bookmark_borderTaiwan und Corona: „Null Infizierte“

Taiwan hat am heutigen Dienstag – zum ersten Mal seit 36 Tagen – keinen einzigen neuen Coronafall dazubekommen. „No new cases“, sagt der Gesundheitsminister.

Wie haben die das bloß geschafft?

Ich habe per Zoom gerade den Vortrag von Prof. Su-Ling Yeh gehört, einer Psychologin aus Taiwan, die Nicki und ich in Stanford kennengelernt haben. Su-Ling sagt: In Taiwan sind die Schulen und Geschäfte geöffnet. Die Leute gehen in Kneipen und Restaurants. Es wird auch nicht flächendeckend auf Covid-19 getestet.

Klingt super, oder?

In Su-Lings Vortrag ging’s vor allem um die soziale und technische Seite der Sache, also um die nicht-medizinischen Maßnahmen. Warum schreibe ich hier darüber? Weil in den USA und der EU gerade alle über die neue Corona-App diskutieren, die Rolle von Google und Apple und so weiter. Ich glaube, wir sollten uns Taiwan ansehen, um zu entscheiden, welchen Weg wir gehen wollen. Ich würde gerne Eure Meinungen dazu hören (per Facebook, Mail, WhatsApp oder hier als Kommentar). Erstmal die Fakten.

Wie läuft die Sache in Taiwan?

  1. Taiwan ist eine Insel. Man kann nahezu perfekt kontrollieren, wer ins Land kommt. Wer aus dem Flieger steigt, füllt einen Fragebogen aus (in dem man z.B. angibt, welche Länder man zuletzt besucht hat).
  2. Bei allen Einreisenden wird automatisch die Körpertemperatur gescannt (solche Scans gibt’s auch für den öffentlichen Nahverkehr).
  3. Die Daten über die Auslandsreisen werden für 30 Tage auf der Krankenkarte gespeichert. Dies dient Ärzten als eine Art Vorwarnung: Vielleicht hat man es mit einem symptomfreien Corona-Infizierten zu tun. Die allermeisten Infizierten in Taiwan haben das Virus aus dem Ausland mitgebracht.
  4. In Deutschland verwenden sehr viele Nutzer WhatsApp. Eine ähnliche Rolle spielt in Taiwan eine App namens „Line„. Die hat da fast jeder. Per Bot bekommt man darüber nach der Einreise Corona-Tipps aufs Handy gespielt – gleichzeitig beantwortet man über diese App (regelmäßig) Fragen zum eigenen Gesundheitszustand. Der Bot funktioniert wie ein maschineller Arzthelfer, der einen nach Husten, Fieber und ähnlichen Symptomen befragt.
  5. Ach so: Wer kein Handy hat, kriegt eins vom Staat gestellt. Es herrscht also eine Art Handypflicht für Neuankömmlinge.
  6. Wer einreist, muss sich für zwei Wochen in Quarantäne begeben. Nichts Neues für uns, oder? Aber. Die Sache läuft in Taiwan nicht über Ehrenwort und guten Glauben. Sie wird überwacht. Und zwar …
  7. … über einen intelligenten, digitalen Elektrozaun. Das könnte man ziemlich präzise per GPS lösen (was anfangs wohl auch der Fall war). Inzwischen ortet man per Handy lediglich den nächsten Funkmast. Man überwacht bei den frisch im Land Angekommenen, ob sie innerhalb derselben Funkzelle bleiben. Das ist der Kompromiss, um den Leuten noch ein bisschen Privatsphäre zu lassen, sozusagen der Unterschied zwischen Elektrozaun und elektronischer Fußfessel.
  8. Um die Sache hinzukriegen, kooperiert der Staat mit den fünf größten Telekommunikationsanbietern des Landes. Das System checkt alle zehn Minuten, wo sich das Handy der betreffenden Person befindet.
  9. Wenn sich jemand zwei Mal hintereinander nicht in der richtigen Funkzelle befindet, geht automatisch eine „Warnmeldung“ an die jeweilige Person, die Gesundheitsbehörden und die Polizei.
  10. Die Behörden werden auch alarmiert, wenn jemand sein Handy ausstellt.
  11. Mehrmals täglich wird man überdies von den Behörden angeklingelt. Wenn man nicht reagiert, gehen die Behörden davon aus, dass man sein Handy nicht bei sich trägt. Dann kommt jemand vorbei (Polizei).
  12. Bei Nicht-Kooperation ist ein Ticket fällig. Die Tagespresse berichtet von einem Mann, den man zu einer Strafe von mehr als 30.000 Dollar verdonnert hat.
  13. Bars und Restaurant werden von der Polizei per Cloud-Datenbank darauf überwacht, ob sich jemand im Laden aufhält, der unter Quarantäne steht.
  14. Die Daten über die Auslandsreisen werden nach 14 Tagen automatisch gelöscht.
  15. Der virtuelle Elektrozaun gilt nur für Leute in Quarantäne.
  16. Manchmal entstehen auch in Taiwan neue Hotspots. Das war etwa der Fall, als Passagiere der „Diamond Princess“ hier auf Landgang waren. Alle Bewohner der entsprechenden Gebiete haben sofort eine Alarm-Meldung auf ihr Handy bekommen.

Das sind so im Groben die Sachen, die ich aus dem Vortrag mitgenommen habe.

