bookmark_borderSegler auf dem Eis

Es ist tüchtig kalt dieser Tage. Der See ist seit Tagen zugefroren, und die Leute machen sich ihren Spaß daraus. Kinder spielen Eishockey. Am Samstag seh‘ ich hier zum ersten Mal zwei Eissegler. Der Wind ist schwach, aber wenn sie ne günstige Brise erwischen, dann nehmen die Jungs gut Fahrt auf. Klar eigentlich: So richtig viel Reibung gibt es nicht auf dem Eis.

Direkt am Damm macht der See unterm Eis merkwürdige, basslastige Geräusche. Unheimlich. Vielleicht liegt es an der Strömung, die unterhalb der Eisschicht immer noch Richtung Wasserfall drängt.

Gestern dann einmal um den See herumgewandert. Am anderen Ufer stehen die Eissegler. Das sind keine besonderes neuen Geräte, aber irgendwie hab ich das Gefühl, dass das ein sehr schönes Hobby sein kann.

Gerade nachgesehen. So richtig teuer müssen die Dinger gar nicht zu sein. Im Netz verkauft jemand aus Ohio zwei Boote inklusive Segel für je 500 Dollar.

Dann entdecken wir nah am gegenüberliegenden Ufer zwei Leute auf dem Eis, die sich merkwürdig bewegen. Sie tragen keine Schlittschuhe, so viel steht schon mal fest. Durch den Feldstecher wird dann klar: Es handelt sich um Eisangler. Sie bohren sich gerade ihre Löcher. Später dann sehen wir, wie sie ein Zelt über eines der Bohrlöcher stellen. Freunde haben mir erzählt, dass Eisfischen hier in Michigan ne große Sache ist. Auch cool, irgendwie.

Am Ende macht Coco einen kleinen Ausflug über den See, Neugier und Übermut treiben sie hinaus. Sie will, dass wir Stöckchen werfen. Sie bewegt sich tapsig und schlitternd wie ein Welpe. Das Eis macht alle wieder jung. Der Winter ist eine schöne Jahreszeit. Aber kalt.

Gestern haben sie hier im Übrigen den Präsidenten der Uni gefeuert. Er hatte wohl eine Affäre mit einer Mitarbeiterin. Und sie haben sich Sachen über die Geschäftsmail geschickt. Keine gute Idee. Viele der Mails stehen jetzt einfach so in der Zeitung und alle reden darüber. Es gefällt mir nicht. Ich finde es übertrieben. Aber das ist Kultur. Ich muss in den nächsten Tagen nochmal was dazu sagen.

bookmark_borderBoostern in Amerika geht dann doch leichter als erwartet

Boostern in Amerika geht dann doch leichter als gedacht. Hab ja neulich berichtet, dass ich mich in Michigan boostern lassen wollte – aber gescheitert bin. Die Behörden sagen: „Das machen wir erst sechs Monate nach der Zweitimpfung.“ Solche Sachen ziehen sie hier eisern durch. Ein Faktor, wie ich vermute: In den USA gibt’s halt nicht mehr so super viele Leute, bei denen die Impfung noch keine sechs Monate her ist. Und wegen der paar Hansel ändert man keine Bundes-Richtlinie. Sieht dann ja so aus, als wär‘ man wankelmütig! Wie gesagt: Ich weiß nicht, ob das wirklich so ist. Aber der Gedanke leuchtet mir ein.

Heute waren meine sechs Monate jedenfalls vorbei. Ich hatte einen Termin bei Walgreens, das ist eine sehr große Apothekenkette hier. Man muss ein paar Online-Formulare ausfüllen, vor Ort ein paar Angaben unterschreiben, ein paar freundliche Worte wechseln, danach etwa eine Viertelstunde warten, bis alles in den Computer gefüttert ist – tja, und dann setzt man sich hinter eine spanische Wand hinten in den Ecke des Apotheken-Supermarkts (sie verkaufen da sogar Hundefutter) und kriegt seine Spritze. Es ging alles kurz und schmerzfrei. „Übung macht die Meisterin“, sagt die junge Frau im weißen Kittel. Ich nicke zustimmend.

Beim Warte-Schlendern stolpere ich fast über einen Regalaufsteller, in dem sie Covid-Tests verkaufen. Das heißt: In dem sie NORMALERWEISE Covid-Tests verkaufen. Die Tests sind nämlich alle. „Completely sold out“ – wie fast überall in der Stadt.

