. Sie sind trotzdem alle weggegangen.

Ansonsten hat’s über Nacht tüchtig geschneit. Ich habe am Morgen 75 Minuten lang geschippt. Wir gehen mit dem Hund durch den Schnee, während die Sonne scheint, und es ist alles sehr schön und außerdem hat mein Vater noch Geburtstag und bei all dem kommt mir auf einmal der Gedanke, dass es vielleicht ein ganz tolles Jahr wird, dieses 2022.

bookmark_borderEin Covid-Test dauert in Michigan derzeit 45 Minuten

Ein Covid-Test dauert in Michigan derzeit 45 Minuten. Wir haben’s ausprobiert. Und zwar so:
Weihnachten ist vorbei. Menschen verlassen das Haus, andere haben es neu betreten. Und weil Omikron überall ist, fahren wir zur Teststation an der Wagner Road. Hier waren wir neulich schon mal. Diesmal jedoch ist die Autoschlange deutlich länger – sie zieht sich kreuz und quer über den gesamten Parkplatz. Hab ich schon mal erwähnt, dass es in den USA wahnsinnig viele Parkplätze gibt? Ein Parkplatzologe hat mal behauptet: Alle Straßen und Parkplätze des Landes zusammen entsprechen etwa der Fläche von West Virginia.

West Virginia ist größer als Hessen.

Jedenfalls warten hier viele Autos. Alle wollen sich testen lassen. In den Apotheken kriegt man nämlich kaum noch Tests für daheim. Der Spiegel hat heute ein großes Stück über die amerikanische „Testmisere“ gebracht. Hier auf dem Parkplatz kann man sie sehen. Ich höre Murren vom Rücksitz. Um uns die Zeit zu verkürzen, machen wir ein Spiel daraus. Wie lange dauert’s bis wir drankommen? Das Höchstgebot liegt bei 37 Minuten.

Ich zähle inzwischen die Fenster des Gewerbelagers hinterm Testzelt. Ich komme auf 40. Eine heilige Zahl. Erst danach lese ich die Aufschrift am Gebäude. Es handelt sich gar nicht um ein Lager, sondern um eine Kirche! So ergibt alles einen Sinn.

Im Zelt scannen wir unseren QR-Code, kriegen unsere Spucktests, dann Ausfahrt – fertig! Dabei lächelnd die endlose Schlange der wartenden Autos beobachten. Interessant, wie bei solchen Gelegenheit zuverlässig dieses wärmend-selbstgefällige Körpergefühl in einem aufsteigt. Man ist nicht stolz drauf und genießt es dennoch.

Am Ende verrät die Stoppuhr, dass der ganze Spaß nur knapp länger als eine Fußballhalbzeit gedauert hat.

Ansonsten haben wir keine Milch mehr im Haus. Das Brot ist auch fast alle. Also machen wir, wo wir schon mal in der Nähe sind, einen Abstecher zu Aldi. Man hätte auch noch nen Tag auf die Testergebnisse warten können. Andererseits – ein Morgenkaffee ohne Milch? Im Zweifel siegt immer die Bequemlichkeit.

In Hamburg geh‘ ich nur ganz selten zu Aldi, hier jedoch ist der Besuch immer etwas Besonderes. Alles fühlt sich dort irgendwie logischer an, gewohnter, so, wie es sich gehört. Aldi beamt mich für ein paar Minuten zurück nach Deutschland. Ganz seltsam. Es fängt schon bei den Einkaufswagen an: Man muss einen Vierteldollar einstecken, um sie auszulösen, ganz so, wie man das halt so macht. In den USA sind derlei Scherze unüblich. Deshalb haben sie über den Wagenreihen ein Schild angebracht, wo sie’s nochmal allen erklären: Mit der Münze kriegst Du den Wagen. Du bringst den Wagen wieder – Du kriegst Dein Geld zurück.

Nicki sagt: „Das ist eine schräge Regelung.“ Ich sage: „So gehört es sich.“ Genau das verstehen die Soziologen unter „Kultur“. All die Dinge, die so normal für uns sind wie Sauerstoff in der Luft. Wir denken nicht mehr drüber nach – bis wir zufällig woanders landen, wo’s anders läuft.

Ich will im Übrigen keine Werbung machen: Aber am Ende gehen wir aus dem Laden raus und haben locker 50 Dollar weniger ausgegeben, als wir für dieselben Waren anderswo gezahlt hätten.

Jetzt warten wir mal ab, was der Test so ergibt. Ich bin optimistisch.