Was davon würde man sich für Deutschland wünschen? Was würde zu weit gehen?

Wollen wir mehr Privatsphäre oder lieber mehr Sicherheit? Es wird dabei nicht nur um persönliche Entscheidungen gehen, sondern stets auch um kollektive Verantwortung. Nach dem Motto: Wer nicht mitmacht, gefährdet die anderen, also ähnlich wie bei Impfungen. Bin gespannt, wie das alles weitergeht.

bookmark_border„Das können wir hier auch!“

Wenn man in Deutschland ein Schild liest, das etwas verbietet, oder das dem widerspricht, was das Schild daneben sagt, dann denkt man: typisch deutsch!

Neulich hab ich hier in der Nachbarschaft dies entdeckt: Das Schild links besagt, dass Hunde anzuleinen sind und man die Leine dabei immer in der Hand zu halten hat. Hundehaufen muss man sofort wegräumen. Außerdem sind – so sagt das Schild rechts – Haustiere hier verboten. Die Leute in Ann Arbor haben sich vermutlich gedacht: Dämliche Schilder aufhängen – das können wir hier auch!

Genau das hab ich mir auch gesagt und nach Georgs Rezept Osterpinze gebacken. Man muss dafür weder Österreicher sein, noch sich in Österreich aufhalten. War lecker.

Ein ähnlicher Gedanke scheint meinen Schwager Tobi beschlichen zu haben. Die Bilder von den Fairy Doors aus Ann Arbor haben ihn inspiriert. Jetzt hat er bei sich zu Hause – unweit der Schweizer Grenze – auch so eine Feentür gebaut. Seine Version scheint mir feiner und filigraner geworden zu sein als die Vorbilder aus Michigan.

Neulich noch was über die deutschen Auswanderer gelesen, die hier in die Stadt gekommen sind. Es scheint nach der gescheiterten Revolution von 1848 eine Welle gegeben zu haben. Die Deutschen hat keine wirtschaftliche Not nach Michigan gebracht, sondern die Sehnsucht nach Freiheit. Angeblich haben sich viele Familien in der Liberty Street angesiedelt. Auch interessant.

Bei der Fahrt durch die Stadt zum ersten Mal gesehen, dass die Fahnen auf Halbmast hängen.

bookmark_border7 Eier zu Ostern

… und sie sind nicht mal angemalt!

Ei #1. Neulich hab ich Forschungsliteratur gewälzt und daraus abgeleitet, dass ältere Menschen vermutlich ihre Corona-Risiken unterschätzen. Sonja hat mich auf die Daten der Uni Erfurt aufmerksam gemacht. Die fragen genau das seit Wochen regelmäßig ab – im Wesentlichen mit demselben Ergebnis (siehe das Schaubild unten): Nur 18 Prozent der Leute Ü-65 halten es für „extrem/eher wahrscheinlich“, dass sie sich das Virus einfangen. Bei den Leuten unter 29 sind es mehr als doppelt so viele.

In einem Interview sagt Prof. Cornelia Betsch, von der die Daten stammen:

„Es ist so: Sie nehmen schon wahr, ältere Menschen, dass es für sie schlimmer wird, wenn sie an COVID erkranken. Aber sie denken: ‚Ach, ich werde es schon nicht kriegen.'“

Ei #2. Aus den USA hab ich genau dazu jetzt eine Studie gefunden. Zwei Erkenntnisse daraus. Zum einen: Wer glaubt, dass er das Virus wahrscheinlich kriegt, wäscht sich ordentlicher die Hände und hält mehr Abstand. Keine Überraschung. Zum anderen: Der Glaube, bei einer Erkrankung übel dran zu sein (weil Risikogruppe), verändert das Verhalten aber überhaupt nicht. Die Forscher haben da keinen statistischen Zusammenhang entdeckt. Finde ich erstaunlich. Könnte also sein, dass unsere Eltern und Großeltern schlampiger sind, als wir glauben. Naja. „Könnte sein“. Weil: Man kann Studien selten so einfach zusammenzählen. Trotzdem. So als Faustregel nehm ich das jetzt mal mit.

Ei #3. Vorgestern hab ich über Football in Ann Arbor geschrieben. Hierzu ein kleiner Nachtrag: Das wichtigste Spiel des Jahres ist für die Michigan-Leute („Michiganders“) stets das Derby gegen Ohio State. Das wird dann fast so emotional wie HSV gegen Pauli oder Schalke gegen Dortmund. Warum? Weil die Rivalität schon 200 Jahre alt ist. Michigan und Ohio haben sogar mal Krieg gegeneinander geführt. Unglaublich, oder? Beim „Toledo War“ ging’s – wie so oft – um einen schmalen Geländestreifen, von dem beide Seiten behaupteten: Das hier ist meins! Beigelegt wurde die Sache durch einen Kompromiss: Der Toledo-Streifen ging an Ohio, Michigan bekam dafür Teile der Upper Peninsula zugesprochen. Hier ein Bild von der Oberen Halbinsel. Sieht schön aus da. Alles richtig gemacht, oder?

Ei #4. Gleich noch ein lustiges Detail hinterher. Der Deal zwischen Ohio und Michigan wurde im Dezember 1836 abgesegnet. Und zwar wo? Natürlich hier in Ann Arbor! Die Tage waren kalt, die Heizungen miserabel. Man unterschrieb mit eisigen Fingern – das Treffen ging als die „Frostbitten Convention“ in die Geschichte ein. Glaub ich alles sofort. Die Story hat mir gestern und heute ein wenig Heiterkeit beschert.