Das Preisschild verrät: So lange noch Tests da waren, hat man für eine Packung rund 24 Dollar abgedrückt. In einer Packung waren zwei Tests. Das scheint mir ziemlich teuer zu sein. Aber nun. Sie sind trotzdem alle weggegangen.

Ansonsten hat’s über Nacht tüchtig geschneit. Ich habe am Morgen 75 Minuten lang geschippt. Wir gehen mit dem Hund durch den Schnee, während die Sonne scheint, und es ist alles sehr schön und außerdem hat mein Vater noch Geburtstag und bei all dem kommt mir auf einmal der Gedanke, dass es vielleicht ein ganz tolles Jahr wird, dieses 2022.

bookmark_borderEin Covid-Test dauert in Michigan derzeit 45 Minuten

Ein Covid-Test dauert in Michigan derzeit 45 Minuten. Wir haben’s ausprobiert. Und zwar so:
Weihnachten ist vorbei. Menschen verlassen das Haus, andere haben es neu betreten. Und weil Omikron überall ist, fahren wir zur Teststation an der Wagner Road. Hier waren wir neulich schon mal. Diesmal jedoch ist die Autoschlange deutlich länger – sie zieht sich kreuz und quer über den gesamten Parkplatz. Hab ich schon mal erwähnt, dass es in den USA wahnsinnig viele Parkplätze gibt? Ein Parkplatzologe hat mal behauptet: Alle Straßen und Parkplätze des Landes zusammen entsprechen etwa der Fläche von West Virginia.

West Virginia ist größer als Hessen.

Jedenfalls warten hier viele Autos. Alle wollen sich testen lassen. In den Apotheken kriegt man nämlich kaum noch Tests für daheim. Der Spiegel hat heute ein großes Stück über die amerikanische „Testmisere“ gebracht. Hier auf dem Parkplatz kann man sie sehen. Ich höre Murren vom Rücksitz. Um uns die Zeit zu verkürzen, machen wir ein Spiel daraus. Wie lange dauert’s bis wir drankommen? Das Höchstgebot liegt bei 37 Minuten.

Ich zähle inzwischen die Fenster des Gewerbelagers hinterm Testzelt. Ich komme auf 40. Eine heilige Zahl. Erst danach lese ich die Aufschrift am Gebäude. Es handelt sich gar nicht um ein Lager, sondern um eine Kirche! So ergibt alles einen Sinn.

Im Zelt scannen wir unseren QR-Code, kriegen unsere Spucktests, dann Ausfahrt – fertig! Dabei lächelnd die endlose Schlange der wartenden Autos beobachten. Interessant, wie bei solchen Gelegenheit zuverlässig dieses wärmend-selbstgefällige Körpergefühl in einem aufsteigt. Man ist nicht stolz drauf und genießt es dennoch.

Am Ende verrät die Stoppuhr, dass der ganze Spaß nur knapp länger als eine Fußballhalbzeit gedauert hat.

Ansonsten haben wir keine Milch mehr im Haus. Das Brot ist auch fast alle. Also machen wir, wo wir schon mal in der Nähe sind, einen Abstecher zu Aldi. Man hätte auch noch nen Tag auf die Testergebnisse warten können. Andererseits – ein Morgenkaffee ohne Milch? Im Zweifel siegt immer die Bequemlichkeit.

In Hamburg geh‘ ich nur ganz selten zu Aldi, hier jedoch ist der Besuch immer etwas Besonderes. Alles fühlt sich dort irgendwie logischer an, gewohnter, so, wie es sich gehört. Aldi beamt mich für ein paar Minuten zurück nach Deutschland. Ganz seltsam. Es fängt schon bei den Einkaufswagen an: Man muss einen Vierteldollar einstecken, um sie auszulösen, ganz so, wie man das halt so macht. In den USA sind derlei Scherze unüblich. Deshalb haben sie über den Wagenreihen ein Schild angebracht, wo sie’s nochmal allen erklären: Mit der Münze kriegst Du den Wagen. Du bringst den Wagen wieder – Du kriegst Dein Geld zurück.

Nicki sagt: „Das ist eine schräge Regelung.“ Ich sage: „So gehört es sich.“ Genau das verstehen die Soziologen unter „Kultur“. All die Dinge, die so normal für uns sind wie Sauerstoff in der Luft. Wir denken nicht mehr drüber nach – bis wir zufällig woanders landen, wo’s anders läuft.

