bookmark_borderBesuch beim Künstler und ein heftiges Bild von der Elbe genau in dem Moment, wo das Wasser stillsteht

Gestern haben mich Freunde zu einem Maler in Hamburg-Bergedorf mitgenommen. Rolf wohnt im Künstlerhaus zusammen mit Britta. Er ist Maler, sie ist Bildhauerin. Man muss aber ehrlich sagen, dass wir eigentlich wegen der Bilder da waren.

Jedenfalls wohnen die da und ihr Atelier haben sie auch da. Britta sagt: So ist es am besten. Man weiß halt, wo man seine Sachen hat. Zum Beispiel: die Pinsel, mit denen man seine Bilder malt (siehe oben). Praktisch!

Tja. Und dann haben wir mit Rolf über seine Bilder gesprochen. Wir waren am Anfang alle ein wenig unbeholfen. Weil: Man kennt einander ja nicht, und Bilder können eine sehr persönliche Angelegenheit sein. Worüber soll man da reden? Etwa über Gefühle????

Also reden wir erstmal über Zoologie. Rolf hat nämlich viele Bilder gemalt, auf denen Tiere zu sehen sind. Zum Beispiel hängt da ein Tanrek (oben im Foto: das Tier rechts hinten an der Wand). Der Tanrek sieht aus wie eine Mischung aus Igel und Spitzmaus. Dann ein Bild von Eisvögeln. Bilder von Fischen: ne Scholle, ein Hornhecht, mehrere Bücklinge. Eines meiner Lieblingstierbilder ist eigentlich gar kein Tierbild. Es zeigt zwei alte skandinavische Konservendosen mit Makrelen drin. Das hat mir gefallen. Es ist ein großes Bild.

Hier hat mein alter Freund Kai ein Foto von mir und Rolf gemacht. Das mit den Masken ist übrigens kein Fake. Wir haben in den Räumen alle Masken getragen. Auch interessant, wie solche Entscheidungen zustande kommen. Erst viel Achselzucken und dann setzt sich einer ne Maske auf und dann ziehen alle nach. Meine Brille beschlägt, wenn ich eine Maske trage. Links im Hintergrund sieht man die goldenen Bücklinge. Rechts oben: Meerschweinchen vor den Zielscheiben von Sportschützen. Jawohl, auch Meerschweinchen haben Ziele!

Mir gefällt das, was Rolf so macht. Es inspiriert mich. Mein Lieblingsbild zeigt die Norderelbbrücke, auf dem die A1 den großen Fluss quert. Im Frühjahr habe ich die Brücke als Radfahrer und Fußgänger mehrfach von unten gesehen auf dem Weg von der Kalthofe zur Tatenberger Schleuse. Kürzlich hab ich erfahren, dass die Brücke umgebaut werden soll. Sie ist zu alt und zu schmal. Tja.

Jedenfalls hat Rolf da einen ganz besonderen Moment eingefangen. An der Elbe gibt es in Hamburg ja Ebbe und Flut mit einem tüchtigen Tidenhub. Und deshalb erlebt man da vier Mal pro Tag ein sehr merkwürdiges Phänomen. Mit einem Mal erstirbt jede Strömung und das Wasser steht vollkommen still, um kurz danach zunehmend schneller in die umgekehrte Richtung zu fließen. Genau diesen Stillstand, diesen Moment des Atemholens, hat Rolf in seinem Gemälde eingefangen. Das Bild hat die ganze Zeit über zu mir gesprochen und so was ist halt immer ne heftige und metaphysische Erfahrung. Wenn ich groß bin und Geld übrig habe, dann geh ich wieder zu Rolf und kaufe mir das Bild. Und wenn’s bis dahin ein anderer gekauft hat, dann hat sich der Strom eben gedreht und ist in die andere Richtung geflossen. Und das wäre auch in Ordnung.

Danach haben wir noch ein Stück Kuchen gegessen. Britta sagt: Man packt eine Mandelmischung in die Springform und dann kommt der Quark obendrauf mit Zucker, Eiern und Zitrone. Und während der Kuchen dann im Ofen sitzt, wandert die Käsemasse nach unten und dann sieht es am Ende aus wie ein Käsekuchen mit Mandeln obendrauf. Kurios und lecker zugleich. Hier trägt Britta übrigens das Bild mit der Elbbrücke durchs Atelier.

Was will ich damit sagen? Kunst macht uns zu besseren Menschen. Ich hatte ein paar Stunden, in denen alles stillstand, die Arbeit ruhte und ich mich mit interessanten Leuten über schöne Dinge unterhalten konnte. Und jetzt denke ich: Man macht so was insgesamt viel zu selten.

bookmark_borderGullydeckel, Long Covid und Impfnebenwirkungen

In Michigan hab ich vor ein paar Wochen einen Vortrag gehört über Covid in der Kinderklinik. Bei den Fragen im Anschluss kamen wir aufs Thema Long Covid. Und dabei ist was Interessantes passiert: Die Ärztin wollte zunächst nicht mit ihrer Meinung rausrücken. Hm. Also nochmal nachgefragt. Irgendwann meinte sie sinngemäß: Vieles von dem, was wir heute unter dem Schlagwort „Long Covid“ zusammenfassen, ist in Wahrheit gar nicht Long Covid. Sondern irgendwas anderes. Es hat mehr mit der Psyche zu tun als mit dem Virus.