Ei #5. Nicki steht heute in der Zeitung. Eine Reporterin des „Atlantic“ hat sie angerufen und wollte wissen, warum Zoom-Happy-Hours keinen Spaß machen – also Kneipenabende per Videokonferenz. Nicki hat heftigst widersprochen. Tun sie doch! Aber ein paar Dinge muss man per Videokonferenz halt anders machen. „Wenn man versucht, seine alten Gewohnheiten einfach so auf Zoom oder FaceTime zu übertragen, dann ist das, als würde man Vegetarier werden und dann immer nur miesepetrig Tofuschnitzel mümmeln, statt kreativ zu werden und leckere neue Rezepte aus frischem Obst und Gemüse auszutesten.“ Hab ich so ähnlich vor ein paar Tagen ja auch schon mal erzählt.

Ei #6. Die Lokalpresse hat dieser Tage schlimme Dinge aus Detroit berichtet und das dortige Sinai-Grace-Krankenhaus als „Kriegsgebiet“ bezeichnet. Angeblich sterben die Leute dort auf den Fluren. Mitarbeiter werden mit der Aussage zitiert, dass ihnen die Säcke für die Toten ausgehen. Knapp 1400 Menschen sind bisher in Michigan an Covid-19 gestorben. 85 Prozent davon kommen aus der Metropolregion Detroit. Schlimm. Aber auch seltsam: Es ist alles so nah, aber trotzdem weit weg. Man ist als Mensch: ein seltsames Wesen.

Ei #7. Unsere Freundin Silvia aus Ann Arbor hat sehr gute Verbindungen nach China. Jetzt hat sie auf eigene Kosten von dort 200 der guten N-95-Masken einfliegen lassen und sie an Krankenhäuser in Detroit abgegeben. Inzwischen sammelt Silvia über Gofundme Privatspenden ein, um weitere Pakete zu bestellen. Während ich diese Zeilen schreibe, haben schon 95 Leute da mitgemacht. Tolle Sache.

Okay. Einen hab ich noch. In Menlo Park haben Nicki und ich Georg kennengelernt. Er kommt aus Österreich und hat mir gerade per Mail das Rezept für seine Osterpinze geschickt. Die darin enthaltene Formulierung „1Packerl Germ“ rührt mich fast zu Tränen.

Frohe Ostern!

bookmark_borderSchnee

Gestern hatten wir in Ann Arbor über 20 Grad. Heute: Hagel und Schnee. Okay: Aprilwetter. Aber dann halt auch: Michigan. Und da möchte man zwanglos ein bisschen Landeskunde betreiben.

Also: Der Winter in Michigan ist ein Biest. Ich hab hier mehrfach Nächte mit unter 20 Minusgraden erlebt. Ordentlich Schnee auch. Im Garten hört man dann die Kojoten heulen. Es klingt anders als man’s aus Filmen kennt. Fieser. Vor allem, wenn das Rudel ein Tier gestellt hat. Man möchte dann nicht draußen sein.

Ann Arbor ist nach Einwohnern etwa so groß wie Würzburg, Ulm oder Göttingen. Aber das Stadion ist riesig. Hier passen mehr als 100.000 Leute rein, mehr als in Camp Nou in Barcelona oder Wembley in London. Was wollen die alle da? Sie gucken Football. Aber keine Spiele aus der NFL, sondern die Heimspiele der hiesigen Uni-Mannschaft. Klar, weiß man schon. Aber wenn man das selbst sieht, ist es dann doch irgendwie anders. Viele schmuggeln unter den dicken Klamotten Schnaps ins Stadion und teilen dann tüchtig mit den Nebensitzern. Alkohol ist also wie bei uns. Das Sportsystem funktioniert aber völlig anders. Wer an der Uni studiert hat, tapeziert sich seinen Partykeller in den Farben der Uni, fiebert am Spieltag mit, zahlt als Ehemaliger sein Leben lang Beiträge und kriegt dann im Gegenzug leichter Karten fürs Spiel. Alles seltsam. Wer in der Nachbarschaft des Stadions wohnt, vermietet jeden Quadratzentimeter seines Grundstücks als Privatparkplatz. Ein schöner Nebenverdienst. Alles bar auf die Kralle. Im Moment ist „The Big House“ natürlich leer und verlassen wie wohl alle Stadien der Welt (kleiner Nachtrag: Hab jetzt gesehen, dass in Weißrussland wohl noch immer normal weitergekickt wird).

Die Anzeigetafel von hinten. Natürlich mit dem „M“ in Maisgelb auf Blau. Branding!

Nicht weit von unserer Bleibe habe ich neulich eine Gedenktafel gefunden. Sie erinnert an die Gründung der Stadt vor fast 200 Jahren (neulich hab ich geschrieben, dass das Jubiläum schon war; stimmt aber nicht). Zwei Siedler haben hier für n Appel und n Ei Land gekauft (also: relativ gesehen). Ein Eichenhain gehörte dazu. Die beiden hatten wohl einige Gemeinsamkeiten: genügend Kohle für den Kauf, einen Riecher dafür, dass hier am Huronenfluss bald noch mehr Leute würden siedeln wollen – und dann auch noch die Vornamen ihrer Ehefrauen. Beide hießen Ann. Und so bekam die Siedlung den Namen Ann Arbor (wobei „Arbor“ – das lateinische Wort für „Baum“ – an die schönen Bäume erinnert; Bildung; schon damals; zumindest stell‘ ich mir das so vor).

