bookmark_borderDas lauteste Musikinstrument der Stadt

Gestern nach Feierabend fahren wir zum North Campus der Uni. Da soll Musik spielen. Tatsächlich verlieren sich auch ein paar Leute auf dem Rasen. Nanu. Wo ist die Band?

Dann geht die Mucke los. Sie kommt aus dem Lurie Tower und wird offenbar von Glocken produziert. Einen Song erkenne ich sogar: „Respect“ von Aretha Franklin, die ja bis zu ihrem Tod vor zwei Jahren sozusagen ums Eck in Detroit gewohnt hat. Hier ein 15-Sekunden-Clip, damit Ihr einen Eindruck vom Sound bekommt.

Wie spielt man so ein Ding eigentlich? Sagt man wirklich Glockenspiel? Zu Hause also gegoogelt. Und, Donnerwetter, die haben hier an der Uni sogar zwei von diesen Dingern. Und sogar eine eigene Professorin für diese Instrumente. Man kann sich sozusagen zur Diplom-KirchturmglockenspielistIn ausbilden lassen. Außerdem: Man sagt gar nicht Glockenspiel, wenn man was auf sich hält. Man sagt „Carillon“ – und entsprechend „CarillonneurIn“. Eine Uni-Ausbildung dafür gibt’s in Deutschland, wenn ich das richtig sehe, nur in Würzburg.

Das gestrige Konzert wurde übrigens von der hiesigen Professorin höchstselbst bestritten. Cool. Und so läuft es ab, wenn die Meisterin in die Tasten tritt und haut.

Sieht nach Arbeit aus, wenn Ihr mich fragt. Aber dafür hat man auch was davon: Man spielt sozusagen das lauteste Musikinstrument der Stadt – und wird noch in einigen Meilen Entfernung gehört.

Wenn ich wieder in Hamburg bin, muss ich mal bei St. Nikolai vorbei schlendern, nur um den Vergleich zu hören. Dort hängt nämlich auch ein Carillon, das im Übrigen nur neun Glocken weniger hat als das Instrument im Lurie Tower.

Ich selbst werde für den Privatgebrauch bei der Gitarre bleiben.

Und Coco? Sie kennt eigentlich nur einen Sound, bei dem sie regelmäßig mitsingt (nämlich immer am zweiten Dienstag des Monats gegen 13 Uhr). Es handelt sich nicht um das Glockenspiel.

bookmark_borderWas macht eigentlich ein Wirtschaftsprüfer?

Vielleicht habt Ihr in den vergangenen Tagen und Wochen etwas über den Wirecard-Skandal gelesen, gehört oder im Fernsehen was davon mitgekriegt. Wirecard ist ein DAX-Unternehmen. Also ein dickes Ding. Und so wie es aussieht, hat die Firma über mehrere Jahre ihre Bilanz besser dargestellt, als sie tatsächlich war. Der NDR formuliert die Sache so:

„Ende letzten Jahres hatte Wirecard angegeben, auf Treuhandkonten von zwei philippinischen Banken ein Guthaben von 1,9 Milliarden Euro zu haben. Doch eine Überprüfung zeigte: Diese Summe liegt nicht auf den Konten.“

Das ist aus vielen Gründen ein Problem. Unter anderem deshalb, weil viele Leute die guten Bilanzen geglaubt und deshalb Wirecard-Aktien gekauft haben. Jetzt ist die Firma insolvent und praktisch das ganze schöne Geld im Eimer.

Man kennt das aus Krimiserien: Leute, die Geld verlieren, kriegen schlechte Laune. Leute, die viel Geld verlieren, kriegen SEHR schlecht Laune. Sie möchten es gerne wiederhaben. Aber woher?

Und da sind ein paar Anleger doch glatt auf folgenden Gedanken gekommen: Unternehmen wie Wirecard müssen ihre Bilanzen jedes Jahr testieren lassen. Will sagen: Schlaue Menschen gucken sich die Zahlen an und drücken dann nach gründlicher Prüfung einen Stempel aufs Papier. Der Stempel sagt: Hier ist alles bestens!

Der globale Markt für solche Wirtschaftsprüfer gestaltet sich relativ übersichtlich. Es gibt für Unternehmen in der Größe von Wirecard eigentlich nur noch vier Firmen, die das überhaupt gebacken kriegen. Das sind die sogenannten „Big Four“: KMPG, EY, Deloitte und PricewaterhouseCoopers. Ganz wenige Spieler teilen sich den Markt untereinander auf – so etwas nennt man ein Oligopol. Und ich sag mal ganz grob: Oligopole sind aus verschiedenen Gründen Scheiße.