Die Sache läuft ein bisschen wie früher im Zivildienst. Da musste ich für ein paar Monate Gullydeckel finden und mit einem Haken aus der Verankerung heben, um mir die Leitungen darunter anzusehen. Fragt mich nicht, warum das so war. Es war einfach so. Jedenfalls: Hab ich damals nur noch Gullydeckel gesehen. Überall. Ich hab im Kopf permanent eine Art Landkarte mit Abwasserleitungen gezeichnet. Aha! Hier läuft sie mitten auf der Straße. Hui! Hier liegt sie ganz am Rand, fast unterm Bürgersteig. Es war grauenvoll.

Oder. Zweites Beispiel. Wenn man einen neuen Begriff lernt, von dem man noch nie im Leben was gehört hat. Und auf einmal ist dieser Begriff überall und begegnet einem ständig. Hat vermutlich jeder schonmal erlebt. Es ist wie Zauberei. In Wahrheit war der Begriff natürlich schon länger da, wir haben ihn halt die ganze Zeit ignoriert. Und die Gullydeckel, die waren auch schon immer da. Wir haben sie bloß nicht beachtet.

Und bei einigen Long-Covid-Geschichten ist es vermutlich dasselbe. Wir fühlen etwas Unangenehmes und denken: „Mist, das Virus macht mich fertig!“ Die Ärztin in Michigan sagt sinngemäß: Natürlich gibt es Langzeitwirkungen bei manchen Leuten. Und das können super fiese Sachen sein. Aber manche der Symptome waren halt vorher schon da. Oder sie kommen von anderswo. Und wir GLAUBEN bloß, dass das Virus sie gemacht hat. In der Psychologie sagt man „Attribution“ dazu oder „Zuschreibung“. Wir sehen etwas und dann kleben wir da sozusagen einen Zettel drauf. Und auf dem Zettel steht: „wegen Covid“.

Dasselbe gilt für die Nebenwirkungen bei der Impfung. Manches Unwohlsein kommt von sonstwo. Aber wir kleben einen Zettel drauf, auf dem steht „wegen der Spritze“. Und schon ist es eine Nebenwirkung.

Unbestritten: Es gibt Long Covid. Ich kenne eine Person, die davon erwischt wurde und die Sache ist sehr ernst und auf tragische Weise unschön. Und ebenso unbestritten: Es gibt Nebenwirkungen. Ich kenne eine Person, die von der zweiten Pfitzer-Spritze komplett zerlegt wurde und nur noch ein Schatten ihrer selbst ist. Und zwar schon seit Monaten. Keiner weiß, wie’s weitergeht.

Und doch: Long-Covid und Nebenwirkungen sind halt in vielen Fällen auch nicht, was sie zu sein scheinen. Nicht, weil wir uns was einbilden. Nicht weil wir wen anschmieren wollen. Sondern weil wir zur falschen Attribution greifen.

Ist alles menschlich. Aber es passiert. Und zwar öfter, als wir glauben.

bookmark_borderWie Rauch von starken Winden

Lyrik aus der Barockzeit hat ihre Tücken. Die Sprache hat sich seither sehr verändert. Wir verstehen die meisten Sachen nicht mehr.

Und dann das Lebensgefühl! Die Leute hatten damals das Gefühl, dass alles den Bach runter geht. Naja. Es ging ja auch wirklich alles den Bach runter. Überall war Krieg. Und Hunger. Gelegentlich kam die Pest dazu. Was also tun? Die einen suchten Zuflucht in leiblichen Freuden. Sie wollten so viel Spaß wie möglich mitnehmen. Morgen schon konnte alles vorbei sein. Die anderen suchten ihr Heil in der Religion. Vielleicht gab’s ja nach dem Tod noch ein zweites Leben, das länger hielt und Besseres bot. Allen gemein war jedoch das Bewusstsein, dass das Leben flüchtig war. Nichts bleibt, nichts hat Bestand. Alles vergeht. Zack!

Andreas Gryphius hat darüber viele Gedichte geschrieben. In einem davon – es trägt den heute nicht mehr sagbaren Titel „Menschliches Elende“ (es heißt wirklich so, mit einem „e“ hinterm Elend) – zählt er auf, was unser Leben so auszumachen pflegt. Schmerzen. Falsches (weil flüchtiges) Glück. Angst. Leid. Wir sind wie Schnee, der in der Sonne schmilzt. Eine niederbrennende Kerze. Alles wie Geplapper und schlechte Gags. Das Leben: ready for Altkleidersammlung. Diejenigen, die schon gestorben sind: Wir fühlen sie nicht mehr. Keine Sau erinnert sich an sie. Man vergisst uns, wie man einen Traum vergisst nach dem Erwachen. Man kann das Leben und die Erinnerung daran nicht festhalten, wie man auch das Wasser eines Flusses nicht festhalten kann. Egal, wieviel Ruhm wir angesammelt haben – auch der wird nicht bleiben. Wer heute lebt, stirbt morgen. Wer morgen geboren wird, nun, der stirbt halt übermorgen. So geht das Gedicht.