Am Abend „Ticket to Ride“ gespielt. Auch mal wieder schön. Es war die Europa-Variante. Ich will mich nicht beklagen, aber manchmal hab ich großes Heimweh.

Tagsüber ein paar Zuschriften wegen meines Posts von gestern bekommen („Wer fühlt sich unverwundbar?“). Darüber schreib ich morgen.

bookmark_border„Ich werde weiter Hände schütteln“ – warum manche sich für unverwundbar halten

The Prime Minister Boris Johnson Portrait

Der britische Premierminister liegt auf der Intensivstation. Alle haben’s gelesen: Vor Wochen noch hat er verkündet, Coronakranken weiterhin die Hände schütteln zu wollen. „Kein Grund zur Panik.“ Das war die eine Botschaft dahinter. „Ich bin stärker als das Virus.“ Das war die andere. Jetzt hat ihn die Krankheit erwischt. Einige meiner Freunde empfinden Schadenfreude.

Britta tut das nicht. Aber sie wundert sich. Beim gemeinsamen Zoom-Meeting mit Søren und mir hat sie neulich gefragt, warum so viele mittelalte Männer sich eigentlich für unverwundbar halten.

Ich hab spontan mit Robert Trivers und seiner Selbsttäuschungs-These argumentiert. Sich für stärker, schneller, schöner und besser zu halten, als man eigentlich ist, das scheint im Ringkampf der Evolution bestimmte Vorteile zu bieten. Denn wir lügen glaubwürdiger, wenn wir die Lüge selbst glauben. So setzt man sich durch im Kampf ums Schnitzel und um mögliche Partner. Eine positiv verzerrte Selbstwahrnehmung erbt sich also fort. Immer wieder und wieder. Anders gesagt: Die meisten von uns sind die Urenkel von Aufschneidern und Angebern. So ungefähr argumentiert Trivers.

Das kann aber noch nicht die ganze Geschichte sein. Schließlich fühlen sich nicht alle unverwundbar. Es gibt individuelle Unterschiede. Aber warum eigentlich? Also hab ich mir ein paar Studien dazu angeguckt. Nicht über Corona, da ist man noch nicht so weit. Sondern über andere Risiken, die man unterschätzen kann. Zum Beispiel diese:

  • sich mit AIDS anstecken
  • einen Herzinfarkt kriegen
  • an Krebs erkranken

Und da zeigen die Studien, die ich so auf die Schnelle finde, dies:

Ich schreibe ja seit Tagen immer mal wieder über die Lage in Detroit. Dort scheinen einige der oben genannten Faktoren zusammen zu kommen. „Detroit ist eine der ärmsten Großstädte in den Vereinigten Staaten – die Armut ist ein echtes Problem“, heißt es im World Population Review. 82 Prozent der Bewohner sind Afro-Amerikaner. Die Statistik der Coronatoten in der Stadt ist alarmierend. Gut möglich, dass „schlecht informiert sein“ und „an Blödsinn glauben“ auch Risikofaktoren sind. Die These, dass Schwarze gegen Corona immun sind, kursiert zum Beispiel schon seit Wochen im Netz. Auch die Tagesschau hat gestern davon berichtet – zumindest als Randaspekt.

Mein Fazit: Die Armen und die Alten sind objektiv besonders gefährdet in der Pandemie – aus unterschiedlichen Gründen. Aber wenn man die Studien von früher auf heute übertragen kann, dann werden die psychologischen Faktoren die Sache schlimmer machen. Die Gefährdeten unterschätzen, wie gefährdet sie sind. Sie werden weiter Hände schütteln. Und bringen sich dadurch zusätzlich in Gefahr. An Blödsinn glauben hilft natürlich auch nicht. Und vom miesen Gesundheitssystem hier den Staaten, der sozialen Ungerechtigkeit, dem verschleppten Krisenmanagement und dem ganzen Mist will ich heute gar nicht anfangen. Das kommt alles noch obendrauf.

Blöd.

Also. Ich weiß: Das ist alles spekulativ. Ich werde in den kommenden Tagen ein paar Forscher anschreiben und ihre Meinungen einholen. Bin gespannt, was da kommt.

So. Eigentlich wollte ich ne saftige Geschichte über narzisstische Arschgeigen schreiben und dass sie’s nicht anders verdient haben. Das spielt in manchen Fällen natürlich auch ne Rolle. Aber so ist das. Man kriegt nicht immer, was man will. Ich wasch mir jetzt die Hände, kontrolliere meine Maske und dann geh ich mit dem Hund raus. Nachher: Bier.

bookmark_borderDie Deutschen in Ann Arbor

Heute nix mit Corona, sondern Geschichtsunterricht. Also: Hefte raus!
Beim Spaziergang mit Coco bei Sweatwaters vorbeigekommen. Das ist ein Café Ecke Washington/Ashley. Eine Institution. Manchmal sitze ich dort und schreibe meine Artikel wie die anderen Vertreter der Bohème (hab kurz überlegt, ob ich das erklären soll. Laut Wikipedia bezeichnet man damit – und das ist einfach zu gut, um es wegzulassen – „eine Subkultur intellektueller Randgruppen mit vorwiegend schriftstellerischer, bildkünstlerischer und musikalischer Aktivität oder Ambition“). Da hängen an der Hauswand jedenfalls Schilder, die an die Geschichte des Viertels erinnern: Hier haben im 19. Jahrhundert vor allem Deutsche gelebt.