Im Falle von Wirecard sagen die Anleger jetzt jedenfalls sinngemäß: „Moment Mal! Die Bilanzen waren schon seit Jahren problematisch (und die Kollegen von der Financial Times haben auch schon lange darüber berichtet). Warum hat der Wirtschaftsprüfer (in diesem Falle EY) die Bilanzen eigentlich immer abgesegnet? Auf deren Urteil haben wir uns doch immer verlassen!“ Einige Anleger haben EY jetzt also verklagt. Sie wollen Kohle sehen.

Die Frage ist aber, ob das so einfach wird. In „Brand Eins Wissen“ ist kürzlich – vor dem großen Kawumm bei Wirecard – ein Artikel erschienen mit der Überschrift „Brauchen wir härtere Haftungs-Gesetze?“. Im Vorspann heißt es dort:

„In kaum einem Land sind die Gesetze für Wirtschaftsprüfer, die Fehler begehen, so kuschelig wie in Deutschland. Das ist womöglich ein Problem.“

Klingt fast schon prophetisch, möchte man sagen. Und es macht mich ein bisschen verlegen, weil ich den Artikel nämlich selbst geschrieben habe.

Er ist hier inzwischen frei im Netz verfügbar und ich möchte ihn allen empfehlen, die sich in der Sache ein bisschen Hintergrund anlesen wollen. Und wenn Ihr den Leuten von Brand Eins was Gutes tun wollt, könnt Ihr hier die komplette Ausgabe bestellen. Oder Ihr schließt ein Abo ab, das geht natürlich auch.

Jedenfalls. Ich hab bei der Recherche ne Menge gelernt (was einfach war, weil ich mit nahezu null Vorwissen an die Sache rangegangen bin).

Also.

Nur, damit hinterher keiner behauptet, ich hätte nicht Bescheid gesagt.

bookmark_borderDer Roboter macht die Hütte sauber – und trinkt uns das Bier nicht weg

In den letzten drei Wochen hab ich mich überwiegend mit Robotern beschäftigt. Das sind noch Nachwehen aus der Zeit in Kalifornien. Anfang März – ein paar Tage, bevor dort der Lockdown kam – war ich an der UC Berkeley auf der Techcrunch-Session über Roboter und Künstliche Intelligenz. Hier sieht man mich rechts im Bild. Ich scheine zuzuhören (einige Leute auf dem Foto machen irgendwie gerade andere Sachen).

Dort wurden abgefahrene Geräte vorgestellt. Etwa ein Greifarm, der bald Steine auf dem Mond aufsammeln soll. Und Käse, wenn er welchen findet.

Es gab auch eine Premiere. Ein paar Jungs haben einen Roboter präsentiert, der Klos putzen kann. Man geht vorher mit ner Spezialkamera durch seinen Bürokomplex. Der Roboter wird auf die dort aufgenommenen Daten trainiert – und findet sich dann super zurecht und weiß, wo er putzen soll und wo nicht. Nachts, wenn alle anderen schlafen. Also. Zumindest theoretisch.

Irgendwie scheint mein Gequatsche über Roboter Nicki inspiriert zu haben. Bald bin in wieder in Deutschland. Wer soll dann das Haus sauber machen? Genau: ein Roomba (ich habe für eine Geschichte gerade mit einem Typen geredet, der diesen Staubsauger-Roboter sozusagen erfunden hat).

Jetzt macht das Ding die Hütte sauber – und trinkt im Gegensatz zu mir keinem das Bier weg. Coco hat ein kritisches Auge auf den neuen Mitbewohner geworfen.

Und auch Theo, der Kater, war nur halb begeistert von diesem Ding.

Mal sehen, wie sich das Ding auf Dauer schlägt.

Schwer zu sagen, ob Roboter wirklich „die Zukunft sind“, wie man so sagt. Aber in einigen Lebensbereichen sind sie das ganz bestimmt. Wenn vorher die Welt nicht untergeht. Meine Meinung.

bookmark_borderNie wieder so ne ruhige Kugel wie heute

Letztes Jahr im November war ich bei der „Dreamforce„, der großen Konferenz von Salesforce in San Francisco. Salesforce ist eine Firma, die in Software macht. Mit ihren Programmen kann man seine Kunden besser managen. Wer länger nicht in San Francisco war: Downtown steht da heute ein sehr, sehr großes Hochhaus, das da vor zehn Jahren noch nicht stand, der mit Abstand höchste Klotz der Stadt. Das ist der Salesforce-Tower. Und nicht nur die Hütte, auch die Firma ist ein Gigant. Um mich und andere Presseleute zu beeindrucken, haben sie uns erstmal im Aufzug ganz nach oben fahren lassen. Dort ist das Aufmacherfoto entstanden. Bei dem Ausblick denkt man ganz automatisch, dass man irgendwie was Besonderes ist. Und dass man etwas Beindruckendes leisten sollte in seinem Leben.