Und in der letzten Strophe kommen dann die Sätze, die man vielleicht schonmal gehört hat und die das Gedicht über 350 Jahre lang im kollektiven Gedächtnis erhalten haben:

„Was sag ich? Wir vergeh’n, wie Rauch von starken Winden.“

Am Wochenende war ich jedenfalls auf einer Trauerfeier in meinem Heimatdorf. Es ging um Dieter Blau, der eine sehr wichtige Gestalt meiner Kindheit war und über den ich hier schon ein paar Sachen geschrieben habe. Nämlich hier. Und hier. Und hier. Und hier. Er ist mitten in der Pandemie gestorben, weshalb fast keiner dabei war, als er beerdigt wurde. Jetzt gab es einen Gedenk-Gottesdienst für ihn und danach ein Treffen im Gemeindehaus. Ich habe ein paar Leute dort gesehen, mit denen ich in meiner Kindheit regelmäßig zu tun hatte. Manche davon habe ich hinter ihren Masken nicht mehr erkannt. Und auch ohne Maske war’s nicht immer leicht.

Und ich habe gedacht: Seit unserer Kindheit sind wir alle schon oft gestorben und wieder neu geworden. Nicht nur beim Übergang in die Jugend und dann ins Erwachsenenalter. Denn auch danach geht’s ja immer weiter. Vielleicht kriegen wir Kinder und alles ist auf einmal anders. Dann werden die Kinder groß und machen ihr eigenes Ding. Vielleicht sterben die Eltern. Eine Freundin meinte mal: Sie sieht sofort, wer das schon hinter sich hat und wer nicht. Dann die Jobs. Sie kommen und gehen. Kollegen: kommen und gehen. Freunde: kommen und gehen. Partner: kommen und gehen. Und selbst wenn sie bleiben, dann ist es vielleicht die Liebe, die kommt und geht. Dann lebt man mit dem alten Partner, aber ohne die alte Liebe. Gesundheit: kommt und geht. Geschmeidige Gelenke: kommen und gehen. Wohnungen und Häuser: kommen und gehen. Geld, Wohlstand, Sicherheit: kommen und gehen. Und all das ist und war immer Teil von uns, Teil dessen, was wir „ich“ nennen. Es kommt, es geht. Und immer bleibt etwas zurück und muss etwas neu werden, was auch uns selbst wieder neu werden lässt.

Es war schön, wieder im Dorf zu sein. Aber es war auch anstrengend. Genau wie es anstrengend ist, Lyrik aus dem 17. Jahrhundert im Original zu lesen. Seit damals ist einfach ne Menge passiert.

Und klar, wir haben uns ein paar Geschichten von früher erzählt. Wir haben alte Bilder gesehen mit diesen fremden Kindern drauf, die wir einmal waren. Das war alles toll und ich bin froh, dass ein paar entschlossene Leute das geplant und durchgezogen haben, dass es überhaupt passiert ist mit dieser Feier und dass ich dabei war. Und trotzdem hab ich heute das schale Gefühl, dass wir nur ein bisschen an der Oberfläche gekratzt haben. Die allermeisten Dinge bleiben ja wirklich ungesagt, selbst dort, wo man sich Mühe gibt.

In der Beratung und manchen Formen der Psychotherapie gibt es diese Intervention, dass man sich hinsetzen und seine eigene Grabrede schreiben soll. Eigentlich ist das eine sehr einfache Übung. Aber sie ist auch wahnsinnig kraftvoll. Man blickt dabei auf sein ganzes Leben und zwingt sich, die eigene Existenz wie von außen zu sehen. Wer wollte ich eigentlich werden? Bin ich der geworden, der ich sein wollte? Der ich sein sollte? Die beste Version meiner selbst?

Wer seinen Weg ändern will, kann sich ja mal hinsetzen und so eine Rede schreiben. Und dann mal sehen, was alles geht. Und was alles kommt. Ein neuer Tod. Ein neues Leben. Vielleicht.

Heute denke ich: Diese Grabrede auf uns selbst, die wird vermutlich inniger sein, wichtiger, tiefer und wesentlicher als das, was dann wirklich neben unserem Sarg verlesen wird. Die selbstgemachte Rede kann wie ein Feuer aus Buchenholz sein, das im Schwedenofen knistert und die Stube tüchtig durchheizt.

Die wirkliche Grabrede ist dann eher wie der Rauch, der oben aus dem Kamin steigt. Dann kommt der Winterwind.

