Auf Zombie-Jagd mit Pfeil und Bogen

Ernest Hemingway hat die Sommer seiner Kindheit ja im Norden von Michigan zugebracht. Nämlich: in einem Holzhaus am Walloon Lake. Gleich gegenüber am südlichen Ufer liegt ein sehr schönes Gelände, das Camp Michigania, wo Nicki, ihr Sohn und ich gerade ein paar Tage zugebracht haben. Das ist ein sehr eigenartiger Ort, über den ich jetzt mal ein paar Zeilen schreiben muss.

Die Geschichte geht ungefähr so: In den 1960er Jahren hat die University of Michigan hier günstig ein Areal geschossen und es Schritt für Schritt in ein sehr rustikales Feriencamp verwandelt. Wer früher mal in Ann Arbor studiert hat oder heute dort an der Hochschule arbeitet, der darf da Urlaub machen und Leute mitbringen. Natürlich gegen Geld.

Ganz zu Anfang gab es im Camp Michigania ein paar Holzhütten, einen Raum, in dem alle essen konnten und einen Badesteg. Sehr einfach muss das alles gewesen sein. Heute schlafen die Camper noch immer in Holzhütten. In der Zeit vor Corona haben sich drei Familien so eine Hütte geteilt. In diesem Jahr hatten wir eine Hütte für uns. Das Gelände ist sehr sandig und die Hütten sind es demnach auch.

Tja. Und da sitzt man dann. Mit ansonsten 400, in Coronazeiten etwa 170 Leuten und macht den ganzen Tag irgendwas. Es gibt drei gemeinsame Mahlzeiten am Tag. Eine Bastelhütte (Arts & Crafts), einige Tennisplätze, einen Klettergarten, ein paar Segelboote, einen Schießstand, neben dem man vor einem Sandhügel per Schrotflinte fliegende Plastikscheiben wegpusten kann. Überall laufen junge Studierende rum, die einem beibringen, wie man all das noch besser machen kann. Wie zum Beispiel hier beim Tennis.

Und dann gibt es noch diese Wiese, auf der mehrere Strohballen stehen, damit man mit Pfeil und Bogen auf Zielscheiben schießen kann. So wie das die unbekannte Dame im Bild unten macht. Meine Meinung: Ein Bullseye aus 20 Yards (also ein Schuss ins gelbe Feld) ist machbar, dauert aber seine Zeit. Ich selbst musste viele verschossene Pfeile suchen, bis es so weit war. Man denkt vorher: „Das ist alles nur Atmung und Zen.“ Aber dann merkt man irgendwann: Es hilft auch, die Füße ordentlich auszurichten, die Arme gerade zu halten, das richtige Auge zusammenzukneifen und mit den Händen keinen Quatsch zu machen. Und am nächsten Tag hat man dann fast alles wieder vergessen.

Wenn man alle fünf Pfeile in den schwarzen, blauen, roten oder gelben Kreis bringt, dann bekommt man einen Preis, ein so genanntes Field. Und das geht so: Alle Camper tragen um den Hals eine Holzmedaille (Lanyard) als Namensschild. Sobald man die fünf Pfeile im Ziel hat, kommt jemand aus dem Team der Camphelfer auf einen zugerannt, brüllt ein sehr ehrlich gemeintes „well done“, „awesome“ oder „great job“ und kritzelt einem mit Edding ein Zeichen auf die Medaille. Beim Bullseye: dito. Ich habe Kinder gesehen, deren Namen zwischen all diesen Awards nicht mehr zu lesen waren.

Einige dieser Awards bringen den tapferen Athleten aber mehr als nur Ruhm und Bewunderung. Man darf mit ihnen nämlich Dinge machen, die dem gewöhnlichen Fußvolk verwehrt bleiben. Mit dem Field darf man zum Beispiel bewaffnet ins – naja – Field spazieren. Das ist ein schmaler Pfad, der sich zwischen Bäumen, Büschen und oft mehr als hüfthohem Gras durch die Walachei schlängelt. Und dann – zack! – taucht auf einmal irgendwo eine Art Poster auf. Mit einem Hasen drauf. Oder einem Coyoten. Auf dem Boden sieht man eine 20-Yard-Markierung und dann … soll man halt von dort auf die Bilder schießen.

Klingt bescheuert? Unbedingt!

Ist es natürlich auch.

Und dennoch muss ich gestehen: Wenn man zusammen mit einem Teenager gerade die Zombie-Apokalypse verhindert hat, dann gibt das der Sache halt doch einen gewissen Reiz (siehe das Bild ganz oben).

Außerdem ist mir bei all dem klar geworden: In besagter Apokalypse würden mich Pfeil und Bogen vor rein gar nichts retten. Nicht vor blutgieriegen Untoten. Und auch nicht vor dem Hungertod. Selbst aus 20 Yards Entfernung hätte kein einziges Tier beim ersten Pfeil auch nur eine Schramme davongetragen. Es lebe der Supermarkt!

Die Pommes zum Abendessen waren übrigens erstklassig. Und weil’s im Camp praktisch keinen Handyempfang gibt, konnten alle so tun, als wäre die ganze Welt ein Ferienlager. Was sie natürlich nicht ist.

Handelt das Camp Michigania nur von Sport, Leistung und Geschicklichkeit? Manche sagen: ja! Ich jedoch möchte widersprechen. Denn eigentlich geht’s darum, endlich mal wieder mit Leuten abzuhängen. Interessanten Leuten, wie ich hinzufüge. Und das war einfach toll, wie ein Wunder. Doch dazu mehr im nächsten Eintrag.

Kommentare

  1. Hurra, er lebt noch! 🙂 Ich dachte zwischenzeitlich, als hier monatelang kein neuer Beitrag mehr erschien, schon… Naja, egal. Ich freu mich! Auch auf den angekündigten nächsten Eintrag und alle weiteren. Welcome back! 😉

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