Und wie die Leute da ihre Arbeit organisiert haben! Die meisten haben keinen festen Schreibtisch. Man kommt am Morgen zu seinem Schließfach …

… und dann erfährt man per App innerhalb weniger Sekunden, wo man heute am besten sitzen sollte. Wo am meisten Platz ist, wo die anderen Leute sind, mit denen man sich heute unterhalten sollte usw. Das war voll so „Zukunft der Arbeit“, nur halt in der Gegenwart. Und naja, auch: Vor-Corona. Das wusste damals aber noch keiner.

Auch interessant: Die hatten auf jedem Stockwerk einen eigenen Meditationsraum. Da konnte man reingehen und meditieren. Der Firmengründer meditiert selber und hält seine Leute dazu an, ihre Seele im Gleichgewicht zu halten. What’s not to like?

Warum ich das alles erzähle? Am ersten Tag hatten wir eine Pressekonferenz, auf der wichtige Leute schlaue Sachen gesagt haben. Über Daten und Innovation und das Zeitalter der digitalen Disruption und all so was.

Und einer der Leute hat einen Satz gesagt, der mich dieser Tage mit einiger Wucht eingeholt hat: „Ihr glaubt, wir leben in verrückten Zeiten. Tun wir aber nicht. Wir werden nie wieder so ne ruhige Kugel schieben wie heute. Die Welt wird viel mehr Veränderung sehen und viel schnellere Veränderungen sehen, als das je der Fall war.“

Der Mann hat an Computersachen gedacht, glaub ich. Aber das alles ist kaum acht Monate her – und seither hatten wir eine Pandemie. Und Black Lives Matter. Massenarbeitslosigkeit. Und wir werden vermutlich noch üblere ökonomische Verwerfungen sehen, die uns alle aus den Socken hauen (hey, Ihr anderen Freiberufler da draußen: Wie laufen EURE Geschäfte denn so in den vergangenen Monaten?). Und gesellschaftliche Instabilität bis zum Abwinken. Vom Klimawandel ganz zu schweigen.

Mir hat an dem Tag aber die digitale Unruhe schon gereicht. Im Keller des Moscone Center hatten die Salesforce-Leute tatsächlich einen ganzen Trupp Zen-Mönche aus dem Plum Village untergebracht, die uns Meditation, achtsame Entscheidungsprozesse und mitfühlende Kommunikation beigepuhlt haben. Ich habe dann über die Tage einige Stunden da unten zugebracht. Hab mich da wohl gefühlt. Und war mir außerdem ganz sicher: DAS ist ne Hammer-Geschichte. Ein Maximum an Spiritualität im Epizentrum von Kohle und Technologie! Hat bisher aber keiner bestellt, die Story. Sie ist bis heute ungeschrieben. Muss ich irgendwann mal nachholen. Eine verrückte Welt ist das.

Heute blättere ich den Bildern von neulich und mich beschleicht eine Wehmut. Ich fand’s super an der Bay. Ich hatte das Gefühl, genau am richtigen Ort zu sein. Es hat sich alles sehr dynamisch angefühlt. Heute weiß ich: Es waren tatsächlich die letzten Tage „ruhige Kugel“. Zumindest vorerst.

Denn immerhin: So richtig weiß ja doch keiner, wie genau alles weitergeht.

bookmark_borderHilfe, ich bin Teil einer Trendsportart!

Heute war ich nach Feierabend wieder beim Pickleball. Man denkt sich da ja nix Böses bei.

Aber jetzt hat mich jemand auf einen Artikel in der New York Times aufmerksam gemacht. Dort wird Pickleball doch tatsächlich zu einer der größten Trendsportarten des Jahres erklärt. Die Entertainerin Ellen DeGeneres ist eine begeisterte Spielerin. Neulich hat sie sich in ihrer Show wohl über den entsprechenden Muskelkater beklagt: „Jeder, der Pickleball spielt, wird mich verstehen.“

Gespielt wird auf einem eher kleinen Feld – ein Tennisplatz ist etwas drei Mal so groß. Das Netz ist rund 90 cm hoch. Das Coole an dem Spiel: Anders als beim Tennis oder Tischtennis hat der Ball Löcher und ne Menge Luft in der Mitte. Das macht ihn langsam – und den Menschen, der ihm nachjagt, ungewohnt schnell. Pickleball gibt einem das Gefühl, wieder jung zu sein. Und das fühlt sich super an.