Und trägt den Rauch übers Dach davon.

bookmark_borderMeine erste Deutschstunde

Hatte dieser Tage doch tatsächlich meine erste Deutschstunde. Und zwar an der University of Michigan. Ich hab ja schon andernorts von meiner verspäteten Physiotherapie berichtet. Eigentlich hatte ich vorgehabt, mich danach noch ordentlich anzuziehen. Schließlich sollte ich als „Journalist und Buchautor aus Deutschland“ den jungen Leuten was über meine Werke berichten. Da wollte ich – als Repräsentant von Heimat und Handwerk – nicht in Lumpen erscheinen. Tja. Wie man auf dem Bild oben sehen kann: Daraus wurde nichts. Ich war spät dran und musste mich sputen, um noch pünktlich am East Quad zu erscheinen, einem alten Uni-Gebäude in der Innenstadt von Ann Arbor. Dort veranstaltet eine der Uni-Deutschklassen immer zur selben Zeit eine Kaffeestunde, der die kluge Erfinderin den schönen Namen „Kaffeestunde“ gegeben hat.

Man sitzt dann im Hof eines Wohnheims, trinkt Tee oder Kaffee, zieht sich leckeres Gebäck rein, auf das man, wenn man möchte, noch schön Nutella packen kann (gibt’s bei Aldi) – und redet dabei über Sachen in deutscher Sprache. Heute also: Der Typ aus Hamburg erzählt was über eines seiner Bücher. Ich hab ja nur zwei. Beim zweiten geht’s unter anderem um Krieg und Trauma. Die jungen Leute sind eh schon gestresst. Da red ich also lieber über das erste Buch: „Alle Macht den Kindern“, unser Familienexperiment, bei dem die Kinder – vor inzwischen elf Jahren – einen Monat lang zu Hause das Kommando übernommen haben.

Hat mächtig Spaß gemacht, die Deutschstunde. Die jungen Leute haben gut zugehört und hinterher schlaue Fragen gestellt. Und sie waren ausgesprochen freundlich. Danach noch über ihr Studium geredet. Wofür sie sich interessieren, welche Sorgen sie sich machen. Bei manchen ist das Deutsch schon richtig gut. Aber auch bei den Anfängerinnen merkt man, was für Lernraketen hier so an der Uni rumhängen und wie schnell die sich neue Sachen aneignen. Ganz toll und beneidenswert. Die Studierenden sind alle ungefähr im Alter meiner Kinder, was halt auch irgendwie seltsam ist. Sie blicken auf Lara und Jonny wie auf sich selbst, als sie noch Kinder waren. So ein Publikum hatte ich noch nie. Ich frage: „Wer von Euch hatte strenge Eltern?“ – Ein Finger geht in die Luft. „Wer hatte mehr so Eltern wie mich?“ – Alle anderen Finger gehen nach oben. Seufz. Man hält sich ja fast immer für was Besonderes. Und dann so was.

Witzigerweise war das schon das zweite Mal auf dieser Reise, dass ich den Leuten was über „Alle Macht den Kindern“ erzählt habe. Ungeplant und überraschend. Irgendwann muss ich das selber nochmal lesen.

Wenn ich wiederkomme, will ich Karein, der Dozentin, ein paar Exemplare des Buches in die Hand drücken, damit die jungen Leute darin lesen können, wenn sie wollen. In Hamburg im Regal stehen noch ein paar davon rum, zumindest von der Taschenbuchausgabe.

Sowieso: Wenn ich Glück habe, lädt Karein mich nochmal ein, wenn ich wiederkomme. Die Aufwandsentschädigung hab ich abgelehnt. Fühlt sich nicht richtig an, dafür Geld zu nehmen. Jetzt stell‘ ich mir jedenfalls vor, dass in ein paar Wochen oder Monaten die jungen Leute alle noch viel besser geworden sind mit ihrer Fremdsprache. Und darauf freu ich mich heute schon.

bookmark_border293 Dollar für eine Stunde Physiotherapie

Hab ja neulich von meinem Arztbesuch erzählt, weil mein Knie zwickt. Jetzt war ich zum ersten Mal hier in Ann Arbor bei der Physiotherapie. Auch wieder im selben Gebäude, der Sportmedizinischen Abteilung der University of Michigan. Hab aber aus Versehen auf der falschen Seite des Gebäudes geparkt. Mein Fußweg ging deshalb vorbei am Haupteingang von Domino’s Pizza.

Dann durch lange Flure zur Sportabteilung geirrt. Überall Teppichboden. Die Stimmung im Gebäude ist sehr ruhig, sehr gelassen. Man hat das Gefühl, dass genügend Geld im System steckt und die Menschen, die hier arbeiten, nicht zu darben brauchen.

Den Aufkleber auf dem Foto ganz oben krieg ich am Eingang zu den Sportmedizinern verpasst. Ich hab vorher per Internet angegeben, dass ich geimpft bin und keine Covid-Beschwerden habe.

