bookmark_borderHow I met my Wohngemeinschaft #2 – Kryptonit, der Wohnungsmarkt und Jam-Sessions

Liebe künftige WG,

noch ein Tag bis Heiligabend; hab gerade die letzten Geschenke eingepackt, sie sind weder zahlreich noch der Rede wert, Präsente waren noch nie meine stärkste Love Language (erwartet da bitte nicht zu viel von mir). Draußen ist es kalt und nass und sehr ungemütlich.

Hab viele Rückmeldungen bekommen auf den WG-Post von vergangener Woche. Aufmunterung, Beifall, bisweilen auch vorausahnenden Trost. Denn: Gesprochen wie ich haben schon viele, doch glücklich aus der Sache rausgekommen sind offenbar nur wenige. Vielleicht am interessantesten fand ich die Rückmeldung meines jungerwachsenen Sohnes, zu dessen Talenten es gehört, einem die Wahrheit zu sagen, ob man sie hören will oder nicht.

Er: „Du bist für das Leben in einer WG perfekt geeignet.“
Ich: „Danke.“
Er: „Alleine leben ist dein Kryptonit. Da fehlt dir der Input und das Soziale.“

Kryptonit ist – einige von Euch wissen es – ursprünglich der (erfundene) Stoff, der Superman (ebenfalls erfunden) seine Kräfte raubt. Die jungen Leute verwenden das Wort in einem erweiterten Sinn, um die Schwachstelle eines Menschen zu beschreiben. Früher hätte man „Achillesferse“ gesagt. Der Nachwuchs spricht also ein Wort der Ermutigung, ein glaubwürdiges zudem, denn der Sohn pflegt (siehe oben) keine Worte der Ermutigung zu sprechen, nur weil man sich als Empfänger besser damit fühlt.

Noch etwas ist passiert, von dem ich Euch erzählen will. Ich hab einige Zeit auf einer der großen Immobilienbörsen zugebracht. Das hätte ich besser gelassen, denn es gibt dort nicht sehr viele Buden, die auch nur theoretisch für eine tüchtige WG infrage kommen. Selbst die besten Hütten riechen nach Kompromiss: Ich hätte weniger Platz als jetzt und müsste mehr Geld bezahlen. Und für Euch würde da vermutlich dasselbe gelten. Aber wer zahlt gerne mehr für weniger? Der Wohnungsmarkt in Hamburg ist wirklich ein Trauerspiel. Außerdem: Platz für drei Erwachsene, das konnte ich den besten Grundschnitten mit viel gutem Willen noch abringen. Aber für vier … da bräuchte man vermutlich getrennte Wohnungen, die im selben Haus liegen und da fängt’s schon an, nur noch ne halbe WG zu werden, oder wie seht Ihr das?

Außerdem hat mich diese Woche eine alte Erinnerung aufgesucht: In einer meiner WGs in Oldenburg – wir wohnten zu fünft in einem nicht sehr gepflegten Haus nahe der Innenstadt – lief einer der ersten Abende so, dass nach dem gemeinsamen Essen alle in ihren Zimmern verschwanden und jeder mit einem Instrument wiederkam. Danach gab’s Getränke und eine Jam-Session, die sich gewaschen hatte. Ich habe fast drei Jahre mit der Truppe zusammengewohnt, dabei sehr viel Musik gemacht, sehr viel gesungen, zusammen Lieder geschrieben, gemeinsame Auftritte gehabt, es war toll. Eins der Lieder hab ich mit meiner Mitbewohnerin Karin geschrieben, wobei ihr Anteil deutlich größer war als meiner. Die Tonart wechselte beständig zwischen Dur und Moll und Karin schrieb auf diese Ambivalenz die passende Zeile: „Wir sind ein fröhliches Haus mit manchmal eher traurigen Menschen.“

Tja. Daran musste ich jedenfalls denken. Keine Ahnung, ob das ein Kriterium sein sollte für unsere Zukunft. Aber eine schöne Erinnerung ist es auf jeden Fall: eine WG, in der Musik gemacht wird. Klingt ganz verlockend, findet Ihr nicht auch?