Zwei Regeln finde ich besonders spannend. Zum einen gibt es eine so genannte „two bounce rule“. Das heißt: Man muss den Aufschlag einmal aufditschen lassen – wie beim Tennis. Aber! Der Aufschläger muss den Return danach AUCH einmal aufditschen lassen. Man kann also nicht wie Boris Becker Serve-and-Volley spielen. Die zweite interessante Regel ist die so genannten „Kitchen“-Linie: In den sieben Fuß vor dem Netz – bei uns ist das eine grüne Zone – darf man keinen Volley spielen. Man kann sich also nicht direkt ans Netz stellen und einfach alles wegballern, was da so angeflogen kommt. Die beiden Regeln führen dazu, dass der Aufschlag eher ein Nachteil als ein Vorteil ist. Und dass das Spiel am Netz nicht so ganz krass das Spiel dominiert.

Was ich auch bemerkenswert finde, ist der Spirit in diesem Sport. Alle strengen sich total an und kämpfen und alles. Aber schon eine Minute nach dem Spiel hat man vergessen, ob man jetzt eigentlich gewonnen oder verloren hat. Das finde ich super, hab aber keine Ahnung, woran das eigentlich liegt. Auch so eine soziale Norm. Aber woher kommt sie? Ich höre schon, wie die ersten Soziologie-Doktoranden ihre Griffel spitzen. Als erfahrener Tischtennisspieler kann ich jedenfalls versichern: Diese Entspanntheit ist nicht allen Rückschlagsportarten zueigen. 😉

Das sind William und Jackie beim Einspielen

Hab ich eigentlich schon erzählt, dass ich im vergangenen Jahr beim Camp der hiesigen Uni eine Urkunde für Tennis und Pickleball bekommen habe? In beiden Disziplinen: nicht fürs Können – aber für Enthusiasmus. Und die besten Witze zwischen den Ballwechseln.

Und nochwas finde ich klasse. Anders als beim Tennis gibt es in diesem Spiel praktisch keine Hürden. Pickleball kannst du sofort spielen. Ohne Talent. Ohne Trainerstunden. Du brauchst zwei Schläger, einen Ball, ein Feld – und schon geht’s los.

Hier in Ann Arbor gibt es mehrere Felder, die der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen. Du fährst einfach hin und spielst. Die Plätze gehören der Stadt. Kein Vereinsbeitrag, keine Anmeldung, gar nix.

Manchmal fahr ich einfach so aus Bock zum Platz im hiesigen Leslie Park. Da ist immer jemand am Daddeln. Und spätestens nach fünf Minuten fragt wer: „Hey, Du, Fremder, willst Du mitspielen?“ Und einige von diesen Fremden sind inzwischen auch keine Fremden mehr.

Herrlich ist das.

Ich bin mir sehr, sehr sicher: Pickleball würde auch in Deutschland super laufen. Alle Tennisspieler, die sich nicht mehr ganz so doll abrackern wollen, aber immer noch ein Händchen und ein Auge haben – die wären sofort dabei. Auch Tischtennisleute wie ich. Oder Badmintonspieler. Und überhaupt. Würde mich nicht wundern, wenn in ein paar Jahren auch die Süddeutsche, die Frankfurter Allgemeine oder die taz über Pickleball berichten: Hier kommt die neue Trendsportart.

bookmark_borderSchamlose Eigenwerbung

Heute ist – nach etwa einem Monat Pause – mal wieder Zeit für schamlose Eigenwerbung. Diese Woche erscheint die August-Ausgabe von Psychologie Heute. Darin findet sich auch mein Porträt der Psychologin Kate Sweeny von der UC Riverside (acht Seiten).

„Der Verkehr in Südkalifornien ist der blanke Irrsinn. So ist es auch an diesem Tag, wenige Wochen bevor Corona die Straßen leerfegen wird. Auf den sechs Spuren der State Route 60 wälzt sich Wagen an Wagen aus Los Angeles hinaus ins Landesinnere. Doch dann, nur wenige hundert Meter nach der Abfahrt 32 A lande ich jäh in einer friedlichen Gegenwelt. Die renommierte University of California, Riverside ist eine Art Wohlfühlpark der Gelehrsamkeit. Mit hübschen Grünanlagen, vorzeigbaren Restaurants und freundlichem Auskunftspersonal an den Parkplätzen.“

Genau dort – in der Nähe von Los Angeles – habe ich Kate Sweeny besucht und dann später auch ihren Vortrag auf der SPSP-Konferenz in New Orleans gehört.