An der Anmeldung erstmal Verwirrung. Ein Ausländer! Die Sache mit der Versicherung läuft also anders als sonst. Außerdem hat sich meine Reiseversicherung noch nicht mit den hiesigen MedizinerInnen in Verbindung gesetzt. Seltsam. Ich hab viele Telefonate mit den Leuten in Deutschland geführt, sehr viele Berichte und Papiere und Unterlagen geschickt. Hm. Ich zahl die Sache also erstmal selbst per Kreditkarte. 293 Dollar für eine Stunde Physiotherapie. Stramme Preise sind das hier! Jedenfalls signalisiert die Frau hinterm Computerbildschirm Verwirrung. Ihre ältere Kollegin sitzt daneben und spring ihr bei. Sie liest vor: „Jochen Metzger from Germany. He knows what’s going on (very nice man).“

Ich so: „Ey, die Sache mit dem „very nice man“ hast Du Dir doch eben erst ausgedacht!“

Sie so: „Nein, im Ernst. Hier steht’s!“ Sie zeigt auf den Monitor. Ich freue mich darüber und denke, dass die knapp 300 Flocken ja jetzt schon spitzenmäßig investiert sind.

Ich setze mich in den Wartebereich und warte. Menschen werden aufgerufen. Neue Leute betreten den Raum. Auch sie werden aufgerufen. Und so geht es immer weiter. Ich hingegen warte noch immer. Nach 40 Minuten geh ich zum Schalter und frage, ob mit meinem Termin alles okay ist. Die Frau, die mich noch eben mit ihrem „very nice man“ um den Finger gewickelt hat, schaut mich irritiert an. „Und Sie sind …?“ Ich nenne meinen Namen. Sie lässt ihn sich buchstabieren, sie tippt, sie schaut und schlägt dann die Hände überm Kopf zusammen. „Meine Kollegin hat vergessen, bei der Physiotherapeutin durchzuklingeln.“

Ich setz mich also wieder hin. Vier Minuten später kommt die Physiotherapeutin. Sie entschuldigt sich. Sei halt ein großer Laden. So was passiere schon mal. Außerdem habe sie jetzt keine Zeit mehr. Die nächsten Patienten warten schon. Aber. Eine Kollegin springt ein. „Die ist auch richtig super.“ Ich nicke und zeige Verständnis. Ja. So was kommt vor.

Weitere fünf Minuten später holt eine andere Physiotherapeutin mich ab. Sie heißt Karen und ist sehr freundlich. Sie führt mich ein Stockwerk tiefer in eine Art Turnhalle, in der viele Geräte und Aufbauten stehen, an denen Menschen Sport treiben. Daneben dann ein Extrabteil mit mehreren Behandlungsliegen. Ich trage Shorts, damit man mein Kniegelenk besser sehen kann. Ich gehe auf und ab. Ich gehe die Treppe hoch und die Treppe wieder runter. Ich gehe vorwärts auf Zehenspitzen, Rückwärts auf den Hacken. Bei all dem stellt Karen viele Fragen. Was ich sonst so treibe, welchen Sport, wie oft, wie intensiv, Vorverletzungen, der ganze übliche Kram.

Danach krieg ich Übungen, während sie immer mal wieder den Zustand einzelner Muskeln kommentiert. „Das hier ist ne Maschine“ (meine rechte Wade). „Hier könnte ein bisschen mehr sein“ (rechter hinterer Oberschenkel).

Am Ende komme ich aus der Sache raus mit verschiedenen Kräftigungsübungen. Ich krieg sie alle aufgeschrieben und mit Foto ausgedruckt, dazu noch die Zahl der Sätze und Wiederholungen. Stoff für ein Mal 20 und einmal 10 Minuten pro Tag. Ich mach das jetzt schon seit ein paar Tagen und merke bereits, wie ich überall stärker werde. Ein Wunder, dieser Körper.

Auf der Homepage der Uniklinik hab ich jetzt auch meinen privaten Account, wo ich all die Berichte nochmal in Ruhe durchlesen kann. Nicht alle Einzelheiten darin stimmen. Es ist schwer, gut zuzuhören und sich alles korrekt aufzuschreiben. Aber immerhin: Im Großen und Ganzen scheint mir die Sache so in Ordnung zu gehen.

Auf dem Weg zurück zum Auto frag ich die Passanten nach der Bisonherde, die hier irgendwo grasen soll. Man schickt mich hierhin und dorthin. Keine Bisons. „Manchmal verstecken sie sich hinterm Hügel“, sagt ein älterer Mann. Immerhin finde ich ein Schild, das tatsächlich für die Existenz der Hornträger spricht.

Ein paar Wiesen weiter steht ein Esel in der Landschaft rum und wartet auf seinen Friseurtermin.

So. Und jetzt warte ich, dass das Knie langsam besser wird.

Und ich bin gespannt, ob meine Versicherung mir den Spaß bezahlt. Werden sie? Werden sie nicht? Noch ist die Sache nicht entschieden – ich nehme weiterhin Wetten an.

bookmark_borderWilliam kocht am besten

Niemand in meinem Freundeskreis kocht auch nur annähernd so lecker wie William. Wirklich nicht. Neulich war er bei uns zu Besuch und ich hab ihn gefragt, ob ich mit dem Handy aufnehmen kann, was er dabei so macht. Zugegeben. Die Kameraführung und der Schnitt und der Mix sind eine Zumutung und sehr beschämend. Aber: Ich bin so begeistert von dem Jungen, dass ich es unbedingt teilen muss. Guckt’s Euch an. Schickt es an Freunde, die gerne kochen oder die was darüber lernen wollen. Ach so – und Williams österreichischen Sound find‘ ich eh erstklassig.