Macht’s gut und bis irgendwann.

Euer künftiger Mitbewohner

Jochen

bookmark_borderHow I met my Wohngemeinschaft #1 – So geht’s nicht weiter!

So geht’s nicht weiter. 

Ich möchte mich verändern. 

Und zwar so: Heute in einem Jahr möchte ich in einer WG leben. 

Dabei hab ich im Moment wenig auszustehen: Ich finde meine Bude total in Ordnung, sie liegt verkehrsgünstig und zentral, die Nachbarn grüßen freundlich, das Haus ist nicht übertrieben hellhörig und der Vermieter eine Seele von Mensch. Eine innere Stimme sagt: „Du weißt gar nicht, wie gut du’s hast.“

Eine andere innere Stimme sagt: „Du wohnst allein und das hat der liebe Gott nicht gewollt.“ 

Dagegen kann man wenig sagen. Die lebendigsten Zeiten meines Lebens hatte ich, wenn ich mit anderen zusammengewohnt habe, mal als Familie, mal als Paar, mal als WG. 

Wohnen als Familie oder Paar – danach sieht’s derzeit nicht aus. Bleibt also: die Wohngemeinschaft. Ich möchte in einer WG leben. Und genau darum geht’s in diesem Blog. 

Ich hab mir vorgenommen: Einmal die Woche – möglichst immer am Wochenende – will ich aufschreiben, wie diese Wohngemeinschaft Schritt für Schritt in die Welt kommt, welche Gedanken mich dabei plagen und was auf der Suche alles schiefläuft: How I met my Wohngemeinschaft, sozusagen.

Am vergangenen Mittwoch zum Beispiel die Unterhaltung mit Frank anlässlich der Schreibgruppen-Weihnachtsfeier. Ich erzähle ihm von meinen Plänen. Er so: „Als du das grad gesagt hast, hab ich gedacht, das stimmt, genau das müsste ich auch machen, wenn ich nicht in so nem Familienkontext leben würde.“ Mich freut das sehr. Denn: Wenn Frank so denkt, denken andere vermutlich auch so. Prima, dann findet sich ja vielleicht jemand, der wie ich lieber in einer kleinen Herde leben möchte! 

Weiter. Wie wahrscheinlich ist es, dass die Sache klappt? „Zu 75 Prozent“, sagt Frank.

Dann aber kommen ihm Bedenken. „Das Komplizierte“, sagt er, „ist das Organisatorische. Allein schon, ne Wohnung zu finden. Das ist mittlerweile sooo schwierig.“ Stimmt. Mist. Und dann ist da natürlich noch die Sache mit den Leuten. Jeder trägt „einen Rucksack“ mit sich rum, sagt Frank, hat „schlechte Erfahrungen gemacht“ und so weiter. „Sich auf Menschen einzulassen, ist einfach komplizierter geworden, das ist meine Wahrnehmung.“ Frank argumentiert auf ne Art wie Peter Licht: Gesellschaft ist toll, wenn nur all die Leute nicht wär’n.

Seufz. 

Und überhaupt der ganze Prozess. Soll man zuerst ne Bude suchen und dann die Leute? Soll man erst die Leute finden und dann die Bude? Soll man versuchen, in eine bestehende WG zu ziehen? Alles unklar. Meine Haltung im Moment: Serendipität! Ein Schiff besteigen, die Segel setzen, rausfahren und dann mal gucken, wohin die Winde einen tragen. Aber rausfahren, das ganz sicher. 

Und das bedeutet: Möglichst anfangen, Menschen von meinem Vorhaben zu erzählen. Word gets around und wer weiß, was dann daraus erwächst. 

