Amerika ist auch eine Art Religion

Gestern war hier Unabhängigkeitstag. Wir saßen bei Freunden und Bier auf der Terrasse vor dem Haus und haben Musik gemacht, während in der Einfahrt die zwei Jungs ihre Feuerwerkskörper abgefackelt haben. Wir hatten einen sehr schönen Abend. Vor genau einem Jahr war ich auch schon mal hier. Da haben sich hunderte von Leuten im Park versammelt und dann gab’s ein fettes Feuerwerk. In diesem Jahr: alles drei, vier Nummern kleiner. Angemessen! Ab und zu ist ein Auto vorbeigefahren, manche der Fahrer haben kurz angehalten mit heruntergelassener Fensterscheibe und uns ein paar aufmunternde Worte zugerufen wegen der Musik. Fremde Leute anlabern – das ist hier viel üblicher als bei uns und das ist auch ein Grund, warum es mir hier gefällt. Ich laber‘ nämlich auch gerne fremde Leute an.

Einer der Kracher kam in eher fragwürdiger Gestalt daher. Es handelte sich um einen Panzer aus Pappe in den Farben der Nationalflagge, aus dessen Rohr Qualm und bunte Funken nach vorne schossen. Leider vergessen, ein Foto zu machen. Ironischerweise lief das ganze Kracher-Paket unter dem Label „safe & sane“.

Am Abend zuvor die Rede Trumps am Mount Rushmore gehört. Die ganze Veranstaltung trug kirchliche Züge. Amerika ist auch eine Art Religion. Trumps Rede war eine Kriegserklärung und der Anfang des Wahlkampfs im engeren Sinne. Alle paar Sätze ein Codewort, eine in die Erde gerammte Flagge. Er hat einige seiner politischen Gegner schon mal vorsichtshalber zu Feinden Amerikas erklärt. Ganz bedenklich. Ich fürchte: Die Sache wird – trotz eines sehr harmlosen Joe Biden – noch sehr hässlich werden. Trotzdem. Ich hab meine Magisterarbeit ja vor vielen Jahren über Propaganda geschrieben. Und ich muss sagen: Aus dieser Perspektive war das keine ganz ungeschickte Rede. Trump hat eine Reihe konservativer Grundwerte angesprochen, die hier in Amerika vielen was bedeuten. Ich empfehle das Stück allen Lehrern, die was über politische Rhetorik im Unterricht machen wollen. Da gibt’s ne Menge zu lernen und ne Menge zu analysieren.

Und dann das Publikum. Die Leute saßen so eng auf den Stühlen, als gäb’s keine Pandemie. So sahen die Reihen übrigens aus, bevor das Volk aufs Gelände durfte. Design ist alles.

Die allermeisten Leute haben keine Masken getragen. Das ist in den Augen vieler Trump-Anhänger nur was für Weicheier und Feiglinge.

Manche Dinge sind für mich schwer zu verstehen.

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