Ansonsten haben wir wieder Pilze gefunden. Es gibt sehr viele Pilze in diesem Jahr. Es hat gut geregnet und der Oktober ist irrsinnig mild, wir hatten zuletzt jeden Tag zwischen 20 und 25 Grad. Am Wegesrand wächst ein Schopftintling, der exakt so aussieht wie back in Germany.

Im Wald haben wir Hallimasch gefunden, der hier den ungleich schöneren Namen „Honey Mushroom“ trägt. Kirk, ein Pilzführer, den wir zufällig auf dem Parkplatz treffen, hat uns noch ein Stück „Hen of the Woods“ geschenkt. Das ist ein Pilz, den ich aus Deutschland nicht kenne. In Japan heißt er Maitake. Ein sehr guter Pilz mit Biss und Charakter – aber auch reichlich Erde in den feinen Zwischenräumen.

Neben einem Fuchsbau liegt ein Knochen. Wir haben gegoogelt: Es handelt sich um den Unterkieferknochen eines junge Opossums.

Einen Spaziergang zu Aldi gemacht. Erinnert mich an die Heimat. Man muss überhaupt mal was zu den Supermärkten hier sagen. Es läuft im Wesentlichen wie bei uns. Aber am Ende läuft’s dann halt doch ein bisschen anders. Sie packen Dir zum Beispiel die Sachen in Tüten ein. Ich finde das unangenehm. Was soll das? Ich kann das selbst. Es fühlt sich dann ein bisschen an wie in einem dieser Restaurants, die genau die eine Spur zu fein sein wollen und man denkt: Lass mich einfach mal in Ruhe mein Essen genießen. Bei Aldi packt jeder seine Sachen selbst ein. Ah, herrlich!

Auf dem Parktplatz vor dem Markt verwickelt uns jemand in ein Gespräch. Ein Mann, etwa 15 Jahre älter als ich. Aber man kann es schwer schätzen. Ich glaube, er hat an meinen Wanderstiefeln und meinen Klamotten sofort gesehen, woher ich komme. Jedenfalls. Sein Deutsch ist hervorragend, er sagt, er hat in Marburg studiert und viel Zeit in Bremen verbracht. Wir reden über Oldenburg und die schöne Fußgängerzone. Er sagt, dass ihn die Gesundheit nach Ann Arbor treibt. Krebs. Alles probiert. Alles Mist. Und jetzt ist er in dieser kleinen Studie mit 17 Patienten, wo’s um Immuntherapie geht. Eine Art Strohhalm-Gruppe – die Austherapierten können mitmachen. „Was soll ich sagen? Ich bin seit einem Jahr krebsfrei.“ Er sieht tatsächlich sehr gesund aus, sehr lebendig. Er sagt, dass er jetzt im Ruhestand homöopathische Hollunderbeeren anbaut. Ne eigene Farm, irgendwo aufm Land. Irgendwann wird’s vielleicht noch ein Business, wer weiß?

Ich liebe solche Begegnungen. Danach glaub ich wieder für einen Tag an das Gute in allem und dass am Ende irgendwie alles super wird. Und an die Wissenschaft sowieso. Und an Gespräche mit Fremden.

Auf dem Heimweg noch zwei Fairy Doors gesehen. Das erste ist das schönste, das ich bisher in Ann Arbor gesehen habe. Und ich habe einige gesehen. So viel Liebe für jede Kleinigkeit! Ich könnte das nicht. Aber ich weiß es sehr zu schätzen.

bookmark_borderSasha war eine ungewöhnliche Katze

Sasha war schon alt, als ich sie das erste Mal sah. Sie hatte es am Kreuz und lief nur noch in Trippelschritten. Sie hatte wegen der Trennung ihrer Besitzer zwei Hauswechsel hinter sich und schien eingeschüchtert. In den ersten Wochen hier im Haus hat sie das Dunkel des Kellers nie verlassen. Die laute Welt dort oben schien ihr nicht geheuer. Man musste sich sehr langsam nähern, wenn man sie streicheln wollte. Jede Andeutung von Hast ließ sie fliehen.