So beginnt die Suche. Mit einer Absicht, aber ohne Plan, ohne Expertise, mit viel Enthusiasmus und keiner Ahnung, wie’s weitergeht.

Dass es aber so wie bisher NICHT weitergeht, da bin ich mir im Moment relativ sicher. 

Ich halt’ Euch auf dem Laufenden. 

bookmark_borderWas ist eigentlich Narzissmus?

Gestern hab ich Prof. Mitja Back von der Uni Münster interviewt, nämlich für die Plattform „Litlounge“ . Tausend Dank an die Redaktion von Psychologie Heute, ohne die das Ganze für mich nicht zustande gekommen wäre.

Mitja ist ein Persönlichkeitsforscher von der Uni Münster, ich lese seine Studien seit vielen Jahren, wir haben auf Forschungskonferenzen auch schon an denselben Diskussionen teilgenommen (z.B. in New Orleans kurz vor Ausbruch der Pandemie). Außer mir saßen da nur Forscherinnen und Forscher im Saal. Bei einem Meinungsaustausch wussten die Diskutierenden nicht mehr weiter und da meinte einer doch tatsächlich: „We should ask Mitja.“ Das war für mich die letzte Bestätigung: Okay, der Typ spielt in der Champions League.

Eines von Mitjas Spezialthemen ist der Narzissmus. Im vergangenen Sommer kam sein Buch dazu auf den Markt, es heißt „Ich! Die Kraft des Narzissmus“ und ist ausgesprochen unterhaltsam und verständlich geschrieben. Also: Ist es wirklich. Es bildet ab, was die Persönlichkeitsforschung heute zum Thema Narzissmus zu sagen hat.

Unser Gespräch lief als Video-Call und man kann sich das Ganze jetzt auf Youtube ansehen. Nämlich hier:

Wir haben dabei ne Menge Themenfelder abgegrast. Unter anderem diese:
Was ist Narzissmus eigentlich? (meine Metapher: Narzissmus ist kein Kippschalter, sondern ein Dimmer)
Aus welchen Facetten besteht er? (Ich bin toll! Gebt mir den besten Tisch im Restaurant! Kniet nieder!)
Warum heißt das Buch nicht „Wie ich mich gegen Narzissten wehre“?
Sind Narzissten tatsächlich schön, charmant und charismatisch?
Wie kann man Narzissmus messen? (zum Beispiel mit Mitjas Selbsttest)
Wie viele Narzissten gibt es überhaupt? (viele!; aber: extreme Narzissten sind selten)
Könnte man per KI einen Narzissmus-Detektor bauen? (verlockend, oder?)
Was sind die größten Irrtümer über Narzissmus?
Sind Narzissten tatsächlich alle böse und traumatisiert?
Welche Drogen machen mich zum Narzissten auf Zeit?
Kann man Narzissmus heilen?

Am Ende des Gesprächs hat man das Gefühl: Das meiste, was einem so auf Insta über Narzissmus begegnet, gehört direkt in die Tonne.

Was unterm Strich rauskommt, steht (verrückt, aber wahr) manchmal zwischen den Zeilen. In unserem Interview kommen wir jedenfalls zu einem ähnlichen Ergebnis wie damals in unserer Podcast-Folge von „Sag mal, du als Psychologin…„: Narzissten können total ätzend und zerstörerisch sein. Aber manchmal sind sie das eben auch nicht. Sie können als Partner, Kollegen, Vorgesetzte usw. auch viel Gutes bewirken. Im Podcast mit Barbara und Muriel hab ich damals sinngemäß gesagt: „Ich hab viel gelitten unter Narzissten. Und bin gerade dabei, ein bisschen meinen Frieden damit zu machen.“ Mit demselben Gefühl bin ich jetzt auch aus dem Gespräch mit Mitja rausgegangen.

