Auferstehung oder Hölle?

So tanken wir. Immer. Ich will das nur festhalten, um’s nicht zu vergessen

Im Wagen hören wir ne Menge NPR, das ist so etwas wie der Deutschlandfunk der USA. Sie senden Trumps Briefing live. Er träumt davon, bis Ostern das Land wieder am Laufen zu haben. „Wouldn’t it be great to have all of the churches full?“ Die Auferstehung von den Toten für alle. In weniger als drei Wochen. Hm.

Später am Tag hören wir den aktuellen Daily-Podcast der New York Times. Sie haben Donald G. McNeil Jr. im Studio, der seit Wochen für die NYT über die Coronakrise berichtet. Sie fragen ihn, wie jetzt alles weitergeht. Er sagt: Man muss das ganze Land – wie mit einem Zauberstab – für zwei Wochen einfrieren. Komplett. Aber das wird nicht passieren. McNeils Fazit: „(…) we will have a Wuhan in New York, and a Wuhan in Seattle, and a Wuhan in South Florida, and a Wuhan in Wheeling West, Virginia, and a Wuhan in Helena, Montana, and so on.“ Die Toten, so sagt er, werden sich in all diesen Hotspots auf den Krankenhausfluren stapeln und keiner wird mehr Zeit oder Kraft haben, sie wegzuräumen. Später telefoniert Nicki mit einer Freundin, die in New York lebt. Sie sagt, dass sie dort vor den Hotels schon Zelte für die Leichen aufstellen.

Ich finde es schwer, das alles zu verarbeiten oder mich selbst auf der Intensivstation zu sehen oder die Menschen in meinem engsten Umfeld. Es gelingt mir auch gut, mich abzulenken. Heute ist das etwas schwieriger, auch weil die Landschaft in dieser Hinsicht wenig leistet.

Nebraska. Langweilig? Einerseits ja. Andererseits ist das hier einer der spektakulärsten Momente des heutigen Tages.

Ich muss wieder an meinen Besuch bei Prof. Kate Sweeny von der UC Riverside denken. Eine ihrer Doktorandinnen hat nachgewiesen, dass Momente von „awe“ (am ehesten zu übersetzen mit „Ehrfurcht“) einem über die ohnmächtige, sorgenvolle Unsicherheit hinweghelfen, wie viele sie jetzt empfinden. Das hat die vergangenen beiden Tagen leichter gemacht (zumindest für mich; weniger für Nicki, wie man zugeben muss). Heute aber ist nicht viel los mit „awe“. Das östliche Wyoming, Nebraska und Iowa sind … ähm … bemerkenswert monoton.

Immerhin besitzen sie in Nebraska eine kulinarische Staats-Spezialität, die irgendwer in eine endemische Fastford-Kette namens „Runza“ verwandelt hat. Es handelt sich um ein Brötchen mit gebratenem Krauthack in der Mitte. Ich neige dazu, solche Dinge zu unterstützen. Also fahren wir zu einem Takeout-Fenster und ziehen uns zwei dieser Geräte. Fun fact: Angeblich kommt der Name davon, dass man dick davon wird, man bekommt einen „Ranzen“, oder im Südwest-Dialekt einen „Ranza“. Genau so wird das Ding auch ausgesprochen.

Ja. Essen. Hilft immer.

Morgen kommen wir, wenn alles gut geht, nach Ann Arbor. Danach: zwei Wochen Quarantäne. Trotz der Hundekackebeutel über den Händen. Ich sage mir immer noch, dass am Ende alles gut ausgeht. Morgen werde ich hier über Geld reden. Ich glaube: Wenn all das hier vorbei ist, wird das „Geld“, wie wir es kennen, kaputt sein. Bei Trumps Briefing haben sie verkündet, sechs Billionen Dollar … ähm … tja … zu drucken. Wenn ich mich richtig an die VWL-Kurse in meinem Leben erinnere, dann heißt das, dass die Amerikaner hinter den Türen jetzt schon das Design für die in einigen Jahren fällige Währungsreform entwerfen. Kann aber auch sein, dass ich von all dem einfach keine Ahnung habe. Außerdem muss ich in den kommenden Tagen mal recherchieren, ob „Ausländer sein“ ein Kriterium sein wird, das auf der Intensivstation eine Rolle spielt. Das wäre ungünstig. Zumindest für mich.

Irgendwann sehen wir während der Fahrt eine dieser sehr großen US-Flaggen hinter der Kurve flattern (heute ist ein windiger Tag). Sie weht auf Halbmast. Ich sitze am Lenkrad und bitte Nicki, ein Foto zu machen. Das könnte das passende Symbol für diesen Blogeintrag werden! Als wir näher kommen, sehen wir, dass die vermeintliche Fahnenstange mit der Fahne gar nichts zu tun hat. NATÜRLICH haben sie das Ding ganz nach oben gezogen. Ostern in der Kirche. Ich vermute mal: Es gibt viele Amerikaner, die sich heute mit genau diesem Gedanken schlafen legen

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