P.S.: Lese gerade, dass wir in Michigan jetzt rund 13.000 neue Covid-Fälle pro Tag haben. So viele gab’s noch nie. Die Fallzahlen liegen rund 2,5 Mal höher als in Deutschland (auf die Gesamtbevölkerung umgerechnet). Mehr als 20 Prozent aller Tests sind derzeit positiv. Das ist viel zu viel.

Zeit für Suppen und lange Spaziergänge.

bookmark_borderStadt-Land-Fluss: Ein Adler überm Wasser und ein Picasso im Uni-Museum

Spaziergang in der Nachbarschaft gemacht. Am Barton Dam haben sie gerade alle Tore geöffnet, was selten passiert. Der Huron River hat dann unterhalb eine tüchtige Strömung.

Oberhalb des Dammes liegt der Barton Pond, aus dem Ann Arbor mehr als zwei Drittel seines Trinkwassers bezieht. Man kann im See aber auch schwimmen und paddeln. Sie haben da sogar einen Ponton, um die Boote leichter ins Wasser zu kriegen.

Gestern haben wir einen Weißkopfseeadler überm Wasser gesichtet. Das sind beeindruckende Tiere, wie man sie in Deutschland einfach nicht zu sehen kriegt. Auf dem Bild unten kann man ihn erahnen, mittig als schwarzen Punkt knapp über den Wolken.

Heute dann als Kontrastprogramm mal wieder Downtown gewesen. Da waren wir lange nicht. Wir arbeiten gerade zu viel. Außerdem: die Pandemie. Egal. Nickis Mutter Edie ist Museumsführerin am Kunstmuseum der Uni. Das ist kein ganz einfacher Job, man muss Unterricht dafür nehmen und all so was. Jedenfalls hat sie für eine kleine Gruppe eine Führung arrangiert und wir waren eingeladen.

Das Museum hat ein paar bemerkenswerte Stücke rumstehen und -hängen. Zum Beispiel ein paar Picassos, wie hier „Two Girls Reading“.

Oder hier die „Standing Figure“ von Giacometti. Ein ganz deprimierendes Stück. Eine Art Todesfuge in Bronze.

Und – zack – schon war es Abend über der Stadt. Es war gut, mal wieder dort zu sein und Menschen zu sehen. In Nickels Arcade hat Nicki sich das angeknackste Display ihres iPhones reparieren lassen. Das Versprechen des Besitzers: In 15 Minuten hat man sein Telefon zurück „wie Gott es wollte“.

Hat tatsächlich geklappt. Wir haben in der Passage noch das eine oder andere Schwätzchen gehalten. Beim Juwelier ist die Eingangstür durch eine Holzplatte ersetzt worden. Das war, wie man hört, nur einer von mehreren Einbrüchen innerhalb der vergangenen Wochen in den Nachbarschaft. Seit den George-Floyd-Protesten hat „keiner mehr Bock, Polizist zu werden“, erzählt uns ein Ladenbesitzer. Das Muster ist immer dasselbe: Man schlägt die Tür ein, stürmt rein, macht die Kasse kaputt und haut schnell wieder ab mit ein paar Hundert Dollar in der Tasche. Es scheint gerade keinen Spaß zu machen, einen kleinen Laden zu betreiben. Selbst in Ann Arbor, der Insel der Glückseligen.

Dann waren wir aber noch im Spielzeugladen in der Main Street, wo zwei mittelalte Männer im Keller rumhingen; Nicki hat sie um ein paar Empfehlungen gebeten und wir haben eine der besten und detailliertesten Beratungen aller Zeiten bekommen. Dann erfahren, dass die beiden gar nicht dort arbeiten, sondern einfach nur die totalen Spielenerds waren. Was soll man dazu sagen? Am Ende siegen Liebe, Freiheit, Enthusiasmus. Oder?

bookmark_border„Wie findet man das perfekte Geschenk?“ – und andere Podcasts, bei denen ich als Psychologie-Schlauwisser eingeladen war

In den vergangenen Monaten hab ich mehr und mehr Zeit damit zugebracht, bei irgendwelchen Podcasts mitzumachen. Die meisten Folgen werden erst im nächsten Jahr erscheinen. Aber so viel kann man jetzt schon sagen: Die Sache bereitet mir Freude, man bezahlt mich leidlich dafür und manchmal kommt nach einer Folge jemand auf mich zu und sagt: „Ich hab mir das gerne angehört.“ Und das gefällt mir natürlich auch.

Dieser Tage ist in der Reihe „Schneller Schlau“ zum Beispiel eine Folge über die Psychologie des Schenkens erschienen. Sie heißt:

Schneller Schlau: Wie findet man das perfekte Geschenk?