Naja. Vielleicht habt Ihr ja Lust, Euch das Interview anzuschauen. Mitja sagt viele kluge Sätze, finde ich. Danach denkt man (vermutlich) ein wenig anders über sich und die Menschen, die einen umgeben. Hinterlasst gerne einen Daumen oder einen Kommentar, ich würde mich freuen.


bookmark_borderIn welchem Alter hören wir auf an den Weihnachtsmann zu glauben (oder an den Nikolaus)?

Na? Habt Ihr alle schon in Eure Stiefel geschaut? Hat der Nikolaus sie Euch gefüllt? Mit Früchten, Nüssen, Süßigkeiten? Vielleicht mit einem grünen Zweig?
Die meisten von Euch haben vermutlich NICHT nachgeschaut. Denn Ihr habt aufgehört, an den Nikolaus zu glauben, an den Osterhasen, die Zahnfee, das Christkind, den Weihnachtsmann und das reine Herz der Pharmaindustrie.
Ein Jammer.
Als ich ein Kind war, kam stets am 6. Dezember tatsächlich der Nikolaus zu uns. Mein Onkel hatte sich so gut verkleidet, dass wir ihn nicht erkannten und aus schauspielerischer Perspektive gab er in diesen Minuten wirklich ALLES. Er polterte mit rauer Stimme, drohte und rasselte mit seiner Kette. Wir standen vor ihm in unseren Schlafanzügen und wussten: Beim Nikolaus war alles möglich. Die Spanne des Denkbaren reichte von einer tüchtigen Prügelstrafe mit Stock und Rute (von seiner Seite: stets angesprochen, aber nie vollzogen) über eine Entführung in seinem staubigen Erntesack bis zu gnädig (weil völlig unverdient) überreichten Süßigkeiten oder kleinen Geschenken. Irgendwann stellten wir aber zu viele Fragen. Der Nikolaus kam nicht mehr ins Haus, sondern hinterließ die Gaben („er hat in diesem Jahr zu viel Arbeit“) nur noch vor der Hintertür. Aufgeflogen ist er nie. Gut gemacht, mein Onkel!
Dieser Tage bin ich im Fachblatt „Developmental Psychology“ über eine neue psychologische Studie gestolpert, in der kluge Menschen aus Texas und Virginia beschreiben, in welchem Alter wir eigentlich aufhören an … naja … nicht direkt: den Nikolaus, sondern natürlich „Santa Claus“ zu glauben.
Demnach vollzieht sich dieser Moment des Erwachens im Durchschnitt mit rund acht Jahren, allerdings „with significant variability“: Manche Kinder kapieren schon im Kindergarten, dass es Santa Claus nicht gibt, andere Teilnehmer der Studie haben’s erst mit zwölf gecheckt (also in der 6. oder 7. Klasse, was man sich echt mal kurz auf der Zunge zergehen lassen muss).
Die meisten beschreiben die Sache als einen eher schleichenden Prozess, nur wenige erleben einen plötzlichen Heureka-Moment.
Wie fühlen sich die Kinder danach? Nun, einige sind ganz froh darüber, vor allem, wenn sie auch nach der Entzauberung der magischen Gestalt weiterhin ihre Geschenke kriegen. Gleichwohl: Fast die Hälfte der Kinder durchleidet eine Phase voller negativer Emotionen, sie fühlen sich zum Beispiel traurig (vielleicht, weil sie merken, dass gerade ein Stück Kindheit endet) oder wütend (weil die Eltern gelogen haben). Offenbar sind Kinder aber gut im Verzeihen: Nur bei den wenigsten scheint die generelle Glaubwürdigkeit der Eltern unter dem Nikolaus-Skandal zu leiden. Beruhigend auch, dass die Forschenden keinerlei langfristigen Folgen des Schocks bei den Kindern feststellen konnten. Die meisten sagen, dass sie ihren Kindern später dasselbe Märchen auftischen wollen: „the vast majority of both children and adults reported they would celebrate Santa with their own children or were already doing so“. Endlich mal eine Studie mit tröstlichem Ende.