Kate ist ziemlich cool, eine sehr sympathische Zeitgenossin. Man freut sich für ihren Erfolg. Sie hat sich schon als junge Professorin ihr eigenes Forschungsfeld erschlossen. Kate erforscht nämlich, was mit unserem Innenleben passiert, wenn wir auf potentiell miese Nachrichten warten müssen. „Warten unter Unsicherheit“ nennt sich das. Etwa, wenn der Befund einer Krebsdiagnose ansteht, ein Examensergebnis, die Rückmeldung nach einem Vorstellungsgespräch und dergleichen. Ich möchte den Artikeln allen empfehlen, die so etwas gerade umtreibt (oder die jemanden kennen, der gerade in so einer Lage steckt). Kate hat nämlich ein paar Dinge gefunden, die einem das Warten erleichtern – oder zumindest dann später das Verarbeiten der Nachricht selbst.

Man kann das Heft natürlich ganz traditionell am Kiosk oder per Abo kaufen. Die einzelne Geschichte gibt’s aber auch hier im Internet – allerdings nur den Anfang, der Rest steht hinter einer Bezahlschranke.

Kleiner Fun Fact noch: Bei den Psychologen an der UC Riverside ist es üblich, gemeinsam eine gute Flasche zu köpfen, wenn jemand seine Promotion abgeschlossen hat. Dann unterschreiben alle und das Ding landet in der Fakultätsbibliothek als Andenken. Süß, oder?

Außerdem hab ich erfahren, dass in der Juli-Ausgabe von Readers Digest eine Geschichte über Chronobiologie von mir erschienen ist. Auch hier derselbe Trick: Im Netz gibt’s nur einen Anschmecker. Die ganze Geschichte steht dann im Magazin, das man für Geld kaufen muss.

Was noch? Ach ja. Dieser Tage habe ich zusammen mit der großartigen Christiane Loell von P.M. Fragen&Antworten ein paar Folgen für den P.M.-Podcast „Schneller schlau“ aufgenommen. Dabei ging’s um medizinische und psychologische Fragen. Hat großen Spaß gemacht. Wann genau die Folgen live gehen, weiß ich nicht so genau. Ist aber auch egal. Ich würde jetzt schonmal reinklicken. Die Podcastreihe lohnt sich: Jede Folge dauert nur ein paar Minuten und man wird garantiert nicht dümmer davon.

bookmark_borderDer Schwimmer im See und ein neues Gemüse

Der Sommer ist sehr heiß in Michigan. Wir haben jeden Tag über 30 Grad und das wird sich so bald auch nicht ändern.

Ich habe übrigens – für all die SprachfeinschmeckerInnen da draußen – eine knackige Formulierung zu derlei Temperaturen gelernt: „Hotter than the devil’s butthole.“ Muss man auch erstmal drauf kommen.

Kurz vor sieben dann den Rechner zugeklappt. Genug geschrieben für heute! Handtuch eigerollt und runter an den See. Knapp unterhalb des Dammes war der Weg mit Polizeiband abgesperrt. Hat sich aber keiner drum gekümmert. Also auch ich nicht. So funktionieren soziale Normen: Sie gelten nur, wenn die meisten sich dran halten.

Oben war ich dann tatsächlich der einzige Mensch im See. Das Wasser war viel zu warm für meinen Geschmack. Um bis zur Sprungschicht runter zu kommen, musste ich die Beine komplett durchhängen lassen.

Zu Hause dann Abendbrot gemacht. Wir kriegen ja jetzt immer diese Gemüsekiste. Da hatten sie diesmal was dabei, das ich nicht kannte: „Garlic Scapes„. Ich weiß nicht mal, wie man bei uns dazu sagt. Kurz in Olivenöl gebraten, Salz, Pfeffer, Zitronensaft. Dazu Nudeln mit Pesto, einer gewürfelten Tomate, gehackten Walnüssen und Parmesan. Es war unglaublich gut. Ich möchte diese Speise hiermit empfehlen.

Danach seufzend den Rechner nochmal aufgemacht. Was war los in der Welt? Was war los in Michigan? Und da trifft mich doch fast der Schlag!

Da muss ich lesen, dass am Morgen ein Typ genau dort ins Wasser gehüpft ist, wo ich gerade schwimmen war. Er ist aber – im Gegensatz zu mir – nicht mehr rausgekommen. Die haben offenbar den halben Tag lang mit Booten nach ihm gesucht.

Also DESHALB war außer mir niemand schwimmen!

