Abraham und die Verlustaversion

Das obige Straßenschild ist mir bei einem Spaziergang durch Ann Arbor begegnet. Würde man bei uns so nicht machen, glaube ich.

Das bringt mich natürlich sofort zur Geschichte von Abraham. Die Juden beziehen sich auf ihn, die Christen, die Moslems. Seine Story ist ein Welterfolg. Sie geht so: Ein wohlhabender Typ hat nachts eine göttliche Vision und verlässt seine alte Heimat, um sich eine neue zu suchen. Später wird er zum Stammvater eines Volkes.

Ich habe als Kind und Jugendlicher nie kapiert, was so groß sein soll an dieser Geschichte. Dann aber habe ich bei den Psychologen etwas gelernt, bei dem ich gedacht habe: Aha!

Dort spricht man vom Phänomen der „Verlustaversion„. Es besagt: Wenn man etwas hat, dann tut der Verlust dieses Besitzes mehr weh als der Gewinn des Besitzes einem Freude bereitet hat. Und zwar – so als Faustformel – in etwas doppelt so sehr.

Genau das ist der Schlüssel. Abraham war kein Habenichts, den eine irische Hungersnot nach Amerika trieb. Er hat sozusagen im Silicon Valley gelebt und sein eigenes Startup betrieben. Dem ging’s wirklich gut. Und er ist trotzdem fortgegangen. Ins Blaue. Er hatte keine Ahnung, wo’s lang gehen sollte. Er hatte nur ein Versprechen: Du wirst Nachfahren haben, die so zahlreich sind wie die Sterne am Himmel. Man kann sie nicht zählen.

Die Geschichte von Abraham ist deshalb cool, weil sie dem widerspricht, was Menschen üblicherweise tun. Die meisten Menschen hätten nämlich gesagt: Ich bleib lieber zu Hause.

Die Story mit Isaak später, dem sehr späten Sohn, den Abraham bekommt und den er dann opfern soll – die treibt die Sache mit der Verlustaversion noch einmal auf die Spitze. Abraham kriegt (uralt) ENDLICH die Belohnung, die ihm versprochen wurde. Den ersehnten Stammhalter (ohne Stammhalter: kein Volk, keine Sterne am Himmel usw.). Und dann soll er die Belohnung wieder hergeben und den Sohn opfern. Ziemlich grausam, wenn man so drüber nachdenkt. Auch da hätten die meisten Menschen schon damals gesagt: Nö, das mach ich nicht. Abraham hat die Sache aber trotzdem durchgezogen. Naja. Oder: hätte. In letzter Sekunde kommt ein Engel geflogen und sagt: „War nur ein Test – Du hast bestanden.“

Die Moral von der Geschichte lautet vermutlich: Im Spirituellen muss man manchmal auf die Psychologie pfeifen – und genau das Gegenteil machen.

Tja. Mist. Ich hätte DAS hier als Wort zum Sonntag schreiben sollen. Jetzt ist es halt das Wort zum Montag geworden. Egal. Kommt gut in die Woche!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.