Ich will im Übrigen keine Werbung machen: Aber am Ende gehen wir aus dem Laden raus und haben locker 50 Dollar weniger ausgegeben, als wir für dieselben Waren anderswo gezahlt hätten.

Jetzt warten wir mal ab, was der Test so ergibt. Ich bin optimistisch.

P.S.: Lese gerade, dass wir in Michigan jetzt rund 13.000 neue Covid-Fälle pro Tag haben. So viele gab’s noch nie. Die Fallzahlen liegen rund 2,5 Mal höher als in Deutschland (auf die Gesamtbevölkerung umgerechnet). Mehr als 20 Prozent aller Tests sind derzeit positiv. Das ist viel zu viel.

Zeit für Suppen und lange Spaziergänge.

bookmark_borderStadt-Land-Fluss: Ein Adler überm Wasser und ein Picasso im Uni-Museum

Spaziergang in der Nachbarschaft gemacht. Am Barton Dam haben sie gerade alle Tore geöffnet, was selten passiert. Der Huron River hat dann unterhalb eine tüchtige Strömung.

Oberhalb des Dammes liegt der Barton Pond, aus dem Ann Arbor mehr als zwei Drittel seines Trinkwassers bezieht. Man kann im See aber auch schwimmen und paddeln. Sie haben da sogar einen Ponton, um die Boote leichter ins Wasser zu kriegen.

Gestern haben wir einen Weißkopfseeadler überm Wasser gesichtet. Das sind beeindruckende Tiere, wie man sie in Deutschland einfach nicht zu sehen kriegt. Auf dem Bild unten kann man ihn erahnen, mittig als schwarzen Punkt knapp über den Wolken.

Heute dann als Kontrastprogramm mal wieder Downtown gewesen. Da waren wir lange nicht. Wir arbeiten gerade zu viel. Außerdem: die Pandemie. Egal. Nickis Mutter Edie ist Museumsführerin am Kunstmuseum der Uni. Das ist kein ganz einfacher Job, man muss Unterricht dafür nehmen und all so was. Jedenfalls hat sie für eine kleine Gruppe eine Führung arrangiert und wir waren eingeladen.

Das Museum hat ein paar bemerkenswerte Stücke rumstehen und -hängen. Zum Beispiel ein paar Picassos, wie hier „Two Girls Reading“.

Oder hier die „Standing Figure“ von Giacometti. Ein ganz deprimierendes Stück. Eine Art Todesfuge in Bronze.

Und – zack – schon war es Abend über der Stadt. Es war gut, mal wieder dort zu sein und Menschen zu sehen. In Nickels Arcade hat Nicki sich das angeknackste Display ihres iPhones reparieren lassen. Das Versprechen des Besitzers: In 15 Minuten hat man sein Telefon zurück „wie Gott es wollte“.

Hat tatsächlich geklappt. Wir haben in der Passage noch das eine oder andere Schwätzchen gehalten. Beim Juwelier ist die Eingangstür durch eine Holzplatte ersetzt worden. Das war, wie man hört, nur einer von mehreren Einbrüchen innerhalb der vergangenen Wochen in den Nachbarschaft. Seit den George-Floyd-Protesten hat „keiner mehr Bock, Polizist zu werden“, erzählt uns ein Ladenbesitzer. Das Muster ist immer dasselbe: Man schlägt die Tür ein, stürmt rein, macht die Kasse kaputt und haut schnell wieder ab mit ein paar Hundert Dollar in der Tasche. Es scheint gerade keinen Spaß zu machen, einen kleinen Laden zu betreiben. Selbst in Ann Arbor, der Insel der Glückseligen.

Dann waren wir aber noch im Spielzeugladen in der Main Street, wo zwei mittelalte Männer im Keller rumhingen; Nicki hat sie um ein paar Empfehlungen gebeten und wir haben eine der besten und detailliertesten Beratungen aller Zeiten bekommen. Dann erfahren, dass die beiden gar nicht dort arbeiten, sondern einfach nur die totalen Spielenerds waren. Was soll man dazu sagen? Am Ende siegen Liebe, Freiheit, Enthusiasmus. Oder?

bookmark_border„Wie findet man das perfekte Geschenk?“ – und andere Podcasts, bei denen ich als Psychologie-Schlauwisser eingeladen war

In den vergangenen Monaten hab ich mehr und mehr Zeit damit zugebracht, bei irgendwelchen Podcasts mitzumachen. Die meisten Folgen werden erst im nächsten Jahr erscheinen. Aber so viel kann man jetzt schon sagen: Die Sache bereitet mir Freude, man bezahlt mich leidlich dafür und manchmal kommt nach einer Folge jemand auf mich zu und sagt: „Ich hab mir das gerne angehört.“ Und das gefällt mir natürlich auch.