Eines Abends sahen wir dann plötzlich ein gelbes Augenpaar leuchten aus der Finsternis vom Absatz, an dem die Treppe abwärts führte. Nach und nach nahm sie Teil am Leben der anderen, und das war nicht immer ein Spaß. Zum einen, weil jedes Miauen der alten Sasha klang wie ein Vorwurf: „J’accuse…!“ Irgendwann habe ich aber begriffen, dass sie alle Gefühlslagen mit diesem einen Miauen in die Welt entließ. Schmeichelei, Beschwerde, Schmerz und süße Beipflichtung – jeder Sprechakt derselbe Sound. Weit belastender war aber etwas anderes. Vom ersten Tag unserer Bekanntschaft an hatte Sasha Probleme mit der Verdauung und war von den Mühen der eigenen Fellpflege bereits arg herausgefordert. Ich hatte bis dahin nicht geahnt, dass Katzen Blähungen haben können. Aber, Junge, Sasha hat’s mir so richtig gezeigt. Sie schlich leise wie ein Tiger, aber man wusste trotzdem immer, dass sie gerade dabei war, den Raum zu betreten. Es war ein Dasein ohne Heimlichkeiten.

In den letzten Wochen verschlief sie fast die kompletten Tage. Gelegentlich kam sie mit Klagelauten zum Kühlschrank, um Futter einzufordern. Danach ging sie sofort wieder an ihren Platz, rollte sich ein und schlief weiter. Manchmal fand sie irgendwo ein leeres Zeitungskörbchen und – zack! – lag sie schon drin wie ein Hefeteig in der Springform.

Zuletzt hat sie die Sache mit der Hygiene komplett aufgegeben. Sie schleppte sich für ihr Geschäft zwar noch gelegentlich zum Katzenklo. Manchmal kletterte sie auch hinein – aber nur, um dann von dort aus ihr Geschäft in den Raum hinein zu verrichten. Das große Geschäft machte sie, wo immer sie gerade das Bedürfnis überkam. Des Putzens war kein Ende und man hatte den Eindruck, dass ihr die ganze Sache keine Freude mehr machte.

Gestern sind wir dann mit ihr zum Tierarzt gefahren und dann ist sie „zu den vielen gegangen“, zu all den Katzen, die vor ihr über den Planeten getigert sind.

Es ist seltsam, wie die Gegenwart des Todes das eigene Bewusstsein verändert. Ich kenne das Gefühl gut, seit ich Zivi im Altenheim war. Auf einmal ist etwas im Raum, das sich schwer beschreiben lässt. Eine Art Aufmerksamkeit und Klarheit, eine Wolke von „es passiert genau jetzt“. Es tut nicht weh. Es ähnelt dem Moment vor vielen Jahren, als ich im Auto saß und auf einmal wusste in dieser kristallenen Klarheit, dass genau jetzt, genau an diesem Tag mein Kind zur Welt kommen würde. Das ist mir gestern zum ersten Mal aufgefallen. Tod und Geburt nähern sich uns mit derselben Aura.

Ist jetzt pathetischer geworden, als es sollte. Aber ich glaube: Genau so läuft’s halt.

Sasha war jedenfalls eine ungewöhnliche Katze. Sie ging mit einem Schnurren, weil sie am Ende das Streicheln wieder sehr zu schätzen wusste. Und das war sehr in Ordnung so.

bookmark_borderMichigan im Ritterwahn

Gestern stehen wir über mehrere Kilometer im Stau, um auf den Parkplatz des Michigan Renaissance Festivals zu kommen. Als Nicki zuerst davon erzählt, denke ich zunächst an ein verborgenes Treffen auf dem Land, an ein, zwei Dutzend heruntergekommene Buden, in denen versprengte Enthusiasten und jung gebliebene D&D-Veteranen selbstgefertigte Wildlederbeutel verscherbeln. Stattdessen erleben wir Michigan im Ritterwahn. Da sind mehrere zehntausend Leute unterwegs an diesem Tag. Irre.

Überhaupt – ein Mittelalterfest im Mittleren Westen? Ich bring‘ das irgendwie nicht zusammen. Was ist aus dem guten, alten Rodeo geworden? Das Publikum scheint mir sehr anders zu sein als in Ann Arbor. Viele großflächige Tattoos und sehr tiefe Ausschnitte. Die Besucher haben sich als Elfen verkleidet, als Druiden, Ritter, Hexen, Zauberer, Hofnarren und mittelalterliche Kaufleute. Ungewöhnlich. Wenige Meilen vor dem Festivalgelände haben wir am Wegesrand einen Laden gesehen, der Trump- und MAGA-Flaggen feilbietet. In der Warteschlange am Eingang – einem burgartigen Eingangstor aus Holz – mache ich einen Gag und frage halblaut: „Ist das nicht so was wie kulturelle Aneignung?“ Die Dame vor uns – sie hat sich als Burgfräulein verkleidet – fährt herum und giftet: „NEIN! Das ist kulturelle WERTSCHÄTZUNG!“ Meine Leute signalisieren mit hektischen Handzeichen, dass ich besser die Klappe halten soll. „Falscher Kontext, Mann!“

Danach drücken wir uns durch das sehr tüchtig besuchte Festivaldorf namens HollyGrove. Aha. So hat also das 16. Jahrhundert in England ausgesehen! Die Warteschlange vor der Bude mit den gegrillten Truthankeulen ist locker 100 Meter lang.