Eine Familie namens Wagner verdiente damals – Überraschung – ihr Geld mit der Reparatur von Pferdefuhrwerken. In der Mittagspause, so heißt es, haben die Arbeiter sich das Bier in Eimern von den nahen Brauereien geholt. Gab viele davon. Bier ist in Michigan immer noch Kultur. Ein paar Häuser weiter steht die alte „Schwabenhalle“, wo die Auswanderer eine Art Heimatverein hatten. Den Schriftzug findet man noch immer über den Fenstern im 1. OG.

Angeblich hat man sich früher mächtig über die Deutschen und ihr schlechtes Englisch lustig gemacht. „Die cow hat über der fence gejumped, und hat alle die cabbages abge-eaten.“ Klingt glaubwürdig.

Das Aufmacherbild ganz oben hab ich vor mehr als zwei Jahren aufgenommen. Es handelt sich um die Wurstplatte im „Metzger’s“, DEM deutschen Restaurants der Stadt. Der Laden hat natürlich gerade geschlossen. Mittagessen abholen geht noch immer. Auf der Karte: „Mettwurst“, „Knackwurst“, „Spatzen“, „Sauerkraut“, „Sauerbraten“.

Der Urvater des Restaurants, Wilhelm Metzger, kam in den 1920ern aus dem Schwäbischen hierher. Während des Zweiten Weltkriegs erfuhr er ein gewisses Misstrauens seitens seiner neuen Landsleute. War er vielleicht ein Spion Hitlers? Also schrieb mein Namensvetter einen offenen Brief, der in der Zeitung abgedruckt wurde: Wilhelm, so stand da zu lesen, war jetzt „Bill“ und außerdem Amerikaner durch und durch. Danach lief der Laden wieder. Kommunikation ist alles. Der Brief hängt heute gerahmt irgendwo hinten an der Wand von „Metzger’s“; man kommt dran vorbei, wenn man zur Toilette geht.

Die Division Street hat früher die englische Oststadt von der deutschen Weststadt getrennt. Und tatsächlich tragen viele Örtlichkeiten westlich der Innenstadt noch heute deutsche Namen. Beim Spaziergang kommen wir etwa an der Bach-Grundschule vorbei.

Die nahe Grünanlage, in welcher verblüffend viele Hunde spielen, trägt den Namen „Wurster Park“.

Das Klischee besagt, dass die USA schon immer ein Land für Einwanderer waren. Nur Trump checkt’s nicht und hat was gegen Ausländer. Vielleicht denken manche auch, dass die Deutschen stets willkommene Neuankömmlinge waren. Beides ist so nicht richtig. Und weil das hier Schulunterricht ist und das Zitat mal wieder viel zu gut, um es nicht zu bringen, schließe ich heute mit Auszügen aus einem Brief, den der große Benjamin Franklin im Jahre 1753 verfasst hat. Dort heißt es über die deutschen Zuwanderer (hüstel):

„Bei denen, die hierher kommen, handelt es sich im Allgemeinen um die dümmsten Vertreter ihrer Nation … Wenige ihrer Kinder lernen Englisch … Unsere Straßenschilder sind zweisprachig … Wenn ihr Zufluss in unser Land nicht aufhört, werden sie bald in der Überzahl sein, so dass all das, was uns überlegen macht, nicht genügen wird, unsere Sprache zu retten. Sogar unsere Regierung ist in Gefahr.“

Ich lass das mal so stehen.

bookmark_borderMacGyver-Masken in Michigan

Das ist Kevin. Und heute erzähle ich seine Geschichte. Kevin hat „Operation Face Shield“ in Ann Arbor gegründet, eine Gruppe von Freiwilligen, die per 3-D-Drucker Plastikvisiere herstellen und kostenlos an Krankenhäuser, Altenheime, Zahnärzte, Polizeiwachen usw. verteilen.

Eva, eine Leserin, macht mich gestern auf die Gruppe aufmerksam. Ich lese darüber in der Tagespresse. Zack! Das muss ich mir ansehen! Also mach ich mich mit Coco auf den Weg zur örtlichen Schnapsbrennerei. Und tatsächlich: An der Hofeinfahrt steht ein Schild. Handgeschrieben und improvisiert – wie alles an dieser Aktion.

Als ich im Hinterhof ankomme, liefert gerade ein älterer Herr in bequemer Kleidung einen Karton voller Gegenstände an. Der Inhalt landet flugs im Desinfektionsbad. Es handelt sich um gelbe, rote und weiße Stirnbänder aus Plastik. Sie sehen so ähnlich wie die Prinzessinenkronen, die sich meine Tochter als Kind an Karneval aufgesetzt hat. Nur halt weniger schön. Hm. Wie soll man daraus eine Maske bauen? Rätselhaft.