Dieser Tage ist in der Reihe „Schneller Schlau“ zum Beispiel eine Folge über die Psychologie des Schenkens erschienen. Sie heißt:

Schneller Schlau: Wie findet man das perfekte Geschenk?

Hört’s Euch an, ich spreche dabei mit der unvergleichlichen Christiane Loell darüber, warum es sich beim Schenken um einen asymmetrischen Prozess handelt, warum wir deshalb oft das falsche Geschenk aussuchen und warum bei jungen Menschen diese Gutscheine so hervorragend ankommen, die man in jedem Laden einlösen kann (=Bargeld).

In den Wochen davor gab’s noch mehr Podcasts unter meiner Beteiligung. Da ging’s zum Beispiel um die Fragen:

Sollten wir anderen häufiger ein Kompliment machen?

Wann wird man erwachsen (aus Sicht der Persönlichkeitspsychologie)?

Kann Meditation schädlich sein?

… und dann natürlich noch um die große Lebensfrage:

Wie viele Gründe gibt es, um Sex zu haben?

Ansonsten heute einen Weihnachtsbaum gekauft. Seltsames Wetter: 53 Grad Fahrenheit, also knapp 12 Grad Celsius. Und das, nachdem wir gerade noch Schnee hatten. Sehr windig auch, ich hoffe, dass die Stromleitungen halten (was hier in Michigan ja leider nicht immer der Fall ist).

Weihnachtsbäume scheinen mir auch teurer zu sein als in Deutschland. Dieser hier hat zum Beispiel 65 Dollar gekostet. Viel Geld. Aber schön ist er, das muss man zugeben.

bookmark_borderOmikron und alles hält den Atem an

Am Samstag kamen die ersten Meldungen zu Omikron. Da war ich noch bei meinen Eltern in Süddeutschland. Freunde haben mich angeschrieben und gesagt: „Da braut sich was zusammen. Sieh zu, dass Du nach Amerika kommst.“ In Amerika wohnt meine Lebensgefährtin. Ich wollte nicht nochmal 13 Monate travel ban von Hamburg aus erleben. Also bei KLM angerufen und meinen Flug um ne knappe Woche vorverlegt. Ja, ich weiß: Es ist unglaublich, dass all diese Dinge überhaupt möglich sind. Über den Teich fliegen. Überhaupt sagen können: Ich will lieber fünf Tage früher. Alles ein Wahnsinn. Gemacht hab ich’s trotzdem.

Zwischenstopp in Amsterdam und dort meine Tochter getroffen. Hab’s sie lange nicht gesehen und sehr vermisst. Sie hat das folgende Bild aufgenommen. Sieht man mir die Freude an?

Jetzt bin ich jedenfalls wieder in Michigan. Halte mich noch fern von den Menschen, man weiß nicht, ob ich mir unterwegs was eingefangen habe. Denn das Flugzeug übern Teich war voll bis auf den letzten Platz. Was hab ich dort erlebt? Mal sehen: Neben mir saß ein Mann, der sehr viel geschlafen und dabei geschnarcht hat. Irgendwann hab ich dann nochmal zu ihm rüber geguckt. Er hat immer noch geschnarcht aber seine Augen waren offen. Auf seinem Monitor lief „The Fast and the Furios“. Er ist der erste Mensch, den ich dabei beobachte, wie er auch im Wachzustand noch schnarcht.

Dann muss man ein Wort über die Einreise sagen. Ich hab das ja schon ein paar Mal gemacht, aber es ist immer noch stressig. Weil man manchmal halt an Leute gerät, die ihren Job sehr verbissen sehen und dann muss man auf einmal sehr viele Fragen beantworten und der Ton wird von Satz zu Satz schärfer und unangenehmer. Die Beamten haben wahnsinnig viele Befugnisse und es gibt keine zwei Meinungen darüber, wer in dieser Situation das Sagen hat. Ich jedenfalls bin das nicht.