Ich bin dann nochmal mit dem Hund ans Wasser gegangen. Hab mich mies gefühlt. Tja.

Der Badesteg war inzwischen gut besucht.

Und auch im Wasser planschten ein paar Leute rum.

Der See bleibt der See. Egal, was gerade noch dort passiert ist.

Auf dem Weg zurück hat mich dann ein Typ in ein Gespräch verwickelt. „Schönen Hund hast du da. Deutscher Schäferhund. Wir hatten auch mal einen. Direkt aus Deutschland. Meine Mutter hat ein Heidengeld dafür bezahlt. Das war der schönste Hund überhaupt. Ganz schwarz. Nur die Pfoten waren hell. Ein tolles Tier. Aber er war nur kurz bei uns. Dann ist er auf die Straße gerannt und dann ist ein Auto gekommen und – zack! – dann war er tot.“

Er sagt, er findet es anderswo schöner als hier. Denn genau von dort kommt er nämlich. Von anderswo. „Home is home, man.“

Außerdem sind seine Knie im Eimer. Er kann nicht mehr arbeiten. Er mochte seinen Beruf eh nicht. „It was just a job.“

Und jetzt?

Er zuckt mit den Schultern. „Erstmal ne Runde angeln. Mal sehen, was anbeißt.“

Ich schätze ihn auf höchstens 45.

Und jetzt denke ich mal wieder, dass fast alles, das ganze Leben und so, vor allem damit zu tun hat, dass man bisher einfach unverschämtes Glück hatte. Einmal kein Glück – das reicht schon, damit alles anders wird.

Was ich mit all dem eigentlich sagen will: Ich glaub, man soll nicht so tun, als hätte man all das Gute irgendwie selbst gemacht oder gar verdient.

bookmark_borderAmerika ist auch eine Art Religion

Gestern war hier Unabhängigkeitstag. Wir saßen bei Freunden und Bier auf der Terrasse vor dem Haus und haben Musik gemacht, während in der Einfahrt die zwei Jungs ihre Feuerwerkskörper abgefackelt haben. Wir hatten einen sehr schönen Abend. Vor genau einem Jahr war ich auch schon mal hier. Da haben sich hunderte von Leuten im Park versammelt und dann gab’s ein fettes Feuerwerk. In diesem Jahr: alles drei, vier Nummern kleiner. Angemessen! Ab und zu ist ein Auto vorbeigefahren, manche der Fahrer haben kurz angehalten mit heruntergelassener Fensterscheibe und uns ein paar aufmunternde Worte zugerufen wegen der Musik. Fremde Leute anlabern – das ist hier viel üblicher als bei uns und das ist auch ein Grund, warum es mir hier gefällt. Ich laber‘ nämlich auch gerne fremde Leute an.

Einer der Kracher kam in eher fragwürdiger Gestalt daher. Es handelte sich um einen Panzer aus Pappe in den Farben der Nationalflagge, aus dessen Rohr Qualm und bunte Funken nach vorne schossen. Leider vergessen, ein Foto zu machen. Ironischerweise lief das ganze Kracher-Paket unter dem Label „safe & sane“.

Am Abend zuvor die Rede Trumps am Mount Rushmore gehört. Die ganze Veranstaltung trug kirchliche Züge. Amerika ist auch eine Art Religion. Trumps Rede war eine Kriegserklärung und der Anfang des Wahlkampfs im engeren Sinne. Alle paar Sätze ein Codewort, eine in die Erde gerammte Flagge. Er hat einige seiner politischen Gegner schon mal vorsichtshalber zu Feinden Amerikas erklärt. Ganz bedenklich. Ich fürchte: Die Sache wird – trotz eines sehr harmlosen Joe Biden – noch sehr hässlich werden. Trotzdem. Ich hab meine Magisterarbeit ja vor vielen Jahren über Propaganda geschrieben. Und ich muss sagen: Aus dieser Perspektive war das keine ganz ungeschickte Rede. Trump hat eine Reihe konservativer Grundwerte angesprochen, die hier in Amerika vielen was bedeuten. Ich empfehle das Stück allen Lehrern, die was über politische Rhetorik im Unterricht machen wollen. Da gibt’s ne Menge zu lernen und ne Menge zu analysieren.

Und dann das Publikum. Die Leute saßen so eng auf den Stühlen, als gäb’s keine Pandemie. So sahen die Reihen übrigens aus, bevor das Volk aufs Gelände durfte. Design ist alles.

Die allermeisten Leute haben keine Masken getragen. Das ist in den Augen vieler Trump-Anhänger nur was für Weicheier und Feiglinge.