Hört’s Euch an, ich spreche dabei mit der unvergleichlichen Christiane Loell darüber, warum es sich beim Schenken um einen asymmetrischen Prozess handelt, warum wir deshalb oft das falsche Geschenk aussuchen und warum bei jungen Menschen diese Gutscheine so hervorragend ankommen, die man in jedem Laden einlösen kann (=Bargeld).

In den Wochen davor gab’s noch mehr Podcasts unter meiner Beteiligung. Da ging’s zum Beispiel um die Fragen:

Sollten wir anderen häufiger ein Kompliment machen?

Wann wird man erwachsen (aus Sicht der Persönlichkeitspsychologie)?

Kann Meditation schädlich sein?

… und dann natürlich noch um die große Lebensfrage:

Wie viele Gründe gibt es, um Sex zu haben?

Ansonsten heute einen Weihnachtsbaum gekauft. Seltsames Wetter: 53 Grad Fahrenheit, also knapp 12 Grad Celsius. Und das, nachdem wir gerade noch Schnee hatten. Sehr windig auch, ich hoffe, dass die Stromleitungen halten (was hier in Michigan ja leider nicht immer der Fall ist).

Weihnachtsbäume scheinen mir auch teurer zu sein als in Deutschland. Dieser hier hat zum Beispiel 65 Dollar gekostet. Viel Geld. Aber schön ist er, das muss man zugeben.

bookmark_borderOmikron und alles hält den Atem an

Am Samstag kamen die ersten Meldungen zu Omikron. Da war ich noch bei meinen Eltern in Süddeutschland. Freunde haben mich angeschrieben und gesagt: „Da braut sich was zusammen. Sieh zu, dass Du nach Amerika kommst.“ In Amerika wohnt meine Lebensgefährtin. Ich wollte nicht nochmal 13 Monate travel ban von Hamburg aus erleben. Also bei KLM angerufen und meinen Flug um ne knappe Woche vorverlegt. Ja, ich weiß: Es ist unglaublich, dass all diese Dinge überhaupt möglich sind. Über den Teich fliegen. Überhaupt sagen können: Ich will lieber fünf Tage früher. Alles ein Wahnsinn. Gemacht hab ich’s trotzdem.

Zwischenstopp in Amsterdam und dort meine Tochter getroffen. Hab’s sie lange nicht gesehen und sehr vermisst. Sie hat das folgende Bild aufgenommen. Sieht man mir die Freude an?

Jetzt bin ich jedenfalls wieder in Michigan. Halte mich noch fern von den Menschen, man weiß nicht, ob ich mir unterwegs was eingefangen habe. Denn das Flugzeug übern Teich war voll bis auf den letzten Platz. Was hab ich dort erlebt? Mal sehen: Neben mir saß ein Mann, der sehr viel geschlafen und dabei geschnarcht hat. Irgendwann hab ich dann nochmal zu ihm rüber geguckt. Er hat immer noch geschnarcht aber seine Augen waren offen. Auf seinem Monitor lief „The Fast and the Furios“. Er ist der erste Mensch, den ich dabei beobachte, wie er auch im Wachzustand noch schnarcht.

Dann muss man ein Wort über die Einreise sagen. Ich hab das ja schon ein paar Mal gemacht, aber es ist immer noch stressig. Weil man manchmal halt an Leute gerät, die ihren Job sehr verbissen sehen und dann muss man auf einmal sehr viele Fragen beantworten und der Ton wird von Satz zu Satz schärfer und unangenehmer. Die Beamten haben wahnsinnig viele Befugnisse und es gibt keine zwei Meinungen darüber, wer in dieser Situation das Sagen hat. Ich jedenfalls bin das nicht.

Es ist jetzt 17 Monate her, dass ich das letzte Mal aus Europa direkt in Detroit gelandet bin. Und dort dann – huch! Wo sind die ganzen Maschinen geblieben? Sonst musste man immer an irgendwelche Geräte gehen, die wie Geldautomaten aussahen. Ausweis scannen, Boarding Card, Fingerabdrücke, Grund der Einreise, das ganze Programm. Dann wieder in der Schlange stehen und schließlich: das Einzelinterview, also die Sache mit den Fragen. Manchmal waren’s nur drei, manchmal waren’s 20 oder 30.

Diesmal aber: keine Datenautomaten mehr. Mehr Schalter offen. Kürzere Schlangen. Es ging alles wahnsinnig schnell. Der Beamte hat mir zwei Fragen gestellt. Vielleicht auch drei, das weiß ich nicht mehr. Dann: „Welcome to the United States.“ Stempel in den Pass – fertig. Er wollte nicht mal meinen Impfpass sehen, auch nicht meinen negativen Covidtest. Ich musste lediglich vor dem Abflug einen Zettel ausfüllen und bestätigen, dass ich beides dabei hab. Sehr seltsam.