Es ist jetzt 17 Monate her, dass ich das letzte Mal aus Europa direkt in Detroit gelandet bin. Und dort dann – huch! Wo sind die ganzen Maschinen geblieben? Sonst musste man immer an irgendwelche Geräte gehen, die wie Geldautomaten aussahen. Ausweis scannen, Boarding Card, Fingerabdrücke, Grund der Einreise, das ganze Programm. Dann wieder in der Schlange stehen und schließlich: das Einzelinterview, also die Sache mit den Fragen. Manchmal waren’s nur drei, manchmal waren’s 20 oder 30.

Diesmal aber: keine Datenautomaten mehr. Mehr Schalter offen. Kürzere Schlangen. Es ging alles wahnsinnig schnell. Der Beamte hat mir zwei Fragen gestellt. Vielleicht auch drei, das weiß ich nicht mehr. Dann: „Welcome to the United States.“ Stempel in den Pass – fertig. Er wollte nicht mal meinen Impfpass sehen, auch nicht meinen negativen Covidtest. Ich musste lediglich vor dem Abflug einen Zettel ausfüllen und bestätigen, dass ich beides dabei hab. Sehr seltsam.

Jetzt sitze ich hier bei meiner Lebensgefährtin, Arbeitsbeginn irgendwann zwischen sechs und acht. Am Nachmittag ein Spaziergang runter zum Fluss. Das Licht war heute ganz abenteuerlich, der Regen hat am Vormittag den Schnee weggespült. In der Nacht hat man die Coyoten gehört. Dazu mehr am Wochenende. Bin froh wieder hier zu sein. Und Coco, die Schäferhündin, freut sich auch. Sie ist ein sehr guter Hund.

Dieser Satz wird nicht gut altern, aber ich schreib ihn trotzdem auf, weil man solche Sachen im Nachhinein gerne vergisst: Mit der neuen Variante scheint alles möglich zu sein. Omikron ist da und alle halten den Atem an. Vielleicht verändert sich die ganze Pandemie. Vielleicht wird sich das Virus dadurch auch verharmlosen, hat man alles schon gesehen. Oder der Mist fängt jetzt erst richtig an. Man weiß es einfach nicht. Und so richtig vorstellen kann man es sich eh nicht. Also tun wir einfach so, als wär‘ bald Weihnachten wie immer.

bookmark_borderDas große Wir und der Pranger

Dieser Tage an der Bergstraße gewesen. Unter anderem mit Heiko in Schriesheim. Das ist ein hübsches Städtchen mit einem schönen, alten Rathaus in der Mitte.

Pandemie und Lockdown haben ja viele wieder verstärkt über das große „Wir“ nachdenken lassen. Mich auch. Liebe ist überall und der Mensch ein soziales Wesen. Einsamkeit macht krank und tötet. Und so weiter. Alles sehr wahr, ich war schon immer Kollektivist. Mit Heiko diskutiert, ob auch Kollektive ihre Abwehrmechanismen haben, wie Anna Freud sie fürs Individuum beschrieben hat. Vermutlich: ja.

In Kalifornien hab ich mich bis zum Lockdown regelmäßig mit einem sehr klugen Gelehrten unterhalten, der aus China stammt. Er hat mir von einer heimischen Redensart über die Japaner erzählt. Man mag die Japaner dort nicht, vermutlich aus historischen Gründen. Zugleich hat man Respekt vor ihnen. Die Redensart – ich habe sie nicht überprüft – lautet nach Auskunft meines Gesprächspartners: „Ein Japaner ist ein Wurm. Viele Japaner sind ein Drache.“ Der ungeliebte Nachbar, so höre ich daraus, ist gut darin, mächtige Kollektive zu formen. Das hat mich beeindruckt, ich habe es nicht vergessen.

Am Rathaus von Schriesheim habe ich jedenfalls ein interessantes Details entdeckt. Nämlich dies hier:

Wenn in längst vergangenen Tagen ein Mensch gegen die Regeln der Gemeinschaft verstoßen hat, dann bestand eine der vorgesehenen Strafen darin, dass einem dieser eiserne Ring um den Hals geschlossen wurde. Da stand man dann am Pranger, wohl auch bei Regen, und war der größte Depp auf Erden. Wenn dann die Sonne wieder rauskam, haben einen die Kinder mit Sachen beworfen. Man will gar nicht wissen, WAS für Sachen das waren. Vermutlich haben sie nicht gut gerochen. Die Sachen nicht und auch nicht die Kinder.