Manche Dinge sind für mich schwer zu verstehen.

bookmark_border„Meine Leidenschaft für Stil und mein Erfolg sind untrennbar miteinander verwoben“

Ich habe heute in einem interessanten Buch herumgelesen. Eigentlich wollte ich ein Quiz daraus machen. Nach dem Motto: „Wer hat’s geschrieben?“ Aber, naja, mit dem Bild hab ich die Sache ja irgendwie schon ausgeplaudert. Trotzdem, nur so zum Spaß: Hättet Ihr den Autor erkannt?

„Ich habe mich auf meine Leidenschaft konzentriert, und das hat mir viel Geld beschert.“

„Wenn Sie im Leben große Dinge schaffen wollen, brauchen Sie monumentale Begeisterung und Leidenschaft.“

„Ohne Leidenschaft hat das Leben keinen Glanz. Die Leidenschaft gibt Ihnen die innere Kraft, die Sie brauchen, um niemals aufzugeben.“

„Leidenschaft ist wichtiger als Intelligenz und Talent.“

„Meine Leidenschaft für Stil und mein Erfolg sind untrennbar miteinander verwoben.“

Ich weiß nicht, wie’s Euch geht – aber für mich waren da schon ein paar gute Lacher dabei. All diese Zitate stammen aus dem Buch „Nicht kleckern, klotzen! Der Wegweiser zum Erfolg aus der Feder eines Milliardärs“ von Donald Trump höchstselbst. Im Englischen trägt das Buch übrigens den ungleich kraftvolleren Titel „Think Big and Kick Ass“ – groß denken und allen in den Hintern treten.

Mich hat all dieses Gerede von Leidenschaft jedenfalls hellhörig gemacht. Vor zehn Jahren habe ich für Psychologie Heute eine große Geschichte über Leidenschaft geschrieben. Genauer: Über die Forschung des kanadischen Psychologen Robert Vallerand, den ich auf einer Forschungskonferenz in Philadelphia getroffen hatte.

Vallerand erforscht jedenfalls seit Jahrzehnten Menschen, die mit Leidenschaft ihrer Tätigkeit nachgehen. Sportler, Künstler, Musiker, Tänzer – also Leute, die wie bekloppt ackern müssen, um machen zu können, was sie eben so machen.

Wenn eine Krankheit oder eine Verletzung sie aus ihrer Routine wirft, dann kann man bei diesen Leuten zweierlei beobachten. Manche kurieren die Sache aus und warten, bis sie wieder fit sind. Dann geht das Training weiter. Andere jedoch fangen zu früh wieder an. Die Verletzung bleibt, sie wird chronisch. Vallerand kann durch seine Fragebögen zeigen, dass diese beiden Verhaltensmuster mit unterschiedlichen Formen der Passion einhergehen. Vallerand unterscheidet in „harmonische Leidenschaft“ und „obsessive Leidenschaft“. Beide führen zum Erfolg. Die besessene Variante macht die Leute aber tendenziell kaputt.

Warum entwickelt man die eine oder andere Form von Leidenschaft? Vallerand sagt: Ganz am Anfang, wenn man Feuer fängt, liegt das entweder daran, dass die Tätigkeit selbst einen gefangen nimmt. Oder daran, dass andere Leute klatschen, dass man Preise bekommt, Pokale und Urkunden. Die besessene Leidenschaft findet Vallerand fast immer bei Leuten, die den Applaus brauchen und die Bewunderung von außen.

Die USA haben die schlimmsten Covid-19-Zahlen der Welt. Denn viele Staaten haben den Laden viel zu früh wieder aufgemacht – getrieben von einem extrem ungeduldigen Präsidenten.

Da hat jemand dafür gesorgt, dass das Land sozusagen zu früh wieder mit dem Training angefangen hat.

Man soll sich ja mit Ferndiagnosen zurückhalten. Aber für mich sieht das alles schwer nach „obsessiver Leidenschaft“ aus. Und zwar nicht nach „Leidenschaft für Stil“ – sondern für die Bewunderung von außen. Koste es, was es wolle.

„Leidenschaft ist wichtiger als Talent und Intelligenz.“ Da möchte man ausnahmsweise mal nicht widersprechen.

bookmark_borderEndlich bewiesen: „Nicht alle Mercedes-Fahrer sind Arschlöcher“ … und andere Studien

Für meinen Job lese ich jeden Tag wissenschaftliche Studien. Manchmal guck ich mir auch an, was Wissenschaftler einander in den Sozialen Medien so zuspielen. Heute zum Beispiel haben ein paar Psychologen auf Facebook eine Diskussion über den lustigsten wissenschaftlichen Aufsatz der vergangenen Jahre angezettelt.