Unter einem Zeltdach steht eine junge Frau mit Maske. Es handelt sich um Becky, eine Krankenschwester, die nach ihren Schichten in der Klinik den Laden hier am Laufen hält. Wie sieht’s aus im Krankenhaus? Darf sie nicht sagen. Aber. Sie arbeitet jetzt schon seit 16 Stunden. Kein gutes Zeichen. Die Statistik dahinter kenne ich schon. Die Fallzahlen in Michigan gehen kräftig nach oben, noch immer mit zunehmender Beschleunigung. Und das bleibt auch noch ne Weile so. Doch für die Leute auf der Intensivstation scheint die Kacke schon jetzt total am Dampfen zu sein.

Wie wird aus den Stirnbändern ein Visier? Becky sagt: Man braucht dazu noch die Folien, die wir aus der Schule von den Tageslichtprojektoren kennen. Man kauft sie bei Staples oder ähnlichen Läden. Die Folien haben drei Löcher am Rand. Die Plastikstirnbänder haben drei Zapfen. An denen hängt man die Folien ein – und schon schützt man sein Gesicht vor den bösen Coronatropfen, die einen halt so anspringen können aus den diversen Körperöffnungen der Patienten. In der Facebookgruppe von Operation Face Shield sieht man Bilder von Krankenschwestern die sich auf herzlichste für diese Visiere bedanken.

Warum braucht man so was, wenn man schon eine N95-Maske trägt? Becky sagt: Diese Masken sind rar. Immer noch. Man muss sie über viele Tage tragen. Man muss sie irgendwie sauber halten. Deshalb die Face Shields. Aha.

Beckys Handy klingelt. Eine neue Bestellung. Zeit, ein paar Takte mit Kevin zu sprechen. Kevin ist Krankenpfleger. Vor ein paar Wochen, so sagt er, ist ihm klargeworden, dass die Schutzkleidung ein Problem wird. Er ist, wie viele Menschen aus Michigan, auf dem Land großgeworden. Er besitzt also einen guten Sinn fürs Praktische. Seine erste MacGyver-Lösung sieht man auf dem Aufmacher-Bild dieser Geschichte: Kevin hat einfach ein Gummiband an eine Plastikschale gebunden, in der er ansonsten seinen Biosalat kauft. Aber dann kommt ihm die Idee, etwas cooleres mit seinem 3-D-Drucker zu bauen. Ein Kumpel schickt ihn den Link zu einer tschechischen Gruppe, die eine Lösung für sein Problem gefunden hat. „Alles OpenSource – jeder kann das kostenlos nutzen und verändern wie er will.“ Kevin kramt in einer Kiste und zeigt uns den ersten, orangefarbenen Prototyp. „So sah das Ding noch vor drei Wochen aus. Ein Stirnband mit vier Zapfen. Das ist das, was die Tschechen gemacht hatten. Wir wollten aber was mit drei Zapfen haben, damit unsere Folien aus dem Bürobedarf dazu passen. Wenn die dreckig werden, kann man sie super einfach sauber machen.“

„Warte“, sagt Kevin. „Ich zeig dir noch die anderen Versionen.“ Und kramt wieder in seiner Kiste. „Wir haben superviele Versionen“, ruft Becky aus dem Hintergrund.

Und so wird von Tag zu Tag aus einer einsamen Bastelidee eine Art Bewegung. „Es ist unglaublich, wie viele Leute hier mitmachen“, sagt Kevin. „Wir haben alles dabei, vom Highschool-Kid bis zum Rentner.“ Jeder kopiert sich die Formel aus dem Netz und produziert Stirnbändern auf seinem 3-D-Drucker – eine brauchbare Maschine bekommt man für weniger als 300 Dollar.

Operation Face Shield produziert inzwischen mehr als 1000 Visiere pro Tag. Die Pakete gehen im Prinzip an jeden, der welche braucht. An diesem Morgen hat die Gruppe schon 100 Exemplare per FedEx in Richtung New Jersey verschickt. Es gibt Bestellungen aus Louisiana oder Indiana. Manchmal erledigt auch Hans die Sache, ein Pilot, der sich und seine Maschine für den Transport zur Verfügung stellt. Hier ein Schnappschuss von Hans aus der Facebookgruppe.

So ein 3-D-Druck braucht pro Stirnband etwa zwei Stunden, sagt Kevin. Jetzt hat sich eine Firma aus Michigan bei ihm gemeldet, die sich auf Spritzgussverfahren spezialisiert hat. Ein Ingenieur hat sich bereiterklärt, die entsprechende Form zu fertigen. Alle machen mit. Keiner verlangt Geld. Ich will nicht total schnulzig klingen: Aber das muss man sich mal vorstellen. Was alle möglich ist, sobald’s um ne gute Sache geht. Jawohl. Ich war schon immer Kollektivist. Jetzt kann ich’s ja sagen.
„Wenn alles fertig ist, dann brauchen wir für ein Stirnband nur noch ein paar Minuten“, sagt Kevin.

Coco und ich gehen nach Hause. So viel zum Thema „ich als Einzelperson kann ja eh nicht viel ausrichten“.