Es ist Liebe, die das große Wir formt. Unser Bedürfnis, eine Gruppe zu sein. Der Mensch ist einfach so, ein Zoon politikon. Doch die Gruppe will Dauer und steht dann immer vor derselben Frage: Wie halten wir den Laden zusammen? Und der Stock, die Peitsche, der Pranger und die Angst vor ihnen – die waren stets Teil der Antwort. Man darf das nicht vergessen. Liebe ist überall. Aber sie ist niemals die ganze Geschichte. Es ist toll, der Drache zu sein. Aber man muss den Drachen immer auch fürchten.

Das hier ist Wein. Er wächst, wo der Odenwald endet und in die Rheinebene übergeht. Kein Bezug zu den Gedanken oben, ich war einfach dort und will es dokumentieren. Es ist ganz schön da.

Danach noch Redaktionsbesuch bei „Psychologie Heute“. Mir ist dieser Tage aufgefallen, dass ich für niemanden so lange geschrieben habe wie für dieses Heft. Auch eine Form von Wir, obwohl ich weit weg wohne und meine Geschichte allein schreibe. Muss man auch mal sagen. Das Bild unten belegt es: Ich bin erst gegangen, als die Sonne längst verschwunden war.

bookmark_borderTrue Crime und mein Schock in der Schule

Am Wochenende war ich ja in der Schule, um jungen Leuten was über Journalismus zu erzählen. Nach einer Weile kamen wir in einen Dialog und dann auch bald zwanglos zu der erwartbaren Frage: „Wofür interessiert Ihr Euch denn so???“

Wofür die Jungs sich Interessen, weiß ich immer noch nicht.

Die Mädchen jedenfalls interessieren sich für True Crime-Podcasts. Und zwar, wie man an Stimmlage, Gestik und Mimik unschwer ablesen konnte: mit der allergrößten Begeisterung.

Und klar: Ich erinnere mich an die alte Weisheit aus dem Buchhandel, dass „Krimis von Frauen gekauft und gelesen werden“. Aber dass schon die 17-Jährigen so heftig auf das Genre abgehen, hat mich dann doch auf dem falschen Fuß erwischt.

Hab grad viel Arbeit, deshalb nur ein paar Funde dazu. Eine Studie aus dem Jahr 2018 hat ergeben: Die Zuhörerschaft bei True Crime-Podcasts ist zu 73 Prozent weiblich. Die meisten Leute hören sich so was an, um sich zu unterhalten, weil’s irgendwie bequem ist und weil sie einfach Langeweile haben. Offenbar hatten die Frauen in der Zielgruppe eine leicht andere Motivation als die Männer. Sie hören die Shows eher gemeinsam mit anderen Frauen (oder um hinterher drüber reden zu können), um sich für eine Zeit aus ihrem grauen Alltag wegzubeamen und aus Gründen des Voyeurismus. Mord, Totschlag, sexuelle Gewalt – man will einfach wissen, was hinter den Haustüren der anderen so zum Alltag gehört.

Eine der Autorinnen hat inzwischen ihre Dissertation über besagtes Genre raugehauen. Darin findet man noch mehr interessante Sachen. Dort steht: Die MacherInnen der Sendungen haben sich längst auf ihre wichtigste Zielgruppe eingeschossen. Sie erzählen überwiegend Geschichten, in denen die Opfer heterosexuelle, weiße Mittelklassefrauen sind. Damit sich die Kundschaft besser mit dem Stoff identifizieren kann. Clever!

Doch der weibliche Hang zu True Crime-Podcasts scheint noch eine weitere Ursache zu haben, wie die Dissertation vermerkt: Viele Frauen sehen den Real-Krimi auch als eine Art Schule des Lebens. Man möchte vorbereitet sein, wenn das Böse zuschlagen will: „My findings echo findings from earlier studies on women who read true crime novels, showing that women like reading novels with female protagonists and that they want to learn survival skills in case of an attack.“

Das war’s schon für heute. Ich kenn das Genre nicht. Keine böse Absicht, hab meine Zeit einfach mit anderen Dingen zugebracht. Wollte nur mal meinen persönlichen „Schock in der Schule“ mit Euch teilen und ein paar schnelle Erklärungen hinterherschmeißen. Welche gibt es noch? Was hab ich übersehen? Was fasziniert Euch an solchen Podcasts? Interessiert mich wirklich. Schreibt mir.