Dieser Debatte verdanke ich Einsicht in eine bemerkenswerte Untersuchung der Universität Helsinki. Dort hat man tatsächlich herausgefunden, dass nicht alle Mercedes-Fahrer Arschlöcher sind. Die Studie trägt den schmissigen Titel „Not only assholes drive Mercedes. Besides disagreeable men, also conscientious people drive high‐status cars“. Die Forscher haben dafür die Persönlichkeit von mehr als 1800 finnischen Autobesitzern vermessen. Tatsächlich ist – wie man intuitiv schon ahnen konnte – die Arschloch-Dichte bei großen Autos besonders hoch. Man findet aber auch viele sehr gewissenhafte Leute unter den Fahrern von Luxusmarken („gewissenhaft“ heißt: sowohl fleißig als auch ordentlich). Dass Leute mit dicken Autos besonders rücksichtslos fahren, so die Forscher, liegt also nicht daran, dass Geld den Charakter verdirbt. Es ist eher so, dass rücksichtslose Leute sowohl rücksichtslos fahren, als auch gerne hinter dem Steuer großer Autos sitzen, weil sie eben gerne mit ihrem Reichtum prahlen (auch wenn sie womöglich gar nicht reich sind). Ein Glück, dass wir das endlich mal geklärt haben.

Ebenfalls aus Skandinavien stammt ein Aufsatz aus dem Jahr 2015, der seinen Humor aus ähnlichen Scherz-Regionen bezieht. Zwei Biologen der norwegischen Universität Bergen gehen darin der Frage nach, warum sich im Laufe der Evolution überhaupt Arschlöcher entwickelt haben. Und zwar nicht im metaphorischen Sinne. Ihr Aufsatz, veröffentlicht im „Zoologischen Anzeiger“, trägt den die verspielte Überschrift „Getting to the bottom of anal evolution“. Die Sache scheint allerdings kompliziert zu sein. „Die evolutionären Ursprünge des Enddarms mit Analöffnung bleibt unklar“, konstatieren die Autoren mit fühlbar resigniertem Unterton. Aus der Richtung ist also noch mit einigen Überraschungen zu rechnen.

Bereits im Jahre 2011 haben Forscher aus Kalifornien ein Paper über die chemischen Prozesse auf dem Planeten Uranus publiziert. Klingt harmlos. Dass die Wortwahl in der Überschrift – zumindest phonetisch – einen Aufsatz über die Entstehung von Flatulenzen nahelegt, dürfte jedoch kaum ein Zufall sein:Chemical processes in the deep interior of Uranus“. Bei diesen Wissenschaftlern scheint immer noch Zeit für den einen oder anderen präpubertären Scherz zu sein!

Genug jetzt mit Pippikacka-Wortspielen (obwohl es noch einige zu zitieren gäbe). Zwei lustige Studien hab ich aber noch (für heute). Die erste befasst sich – warum auch immer – mit der Intelligenz und Handkraft von orthopädischen Chirurgen und Anästhesisten. Der Titel heißt übersetzt: „Orthopädische Chirurgen – stark wie ein Ochse und fast doppelt so schlau?“ – auf so was kommen nur die Briten. Das Ergebnis der Studie: Die untersuchten Chirurgen waren im Durchschnitt nicht nur intelligenter, sondern auch stärker als die Anästhesisten. Kein Grund zum Feiern für die Weißkittel mit dem Skalpell. Denn insgesamt, so heißt es im Aufsatz, waren „die Intelligenzwerte niedriger als man das bei Profis aus der Medizin hätte erwarten können“.

Das letzte Paper hat schon locker 15 Jahre auf dem Buckel, ist aber immer noch toll. Die Autoren haben sich die Mühe gemacht, Überschriften aus biomedizinischen Fachartikeln auf literarische Wortspiele hin zu überprüfen. Die Suche hat unglaubliche 1400 Shakespeare-Zitate zutage gefördert! Auch Bibelzitate waren beliebt, ebenso kluge Worte von Lewis Carroll und Hans Christian Andersen. „Ob man damit Leser gewinnt oder häufiger zitiert wird, ist unklar, es gibt gewiss bessere Wege, auf sich aufmerksam zu machen“, rügt der Aufsatz.

Gar so streng will ich nicht sein. Mediziner sind auch nur Menschen. Und Menschen mögen Bücher. Und Witze. Man soll ihnen die Wortspiele lassen. Damit Leute wie wir sie lesen und sammeln können. Amen.