„Ungefähr 600 Leute“, hat Kevin gesagt, als ich ihn gefragt habe, wie viele Leute eigentlich bei der Sache mitmachen. Jetzt ist es kurz vor 22 Uhr. Die Facebookgruppe ist in den wenigen Stunden auf mehr als 900 angewachsen. Virale Wachstumskurven auch hier. Macht mir Hoffnung.

bookmark_borderStigma und Gefühle

An der Newport Road in Ann Arbor haben sich die Bewohner vor Jahren eine Familie hüfthoher Pinguinfiguren in den Vorgarten gestellt. Ich freu mich immer, wenn ich da vorbeikomme. Die Pinguine machen dauernd was anderes und liefern sozusagen ihr eigenes Statement zur Lage der Nation. Heute sagen sie: „Wir sind unterwegs zum Südpol zur Selbstquarantäne.“

Beim Telefonat mit meinem Sohn hab ich tatsächlich „Kwarantäne“ gesagt, obwohl es ja eigentlich „Karantäne“ heißt. Das Englische färbt schon ab. Sehr bedenklich. Im Deutschen sagt man: „Du stinkst wie ein Iltis.“ Im Amerikanischen, so habe ich gestern von Nicki gelernt, lautet die Formulierung: „Die Dusche morgen wird bestimmt eine tolle Erfahrung für dich.“ Solche Bemerkungen sind wie Hinweisschilder. Sie verbieten nichts, machen einen aber darauf aufmerksam, dass man sein Verhalten überdenken sollte. Wie zum Beispiel hier bei uns ums Eck: Es handelt sich gerade um mein Lieblingsschild.

Vor ein paar Tagen habe ich über unsere Gefühle während der Ausgangssperre geschrieben. Darauf gab’s ein paar interessante Rückmeldungen. Zum einen vom Alltag selbst: Diese Dinge verändern sich stündlich und werden das auch weiterhin tun. Gefühle sind flüchtig. Bin gespannt, was da noch alles kommt. Maximilian hat – unabhängig von mir – in seinem Blog von seiner Müdigkeit gesprochen und den seltsamen Träumen, die ihn gerade heimsuchen. Eine Psychologie-Professorin hat mir gemailt, dass die von mir angemerkten Geschlechterunterschiede („Jungs weinen nicht“) vor allem an der Erziehung liegen. Mädchen werden dazu erzogen, mehr und detailreicher über das zu reden, was sie empfinden. „Diese Unterschiede bleiben tendenziell erhalten.“ So lernt man immer was dazu. Auch über die „Fairy Doors“, für die Ann Arbor bekannt ist. Auf unseren Spaziergängen haben wir jetzt ein ganz besonderes Exemplar entdeckt.

Jetzt noch was Ernstes zum Schluss. Ich kenne inzwischen ne ganze Menge Leute, die positiv auf das Coronavirus getestet wurden. Alle sind inzwischen damit durch. Etliche haben mir von ihrer Erkrankung mit einem „aber sag’s nicht weiter“ erzählt. Auf Facebook habe ich darauf eine Umfrage gestartet und tatsächlich ein paar Bestätigungen bekommen – aus Deutschland, den USA und Fernost. Kein Zweifel: In manchen Zusammenhängen werden Kranke stigmatisiert. Man gibt ihnen die Schuld an der Seuche, meidet ihre Kinder usw. Das passiert nicht überall, aber es passiert und scheint sich nicht nur um Einzelfälle zu handeln. Man muss sich darüber im Klaren sein, dass so eine Beurteilung immer kulturelle Aspekte hat, die sich schnell verselbständigen. Sie wirken genau so ansteckend wie das Virus selbst. Man muss darauf aufpassen und sich davor schützen, damit man’s nicht weiterträgt.

Eigentlich mag ich solche Appelle nicht, weil man, sobald man sie ausspricht, so tut als wär man schlauer, besser oder was auch immer. Aber heute mach ich das trotzdem, weil ich es wichtig finde.

Ansonsten am Straßenrand viele blaue Blumen gefunden. Morgen schreib ich was über Cervisia und Konfidenzintervalle. Oder über Männer, die sich für unverwundbar halten. Oder über das Billionenprogramm in den USA und was das mit der Geschichte des Wilden Westens zu tun hat. Irgendwelche Präferenzen? Lasst hören!

bookmark_borderDetroit: Corona-Patienten statt Auto-Show

Detroit war mal die Welthauptstadt des Autos. General Motors und Ford haben in der Metropolregion der „Motor City“ bis heute ihre Firmensitze. Die alljährliche Detroit Auto Show ist noch immer eine der fünf größten Automessen der Welt.

Vor wenigen Tagen wurde die Veranstaltung aber abgesagt. Das US-Militär verwandelt das Messegelände inzwischen in ein riesiges Lazarett mit 900 Betten für Covid-19-Patienten. Die Krise ist überall Mist. Aber für Städte wie Detroit tut es einem doppelt leid. Die New York Times sieht das auch so.

900 zusätzliche Betten scheinen mir nicht übertrieben. Wayne County – der Verwaltungsbezirk, zu dem Detroit gehört – hat (auf die Gesamtbevölkerung gerechnet) mehr als doppelt so viele Coronatote, wie der Staat New York sie zu einem vergleichbaren Zeitpunkt zu verzeichnen hatte. Vermutlich sind es noch mehr: Die Meldungen der Todesfälle erreichen die entsprechenden Behörden offenbar erst mit einiger Verzögerung.

Zum Messezentrum von Detroit fährt man von hier mit dem Auto nur 40 Minuten. Das ist im Prinzip gut. Es bedeutet aber: Vom Messezentrum bis nach Ann Arbor sind es halt auch nur 40 Minuten. Hier gibt’s eine große Uni-Klinik, die innerhalb der kommenden zwei bis drei Wochen eh schon ihre Kapazitätsgrenzen erreichen wird. Wohin mit all den Kranken? Ich hab keine Ahnung. Das gefällt mir schon deshalb nicht, weil ich ja selbst zu diesen Kranken gehören könnte.