Bis bald.

bookmark_borderJournalismus als Beruf?

Heute war ich bei Schülerinnen und Schülern des alten Gymnasiums meiner Kinder, um denen was über meinen Beruf zu erzählen. Journalismus als Beruf – ist das ne gute Idee? Ist das bescheuert? Woher weiß ich, ob der Job zu mir passt?

Man findet Argumente für alles. Die Zeitungen sterben. Das ist bei uns nicht unwesentlich anders als in den USA. Andererseits: Jemand muss den Job machen.

Interessant fand ich, dass 80 Prozent der Anwesenden junge Frauen waren. Die meisten Männer interessieren sich nicht mehr für Journalismus, sondern für … weiß der Geier was. Vermutlich bietet der Beruf nicht mehr genügend sozialen Status.

Jedenfalls hat mir die Sache wahnsinnig viel Spaß gemacht. Ähnlich viel Spaß wie vor einigen Wochen mein Vortrag an der University of Michigan. Die Schule im Sachsenwald, die Uni im Südosten von Michigan – beide Orte sind so etwas wie das Auenland in „Der Herr der Ringe“. Alles scheint dort in Ordnung zu sein, man kann da ein friedliches Leben leben. Man merkt das den jungen Leuten an, sie scheinen die Dinge einigermaßen auf der Reihe zu haben.

Ich habe ihnen jedenfalls dies hier empfohlen, nur so zum weiterreichen:

  1. Findet raus, wie Eure Persönlichkeit aufgebaut ist. Macht einen Big-Five-Test, zum Beispiel hier unter diesem link. Die meisten Leute, die im Journalismus klarkommen, sind eher extrovertiert, eher offen für neue Erfahrung und hoffentlich einigermaßen gewissenhaft. Im Übrigen sollte man vermutlich nicht all zu verträglich sein. Sonst fällt es einem schwer, Leuten auf die Füße zu treten, was gelegentlich geschieht. Sehr hohe Werte in der Dimension Neurotizismus werden vermutlich dafür sorgen, dass man oft gestresst ist. Ich kenne Leute, die im Job trotz hoher Neurotiziksmuswerte erfolgreich sind, aber das klappt, glaube ich, auf Dauer nur, wenn man auch sehr gewissenhaft ist. Man gleicht die mangelnde Stressfestigkeit dadurch aus, dass man besser plant und mehr arbeitet als die anderen.
  2. Guckt Euch an, welche Werte Euch antreiben. Und zwar mit dem VIA-Charakterstärkentest der Uni Zürich. Der Test nervt ein bisschen, weil man dabei zu viele Fragen beantworten muss. Aber am Ende bekommt man das, was die Positiven Psychologen als „Signaturstärken“ bezeichnen. Den meisten Menschen geht’s gut, wenn sie regelmäßig Dinge tun, die auf diese Signaturstärken einzahlen. Man kann dann über viele Jahre arbeiten, ohne auszubrennen. Das ist das, was man möchte.
  3. Verlasst Euch auf das „Planned Happenstance“-Prinzip. Das besagt im Wesentlichen dies: Die meisten gelungenen Karrieren basieren darauf, dass man sich Mühe gibt. Und: auf einer Reihe von glücklichen Zufällen. Wer mit 50 glücklich ist in seinem Job, macht vermutlich etwas, von dem er oder sie mit 17 noch nichts oder nur wenig wusste. Was also tun, wenn man 17 ist? Ganz einfach: Man muss versuchen, die Anzahl der glücklichen Zufälle zu erhöhen. Und das tut man so. Manchmal begegnet man Erwachsenen und denkt: „Wow, der oder die macht coole Sachen, das klingt interessant.“ Dann schreibt man diesem Menschen eine E-Mail: „Mich begeistert, was Du machst. Können wir mal nen Kaffee trinken? Ich hab da ein paar Fragen an Dich.“ Nicht alle werden zusagen. Aber manche schon. Und dann hat man die Chance, sich für 20 oder 30 Minuten in eine Zeitmaschine zu setzen und schon mal reinzugucken, was womöglich die eigene Zukunft sein könnte. Man weiß danach mehr über diesen Job, von dem man zuvor noch keine Ahnung hatte. Und: Auf einmal gibt es ein paar Erwachsene, die schon mal von einem gehört haben. All das wird früher oder später Türen öffnen – sei es durch neue Erkenntnisse, sei es durch neue sozialen Kontakte.