Jetzt sitze ich hier bei meiner Lebensgefährtin, Arbeitsbeginn irgendwann zwischen sechs und acht. Am Nachmittag ein Spaziergang runter zum Fluss. Das Licht war heute ganz abenteuerlich, der Regen hat am Vormittag den Schnee weggespült. In der Nacht hat man die Coyoten gehört. Dazu mehr am Wochenende. Bin froh wieder hier zu sein. Und Coco, die Schäferhündin, freut sich auch. Sie ist ein sehr guter Hund.

Dieser Satz wird nicht gut altern, aber ich schreib ihn trotzdem auf, weil man solche Sachen im Nachhinein gerne vergisst: Mit der neuen Variante scheint alles möglich zu sein. Omikron ist da und alle halten den Atem an. Vielleicht verändert sich die ganze Pandemie. Vielleicht wird sich das Virus dadurch auch verharmlosen, hat man alles schon gesehen. Oder der Mist fängt jetzt erst richtig an. Man weiß es einfach nicht. Und so richtig vorstellen kann man es sich eh nicht. Also tun wir einfach so, als wär‘ bald Weihnachten wie immer.

bookmark_borderDas große Wir und der Pranger

Dieser Tage an der Bergstraße gewesen. Unter anderem mit Heiko in Schriesheim. Das ist ein hübsches Städtchen mit einem schönen, alten Rathaus in der Mitte.

Pandemie und Lockdown haben ja viele wieder verstärkt über das große „Wir“ nachdenken lassen. Mich auch. Liebe ist überall und der Mensch ein soziales Wesen. Einsamkeit macht krank und tötet. Und so weiter. Alles sehr wahr, ich war schon immer Kollektivist. Mit Heiko diskutiert, ob auch Kollektive ihre Abwehrmechanismen haben, wie Anna Freud sie fürs Individuum beschrieben hat. Vermutlich: ja.

In Kalifornien hab ich mich bis zum Lockdown regelmäßig mit einem sehr klugen Gelehrten unterhalten, der aus China stammt. Er hat mir von einer heimischen Redensart über die Japaner erzählt. Man mag die Japaner dort nicht, vermutlich aus historischen Gründen. Zugleich hat man Respekt vor ihnen. Die Redensart – ich habe sie nicht überprüft – lautet nach Auskunft meines Gesprächspartners: „Ein Japaner ist ein Wurm. Viele Japaner sind ein Drache.“ Der ungeliebte Nachbar, so höre ich daraus, ist gut darin, mächtige Kollektive zu formen. Das hat mich beeindruckt, ich habe es nicht vergessen.

Am Rathaus von Schriesheim habe ich jedenfalls ein interessantes Details entdeckt. Nämlich dies hier:

Wenn in längst vergangenen Tagen ein Mensch gegen die Regeln der Gemeinschaft verstoßen hat, dann bestand eine der vorgesehenen Strafen darin, dass einem dieser eiserne Ring um den Hals geschlossen wurde. Da stand man dann am Pranger, wohl auch bei Regen, und war der größte Depp auf Erden. Wenn dann die Sonne wieder rauskam, haben einen die Kinder mit Sachen beworfen. Man will gar nicht wissen, WAS für Sachen das waren. Vermutlich haben sie nicht gut gerochen. Die Sachen nicht und auch nicht die Kinder.

Es ist Liebe, die das große Wir formt. Unser Bedürfnis, eine Gruppe zu sein. Der Mensch ist einfach so, ein Zoon politikon. Doch die Gruppe will Dauer und steht dann immer vor derselben Frage: Wie halten wir den Laden zusammen? Und der Stock, die Peitsche, der Pranger und die Angst vor ihnen – die waren stets Teil der Antwort. Man darf das nicht vergessen. Liebe ist überall. Aber sie ist niemals die ganze Geschichte. Es ist toll, der Drache zu sein. Aber man muss den Drachen immer auch fürchten.

Das hier ist Wein. Er wächst, wo der Odenwald endet und in die Rheinebene übergeht. Kein Bezug zu den Gedanken oben, ich war einfach dort und will es dokumentieren. Es ist ganz schön da.

Danach noch Redaktionsbesuch bei „Psychologie Heute“. Mir ist dieser Tage aufgefallen, dass ich für niemanden so lange geschrieben habe wie für dieses Heft. Auch eine Form von Wir, obwohl ich weit weg wohne und meine Geschichte allein schreibe. Muss man auch mal sagen. Das Bild unten belegt es: Ich bin erst gegangen, als die Sonne längst verschwunden war.