Ansonsten geht’s mir wie vermutlich den meisten Leuten in dieser Zeit. Einerseits schaut man sich die Zahlen an, rechnet ein bisschen, guckt Nachrichten und denkt: Scheiße!

Andererseits gibt es aber immer noch das ganz normale Leben. Da ist zum Beispiel ein Hund, der ausgeführt werden will.

Da sind die bunten Blumen in den kommunalen Beeten.

Und Nickis Mama hat Geburtstag. Also machen wir einen Spaziergang zu ihrem Haus, setzen uns in amtlich verordnetem Abstand zur Eingangstür unters Vordach und singen zusammen Lieder von Bill Withers. Das war toll. Es hat sich fast so gut angefühlt wie das Leben vor dem Virus. Nur dass wir das damals noch nicht wussten.

Einen hab ich noch. Die New York Times hat sich am Morgen gefragt, warum in Deutschland so wenige Leute am Virus sterben. Eine der Antworten lautet: Weil die Deutschen ihrer Regierung vertrauen. Viele Amerikaner, so viel steht fest, tun genau das nicht.

bookmark_borderCorona, Arbeitsamt, Roboter und Eulen

In Detroit haben sie jetzt neue Geräte bekommen, mit denen man sich ruck, zuck auf Covid-19 testen lassen kann. Der Hersteller behauptet, dass man damit schon nach fünf Minuten ein positives Ergebnis bekommt (ein negatives nach 13). Die Dinger werden zunächst nur für Polizei, Feuerwehr, Busfahrer und Rettungskräfte verwendet. Mal sehen, wie gut sie funktionieren. Die USA haben zu Beginn der Krise viel weniger getestet als zum Beispiel Deutschland. Vermutlich war das ein Fehler.

Nicht ohne Ironie: Der Staat Michigan will 100 zusätzliche Fachkräfte anstellen. Anders lassen sich die vielen neuen Anträge auf Arbeitslosenhilfe nicht bewältigen. Der Server der entsprechenden Behörde ist während der vergangenen Tage immer mal wieder in die Knie gegangen. Über die Hilfsprogramme für Unternehmen muss ich in den kommenden Tagen mal was schreiben.

Habe vorgestern bei einer Online- Konferenz den Vortrag von Prof. Johannes Eichstaedt aus Stanford gesehen (im Video abrufbar ab 4:03:00)

Eichstaedt kommt eigentlich aus Deutschland, ist Psychologe und befasst sich mit den Folgen der Coronakrise für unser Seelenleben. Er sagt: Die drei größten Faktoren für die meisten Menschen sind

  • die Angst und Unsicherheit, weil man halt nicht weiß, was als nächstes passiert.
  • die Arbeitslosigkeit, die jetzt viele betrifft („ein Schock für den Arbeitsmarkt, wie wir ihn seit dem 2. Weltkrieg nicht gesehen haben“).
  • die Einsamkeit wegen der Kontaktsperre.

Die Folgen von Angst und Unsicherheit sind seiner Meinung nach schwer vorherzusagen. Wie Arbeitslosigkeit sich auf unsere Lebenszufriedenheit auswirkt, lässt sich besser abschätzen: Man verliert 0.7 Punkte auf einer 10-Punkte-Skala. Klingt nach wenig, entspricht aber dem Zufriedenheits-Unterschied zwischen den USA und Usbekistan. Es ist also eine Menge. Einsamkeit wiederum reduziert die Lebenszufriedenheit um 0.5 Punkt. Eichstaedt sagt: Das mit der Einsamkeit hat jeder selbst in der Hand. Zumindest ein bisschen. Wenn man sich nicht von Angesicht zu Angesicht treffen kann, dann halt über Zoom, Skype usw. Er und seine Kollegen sammeln jetzt fleißig Twitterdaten, um von Landkreis zu Landkreis zu checken, wie gut oder schlecht es den Leuten gerade geht. Bin gespannt auf seine Erkenntnisse.

Doch trotz Krise wird in Ann Arbor natürlich trotzdem weiter getüftelt, und erfunden. Auf der Straße überholt uns ein autonomes Roboterfahrzeug. Kurzer Plausch mit dem Typen, der hinterherradelt. Der Roboter stammt aus der Schmiede eines lokalen Startups (witzig: Hab die Firma gegoogelt und dabei entdeckt, dass ich mit einem der Gründer mal zufällig ein Bier getrunken hab). Das Fahrzeug liefert für Restaurants Essen aus und soll das irgendwann billiger hinkriegen als die Studenten, die den Job heute erledigen (naja, und anstecken kann sich die Maschine halt auch nicht).

Unten am Huron River besuchen wir die beiden aktuellen Lieblinge der Stadt. In einer Baumhöhle im Island Park sitzen zwei halbwüchsige Eulenkinder. Den Fußweg um das Nest hat man abgesperrt, um den beiden ein bisschen Ruhe zu verschaffen.

Die Great Horned Owl gehört zu den Uhus. Das sind große Tiere. Die Leute hier rechnen damit, dass die beiden Vögel innerhalb der kommenden sieben Tage ihren ersten Flugversuch unternehmen. Die Natur macht einfach weiter. Corona stört nicht. Tolle Sache.