Naja. Die Gruppe war jedenfalls super lebendig und hat viele Fragen gestellt. Gute Fragen. Ich hatte beim Verlassen des Raumes mehr Energie als beim Betreten des Raumes und das ist immer ein Zeichen dafür, dass irgendwas richtig gelaufen ist.

Am Ende hat mir der Organisator des Orientierungstags zum Dank noch eine Schachtel Schnapspralinen überreicht. Tja. Reportertrost!

Und als ich danach zum Fahrradständer ging, waren alle anderen schon weg. Die alte Regel des Print-Journalismus: Der letzte macht das Licht aus!

bookmark_borderWas passiert, wenn Zeitungen sterben?

Heute ein Eintrag, der mir seit meinem Rückflug aus Michigan zuwinkt und aus dem Käfig will. Wird aber kurz. Bin müde. Hab zu viel gearbeitet und muss mal was dagegen unternehmen.

Das Magazin „The Atlantic“ hat in der November-Ausgabe eine sensationelle Titelgeschichte über das Sterben der Tageszeitungen in den USA gebracht. Und nein. Es geht nicht um das böse Internet mit seinen Umsonst-Inhalten. Sondern um Leute, die mit den darbenden Blättern nochmal richtig Geld machen und dabei tüchtige Marken auspressen, bis noch der letzte Stück Leben aus ihnen gewichen ist. Auf dem Cover sieht man einen Geier. Er steht für den bösen Hedge Fund. Die Metapher scheint aber nicht ganz zu stimmen, wie man in der Story selbst nachlesen kann. Denn ein anständiger Geier ist ein Aasfresser. Er wartet mit dem Abendbrot, bis sein Opfer tot ist. “Ein Geier“, so liest man, „drückt den Kopf eines verwundeten Tieres nicht unter Wasser. Das hier ist Raubtierverhalten.“ Einige der Anekdoten kamen mir bekannt vor aus vergangenen Zeiten, aber wie so oft: In den Staaten scheint alles nochmal ne Nummer krasser und herzloser abzulaufen als bei uns. 

Allen Kollegen und Kolleginnen aus den Medien (und jedem sonst, der sich dafür interessiert) will ich jedenfalls diese Leseempfehlung zurufen: Guckt Euch die Story mal an, ich verlinke sie hier gleich nochmal. Und bringt Taschentücher mit. Und einen Eimer. Denn man möchte bei der Lektüre abwechselnd weinen und brechen. 

Zeitungen werden weiter sterben. Auch bei uns. Die steigenden Papierpreise werden auch dabei mithelfen. Aber was folgt daraus? Was passiert, wenn Zeitungen sterben? Im Atlantic-Artikel heißt es dazu: 

„Wenn Lokalzeitungen verschwinden, dann geht das laut der Forschung tendenziell einher mit einer geringeren Wahlbeteiligung, einer wachsenden Polarisierung, einem allgemeinen Niedergang von bürgerlichem Engagement. Falschinformationen breiten sich aus. Stadtbudgets laufen aus dem Ruder, die Korruption nimmt zu, die Verwaltung verliert an Effizienz. Es kann auch bundesweite Konsequenzen haben. So ergab eine Analyse von Politico, dass Donald Trump bei der Wahl von 2016 dort am besten abgeschnitten hat, wo die Menschen nur begrenzten Zugang zu Lokal-Nachrichten hatten.“

Ich weiß auch nicht, wie man lokale und regionale Blätter retten kann. Aber man muss. Journalisten sind keine Engel. Journalistinnen auch nicht. Aber wir brauchen sie. Demokratie funktioniert sonst nicht. 

Morgen soll ich im Hamburger Speckgürtel jungen Leuten was über „Journalismus als Beruf“ erzählen. Bin mir noch nicht ganz sicher, was ich denen sagen werde. Dass die Branche im Eimer ist? Dass es da früher mal coole Jobs gab und man heute besser was anderes machen sollte? Oder soll ich davon erzählen, welche Rolle der Job hat in einer freien Gesellschaft? Und wie wichtig er ist? 

Werde jedenfalls berichten. Auch davon, was die jungen Leute mir zurückgeben und wofür sie sich eigentlich interessieren. Bin schon sehr gespannt.