Unsere beiden mitgebrachten Teenager-Jungs interessieren sich für die Buden, an denen man mit Äxten, Speeren und Messern auf Gegenstände werfen kann. Ein durchaus erwachsener Typ erreicht mit dem Speer kaum das etwa drei Meter entfernte Ziel. „Throw it like you mean it!“, brüllt ein Typ von hinten. „Denk an Deine Ex!“, ergänzt ein anderer. Okay. Der Humor ist also auch, sagen wir mal: „erdiger“ als in der Stadt. Als wir dann an der Reihe sind, stellt sich heraus, dass sie pro Messerwurf einen Dollar nehmen. Die Jungs verzichten. Zu teuer! In der Ecke hat sich ein Schausteller in eine Art Pranger gezwängt. Man kann ihn gegen Geld mit ranzigen Tomaten bewerfen. Ein großer Spaß für die ganze Familie. Ein Schild weist uns genau darauf hin: „Kinder sind zugegen. Keine Kraftausdrücke!“

Weiter hinten findet gerade ein Ritterturnier statt, bei dem geharnischte Recken einander mit Holzlanzen rammen. „Wir sind seit 48 Stunden unfallfrei“, frohlockt die verkleidete Ansagerin. Neben uns warten drei Orks in dicken Fellen auf ihre Orangen-Limonade. Das Publikum feuert die Ritter ordentlich an und die lassen es beim Aufprall dann auch ordentlich krachen. Jubel!

Ein bisschen Ann Arbor gibt’s aber auch hier: Unter den Bäumen entdecken wir ein paar Feentüren, kleine „Fairy Doors“, wie sie in der Stadt überall zu sehen sind.

Ums Eck erklären uns zwei junge Leute den Gebrauch eines Renaissance-Bidenhänders. Die beiden stellen sogar ein paar Kampftechniken nach und wie man mit diesem monströsen Schwert die Lanzenkämpfer des Gegners massakrieren konnte. Sie sagen: Auf manchen Festen werden sie vom Veranstalter bezahlt, hier, beim mit Abstand größten Festival dieser Art in der Gegend – dürfen sie ihre Geschichte gegen Spenden darbieten. Zwei junge Männer wollen ihnen ihre Waffen abkaufen. Aber nein. „Dann haben wir ja selbst keine mehr.“ Es scheint hier echt so was wie einen Markt für derlei Kriegsgerät zu geben. Der Typ sagt: „Die Leute interessieren sich von Jahr zu Jahr mehr für alte Schwerter.“ Gleich daneben findet ein modernes Fechtturnier statt, bei dem die Aktiven – anders als anderswo auf dem Gelände – Covidmasken tragen.

Ich finde das alles erstaunlich. Das Festival in Michigan ist auch kein Einzelphänomen. Der Veranstalter hat fast die identische Show in anderen Staaten laufen, vor allem in Minnesota, wo die ganze Sache 1971 angefangen hat und seither offenbar von Jahr zu Jahr ein größeres Geschäft wird. Irgendjemand verdient damit Millionen. Und genau da erfüllt sich halt doch eines der Klischees, die ich über Amerika im Kopf habe: Die Leute hier sind ausgesprochen gut darin, aus einem möglichen Geschäft auch tatsächlich ein Geschäft zu machen.

Andererseits. Wollte ich mir dieser Tage in Ann Arbor die Haare schneiden lassen. Also bin ich mit dem Bus nach Downtown gefahren und in den erstbesten Laden reingelatscht. Ein junger Mann saß da auf dem Stuhl und wurde frisiert. Zwei der Friseure saßen herum und hatten nichts zu tun. Der eine auf dem Tresen, der andere auf einem freien Friseurstuhl, die Beine hochgelegt.
Er so: „Hast Du’n Termin?“
Ich so: „Nö, aber ich brauch’n Haarschnitt.“
Er so: „Wir vergeben Termine für nächste Woche.“
Ich so: „…“
Er so: „Sorry, diese Woche geht bei uns leider gar nix mehr.“

Das hat mich erstaunt. Männern wir mir kann man problemlos in fünf, zehn Minuten das verbliebene Resthaar stutzen. Sie hatten zwei Leute, die keine Arbeit hatten. Und trotzdem. Es war ihnen die Mühe nicht wert. Ich beschwere mich nicht darüber. Im Gegenteil, ich finde es voll okay. Work-Life-Balance und so. Aber gewundert hat es mich halt doch. Der ständige Hustle ist offenbar nicht mehr überall Teil der hiesigen Kultur. Etwas weiter hab ich dann natürlich doch noch wen gefunden, der mir für 28 Dollar ne neue Frisur verpasst hat. Aber auch da wurden meine Vorurteile widerlegt. Gleich zwei davon. Erstes Vorurteil: Wenn die Leute in Amerika irgendwas können, dann ist der Smalltalk mit Fremden. Zweites Vorurteil: Wenn die Menschen aus den Haarschneideberufen irgendwas können, dann ist es der Smalltalk mit Fremden.

Unser Smalltalk jedoch war zäh und hangelte sich verzweifelt von einem Auffahrunfall zum nächsten.

Aber die Linie hinten im Nacken, die ist richtig gut geworden. Das muss man zugeben.